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Hinter den Spiegeln

The xx im Gespräch

Perfekter Sound, perfekter Titel, perfekte Verpackung: Mit ihrem dritten Album »I See You« machen The xx schon wieder alles richtig. Ein Grund zum Gähnen ist das für Daniel Koch aber noch lange nicht. Im Gespräch mit Jamie xx und Oliver Sim versucht er, hinter die schön schillernde Oberfläche zu blicken.
Geschrieben am
Man wird noch ein paar Jahre darauf warten müssen, bis The xx endlich mal einen Fehler machen. Vermutlich wird es nie passieren. Jedes Album, jede Single, jeder Karriere-Move, jede Tour, jeder Ausritt in andere Projekte – bei dieser Band wirkt einfach alles makellos. Das gilt natürlich auch für das neue Kapitel: »I See You« ist ihr drittes, handliche zehn Songs langes Album, das sie mit den großartigen Vorabsongs »On Hold« und »Say Something Loving« antriggerten. Oliver Sim, Romy Madley Croft und Jamie Smith liefern damit ein schlüssiges Update ihres Sounds, das man sich als aufmerksamer Beobachter ungefähr hatte ausrechnen können: Mehr Jamie, mehr Elektronik, mehr Pop. Durch die prominente Verwendung eines Alessie-Brothers- und eines Hall-and-Oates-Samples wiederum brachte die Band auch die Altherren-Musikpresse auf ihre Seite – die  freute sich darüber, dass ein paar Twenty-Somethings ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Und dann wäre da natürlich noch das Artwork und der Titel: Spiegelfläche mit x plus »I See You«. Verdammt. Das ist so einfach. Das ist so gut.  

Selbst private Entwicklungen im Hause The xx, die ganz selten in die Öffentlichkeit gelangen, tragen diese Aura des perfekt Gesetzten. Zum Beispiel als die Modedesignerin und Künstlerin Hannah Marshall Anfang Januar via Instagram verkündete, dass sie um die Hand von Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft angehalten habe. Der Post ist ein schwarz-weiß abfotografiertes Polaroid, das Hannah und Romy bei einem zärtlichen Kuss zeigt, darunter die Worte: »SHE SAID YES!« plus Ring-Emoji. Romy selbst postete einen farbigen Knutsch-Schnappschuss mit der Botschaft: »Last night, a very special person asked me a very beautiful question…I said yes!« Cooler kann man der Klatschpresse nicht zuvorkommen, seiner online-affinen Fan-Schar Anlass für Tausende »Awwwww«-Postings liefern und gleichzeitig noch ein tolles, weil völlig selbstverständliches Statement für gleichgeschlechtliche Liebe setzen, das weiter strahlt als jedes Pamphlet. 
Der scheinbar mühelose Werdegang und ihr lupenreiner Sound bieten also wenig Angriffsfläche, was erfahrungsgemäß ebenso viele Fans wie Hater auf den Plan ruft. Da The xx zudem sehr bedachte Interviewpartner sind (die unter dem Tisch sicher Bullshit-Bingo mit den Adjektiven »schüchtern«  und »minimalistisch« spielen), ist es schwierig, neue Seiten oder tiefere Einblicke unter der diesmal so schick verspiegelten Oberfläche hervorzukratzen.

I See You (Again)  

