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Sei bei Faber im Wind

Faber im Gespräch

Schon seit anderthalb Jahren sagt man dem Schweizer Songwriter Faber eine rosige Zukunft voraus. Und das, obwohl seine Lieder nicht unbedingt als leichte Kost durchgehen. Henrike Schröder hat ihn in Zürich besucht, um ihn in der Ruhe vor dem Sturm, den »Sei ein Faber im Wind« auslösen könnte, über Lügen, Nutten, Weltmusik und den Aufstand der normalen Leute auszufragen. Fotograf Manuel Nieberle ließ sich anschließend auf dem Uetliberg mit Faber den Wind um die Nase wehen.
Geschrieben am
Eine riesige Diskokugel hängt von der Decke der Zürcher Amboss Rampe. Schwere Ledersofas in der Ecke, eine Theke, an der das namengebende Zürcher Amboss Bier verkauft wird, und eine kleine Bühne. Auf der steht Faber samt Band – die perfekte Location für ein Heimspiel. Die Rampe ist voll, ausverkauft. Eines der letzten kleinen Konzerte vor den großen Bühnen. Dass die kommen werden, da sind sich alle einig. Ich versuche angestrengt zuzuhören, um wenigstens ein paar Wörter aufzuschnappen, denn Faber redet Schwizerdütsch. Er macht eine recht lange, scheinbar lustige Ansage und spielt schließlich den »Dschungelbuch«-mäßig gemütlichen Song »Nichts«, bei dem ich unweigerlich daran denken muss, wie mir eine Freundin die Zürcher Tradition »Limmatschwimmen« erklärt hat: Über 4000 Zürcher springen einmal im Jahr in der Nähe des Zürisees in die Limmat, um sich dann etwa zwei Kilometer ganz gemütlich durch die Stadt treiben zu lassen.

Faber kommt aus dieser angenehm gemächlichen Stadt Zürich. Eigentlich heißt er Julian Pollina und ist Sohn des italienischen Liedermachers Pippo Pollina. Mit zwölf Jahren begann er, Bass zu spielen – und zwar gleich in einer Band. Gemeinsam mit Max, mit dem er schon zur Grundschule ging und der auch jetzt – elf Jahre später – wieder dabei ist: als Gitarrist, der nebenbei auch Mandoline, Darbuka und drei weitere Percussion-Instrumente spielt. Dazu kommen Tillmann als Posaune spielender Schlagzeuger, Janos an Bass sowie Cello, »und Silvan darf nur Klavier spielen«, endet Faber die Aufzählung der Bandmitglieder. »Die sind alle sehr schnell, sehr gut und auch sehr spielfreudig. Wir haben für das Album vier Tage geprobt und dann nur noch Kleinigkeiten dran geändert.«


Das Album heißt »Sei ein Faber im Wind«, was die Arbeitsweise des Sängers ganz gut trifft. Der Sound wiederum ist etwas schwieriger zu beschreiben. »Weltmusik«, fasst Faber die Strömungen in seiner Musik zusammen. »Unser ganzer Freundeskreis hat das plötzlich total übernommen. Wir können nicht mehr anders, als Weltmusik zu hören. Alle. Meine Freundin ist aus Serbien, die Freundin von meinem Mitbewohner aus Griechenland, und ich bin aus Italien. Ich glaube, das ist so ein Schweizer Ding: Weil jeder irgendwo anders herkommt, hat man das alles – mehr oder weniger – natürlich so ein bisschen drin.« Seine musikalische Laufbahn beginnt auf Hochzeiten, Festen und in Restaurants. 2013 spielt er Sophie Hunger etwas vor, während diese gerade mit der Schwester ihre Wohnung renoviert. Sie ist sofort begeistert und nimmt ihn im Dezember als Vorband mit auf Tour. Nach zwei EPs – »Alles Gute« und »Abstinenz« – kommt nun also das erste Album.

