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Hitzefreiheit

The Rapture

Auf ihrer neuen Single “Gonna Get Right Into It” klingen The Rapture so, als hätten sie alle treibenden Sounds der letzten Jahrzehnte verschmolzen zu einer “chance of a lifetime”: Grunges Spirit und Raves Schlachtrufe, Primal Screams Crossover-Fähigkeit und die dunkelsten Momente des 80s-Revival exp
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Auf ihrer neuen Single “Gonna Get Right Into It” klingen The Rapture so, als hätten sie alle treibenden Sounds der letzten Jahrzehnte verschmolzen zu einer “chance of a lifetime”: Grunges Spirit und Raves Schlachtrufe, Primal Screams Crossover-Fähigkeit und die dunkelsten Momente des 80s-Revival explodieren, als würde ein Kind mit einem Strohhalm an einer Brauselimonade, Marke Capri-Sonne, nuckeln, in die das wild-neoliberale Amerika der Gegenwart Inhaltsstoffe aus Ecstasy reingeschmuggelt hat. Sodass man, noch bevor das zweite Album “Pieces Of The People We Love” ausgelaufen ist, versteht, worauf dieser Sound hinauswill: “Es ist der Sound einer Party, zu der ausnahmslos jeder eingeladen ist”, wie die Band betont.

Das Zittern, die Angst vorm Kreislaufkollaps, die Sinnesverwirrung von drei Tagen erster Kurztournee mit meiner Band nach zwei Jahren Pause noch in den Knochen, stolpere ich mit Raptures smashigem Pop-Funk, der vom Dunkeln was weiß, meinem Interviewtermin entgegen. Ich kann kaum fassen, wie brutal ihr neues, zweites Album “Pieces Of The People We Love” heute meine Stimmung trifft. Eine zart verschlungene Mischung aus desolater Party-Überdrehtheit, Erschöpfungsschock, stummer Euphorie und dumpfer Zuversicht; immer in der Gewissheit: Die nächste Depression, die wird so düster, die mach ich einfach mal nicht mit – die muss auf der Stelle und koste es, was es wolle, und also schon im Vorhinein abgewatscht und in etwas anderes, Angenehmes, verwandelt werden.



Im Moment geht es aber noch um Fetzen von Erinnerungen, die sich in der Hitze der Stadt wie von selbst verflüchtigen – denn das Einzige, was man wirklich fühlt bei 38 Grad im Schatten, ist sowieso nur diese ständig alles Bewegliche auflösende Wärme. Außerdem hat der Sommer in Berlin das Tram-System offenbar lahm gelegt, und man muss mal wieder auf einen Ersatzbus ausweichen. “Live In Sunshine / I‘ll Be There” tönt da der psychedelischste Track dieses Hammeralbums aus den Kopfhörern – eine Entsprechung dazu ist vielleicht “Shine Like Stars” von Primal Screams “Screamadelica” –, so elegisch und sanft jenseits von hysterischem Dancefloor-Glück, dass man meint, The Rapture hätten sich mit ihrem neuen Album nicht nur selbst neu erfunden, oder vielmehr ge-funden, und das währenddessen auch noch ein paar weitere Male. Oder ist das Teil des Spiels um den ganz großen Wurf? Na, der ist ihnen auf jeden Fall gelungen. Und die Frage ist: Wie? Wie haben sie das gemacht, mal so eben ein ohne Frage innovatives, eingängiges Album vorzulegen, als hätte man es weder mit einer Platte voller Zitate noch mit einer New Yorker Band voller THEs, noch mit Punk-Electronica zu tun? Das Meisterwerk der Bewegung drei Jahre nach dem Hype?!? Und was machen wir jetzt damit? Dass uns mitten im Sommer so ein hybrider Post-Punk-Party-Funk kalt erwischt? Erst mal durchatmen. Don’t believe the hype, trust your heat!

Live in Sunshine

The Rapture – genau –, das waren doch die mit dem Kuh-Glocken-Club-Knaller “House Of Jealous Lovers” (2002): eine nicht zu beruhigende Robert-Smith-Stimme, die sich aus einer bis dato kaum gekannten (weil wirklich miteinander verwobenen) musikalischen Mixtur aus britischem Postpunk, NY-No-Wave, Chicago House und Techno erhob und ungezählte Male “house of jealous lovers” spie – und damit Wut und Wonne, Punk und Disco, House und Lovers so neu kombinierte, dass die noch unbekannte Band-mit-Hardcorepunk-Vergangenheit gleich mal zur bedeutendsten Electronic-Punk-Band erklärt wurde, und das “Haus der eifersüchtig Liebenden” zum Genre-Gassenhauer schlechthin. The Rapture setzen, verglichen mit anderen Bands des Genres, z. B. Radio 4, immer noch einen drauf aufs Roof-Dach. Sind überdrehter, furchtloser auch.

