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Deeper Irokese

Tricky

Was gäbe es zu diesem Mann und seiner Musik noch zu sagen? Nach einer ziemlich verkorksten Kindheit, einer harten Ghetto-Jugend, der Rap-Ausbildung auf der Straße, nach fünf Solo-Alben, zahllosen Kollaborationen, einem Buch mit eigenen Texten, Filmrollen, üblen Gerüchten, harten Schnitten und ständi
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Was gäbe es zu diesem Mann und seiner Musik noch zu sagen? Nach einer ziemlich verkorksten Kindheit, einer harten Ghetto-Jugend, der Rap-Ausbildung auf der Straße, nach fünf Solo-Alben, zahllosen Kollaborationen, einem Buch mit eigenen Texten, Filmrollen, üblen Gerüchten, harten Schnitten und ständigem, rastlosem Suchen ist Tricky noch lange nicht bei sich selbst angekommen. Und noch immer nicht ganz verschwunden aus dem Bannkreis Massive Attacks. Die Zeit mit der Bristoler Band hat ihn gelehrt, dass vor allem die eigenen Visionen, die Bauchentscheidungen wichtig sind. Und die klingen auch auf dem neuen Solo-Album von Adrian Thaws wieder mal ganz anders als bei anderen Menschen. Trotzdem oder gerade deswegen hat er damit Erfolg - sogar im neuen Amerika.

Schon bei unserem ersten Treffen anno 94 in Hamburg gab sich Tricky eher kämpferisch-unruhig. Mit übergroßer Camouflage-Jacke und grimmigem Blick betrat er den Interview-Raum, um mir, stolz wie ein kleiner Junge, erst mal Fotos von seinem damaligen Promo-Mobil zu präsentieren: einem zugegebenermaßen sehr coolen Amphibienpanzer in Wüstentarnfarbe, auf dem in großen Lettern "Tricky" stand. Das Video zur damaligen Single zeigte vor allem Hubschrauber und militärisch aussehende Piloten-Perspektiven. Die Texte, hart und ehrlich, zeugten von einer turbulenten Lebensart. Und die Musik schwankte zwischen rumpeligen HipHop-Beats, kratzbürstigen Popsongs und elfengleicher Schönheit.

Ein Ansatz, dem das neue Opus "Vulnerable" sehr nahe steht. Die Musik: mal rumpelig, dann kratzbürstig oder elfengleich - manchmal sogar alles auf einmal. Die neuen Songs haben simple Namen wie "Ice Pick", "Dear God" oder "Anti Matter". Statt der alten Sängerin Martina steht nun Constanza Francavilla hinter dem Mikrofon. Diese hat sich via Demotape in Trickys (musikalisches) Leben gesungen und schreibt mindestens so verblüffend simple Reime wie ihr neuer Mentor. Allerdings hat sie eine bedeutend beruhigendere Stimme. Im Gegensatz zu den letzten Oeuvres des Ex-Bristolians kann man die Gäste auf "Vulnerable" an einer halben Hand abzählen. Das ist vielleicht das einzig wirklich Neue im Tricky-Kosmos: eine Art individueller Minimalismus, in den letzten Jahren geschult durch Tai-Chi, Kickboxen und Meditation.

Als ich Mitte März dieses Jahres das Hotelzimmer betrete, grinst mich ein drahtiger, quirlig umhereilender Mensch an. Der mal wieder mitten in einem Wortschwall ist, noch mehr monströse Tattoos hat als im letzten Jahr und auf dem schmalen Kopf einen ausgewachsenen Irokesenschnitt. Eben ganz so, wie es sich für einen vernünftig gewordenen 35-Jährigen gehört. Tricky redet und lacht mit einer sehr apart wirkenden Besucherin, die er als gute Freundin vorstellt und die während des gesamten Gesprächs anwesend sein wird. Während ich noch überlege, was "Irokesenschnitt" auf Englisch heißt, bin ich mitten in einer der Geschichten, die der umtriebige Mann mit den unverkennbar rostigen Stimmbändern zum Besten gibt. Komischerweise scheint eine mentale Absprache zwischen uns zu herrschen, denn letztlich verschwenden wir kein Wort über die aktuelle Platte. Stattdessen erzählt Tricky jede Menge lustige und auch ernste, zumeist aber eher sehr private Geschichten aus Los Angeles, seiner mehr oder minder unfreiwilligen neuen Heimat. Irgendwo hake ich ein.

Als wir uns anlässlich deines letzten Albums trafen, hattest du gerade in der Nähe von New York Land gekauft. Vorher hast du in Manhattan gelebt. Wie kommst ausgerechnet du nach L.A.?

Ich bin eigentlich nur zum Arbeiten nach Los Angeles gekommen. Einen Filmscore sollte ich machen. Da gibt es diesen Filmregisseur, der macht die ganz großen Hollywood-Streifen und der wollte meine Musik. Und zwar seltsamerweise nur die ganz düsteren Sachen. Ha, hab ich mir gedacht, die kann er haben, und bin nach L.A. geflogen. Sie haben mir da ein ganzes Studio hingestellt, mit Mischpult und allem, was nötig ist. Ich wollte eigentlich nur ein paar Tage arbeiten, aber dann passierte diese Sache mit dem World Trade in New York, und man konnte innerhalb der USA wochenlang nicht fliegen. Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen. Und auf einmal war ich vier Wochen in L.A. und habe meine Leute in New York angerufen, und die haben gesagt: 'Komm lieber nicht zurück. Nicht jetzt!' Und zwei Monate später wieder der gleiche Spruch. Also bin ich einfach in Los Angeles geblieben und habe meine Freunde und meine Familie irgendwann eingeflogen, weil es hier sonst echt nicht auszuhalten ist. Jetzt hänge ich also tatsächlich in L.A. rum, wie die großen Stars. [lacht]

Was ist eigentlich aus deinen Plänen geworden, mal was mit Herbert Grönemeyer zu produzieren?

Ich hoffe, das klappt noch. Ich hatte das ernsthaft vor. Mann, er hat eine fantastische Stimme. Und seine Harmonien sind genial, so melancholisch. Melancholisch wie in "Verwundbar".

Verwundbarkeit ist vermutlich nicht gerade das, was die Leute als Erstes mit dir assoziieren würden ...

Ich bin der fucking verwundbarste Mensch, den es gibt. Verwundbar wie in "Verletzte Gefühle" oder "Enttäuschte Hoffnungen".

Apropos: Hast du eigentlich das Solo-Album von 3D gehört, das als Massive-Attack-Ding verkauft wird?

[lacht schallend] Nein, ich glaube, das würde ich nicht ertragen. Nur 3D und ein Soundengineer, und keiner von den anderen Jungs dabei, das ist eine schreckliche Vorstellung. Ich möchte das nicht hören. Schalt mal den Recorder ab, ich erzähl dir eine gute Geschichte über 3D und die Jungs.

Nach dem Interview geht's zur Fotosession, die der völlig zu Unrecht oft als "launische Diva" gefürchtete Tricky völlig auf den Punkt, betont freundlich und professionell rasch durchzieht. Mittlerweile trägt er eine dieser gerollten blauen Strickmützen, mit der er mich fatal an eine urbane Neuzeit-Version von Jack Nicholson als Mac Murphy in "Einer flog über das Kuckucksnest" erinnert. Tricky schüttelt artig Hände, verteilt lächelnd Komplimente an den Fotografen und dessen Assistentin und findet die Location auf der Turmtreppe unter dem Glasdach super. Heute mag er die Welt. Wenn es immer so einfach und entspannt liefe im Leben von Adrian Thaws, dann wäre alles ganz anders gekommen.

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