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Wicked Voices

Tricky

Der Name der besten aller WWW-Adressen zum Thema ist dementsprechend: Apocalypse Tricky. Hier gibt es das liebevoll gepflegte Klischee von Maskerade, Wave-Sentiment, Goth-Anflügen und jenem dankbar weitergesponnenen Mehr an aktionistischer Unberechenbarkeit, das ihn in vielerlei Hinsicht als Inbegri
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Autor: intro.de

Der Name der besten aller WWW-Adressen zum Thema ist dementsprechend: Apocalypse Tricky. Hier gibt es das liebevoll gepflegte Klischee von Maskerade, Wave-Sentiment, Goth-Anflügen und jenem dankbar weitergesponnenen Mehr an aktionistischer Unberechenbarkeit, das ihn in vielerlei Hinsicht als Inbegriff eines zeitgemäßen Künstlers, als postmodernisierte Ausgabe von Cave und Bargeld erscheinen läßt. Tricky, creature of the urban jungle, morpht durch die Unterwelt, hebt in regelmäßigen Abständen einen Gullideckel, um uns mit verschmiertem Mund zu verhallten Beats seine aktuellen Fundstücke anzupreisen, zuletzt eine Kollektion „echter' Verbrecher. Angels with dirty faces. Daß er mehr weiß, steht außer Frage, daß wir dieses Wissen nicht ertragen könnten, auch. Er hat das Grauen gesehen. Er röchelt in fremden Zungen. Und er schlägt Journalisten.
Irritationsfolge: 1. der derart Stigmatisierte trägt hellblau; 2. spricht laut und deutlich; 3. sagt wiederholt Dinge wie „wicked', „great' und „thank you'; 4. begibt sich gerne unter Menschen, verzichtet auf die eigens reservierte (dunkle) Interview-Suite zugunsten der (hellen) Hotel-Lobby; 5. resümiert und hakt ab.
„Ich habe viel gemacht, viel gesehen, hatte ein gutes Leben. Und ich gebe einen Scheiß auf die meisten dieser Sachen. Ich könnte dasitzen und den ganzen Tag Gras rauchen. Aber meine Tochter, das ist ein neues Leben. Ich sehe sie aufwachsen, ich habe Verantwortung. Auch für meine Familie und die Leute auf meinem Label. Je mehr Erfolg ich habe, um so besser für sie alle. Meine Karriere ist keine Ego-Geschichte mehr.'
Der, der wie kaum ein anderer rebellische Pose und Persönlichkeit ins Beat&Sample-Spiel gebracht hat, ist seßhaft, wenn nicht gar häuslich geworden. Der Grund ist nicht mystisch, sondern ganz konkret, weiblich, vier Jahre alt und schaukelt auf seinem zwei Hektar großen Grundstück in New Jersey, während der Vater von der Veranda aus zusieht und denkt: „Dafür habe ich das also alles gemacht.' Ein gutes Gefühl. Stärker als Langeweile. Außerdem sind es nur 20 Minuten nach NYC. Wo Tricky seiner anderen selbstauferlegten Verantwortung nachgeht. Der Mann hat ein Ziel: er will einen neuen Markt erobern, will ein Protagonist im Musikzirkus seiner Wahlheimat werden. Genauer: in dessen Ruhm- und Geld-versprechenden, schnellebigen und gefährlichen Sektion HipHop. „Durban Poison', sein Label, sitzt nicht in Bristol, sondern in New York. Denn es gibt nun mal keinen HipHop-Markt in England, und er hat Kids mit riesigem Talent.
„Gutes altes Songwriting. Sie haben vielleicht nicht das Image und die Fotos, aber sie haben Texte und sie haben Musik. Es mag drei Alben dauern, bis sie verkaufen, aber ich weiß, daß es Klassiker werden können. Wie Bob Marley.' Diese Menschen, namentlich Mad Dog und Keoka, finden natürlich auch eine Bühne auf Trickys erstaunlich luftigem neuen Werk „Juxtapose', das vielerlei Anforderungen gerecht werden, zuallererst aber ihm den HipHop-Markt erschließen muß. Deswegen hat Tricky einen neuen Partner: DJ Muggs von den Cypress-THC-Hills der Westküste. Doch außer daß sie gut miteinander Spaß haben können, gab es nicht die erhofften chemischen Reaktionen: „Er hat mir keinen HipHop gegeben. Jedesmal, wenn ich mit Leuten aus dem HipHop arbeite, gehen sie auf mich zu. Muggs Sachen haben sich wie mein Zeug angehört und nicht wie Muggs. Er war nicht zu hören. Es hat keinen Sinn gemacht. Ich hatte ihm von Anfang an gesagt, daß wir etwas aus beiden Welten brauchen, das hat nicht geklappt. Also mußte ich alles noch mal überdenken, sonst hätte mich das Album nicht in die HipHop-Welt gebracht. Dann bin ich zu Grease gegangen. Deswegen steht auf der Platte Tricky with Muggs & Grease. So sollte das hinhauen.'