Das Rapture-Produzenten-Team, die DFA-Labelmacher James Murphy (LCD Soundsystem) und Tim Goldsworthy, hatte mal ausprobieren wollen, was passiert, wenn man “echte” Instrumente mit den neuesten Dance-Klicks mixt. Es ging darum, Dancemusik wirklich ernst zu nehmen – nicht nur blöd ironisierend – und mit Leuten aus Punkbands zusammen zu arbeiten. Allen Protagonisten der Disco-Punk-Bewegung ist schließlich gemein, dass sie eine Rock-Sozialisation haben und dann irgendwann, genau genommen schon Ende der 1990er, keinen Bock mehr hatten, auf Konzerten rumzustehen und sich gegenseitig anzustarren. Also musste Bewegung her. James Murphy meint dazu lapidar: “In den USA gibt es Ecstasy eben erst seit ein paar Jahren.” Ach so.

Ende der Neunzigerjahre gründeten Sänger/Gitarrist Luke Jenner und Schlagzeuger Vito Roccoforte, zwei Schulfreunde aus San Diego, The Rapture. Sie hassten ihre Heimatstadt, zogen nach San Francisco, dann nach Seattle, schließlich nach New York. Zwischendurch tourten sie mit wechselnden Bassisten und Keyboardern durch die Staaten und lernten dabei die beiden Cousins Mattie Safer und Gabe Andruzzi aus Washington D.C. kennen. Diese gingen ebenfalls nach New York und wurden in kurzer Zeit zu festen Mitgliedern der Band: Mattie als Bassist und Zweitsänger, Gabe als Saxofonist und Electronic-Allroundtyp. So weit die schon oft erzählte Bandgeschichte, an der nichts wirklich außergewöhnlich ist, außer vielleicht das, was nicht erzählt wird: dass sich nämlich genau die Art Typen – Kinder aus Lower-Middleclass-Scheidungsfamilien, auf den Schulhöfen der US-Suburbs gemobbte School-Drop-outs, die Anfang der 90er noch Grunge gemacht und Prozac geschluckt hätten –Anfang der Nuller-Jahre mit Haut und Haaren auf “Disco” einlassen. (Und was schlucken? Egal. Vermutlich noch immer Proz.) Was dabei herauskommt: extrem euphorisierte Clubhits, mit ganz viel kleinen glücklichen Tönen, einer Rhythmus-Section, die gekonnt zwischen Laid-Back-Feeling und schlagkräftigem Rock-Handwerk variiert, und geile Gitarrenriffs, die einfach nur geil sein wollen, und, jawohl, auch authentische Clubhits, die gern auf Makabres verweisen; in der Tiefe mit einem Hauch von einem Hau, sodass die Euphorie gleich noch mehr Spaß macht, denn sie ist nicht hohl, sondern whole: ganz. Und wie verrückt passt auch der Bandname dazu, der ein Wort für “Entzückung” ist, auch im religiösen Sinne. Es gibt da diese Verheißung, dass alle Christen in den Himmel kommen: Whooo! Doch auch der Teufel hat bei The Rapture einen festen Platz, klar, die Fab Four drehen schließlich alles drei- bis dreißigmal um: ein Song, der “The Devil” heißt, sendet geheimnisvoll Wünsche und Verwünschungen aus – ein beinah sakrales Liebeslied, aber eines, das auf Metal-Gitarren basiert. Wie gesagt, bei The Rapture ist alles möglich – und nichts Zufall.

Rock the Casbah

Vito und Mattie sitzen auf Korbstühlen herum, die ich mit Strandsesseln assoziiere, heute, wo wir Mittelmeerklima haben. Ein Monstersonnenschirm hält die heiße Außenwelt auf Abstand und schenkt uns ein eigenes Dach, eine fast intime Idylle – und man fühlt sich gleich als Teil von dem Ganzen. “Willst du auch ein Stück Pizza?” fragen sie zur Begrüßung.

Nee, danke. Aber sagt mal: Hockt ihr hier schon den ganzen Tag rum und gebt Interviews?

