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»Wir glauben an Rock’n’Roll!«

The Killers im Gespräch

Fünf Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung bringen die Killers mit »Wonderful Wonderful« ihr fünftes Studioalbum heraus und laden nach London ein. Der Band merkt man ihr Vollprofitum mittlerweile an – auf der Bühne ebenso wie im Studio und auch im Gespräch. Trotzdem gelang es Leonie Scholl, ihnen das eine oder andere spannende Statement zu entlocken. 
Geschrieben am
In der Medienwissenschaft gibt es die Theorie, dass im Radio die Hits aus vergangenen Jahrzehnten deshalb gespielt werden, weil Menschen gerne die Musik ihrer Jugend hören, denn diese Zeit verbinden sie mit schönen Erlebnissen, dem ersten Verliebtsein und einer sorgenfreien Zeit. Aus keinem anderen Grund würde man 2017 noch auf die Idee kommen, »Hits aus den 90ern« zu spielen. Schließlich haben sich das Hörverhalten und der gesamtgesellschaftliche Musikgeschmack längst gewandelt – so ist in diesem Jahr erstmalig HipHop das führende Genre auf dem US-amerikanischen Musikmarkt. »Rock ist tot!« hat Gene Simmons schon vor drei Jahren verkündet, allerdings eher in dem anprangernden Zusammenhang, dass junge Rockbands nicht mehr unterstützt werden und Rockmusiker nicht mehr in Stein gemeißelte Gitarrengötter sind, die in der Musikindustrie einen ganzen Rattenschwanz mit durchbringen können. Auch sie müssen sich aufgrund von Digitalisierung dem Zeitgeist des neuen Jahrtausends stellen.

So auch The Killers. Gleich vorneweg: »Hot Fuss« und »Sam’s Town« sind meines Erachtens zwei der besten Alben der 00er-Jahre, und selbst »Human« auf »Day & Age« hatte noch Klasse. Was danach kam, erinnert mich an lieblos zusammengezimmerte, teils selbstmitleidige Tunes von alternden Rockstars ohne irgendwelche spannenden Neuerungen. Reicht das? Offensichtlich: The Killers füllten trotzdem noch riesige Hallen und führten mit jeder neuen Veröffentlichung über Wochen hinweg die internationalen Albumcharts an. Ob sich das mit »Wonderful Wonderful« ändern wird? Vermutlich nicht. Aber warten wir ab.

In London erwarten mich passendes Regenwetter, ein perfekt gestylter Brandon Flowers und Drummer Ronnie Vannucci. Angesprochen auf das oben beschriebene Dilemma, reagieren sie mit Abwehrhaltung – das Thema scheint ein rotes Tuch zu sein. Ronnie: »Du siehst nicht viele HipHop-Acts, die dem Lauf der Zeit standhalten. Wenn du zu einem Rock’n’Roll-Konzert gehst, werden dort 40 Jahre alte Songs gespielt, und die Leute sind immer noch davon berührt. Das macht Rock’n’Roll mit den Leuten, aber kein anderes Genre. Wir glauben an Rock’n’Roll!«

Die beiden sind Interviewprofis. Jede Antwort klingt wie dem Pressekit entnommen. Der einzige Moment, in dem sie in euphorisches Schwärmen ausbrechen, ist, als es um ihren Mitproduzenten Jacknife Lee geht. Ronnie: »Er hatte die Rolle einer Marionette, eines fünften Mitglieds und Führungsberaters zugleich. Manchmal lag er für mehrere Stunden auf dem Boden und hatte 20 oder 30 Pedale vor sich. Er wusste oft viel eher, was wir wollen, als wir selbst. Er hat diese andere Perspektive auf die Band, schaut von außen darauf. Und er glaubt an Rockmusik und will, dass sie weiterlebt. Er weiß aber auch, dass sich die Musiklandschaft gewandelt hat und man es anders angehen muss, wenn man 2017 eine Rock’n’Roll-Platte machen will.« Brandon ergänzt: »Er hat diese ansteckende Energie und diese Begeisterung für Musik. Wenn man so viel herumkommt wie wir und sich auch mit der Businessseite auseinandersetzen muss, vergisst man manchmal, worum es wirklich geht. Er hat uns geholfen, uns wieder daran zu erinnern.«
Es klingt ein bisschen so, als seien The Killers müde geworden vom immerwährenden Druck, neue Musik schreiben zu müssen. Dafür spricht auch, dass ein Song auf der neuen Platte »Have All The Songs Been Written« heißt. Brandon: »Wie vermutlich alle, die eine Weile lang Musik machen, haben auch wir uns irgendwann diese Frage gestellt. Es ist ironisch, dass daraus ein eigener Song entstanden ist.«