Wir haben immerhin den Vorteil, dass wir die Band schon eine ganze Weile im Blick haben. Der Autor dieser Zeilen traf The xx für Intro zum ersten Mal 2009, als sie im alten Berliner Magnet an der Greifswalder Straße einen ihrer ersten Deutschlandgigs spielten. Da waren The xx mit Schulfreundin Baria Qureshi noch zu viert, gaben im Essensraum einer Jugendherberge – wie passend – Interviews und hatten für die Frage nach Vorbildern und Einflüssen diese tolle Mischung parat: »CocoRosie« (Romy), »Mitte-90er-R'n'B: Aaliyah, Ginuwine usw.« (Oliver), »Distillers« (Baria) und »RJD2« (Jamie). Mit den Distillers wurde Baria übrigens von Romy angefixt. Die Punkband um Sängerin Brody Dalle inspirierte Romy gar dazu, Musikerin zu werden. Sie kaufte sich eine E-Gitarre plus Verstärker, schrubbte darauf aggressive Melodien und versuchte, wie Brody zu klingen. »Ich habe ungefähr einen Tag gebraucht, bis ich merkte, dass ich so nicht singen kann. Ich bin nicht Brody, ich bin nicht Kurt Cobain», sagte sie dem Magazin New Yorker einmal.

Als wir 2015 Jamie zum Gespräch über sein Soloalbum trafen, das bei uns zu Recht »Album des Jahres« wurde, ging es natürlich auch um The xx. »Ich brauchte diese Arbeit, um wieder Freude an The xx zu finden«, erzählte Jamie. »So war es schon immer bei mir: Die Musik, die ich für mich allein mache, hat mich stets weitergebracht, mir neue Ideen und neue Motivation für die Band geliefert. Ich denke, mein Album hilft uns dabei, noch diverser zu klingen. Das spüren wir schon jetzt, wenn wir gemeinsam daran arbeiten.«
 
 


»Wir habe es uns unbequem gemacht.«  

Zurück in die Jetztzeit: Beim Pressetag im Berliner Soho House empfangen uns leider nur Oliver und Jamie. Romy sei bereits auf dem Weg in die Staaten, um die Vorbereitungen für ihren Auftritt bei Saturday Night Live zu treffen. Jamie schleppt sich regelrecht in den Raum, ihn plagt eine schwere Erkältung. Als er aus seinem schwarzen Hoodie ein »Hallo« haucht, feixt Oliver: »Hier kommt Darth Vader«.  

Oliver Sims ist gut gebrieft, er erinnert sich sowohl an uns als auch an seinen ersten Berlin-Trip: »Oh Gott, wir waren in diesem verrückten Kunsthaus (dem Tacheles) und später in der Bar 25. Das war weird. Aber schön.« Mittlerweile kennt die Band die Stadt natürlich besser, veranstaltete 2013 sogar im alten Spreepark das eigene Festival »Night + Day«.
 

Mal eben ein eigenes, extrem geschmackssicher gebuchtes Festival auf einer fast unbespielbaren Location hochzuziehen, ist ein typischer The-xx-Move. Im März 2014 lieferten sie einen weiteren: Sie spielten zehn Nächte hintereinander in einem alten Militärkomplex in New York – der Park Avenue Armory – vor rund 50 Menschen in einem Raum mit niedrigen Decken und gerade genug Platz für Band, Equipment und Publikum. Damit sind wir schon mitten in der Entstehung von »I See You«, denn die drei probierten dort bereits neue Songs aus. »Bei ›Co-Exist‹ waren wir viel zu verschlossen«, gesteht Oliver. »Wir haben erst sehr spät Label, Freunden und Management die Songs gezeigt. Das war im Rückblick ungesund. Diesmal hatten wir alle neues Material und wollten es unbedingt live ausprobieren, um zu sehen, was funktioniert und was nicht.« Das kleine Publikum lieferte den passenden, wenn auch furchteinflößenden Rahmen dazu: »Wir haben hart daran gearbeitet, damit wir auf immer größeren Bühnen trotzdem eine Verbindung zum Publikum bekommen und dabei vergessen, wie es sich in einem kleinen Raum mit Blickkontakt und körperlich spürbarer Nähe anfühlt.« Dass geschätzte Heldinnen und Helden wie Madonna, Beyoncé, Kanye West oder Wes Anderson anwesend waren, half auch nicht gerade. »Kanye kennenzulernen war eine schräge Erfahrung«, lacht Oliver – leider ohne Details auszuplaudern.  