Nutte, pardon: Hure – ach nein, Bitch

»Was sagst du denn, wenn du so richtig wütend auf jemanden bist? Wenn ich dir zum Beispiel jetzt megastark gegen das Schienbein treten würde?« fragt mich Faber früher am Tag, beim Interview im Café neben der Rampe. »Könntest du das bitte lassen? Das tut weh«, antworte ich. Er muss lachen. »Sagst du denn manchmal ›Hurensohn‹ zu Leuten? Nie?« Nie. Was Faber sagt, wenn er wütend ist, weiß man mittlerweile: »Arschloch« oder – geht es um eine Frau – wahlweise auch »Nutte«. In »Sei ein Faber im Wind« verzweifelt er hilflos-trotzig an einer Trennung und singt die Zeilen: »Jeder Jäger träumt von einem Reh / Jeder Winter träumt vom Schnee / Jede Theke träumt von einem Bier / Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?« Schön und gut, er ist verletzt. Aber »Nutte«, muss das sein? Zusammen mit zwei weiteren Liedern – Kraftklubs »Dein Lied« und »Bitch« von Von Wegen Lisbeth – wird »Sei ein Faber im Wind« momentan als popkultureller Trend durch die Feuilletons, Blogs und Magazine geschleppt, deren Autoren entgeistert feststellen: Die Schlampe, Nutte und Hure ist im seichten deutschsprachigen Indie-Pop angekommen. Für manche ein Grund zur Freude. Die Zeit etwa schreibt hoffnungsvoll von einer »Remaskulinisierung« im Pop, das Kaput Magazin setzt dem einen ganz anderen Begriff entgegen: »Slutshaming« – und Die Welt wiederum kritisiert Letzteres als das »Nicht-Verstehen-Wollen von Satire«.
Das Problem an dieser Debatte um drei Lieder und deren Verwendung des Wortes Nutte, pardon: Hure – ach nein, Bitch ist jedoch, dass sie so schnell auf ein Wort runtergebrochen und zum Trend erklärt wurde, dass sich anscheinend niemand überhaupt die Mühe gemacht hat, alle drei Lieder genau anzuhören. Faber reagiert auf die Debatte mit gelassenem Unverständnis: »Also, ich kann natürlich verstehen, dass in der Popmusik normalerweise nicht so viel geflucht wird – was ich aber auch schon immer seltsam fand. Ansonsten finde ich die drei Songs extrem unterschiedlich. Und die Sexismusdebatte, die dadurch losgetreten wurde: Also, vielleicht bin ich da abgestumpft, aber ich sehe das einfach nicht.« Natürlich, über das Wort Nutte kann und sollte man streiten. Aber dabei komplett außer Acht zu lassen, dass das Wort nicht für sich, sondern in einem Zusammenhang – und jedes Mal in einem anderen – steht, bringt der Diskussion genauso wenig wie eine pauschale Verdammung oder Glorifizierung. Faber erklärt: »Ich finde, der Winter und der Schnee, der Jäger und das Reh – das sind so Sachen, die unbedingt zusammengehören. Die können nicht ohne einander. Und deswegen ist das so schlimm, dass sie nicht vom lyrischen Ich träumt. Weil das etwas ist, das sein muss. Weil das eine ohne das andere nicht geht. Das ist der wichtige Punkt. Und nicht ›Nutte‹. Und ich finde, das hat auch nichts Sexistisches. Ich wollte damit ja nicht sagen: Ich will, dass Frauen für denselben Job weniger Geld kriegen oder so. Deshalb sehe ich den Kritikpunkt nicht. Und natürlich ist das eine Beleidigung, und natürlich ist das fies. Aber das soll es ja auch sein. Das macht man ja, wenn man verletzt ist.«
Da war es wieder, das lyrische Ich: gerade innerhalb der Debatte durchaus eine Instanz, eben weil man sie bei diskussionswürdigen Texten so einfach vorschieben kann, um sich als Autor aus der Verantwortung zu ziehen. So wie Xavier Naidoo nach der heftigen Kritik zu »Marionetten« oder Kraftklub, die sich in der Diskussion um »Dein Lied« schnell als die beleidigten Opfer inszenierten: Aber die bösen Rapper machen das doch auch, wird patzig geantwortet und schnell nachgeschoben: Und außerdem ist das ja auch Kunst, Rollenprosa, lyrisches Ich und so – Argumente, die beim Gespräch mit Faber auch öfter fallen. 

Der bezeichnende Unterschied zwischen beiden Liedern liegt jedoch vor allem im Aufbau selbst und in dessen Inszenierung: Am Ende eines zehnstündigen Livestreams kündigten Kraftklub mit »Dein Lied« ihr neues Album an – mit brennendem »K«, Streichern und ganz viel Pathos, was im Zusammenspiel mit dem Text eben nicht ironisch wirkt, sondern auf eine erbärmliche Art und Weise zum Mitgrölen einlädt. Im Unterschied zu Fabers »Sei ein Faber im Wind« wird hier nicht der Trennungsschmerz des lyrischen Ichs in den Vordergrund gestellt, sondern die Frau – die verdammte Hure, die was mit dem besten Freund anfängt. Aber wäre in dem Fall nicht vor allem ein Lied für oder vielmehr gegen den besten Freund angebracht?

