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Das neue Album exklusiv im Stream!

Timber Timbre im Gespräch

Selbstzweifel, einsame Hotelnächte in Paris und ein Schloss auf dem Land, das sich als Schatzkiste entpuppt: Timber-Timbre-Sänger Taylor Kirk erzählt Annette Walter, was ihn während der Entstehung von »Sincerely, Future Pollution« umtrieb. Außerdem haben wir exklusiv für euch das komplette Album im Stream!
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Manchmal lebt es sich in der Nische gut: Auch wenn Timber Timbre aus Kanada bereits ihr viertes Album veröffentlichen und seit zwölf Jahren existieren, gilt die Band aus Montréal immer noch als Geheimtipp. Sänger und Multiinstrumentalist Taylor Kirk kann damit leben. »Ich glaube, wir hatten nie eine Rezension in einem wirklich einflussreichen Magazin«, lacht er. Okay, der Herr neigt zum Understatement, was zum nachdenklichen und bedächtigen Eindruck passt, den der 35-Jährige im Interview abgibt. 

Kirk ist am Vorabend erst in Berlin gelandet, hat standesgemäß im Michelberger Hotel übernachtet und scheint noch etwas müde zu sein vom Flug aus Kanada. Seine Haare sind schütter, die Arme üppig tätowiert, er wirkt zurückhaltend und keinesfalls wie ein rampenlichtsüchtiger Frontmann. Berlin mag er: »Die Zerbrochenheit erinnert mich an Montréal.« Dort lebt Kirk nach Stationen in Los Angeles und Toronto seit zwei Jahren. Überschaubare Orte schätzt er, denn »eigentlich bin ich kein Großstadtmensch«. Vielmehr ein Musiker, der für seine Arbeit die Einsamkeit braucht. Um Songtexte zu schreiben, begibt er sich beispielsweise für eine Woche in eine Art freiwillige Isolation in ein Pariser Hotelzimmer: »Danach habe ich sie einfach gesungen, ohne viel darüber nachzudenken.« 

Für die Aufnahmen quartierte er sich, seine Bandkollegen Mathieu Charbonneau und Simon Trottier und den Gast-Schlagzeuger Olivier Fairfield drei Wochen in ein Schloss mit Studio ein. Natürlich nicht in irgendein Schloss: La Frette liegt 15 Kilometer von Paris entfernt und wird verwaltet von dem französischen Musiker und Komponisten Olivier Bloch-Lainé. Auch Nick Cave And The Bad Seeds haben hier bereits aufgenommen. Das Schloss entpuppt sich als Schatztruhe voller Vintage-Instrumente, an der sich Timber Timbre gerne bedienten. Mal kam ein Oberheim-Synthesizer aus den 1970ern zum Einsatz, mal eine LinnDrum-Maschine aus den 1980ern. »Du musst dir das so vorstellen, dass wir quasi in jeder Ecke dieses Hauses ein Instrument entdeckt, im übertragenen Sinn den Staub runtergeblasen und es für die Songs verwendet haben.«

Offenbar die ideale Umgebung, um ein aus der Zeit gefallenes und schwermütig-schönes Album zu erschaffen. Die erste Single »Sewer Blues« ist eine sehnsüchtig-unterkühlte und synthesizerlastige Ballade wie aus dem Soundtrack zu Nicolas Winding Refns »Drive« oder David Lynchs »Blue Velvet« mit einem für Kirks Songwriting typisch vieldeutigen Text: »Now I come for you, I come for your womb, for your vapour and your perfume, for your fog filled rooms.«
Auch wenn man es der Platte nicht unbedingt anhört, reichen die Einflüsse von Tears For Fears, Suicide über Phil Collins und David Bowie bis hin zu Talking Heads und Toc Toc. Ein Spagat zwischen dem Glam von Roxy Music und French Disco quasi, so jedenfalls umschreibt Kirk es. Sein Blick fällt während des Interviews auf ein Poster des Sängers Lee Hazlewood, das an der Wand hängt: »Als ich mit dem ›Dreams‹-Album beschäftigt war, habe ich mir bei den Songs vorgestellt, ich hätte eine Stimme wie Hazlewood. Na ja, ganz komme ich nicht ran«, grinst er. Kirk ist generell jemand, der sich lieber abgrenzt als vereinnahmen lässt. Er verortet seine Band in keiner Musikszene, auch nicht in der von Montréal. »Wir haben nie gedacht, dass wir zu einer Gemeinschaft gehören. Ich habe mich beim Musikmachen immer gefühlt, als wäre ich eine Insel.« Es gebe in der gegenwärtigen Szene sowieso keine Musiker, die er als Einfluss für sich betrachtet, »auch wenn mich Bands wie Cold Specks motivieren und inspirieren«.

Entspricht der melancholische Sound der zweiten Single »Velvet Gloves & Spit« seiner Stimmung während der Entstehung? Kirk überlegt lange. Er habe die Vision einer tanzbaren Platte im Kopf gehabt. Andererseits berichtet er, wie turbulent die Schaffensperiode des Albums für ihn gewesen sei. »Ich hatte einen Bruch in meiner Beziehung zu Musik. Alles in meinem Leben fühlte sich destabilisiert an. Es war eine Phase absoluten Zweifelns. Vorher bin ich alles mit sehr viel Selbstvertrauen angegangen und habe mir nie Sorgen um die Hörer gemacht.« Eigentlich sei er ein impulsiver Mensch. Aber dieses Mal habe er sich anders gefühlt: »Ich habe alles zu Tode analysiert: Wenn wir einen Song geschrieben haben, zerbrach ich mir den Kopf, ob wir damit auch in zwei Jahren noch auf Tour gehen wollen.«

Kommerzieller Erfolg ist Kirk dabei egal: »Es rechnet sich gerade so bei uns. Manchmal weiß ich auch nicht, wie lang wir noch durchhalten, weil unsere Arbeit kaum nachhaltig ist. Die Tatsache, dass es überhaupt funktioniert, ist erstaunlich für mich. Unsere Fans sind sehr loyal. Die Musikwirtschaft ist kaputt, und es stellt sich die Frage, ob sie sich je wieder reparieren lässt. Aber ich will mich nicht beklagen.«

Ist der kryptische Titel »Sincerely, Future Pollution« also ein düsterer Blick in die Zukunft? In »Western Questions« singt Kirk: »I’m the hero of the human highway, I’m the saviour of the atmosphere.« Der Song habe durchaus eine politische Dimension, sagt Kirk. »Ich hatte die Vorstellung, dass der Titel eine Warnung oder ein Omen einer anderen Zivilisation an uns ist.« Teilt er die allgegenwärtige Trump-Frustration? Kirk seufzt: »Manchmal bin ich ganz froh, Kanadier zu sein.«
Hier könnt ihr bereits jetzt das neue Album in ganzer Länge hören:

Timber Timbre

Sincerely, Future Pollution

Release: 07.04.2017

℗ 2017 Timber Timbre, under exclusive license to City Slang

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