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Status? Es ist kompliziert

Sookee im Gespräch

Frauen im Deutschrap? Sind glücklicherweise spätestens seit Haiyti und SXTN kein Schock mehr. Sookee ist seit Jahren konsistent dabei. Jetzt tut sie sich den Zirkus erneut an – mit ihrem Album »Mortem & Makeup«. Aida Baghernejad hat sich mit ihr über Lernprozesse, Sexismus und schwule Pinguine unterhalten.
Geschrieben am
Die Welt, sie geht den Bach runter. Rassismus, Sexismus, der ganze Quatsch, er geht ja leider nicht von selbst weg. Umso wichtiger, dass es Menschen wie Sookee gibt: Seit über zehn Jahren ist sie in der Rap-Szene unterwegs und liefert Insights statt Punchlines. Auch wenn es manchmal (also eigentlich immer) Kritik regnet. Technisch sei sie ja sauber und so weit vorne wie sonst wenige in Deutschland, quakt es aus den Kommentarspalten, aber diese Texte, das wäre ja purer Männerhass, voll peinlich. Statt Argumenten wird das Schreckgespenst Alice Schwarzer aus der Mottenkiste geholt, weil es wahrscheinlich die einzige Person ist, die von solchen Typen mit Feminismus in Verbindung gebracht wird. Oder es wird gleich nur rumgepöbelt. »Was will die Frau überhaupt im Rap? Sie soll zurück in die Küche gehen!!!« Alles das typische Blabla. Alles verdammt anstrengend.

Nicht nur deswegen könnte man Sookees eigener Beziehung zum Rap wohl am ehesten den Status »Es ist kompliziert« zuschreiben. Im Track »Vorläufiger Abschiedsbrief« auf ihrem letzten Album rechnete sie mit Sexismus, Homophobie und Gewalt im Deutschrap ab. Es schien, als wolle sie sich eine Weile aus der Popwelt zurückzuziehen. Doch ganz weg war sie nie: Als Aktivistin war sie die letzten Jahre viel unterwegs, ist getourt, hat Tracks veröffentlicht und ein Kind bekommen. Warum tut sie sich den Zirkus jetzt wieder an – mit neuem Album, Promo und allem, was dazugehört? »Ich glaube, ich habe mich zwischenzeitlich von meiner eigenen Emanzipation emanzipieren müssen. Außerdem habe ich überprüft, an welcher Stelle aus einem Prinzip ein Dogma geworden ist, mit dem ich mir und anderen Leuten weder gut noch recht getan habe.« Zurück auf Los also. Oder? Nicht ganz: Für »Mortem & Makeup« hat Sookee umgebaut. Neues Management, neues Label, eigene Tourband und -crew. »Es ist mein fünftes Album. Ich hätte nicht noch ein fünftes Mal dasselbe machen können.«
Sich die Sache einfach zu machen ist aber nicht ihr Ding: Statt für grölbare Parolen und Storys aus dem (imaginierten) Getto stand Sookee schon immer für komplexe Diskussionen. Und zwar so sehr, dass die Kollegen von Noisey einmal schrieben, ihre Texte klängen wie eine »Vorlesung aus dem Soziologie-Grundstudium« – und ganz unrecht hatten sie damit nicht. Trotzdem ärgerte sich Sookee über die Kritik. Vor allem, weil diese einen wunden Punkt traf. Aber Sookee wäre nicht Sookee, hätte sie sich nicht damit konfrontiert, statt es entweder wegzuwischen oder wie Fler in einem YouTube-Interview Journalisten zu dissen. Wenige Künstler gehen mit ihrer Selbstkritik so offen um wie sie. Sie hat in der Vergangenheit sogar gleich mehrere Tracks mit dem Titel (und Inhalt) »Lernprozess« veröffentlicht. Im Schwanzvergleich-Genre Rap macht jemand seine eigene Fehlbarkeit öffentlich? Und geht damit auch noch nach vorne? Unerhört!

Auf dem neuen Album hat die Soziologie-Vorlesung einem Ausflug ins Kinderzimmer Platz gemacht. Einfache, zugänglichere Sprache, verspielte kindliche Perspektiven. Eine gewisse Neigung zum Pathos? Vielleicht. Wahrscheinlich auch irritierend für jene, die Sookee vor allem als die reimende Diskurs-Kanone kennen. Aber wenn es um Themen wie Verschwörungstheorien oder Homophobie geht, schlägt sie nun einen anderen Ton an: »Die alte Sookee hätte jetzt einen theoretischen Text darüber geschrieben« – die neue schreibt einen Track wie »Queere Tiere«, wo schwule Pinguine und Gender-Bending-Meerestiere auftreten. Das ist ganz schön herzig und weit weg vom Fremdwörterbuch. So kuschelig geht es aber nicht auf dem ganzen Album zu: Gleich der erste Track »Q1« nimmt sich sächsische Cops, brennende Geflüchteten-Unterkünfte und neue Asylgesetze vor und wünscht Beatrix von Storch Torten ins Gesicht. Dislikes sind bei so einem Thema und jemandem wie Sookee natürlich immer sicher – und kamen auch prompt, als sie das Video auf ihren YouTube-Kanal lud. Trotzdem ist sie stolz auf das neue Album. »Ich bin so froh, das gemacht zu haben! Ich war vorher immer unsicher, hab mich gefragt, ob ich jemandem damit Unrecht tue, und war auch immer mit mir im Skills-Zweifel. Aber die Platte find ich jetzt richtig geil!«
Klar, Sookee steht nicht allein da – nicht als explizit linke Rapperin, nicht als weibliche Künstlerin, auch nicht als einzige mit dezidiert queer-feministischer Perspektive auf die Dinge. Trotzdem sticht sie aus der recht kleinen Szene heraus, eben weil sie länger dabei ist als die meisten. Weil sie trotzdem geblieben ist. Weil sie in der Szene groß geworden ist und diese in Deutschland mitgeformt hat: »Ich vermisse diese ganzen Frauen, die mal dabei waren, aber in andere Berufe gegangen sind, sich zurückgezogen haben, die keinen Bock mehr auf die Szene hatten. Das sind alles legitime Gründe. Das geht mich auch einen Scheiß an – aber trotzdem werden es leider weniger. Es gibt keine Rapperin mit einer Diskografie von mehr als drei Platten. Wo sind die restlichen?« Immerhin haben in den letzten Jahren viele sehr verschiedene Frauen den Deutschrap aufgemischt: Haiyti, SXTN und seit Neuestem auch Ace Tee. Ob all diese coolen Frauen dabeibleiben oder auch nach einigen Jahren verschwinden werden, weil es eben keinen Spaß macht, sich tagtäglich beschimpfen zu lassen, bleibt offen. Sookee ist aber wieder am Start. Und hat auch gar nicht vor, es den Hatern leicht zu machen.

Sookee

Mortem & Makeup (Deluxe Version)

Release: 17.03.2017

℗ 2017 Buback Tonträger

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