Genieß die Geschichte!

Auch Faber zieht sich als Erzähler gerne aus seinen Geschichten heraus, wie er gesteht. Jedoch nicht, um sich von bestimmten Aussagen zu entfernen, sondern um die Geschichten für verschiedene Interpretationen zu öffnen: »Es wundert oder vielmehr interessiert mich, warum Leute oft Geschichten direkt und extrem hinterfragen, ohne sie erst mal einfach zu genießen. Wenn mir zum Beispiel jemand eine Geschichte erzählt und ich am Anfang schon denke, dass sie gelogen sein könnte, würde ich trotzdem erst mal die Geschichte genießen. Wenn sie gut ist, sollte man auch mal eine Lüge durchgehen lassen, einfach, weil die Geschichte schön ist.« Und gerade bei seinen Geschichten sind voreilige Schlussfolgerungen fatal. Denn Faber versteht es, mit einer stoischen Gelassenheit Szenarien zu entwickeln, nur um sie manchmal recht bald, ein anderes Mal erst ganz am Ende komplett einzureißen – ab und an mit einem Knall, dann wieder ganz leise, aber immer so, dass sich eine neue Betrachtungsweise ergibt. Bei der Frage, ob es ihm Spaß mache, in dem Moment, in dem das Lied kippt, bei seinen Konzerten die Menschen zu beobachten, muss er schmunzeln: »Ja, natürlich, ein bisschen schon. Aber das mache ich natürlich nicht aus Spaß, weil ich denke: ›Haha, jetzt haben wir wieder alle verarscht.‹ Das überhaupt nicht. Das ist einfach eine Art, wie ich schreibe. Schön, wenn das funktioniert. Ich habe jedoch oftmals das Gefühl, dass das nicht so gut klappt, weil viele zu mir kommen und meinen: ›Mega geil, alles ironische Texte!‹ Und ich find das gar nicht so ironisch. Eigentlich sind das ernste Themen, die auch ein bisschen Witz haben. Wie so ein Zwinkern bei ernsten Themen.«

»Aber es gibt auch andere Sachen, die ich schon lustig finde«, erzählt Faber weiter. »Zum Beispiel in ›Bleib dir nicht treu‹: Da kommt es manchmal schon vor, dass ganz viele Leute mit ausgebreiteten Armen lauthals mitsingen, als wäre es eine Hymne. Und auch, wenn du siehst, wie Leute zu ›Alles Gute‹ tanzen: Gerade in dem Song ist ja die Frage, ob das tragisch ist oder ob man den Part ›wenn du dann am Boden bist, weißt du, wo du hingehörst‹ auf eine Art und Weise auch feiern sollte.«

Der Aufstand der normalen Leute

Schwierig wird es nur, wenn sich diese offen gehaltenen Geschichten auf dem Album mit politischen Liedern mischen, die eine konkrete Botschaft haben. »Das passt natürlich nicht zusammen«, lenkt Faber sofort ein. »Deswegen versuche ich das zu separieren. Also konkret bei Liedern wie ›Wer nicht schwimmen kann der taucht‹ oder ›In Paris brennen Autos‹. Bei diesen richtig politischen Liedern fände ich es eine Katastrophe, wenn ich da nicht richtig verstanden werden würde. Aber das kapieren die Leute schon. Ich glaube nicht, dass da so was Xavier-Naidoo-mäßiges entstehen kann.«
Ein Thema, das in Fabers Musik – etwa in Liedern wie »Bleib dir nicht treu«, »Züri«, »Wer nicht schwimmen kann der taucht« oder »Widerstand« – immer wieder mit einer vehementen Regelmäßigkeit auftaucht, ist die Aufforderung, einen Standpunkt einzunehmen, dagegen zu sein – vor allem politisch. Auf die Frage, ob er seinen politischen Standpunkt am liebsten durch seine Musik verträte, druckst er etwas herum: »Ich weiß nicht. Ein bisschen schon. Meine Musik ist schon ein bisschen politisch, aber auch nicht nur. Ich will kein politischer Sänger sein. Außerdem bringt das bei mir ja nichts: Erstens, weil mich kaum jemand kennt, und zweitens, weil ich sozusagen zu den eigenen Leuten predige. Leute, die auf meine Konzerte kommen, sind im Normalfall meiner Meinung. Man sollte es deshalb aber nicht ganz lassen, politisch zu sein. So ein Aufstand der normalen Leute ist etwas Gutes. Dafür muss man nicht immer krasse Sachen sagen. Man kann ganz einfach für Toleranz und Solidarität predigen. Es ist schade, dass gerade Künstler, die ein sehr breites Publikum haben, die Finger davon lassen. Wer weiß, was Max Giesinger oder Helene Fischer darüber denken? Die hätten das Publikum. Logisch, sie würden einen Teil verlieren, aber vielleicht könnten sie auch einen Teil umstimmen. Du musst ja nicht sagen: ›Wir werden jetzt alle linksradikal.‹ Ein bisschen mehr ›Lernt euch mal kennen, seid nett zueinander und fallt nicht auf jeden Bullshit rein‹ würde ja schon was bringen.«