Was also haben The Killers im Jahr 2017 zu bieten? Ein Albumtitel mit dem Namen »Wonderful Wonderful« könnte schon fast als ein rebellisches »Fuck you!« in Richtung der »Denkt kreativ!«-Fraktion gelesen werden. Brandon kommentiert staubtrocken: »Wir finden das, was wir tun, immer ›wonderful‹. Viel mehr Bands sollten da offener drüber reden. Du musst stolz auf das sein, was du gemacht hast. Wenn du denkst, dass es nicht gut genug ist – bring es eben nicht raus.« Ich wünschte mir, genau das hätten sie vor der ersten Singleauskopplung »The Man« gedacht. Im Video macht Brandon auf dicke Hose und stapft mit Cowboyhut durch die Stadt. Auf meine Nachfrage, ob das als Macho-Geste oder ironisch zu verstehen sei, lacht er nur. Auf jeden Fall sei es eine Hommage an Peter Gabriels »Big Time«.
Einige ihrer Ansichten haben sich im Laufe der Jahre geändert. Brandon erzählt: »Seit ich Kinder habe und sehe, wie unterschiedlich sie alle sind, habe ich viel mehr Verständnis und Mitgefühl für andere Menschen. Und unsere Prioritäten haben sich geändert. Du musst dich irgendwann dafür entscheiden, welchen Weg du gehst, und dann auch dahinterstehen. Und natürlich hat sich auch unsere Sicht auf Männlichkeit verändert. Als wir als Band angefangen haben, dachten wir, es gehe um Muskeln und Geld, aber mit der Zeit haben wir gelernt, dass es um dein Herz und deine Art zu denken geht. Davon handeln auch die anderen Songs auf dem Album.«

Aber auch wenn ich mit der Single nicht ganz warm werde: The Killers können es noch. Zwischen vielen U2-Stadionrocknummern ist tatsächlich ein Song, der mein leicht angefrorenes Indie-Herz höher schlagen lässt: die aktuelle Single »Run For Cover«. Ronnie erklärt dazu: »Es ist der älteste Song auf dem Album. Wir haben ihn schon vor neun Jahren angefangen zu schreiben. Seitdem hat uns Brandons älterer Bruder Shane etwa einmal im Jahr erinnert, daran weiterzuarbeiten.« Brandon: »Es ist das erste Mal, dass wir an einem Song so lange festgehalten haben, aber das muss für ihn sprechen. Wir sind immer noch ganz begeistert.«

Trotz aller Begeisterung: Als ich das Hotelzimmer verlasse, werde ich den Eindruck nicht los, dass der große Rockmythos tatsächlich tot ist. Er liegt irgendwo begraben – von Drake-Memes und Kendrick-Lamar-Mixtapes in den Staub getreten. Auch wenn meine Generation wohl auch in den kommenden 20 Jahren noch ausrasten wird, sobald »Mr Brightside« im Radio läuft. Aber dafür gibt es schließlich eine wissenschaftliche Erklärung.

The Killers

Wonderful Wonderful (Deluxe)

Release: 22.09.2017

℗ 2017 Island Records, a division of UMG Recordings, Inc.

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