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Die Beschissenheit der Dinge

The National im Gespräch

The National wollen die Welt so, wie sie ist, nicht mehr. Ihre ungestüme Absage an Selbige haben sie auf ihrem siebten Album zusammengefasst. »Sleep Well Beast« handelt von der Wut, die die Gegenwart in ihnen auslöst. Silva Silko sprach mit der Band in Paris über Trump, die Musikindustrie und nächtliche Kopfnüsse gegen Schlafzimmerwände. 
Geschrieben am
Paris schmilzt bei 36 Grad im Schatten, die vielen nebeneinander gewürgten Häuser zerschmelzen zu einer windundurchlässigen Masse. Unter mir klebt der Asphalt wie Honig. Als ich im winzigen Innenhof des Hotels auf die Band treffe, steht die Luft. Kurz habe ich Bedenken, dass Bryan Devendorf mit dem Anzünden seiner Zigarette auch gleichzeitig die Luft entflammt. Zwischen Proben in Paris und Organisationsstress seitens der Band werden noch ein paar Musikjournalisten durchgereicht. Wie beim Speed-Dating darf ich von Platz zu Platz wechseln: erst die Gebrüder Devendorf, dann die Dessner-Zwillinge und am Ende Matt Berninger. Letzterer ist also die Wurst auf dem Brot – allein schon, weil das Gespräch mit ihm in einem angenehm klimatisierten Raum stattfindet. 

The National ist eher ein Bekenntnis als ein Bandname. Wenn man anmerkt, dass man mit der Musik nichts anfangen könne, wird man von ihren Jüngern fachsimpelnd beraten. »Die Songs brauchen Zeit. Wart’s ab!« heißt es, und darauf folgt ein weises Lächeln von denjenigen, die sich schon auf der Seite des Lichts befinden. Barack Obama ist einer von ihnen und nutzte den Song »Fake Empire« als inoffizielle Hymne für seinen Wahlkampf im Jahr 2008. Obama – der ein neues Politiker- und Männerbild prägte wie wohl kaum ein anderer in den letzten 30 Jahren: eloquent, lässig, männlich, dennoch gleichberechtigt denkend und attraktiv. Er verkörpert also alles, was Donald Trump mit seiner bescheuerten Frisur und seiner vor Stumpfheit strotzenden Aura nicht ist.
Für Berninger ist die Nacht der Trump-Wahl ein grausames Datum. »Früher habe ich die Ruhe der Nacht geliebt. Seit dem 9. November hingegen habe ich unzählige Nächte damit verbracht, meinen Kopf gegen die Wand zu hauen.« Er beantwortet damit eine Frage, die ich nicht gestellt habe. Das passiert in diesem Interview häufiger, und am Ende werden einige Gesprächsfährten wie lose Enden im Raum hängen bleiben. »Ich bin nicht bereit, Verständnis für die Wahl Trumps aufzubringen. Ich werde es nie sein!« erklärt Berninger und drückt damit seine Absage an die aktuelle Gesellschaftslage der USA aus. Sein Blick richtet sich eher in die Zukunft: »Es sind die nächsten Generationen, die mit dem umgehen müssen, was wir gerade anrichten. Und sie werden uns zur Rechenschaft ziehen und wissen wollen, was schiefgelaufen ist! Darum geht es auf ›Sleep Well Beast‹. Um unsere Verantwortung. Na ja, und um das Übliche: Beziehungen und das alles.« Zumindest ging es zunächst darum. Berninger hat angefangen, das Album zu schreiben, bevor die Nacht des 9. November den Himmel verdunkelte.
Bryce Dessner stimmt ebenfalls in Berningers beherztes »Fuck you« ein – wenn auch zu einem ganz anderen Thema. Er hat keine Lust mehr auf das eingerostete Musikbusiness und lässt sich darüber aus, bevor ich die erste Frage stelle: »Warum müssen wir hier sitzen und Monate vor Veröffentlichung über unser nächstes Album sprechen? Ich weiß, das sind die Regeln der Musikindustrie, aber sie taugen nicht mehr.« Kein Wunder also, dass sich Bryce und Aaron Dessner und die A-Liste der anspruchsvollen Popmusikszene gemeinsam Parallelwelten bauen und Veranstaltungen organisieren wie das Michelberger Music Festival in Berlin oder das Eaux Claires Festival in Wisconsin. Hier können High-End-Musiker nebeneinander rumnerden und mal so richtig ausrasten, ohne dass sie streng genommen abliefern müssen. »Musik ist und war für uns immer schon Emotion. Es ist eine der stärksten Emotionen, und das ist sie für jeden – egal, auf welche Art du dich mit ihr beschäftigst«, erklärt Aaron. »Die Beziehungen zwischen Menschen und Musikern sind etwas Besonderes, und wir wissen, dass wir sie schützen müssen, denn sie sind verdammt fragil.« Hier bringt Bryce das Gespräch dann wieder zurück zum Album, weil er in der Aussage seines Bruders auch die Erklärung des Titels sieht: »Das pure Gefühl zueinander kann auch ein Biest sein. Man sollte es dennoch gut behandeln.«  

Das Biest im jeweils anderen scheinen The National bei den Aufnahmen zum neuen Album allerdings nicht entdeckt oder eingeschläfert zu haben. »War alles friedlich«, versichert mir Scott Devendorf. Dennoch wirkt die dunkle Symmetrie des Gebäudes auf dem Plattencover eng und bedrohlich. Es zeigt Aarons neu gebautes Studio, in das sich die Band mehrfach wochenlang einschloss, um das neue Album zu produzieren. »Wir mussten miteinander klarkommen, wenn es Probleme gab, und wir mussten zügiger und intuitiver arbeiten. Es gab halt keinen Ausweg«, erklärt Bryan Devendorf die Dynamik. Dennoch scheint das Album weniger aus einem Guss als die Alben zuvor. Es wirkt zersplittert wie ein auf dem Boden zerschmettertes Glas. »Wir haben einfach gemacht, worauf wir Lust hatten, und Musiker eingeladen, die wir gerne dabeihaben wollten. Zum Rest musst du Matt fragen, wir vertrauen seinem Gespür. Ich bin hier eigentlich nur der Bassist«, sagt Scott Devendorf und zuckt lächelnd seine Achseln.

Matt zu fragen bedeutet jedoch, den gesamten Frust über die gegenwärtige Beschissenheit der Dinge zu erfahren. Und plötzlich bin ich durch ihn angestachelt, die Ausweglosigkeit als Analogie überall zu sehen: im Studio Dessners bei den Aufnahmen des wütenden siebten Albums von The National, im Schock über die US-Wahl und die braune Suppe in Europa, die wieder brodelt, in der Musikindustrie, die jede Kreativität killt, und natürlich in der Hitze des mittlerweile erstickten Paris. Matt entschuldigt sich für seine Negativität und rechnet aus, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann, bis endlich alles wieder besser wird. »Es kann ja nur noch bergauf gehen, oder?« fragt er mich am Ende des Interviews hoffnungsvoll.

The National

Sleep Well Beast

Release: 08.09.2017

℗ 2017 4AD

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