M: Äh, nee, bisher haben wir nur ein paar Fotos gemacht. Zwei Minuten vor der Session bin ich aus dem Bett aufgestanden. Das Einzige, woran ich mich erinnere: Hitze.

Eure neue CD spielt ja auch mit ...


V: [deutet auf die Clash-Tätowierung an meinem Unterarm] Oh, is that a real tattoo?

Yes.


V: It’s awesome.

It’s awesome? Oh ...


V: Yeah!

So you don’t like The Clash?


V: No. I love The Clash.

Ah, you love The Clash.


V: Oh, awesome means good, yeah.

Oh, I thought awesome is terrible.


V: Aah, you mean awful?

[Gelächter]

Aah, you mean, it’s awesome!


V: That’s horrible, you thought awesome is awful. [Gelächter] What did you think of us? Being nasty at the beginning of the interview? [Gelächter] V: No, it’s great!

Thanks. Auf gewisse Weise haben The Clash ja auch Rock- und Dancemusik miteinander verbunden, aber natürlich mit einer ganz anderen Herangehensweise als ihr, wo man nicht mehr sagen kann, ob sich die Musik aus dem Rock oder aus dem Dance entwickelt hat.


M: Oh, danke, das streben wir an. Dennoch entwickeln wir alles aus dem Songwriting heraus. Und dieses Mal war es uns sogar besonders wichtig, dass sich jeder total auf das konzentrierte, was er am besten kann.

V: Gleichzeitig wollten wir aber auch allen die Freiheit lassen, das zu spielen, was sie wirklich wollen. Gabe zum Beispiel, der eigentlich unser Saxofonist ist, wollte unbedingt Keyboards spielen – und wir haben ihm diesen Raum gelassen.

M: Wir haben nur drei Monate im Studio verbracht. Wir kamen da rein mit den komplett fertigen Songs. Was wirklich viel Zeit gekostet hat, war also nicht das Aufnehmen, sondern das Schreiben der Stücke. Als wir von der “Echoes”-Tour zurückkamen, haben wir aber zunächst mal gar nichts gemacht. Einfach eine Auszeit genommen.

Just experience Life

V: Jeder für sich. Just experience Life. Um überhaupt wieder zu uns zu kommen, Menschen zu werden. Das muss man machen, wenn man so lange auf Tour war. Und wenn man keine Platte schreiben will, die davon handelt, wie es ist, auf Tour zu sein und die anderen Leute in der Band zu hassen.

[Gelächter]

M: Was jetzt nicht bedeutet, dass man rumsitzt und konstruiert: Was könnte ich schreiben? Es muss dann einfach wieder passieren.

Verstehe. Das klingt jetzt sehr authentisch. Was ja auch selbstverständlich ist, schließlich ist es immer auch ein physisches Erlebnis, Rockmusik aufzuführen. Ich sage das, weil es Kritiker gibt, die euch zugute halten, dass ihr gerade nicht authentisch seid. Angeblich benutzt ihr die Musikzitate nur als Ort, wo ihr zu euch selbst kommt; ihr spielt demnach nur mit den expressiven Rockmomenten, behandelt diese aber als Fremdkörper. Auch, weil ihr dabei nicht auf musikalische Ideale aus eurer Kindheit zurückgreift. Ich hingegen finde es gerade toll, wie viel echter Schmerz bei euch rüberkommt, trotz der ganzen Zitiererei.


V: Das sehe ich genauso. Es ist uns wichtig, dass das rüberkommt: Wir sind einfach die, die wir sind. Wir empfinden unsere Musik nicht einmal als Zitat-Musik! Wir sind nur nicht auf einen musikalischen Kosmos beschränkt. Denn wir haben harte Dinge erlebt, und das soll man unbedingt auch hören. Weil das zu uns gehört. Weil “wir” das sind.

M: Was für ein Bullshit soll das sein, “wir greifen nicht auf die musikalischen Ideale aus unserer Kindheit zurück”?

Das würde sicher kein amerikanischer Rockkritiker schreiben. Auf so was kommen nur die hiesigen popintellektuellen Konstrukt-Spießer. Diese privilegierten Zwangsdialektiker, die einfach nicht begreifen wollen, dass sich im wirklichen Leben die Widersprüche niemals so auflösen lassen wie in der Theorie.