Eines dieser politischen Lieder, über das Faber sehr gerne spricht, ist »Wer nicht schwimmen kann der taucht«. Darin baut er mit einer rauen Abgeklärtheit eine Rollenprosa auf, die einem ein süffisantes Lächeln ins Gesicht treibt: »Mein Dorf ist grau / Mein Alltag und meine Alte auch / Nur die Bunte bringt hier Farbe ins Haus«, singt er zunächst und lässt das Lied dann immer mehr zu einer unangenehmen Beklommenheit verkommen: »Ich bin bestimmt kein Rassist und gegen Ausländer habe ich nichts / Aber ich schaue euren Schlauchbooten beim Kentern zu / Im Liegestuhl am Swimmingpool am Mittelmeer / Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch / Wer nicht schwimmen kann der taucht.« Eine zusätzliche Ebene bekommt das Lied durch eine Art Video oder, besser: ein bewegliches Standbild, das Faber inmitten eines Aqua Parks zeigt, spürbar unpassend reinmontiert – umringt von planschenden Kindern und in Liegestühlen fläzenden Männern.

Standbilder in Bewegung

Auch zu den zwölf weiteren Liedern des Albums gibt es diese Art von Standbild, die Faber in scheinbar unpassende Situationen wirft. Ein Motiv, das auch unser Coverfoto aufgreift. Einmal sitzt er im Stadion inmitten pöbelnder Fans, dann im kitschigen Café zwischen Blümchentapete und Sahnetorte oder auch bei einer Kölner Kinderkarnevalssitzung – wo er von Wonder Woman böse gemustert wird, während hinter ihm eine Gruppe Funkenmariechen tanzt. Die Idee zu diesem Konzept kam Faber beim Blick auf die Bandfotos: »Es hat eigentlich angefangen mit unseren Fotos und der Frage: Warum sind die bloß immer so langweilig? Und ich glaube, das Langweilige daran war, dass alles so vorhersehbar war. Dann haben wir zusammen mit dem Fotografen probiert, Szenarien zu schaffen, in die ich eigentlich überhaupt nicht hineinpasse und die trotzdem irgendwie harmonisch wirken.« Dreizehn Szenarien sind es geworden, und aus der ursprünglichen Idee, Fotos zu machen, wurden kurze Standbilder, die alle in und um Köln entstanden: »Wir haben das Ganze einfach in demselben Bildausschnitt wie das Foto so lange gefilmt, wie das Lied dauert, und es passierte einfach das, was passierte: manchmal nichts, manchmal ein bisschen mehr. In dem Sinne sind es keine Videos geworden, sondern Standbilder, die sich bewegen.«

Bei »Sei ein Faber im Wind« ist es der Ausschnitt einer Galerie. In der Ecke steht Faber, dazu acht Frauen, die dem Betrachter den Rücken zudrehen, und im Hintergrund »Die Geburt der Venus« – das Bild, mit dem schließlich Die Zeit die »Remaskulinisierung« im Pop ausrief und drei Lieder zum Trend erklärte, die außer einem Wort nichts miteinander gemeinsam haben. Der Artikel selbst ist übrigens versehen mit den Schlagwörtern: Popmusik, Männer, Sprache – was ich viel eher als langlebigen Trend anerkennen würde. In jedem Interview, erzählt Faber, müsse er momentan darüber reden: »Aber ich bin jetzt echt froh: Du bist die erste Frau, die mich dazu etwas fragt. Ich habe sonst nur mit Männern darüber geredet. Da konnte ich irgendwann nicht mehr zuhören, weil ich dachte, ich fühle mich wie bei ›Mad Men: zehn alte Herren, die drüber reden, was junge Frauen wollen. Ist das nicht das Übersexistischste, was geht? Wie viele Frauen sitzen überhaupt in euren Redaktionen?«

Faber

Sei ein Faber im Wind

Release: 07.07.2017

℗ 2017 Faber, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH

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