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Hühnerfüße across the void

Tiny Vipers live in Berlin

Merkwürdige Glücksbringer und Songs, die zunächst für ein paar Takte konventionell klingen, um dann in Ambient-Gewirr zu münden – die Show von Tiny Vipers in Berlin ist eher ein Experiment als ein gemütliches Konzert.
Geschrieben am
12.11.2017, Berlin, Monarch  

Als schon fast keiner mehr da ist, zeigt Jesy Fortino einen roten Hühnerfuß herum, den ihr ihre Schwester ins Gepäck geschmuggelt hat, um ihren musikalischen Abenteuern in Europa Glück zu bringen. Der Hühnerfuß ist genauso echt wie das Berliner Konzert, von dem es leider nur circa 45 Zeugen gibt, was aber kein Wunder ist, seit Tiny Vipers nicht mehr bei Subpop sind, sondern bei sich selbst. Gerade mal einen Rollkoffer zieht die Sängerin nach ihrer Show über das Kreuzberger Straßenpflaster, und wenn man ein bisschen melodramatisch drauf ist, könnte man ihr ganzes Leben darin vermuten. Beweisstück 1: ihre neue LP, »Laughter«, nicht direkt zum Lachen angetan, sondern vielmehr ein sphärisch-dorniges Ambient-Unikum, das nach ihren beiden introspektiven Songwriter-Alben auch ein bisschen nach Verweigerung klingt. Beweisstück 2: ein 28-minütiger Live-Auftritt, an dessen Ende die Beteuerung steht, beim besten Willen keine weiteren Songs mehr spielen zu können. Word.  

Jesy Fortino betritt die rot erleuchtete Bühne des im Herbst besonders gemütlichen Monarch-Clubs im Anorak und plonkert mit den Fingern auf der Tastatur eines elektronischen Pianos herum, als suche sie bestimmte bisher nicht erhältliche Tasten. Nach etwa fünf Minuten ist die Expedition weit genug in den imaginären Dschungel vorgestoßen, um diesen Umstand mit ein paar Vocals zu feiern. Fortino tut dies, indem sie eine besonders düstere Taste drückt und dann ihre Jacke auszieht, unter der ein Hoodie mit dem Schriftzug »Romantic« zum Vorschein kommt. Ein klarer Fall von falschem Alarm, denn auch wenn das gesamte Publikum so still ist wie die Terrakottaarmee beim chinesischen Staatsbesuch will sich die innere Einkehr nicht so recht einstellen.
Das wiederum ist durchaus als Kompliment zu verstehen, denn selbst den Millennials, die beim bärtigen Support Act noch ihre Smartphones beharkt haben wie Luzifers Tinderprofil, steht jetzt der wässrige Mund weit offen. Tiny Vipers täuscht alle fünf Minuten einen konventionellen Song innerhalb ihrer Freiform-Marmelade an, bloß um sich dann wieder in eine selbstvergessene und eher schwer verdauliche Ambient-Etüde hineinzusteigern. Bei aller Liebe wird an diesem Zeitpunkt klar, dass sich die Künstlerin hier an einem Scheideweg befindet. Ihre Berliner One-Song-Performance bricht für den Moment mit den Hörgewohnheiten ihrer ohnehin schon fordernden Songs, um den Kopf in den Weltraum zu stecken wie der schwarzweiße Holzschnitt-Typ aus dem Kunstunterricht. Irdisches Bier ist während der Performance weiterhin erhältlich, Vinyl-Schallplatten auch, aber spätestens nach der Show wird klar, das diese schroffe Darbietung sehr wollüstig an den Paradigmen herumfummelt, die entweder immer noch gelten oder das bisher taten. Ein Experiment statt einer Show. Versuchsteilnehmer statt Klienten. Bildet euch ruhig etwas darauf ein.

Tiny Vipers

Laughter

Release: 05.05.2017

℗ 2017 Ba Da Bing!

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