[Gelächter]

M: Natürlich greifen wir auf die Ideale aus unserer Kindheit zurück. Ich bin doch kein Computer, der seinen Bass und seine Verweise abspult. Ich bin in einem Vorort von Washington D.C. aufgewachsen, mit Musik, die man heute “Urban Radio” nennt. Also HipHop und R’n’B. Als ich gemerkt habe, dass alle Kids in der Schule, die ich hasste, die mich verprügelten, dieselbe Musik hörten wie ich, fing ich an, auf Punk-Konzerte zu gehen. Ich dachte, ich kann unmöglich dieselbe Musik hören wie diese Leute. Dann zog ich nach New York und machte mit Punkrock weiter. Out of my mum’s house and into the rapture. Die Art, wie ich spielte, hatte also immer direkt mit meiner Lebenssituation zu tun.

Hat sich das mit The Rapture geändert?


M: Nur insofern, als dass wir versuchen, eine demokratische Band zu sein, in der sich jeder optimal ausdrücken kann. Wenn Vito zum Beispiel was Tolles auf dem Schlagzeug spielt, dann denke ich, mein Bass sollte dem in nichts nachstehen. Und ich versuche, mir was ähnlich Tolles auszudenken.

V: Außerdem haben wir es endlich geschafft, das in die Tat umzusetzen, wovon wir vorher immer nur gepredigt hatten: Wir wollen zwei gleichberechtigte Sänger.

M: Und nun ist es so, dass ich fünf Lieder singe – und Luke singt fünf Lieder.

Wie habt ihr das mit euren Egos arrangiert?


M: Wir wollten einfach die bestmögliche Platte machen. Man muss dann diese Egoscheiße beiseite lassen. Was eine gute Platte von einer schlechten unterscheidet, ist letztendlich: Wie gut ist der Gesang? [schaut Vito an und fügt noch schnell hinzu] Und wie gut ist das Schlagzeug?

Welche Rolle spielten die Produzenten? Immerhin habt ihr ja mit Danger Mouse, Paul Epworth [Bloc Party, Futureheads] und Ewan Pearson [Gwen Stefani, Chemical Brothers, Depeche Mode] zusammengearbeitet.


V: Die Produzenten waren dafür da, uns einen Außenblick zu geben. Wenn man mitten in der Songarbeit ist, verliert man schnell das Gefühl für das Gesamte.

Wie wichtig waren innovative Dance-Sounds für euch?


V: Uns ging es vor allem darum, wirklich gute Songs zu haben. Klar freuen wir uns, wenn wir einen Einfluss auf andere Bands haben. Aber die Hauptsache ist, dass es nach uns klingt. Dass wir als Band miteinander verschmelzen.

M: Es ist schon wahr, dass wir eine intellektuelle Band sind. Wir mögen eben den weirden New-York-Kram, aber eben auch Mainstream-Pop.

V: Man gilt doch heute schon als intellektuell, wenn man nicht nur singt: “Baby, I love you” und “Come on, let’s fuck in the car”.

[denke: “Gute Idee”, sage] Du singst den Song “Down For So Long”. Der klingt für mich so, als hättet ihr doch noch ein Mit-Band-auf-Tour-Stück geschrieben.


[Gelächter]

M: Ha, stimmt. Der Song wurde von folgender Situation inspiriert: Wir hatten einen Gig in Tennessee, zwölf Stunden Fahrt mit dem Van! Es regnete wie verrückt.

V: Geradezu gefährlich! Ein fürchterliches Gewitter.

M: Wir kamen zu spät an. Sie hatten schon eine halbe Stunde vorher unser Publikum fortgeschickt.

V: Und drinnen spielte schon eine andere Band!

M: Wir saßen, komplett fertig, irgendwo am Rande einer Straße in unserem Bus. Und es regnete immer noch. Es war eine furchtbar deprimierende Situation. Mir kam mein ganzes Leben hoch. Ich hab die ganze Welt gehasst. Ich dachte, was für eine gigantische Zeitverschwendung. Keiner sagte ein Wort. Dann schmiss jemand dieses Tape rein, 70s-Disco, und es piepste so lustig. [singt] Tuptuptupududuu. Und wie auf Kommando brachen wir alle in Gelächter aus. Das war dann wirklich toll. Das traf genau meinen Galgenhumor. Ein Moment des Lichts, in der schwärzesten Sekunde.

V: Das meine ich jetzt ohne Zynismus: Manchmal, wenn man weinen möchte, sollte man stattdessen lachen.

Ist das generell, worum es bei The Rapture geht?


V&M: Absolut!

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