Diese Abende, die The xx vor neue Herausforderungen stellten, inspirierten die drei dazu, weitere Ausflüge jenseits der Komfortzone anzugehen und sich nicht wie bei »Co-Exist« einzuigeln. »Wir wollten es uns diesmal so unbequem wie möglich machen«, sagt Oliver. »Wir waren es gewohnt, zusammen in einem Raum in London zu arbeiten, diesmal wollten wir raus. Es hat uns wahnsinnig viel Überwindung gekostet, unfertiges Material mit anderen zu teilen. Das sind Einblicke, die wir nie geben wollten. Und trotzdem passieren spannendere Dinge, wenn man die gewohnten Pfade verlässt. Romy hat sogar ein Songwriting-Camp in L.A. besucht, eines dieser Dinger, wo man dann mit 15 Leuten eine Rihanna-Single schreibt. Sie hat es gehasst, aber trotzdem viel gelernt.«  

Mehr als ein perfekter Lauf  

Jamie ist es wichtig, festzuhalten, dass »es im Kern auch darum ging, unsere Freundschaft wiederzubeleben. Wir waren oft getrennt, hatten alle eine Weile unser eigenes Ding gemacht. Das hat seinen Preis gefordert.« Also überlegte man sich auch hier entsprechende Maßnahmen. »Wir machten einen Roadtrip von Seattle nach L.A.«, erzählt Jamie. »Tagelang haben wir nur geredet und uns Musik vorgespielt. Als wir dann in L.A. ein Haus mit einem Studio gemietet hatten, stürmten wir es wie aufgeregte Kinder. Diese Tage waren mein Highlight. So etwas hatten wir noch nie gemacht.« Auch später im Studio – ein Großteil des Albums entstand im texanischen Malfa – nahm die Band sich immer wieder Zeit für gemeinsame Listening Sessions und gab via Spotify-Playlist Einblicke in den natürlich ebenso eklektischen wie sauguten Musikgeschmack. Wer sich durch die 55 Lieder von »The xx: in the studio« hört, spürt, dass hier eben nicht drei perfekt abliefernde Hitmaschinen, sondern junge Fans am Werke waren – was heutzutage gar nicht mehr so selbstverständlich ist. »Es ist natürlich schockierend, dass du das sagst«, meint Oliver, »aber ich weiß SO genau, was du meinst. Wenn wir jemals spüren sollten, Musik nicht mehr so zu lieben wie jetzt gerade, wird das ein schlimmer, trauriger Tag sein. Und der Tag, an dem wir unsere Karriere beenden.«
Wenn es mit The xx so smooth weitergeht, werden wir auf diesen Tag zum Glück noch ein paar Jahre warten müssen. Trotzdem merkt man im Gespräch schnell, dass es eben doch nachlässig ist, zu behaupten, The xx hätten schlichtweg einen perfekten Lauf. Dahinter steckt harte, präzise Arbeit, großes Talent, eine tiefe Liebe zu ihrem Schaffen und vor allem die solide Basis einer langjährigen Freundschaft. Die war es auch, die The xx nach dem Wurf ins Haifischbecken des internationalen Erfolgs gerettet hat. »Wir haben viel erreicht, aber ich versuche trotzdem, das nicht als Normalität anzusehen«, sagt Jamie. »Schon gar nicht die Tatsache, dass wir noch immer so gut befreundet sind.« Und Oliver ergänzt abschließend: »Viele Erfahrungen aus diesen schnellen Jahren fühlen sich heute an, als hätte ich sie gar nicht erlebt. Manchmal schaue ich zurück und frage mich: Wie haben wir das eigentlich geschafft? Wir waren nie besonders schüchtern, wir waren einfach normale junge Menschen, nicht für große Bühnen gemacht. Wir mussten uns den Weg dahin erkämpfen. Und das haben wir geschafft. Gemeinsam.«

The xx

I See You

Release: 13.01.2017

℗ 2017 Young Turks Recordings

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