Dame Grease, als Produzent des letzten DMX-Albums der momentan heiße Scheiß, soll dem weirden, gestern noch Kleider tragenden Engländer die Tür in das Land der dicken Eier öffnen. Da mußte, da ist in Bezug auf die Straightness der Beats und die Wahl der Samples einiges passiert, soviel, daß das rauhe Röcheln oftmals die letzte Erinnerung daran bleibt, wessen Name dem eigentlich überschrieben ist.
Zumal es auch einige neue Stimmen gibt, die Tricky der Welt präsentiert: Künstler seines Labels, denen er eine ordentliche Karriere verschaffen will und nicht, wie alle, sofort Hits. Was aus seinem Mund übrigens immer noch klingt wie „its'. Die Assimilation ist noch nicht perfekt. Was der Bristol-Flüchtling dagegen beherrscht, sind die verschiedenen Schlagabtausch-Procedere der korrekten HipHop-Begrüßung. Ein Jahr hat er dafür gebraucht, ein Jahr auch keine Presse gemacht, ein Jahr, von dem aber gerade mal vier Wochen für die neue Platte aufgewandt wurden und dann Ferien, mixen in Miami, mixen in L.A. Des hart Arbeitenden Urlaub. „Ich benutze meine Platten als Entschuldigung für Urlaub. Die letzte habe ich in New Orleans gemischt, die davor auf den Bahamas.' Schreiben und aufnehmen zu Hause, zum Mixen in die Sonne. Da lernt Tricky das dicke Leben, das HipHop-BigBusiness-Leben. „Die einzige Möglichkeit, etwas zu erreichen, ist, indem du dich hineinbegibst. Anders kannst du die Struktur nicht verändern. Und es ändert sich schon. Timbaland hat letztens im Fernsehen gesagt, daß er von meinen Sachen beeinflußt worden sei. Timbaland hat eine ganze Nation beeinflußt. Das heißt, daß meine Marke schon gesetzt ist. Jetzt muß ich rein und infiltrieren. Ich glaube, es ist meine Zeit.'
Was er verändern will? Alles: musikalische Konventionen, die vermeintliche Unabdingbarkeit des Star-Geklüngels, das Insistieren auf einer „Realness', die sich eher als auf die Straße übertragene Videorealität manifestiert. Er will, daß die Kids ihn kaufen, ihm zuhören, will ihnen sagen, daß er kein harter Kerl ist, daß er keine Waffe trägt. „Klar verstehe ich, wenn jemand über das Dealen spricht. Das ist deren Leben, und du sprichst über dein Leben. Aber das kann nicht alles sein. Wir brauchen ein Gleichgewicht.' Zum Kampf gegen die falsche bzw. schädliche Realness gibt es den echten Tricky, ganz normal, kein Make-up, Street. Und wer würde ihm, dessen Vater nach der Geburt verschwand und dessen Mutter sich das Leben nahm, als er vier war, keine Straße zusprechen. Das Tricky Kid aus einer kleinen Vorortsiedlung von Bristol. Der Labelmanager mit Haus im Grünen. Und der Mann, der Auftritte zu spirituell-kathartischen Erfahrungen macht.
„Vieles von dem, was live passiert, ist Ausdruck meiner Frustration, daß ich nicht singen und nicht rappen kann. Es gibt Worte, die ich mitteilen möchte, es aber nicht richtig kann. Da bin ich in meiner dunklen Ecke, wütend, verwirrt, aggressiv, und es kommt alles raus, gleichzeitig.' Es wundert ihn nicht, daß der Großteil des Publikums seine Shows als harten Tobak empfindet. Ihm geht es schließlich genauso. Seine Mitmusiker nennen es einen Voodoo-Gig: „Sie sagen, daß sie an Orte kommen, wo sie noch nie waren, daß sie völlig neue Erfahrungen haben. Und sie vertrauen mir, daß ich mit ihnen bin.'
So viel Vertrauen, so viel Verantwortung, so viel Ziel. Kein Wunder, daß Tricky seinen Gras-Konsum reduziert hat. Aber heute abend ist frei, werden noch schnell die richtigen Blättchen organisiert, um dann in den Alltag einer trotz Privatleben stets öffentlichen Person zu springen, die in der letzten Reihe des überhaupt nicht voodooesken Deus-Konzertes unfreiwillig Audienz hält und nickend und interessiert Angebote sammelt. Wovon Everybodys Tricky wenig realisieren dürfte, jedenfalls keinen Kleinscheiß und keine weiteren halbgaren Filmangebote. The only way is up. Sein Manager, Typ Wall Street, hat den Zeitplan bis zur Jahrtausendwende minutiös getimed. Das einzige, was er da reingrätschen ließe, wären die präferierten Stimmen, mit denen sein Markenname gerne mal was machen würde: Tony Bennett, Bob Dylan und Kate Bush. Trickys Vorstellung von großen Künstlern. Nicht unbedingt HipHop. Aber „wicked, wicked voices'.

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