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Nach der Selbstzerfetzung

SOHN im Gespräch

Gefällige Elektro-Soul-Pop-Melancholie machte SOHN 2014 zur großen Nummer. Seitdem bewegte er sich stetig raus aus seiner Komfortzone – seinem zweiten Album »Rennen« hat das sehr gut getan. Steffen Greiner traf einen sehr erwachsenen netten Jungen mit korrekten Ansichten übers Musikmachen.
Geschrieben am
Nette Jungs, überall nur nette Jungs. Immer, wenn ich für Intro unterwegs bin, treffe ich den gleichen Typ »netter Junge«, der breitenwirksame elektronische Musik macht. Und von allen netten Elektro-Boys ist SOHN der allernetteste. Das klingt natürlich sehr gehässig, denn SOHN alias Christopher Taylor ist nicht bloß nett, sondern auf eine entwaffnende, offene Art sehr sympathisch und weise. Kräutertee trinkt er, weil auch er in diesem verregneten Winter erkältet ist. Und wirkt trotz Rotz und dem Interview-Marathon, in dessen Mitte er steckt, sehr entspannt. Nicht wie der Typ Mensch zumindest, der ein Album über das Abhetzen gemacht hat: »Rennen« heißt es, ist sein zweites und bezieht sich auf den »lifestyle of sprinting«. Darin verpackt er seine Erfahrung, »zehn Leben innerhalb von zwei Jahren zu leben«, die er seit seinem Debüt »Tremors« gemacht hat. Ein Album voller Songs, die ihn ganz nach oben in die Rankings melancholisch-souligen Elektro-Pops katapultiert haben.

Tatsächlich ist einiges passiert in dieser Zeit. Entstand »Tremors« noch nach Jahren der Expat-Isolation in Wien, fernab seiner Londoner Heimat, ihrem wirtschaftlichen und künstlerischen Druck und ein wenig geheimnisumflort, ist er nun in die Musikbiz-Kapitole Los Angeles gezogen, wurde dort für immer mehr Produzentenjobs (zuletzt für die prominente Versalien-Genossin BANKS) angefragt, traf seine jetzige Lebensgefährtin und ist seit einigen Wochen Vater. »Rennen« entstand mit einer Menge Erfahrung im Business und nicht in jenem Exil, in dem er seinen Sound ursprünglich entwickelte. Als Taylor das Album konzipierte und bemerkte, dass er wieder ein wenig aus dem Musikzirkus aussteigen musste, landete er dennoch eben nicht in einer verwunschenen Waldhütte im Burgenland, sondern in jener kalifornischen Waldhütte, in der eine Woche zuvor Kanye West an »The Life of Pablo« arbeitete: »Der einzige Einfluss, den das auf mich hatte, war aber, dass der Kühlschrank voller Jack Daniels und Hühnchen war. Überall war Fleisch!«

Natürlich hat er es nicht gegessen, der nette Bub. Stattdessen hat er mit Synthesizern experimentiert (nicht mit Synthie-Software, wohlgemerkt!), Sounds und Rhythmen gefunden und ein Album aufgenommen, das zwischen den Polen altbekannter Melancholie und neuen, fast tanzbaren Polit-Beats stattfindet. Für seine Verhältnisse beinahe Auf-die-Fresse-like sind Songs wie »Primary« oder »Conrad«, der das gloomy Gefühl in Musik packt, dass da in nächster Zeit Unschönes auf uns zurast - geschrieben wurde das Stück im Angesicht der Entwicklung des österreichischen Rechtspopulismus. »Proof« ist Thom Yorkes Solo-Werk mit R&B-Beilage, »Still Waters« hingegen ein himmelerweiternder Gospelsong: Entstanden ist er ursprünglich während der Zusammenarbeit mit dem Londoner Soul-Sänger Kwabs, der bei Pflegeeltern aufwuchs. Dementsprechend beschäftigt der Song sich mit dem Wunsch einer Mutter, das eigene Kind sicher in die Welt zu entlassen: »Als ich dann erfuhr, dass ich einen Sohn bekommen würde, spürte ich, dass der Song von mir handelt, also habe ich ihn selbst verwendet.« Eine wiederkehrende Geschichte dieses Albums: Songs, die für andere Stimmen geschrieben wurden, verwendete SOHN schließlich selbst, weil sie doch noch Reste der eigenen Stimme beinhalteten.
SOHN wurde für Musik bekannt, die so klingt, wie Musik klingen muss, wenn sie im Hintergrund eines Films läuft, in dem Menschen in einem Café sitzen und Kakao trinken und darüber reden, dass jemand gerade gestorben ist – ein wenig wie ein ausgeliehenes Gefühl. Wie die Malen-nach-Zahlen-Version von James Blake oder, wie Kollege Schwilden es damals in der »Welt« treffend auf den Punkt brachte: Musik für »Menschen, die gerne Lounge-Musik hören, aber trotzdem wie Existenzialisten wirken wollen.« Wir ergänzen: Für BWL-Studis, die nicht wagten, sich für Philosophie einzuschreiben, für Landshuter Referendare, die lieber isländische Wanderhirten wären, für banale Realisten, die glauben, sie hätten auch manchmal richtige Träume, you get it.

»Ich wollte diesmal weniger dramatisch, dafür aber unmittelbarer sein. Und auf persönlicher Ebene weniger involviert.« Sein Debüt sei von falschen Idealen angetrieben gewesen, analysiert er heute: »Es gibt in der Musik und auch in den anderen Künsten diese Vorstellung, dass man ein leidender Künstler sein müsse, um als authentisch und intelligent wahrgenommen zu werden. Aber heute glaube ich nicht mehr, dass man sich selbst zerfetzen muss, um große Musik zu produzieren. Heute folge ich meinen Instinkten und Einflüssen.« Die neuen Stücke klingen nicht so, wie sie zuvor konstruiert wurden; man hört nicht das Design, sondern Taylors Reaktion auf den tatsächlichen Klang seiner Ideen. »Ich will die Musik nicht ersticken, indem ich immer schreie: Das bin ich!«, sagt er. Sicher gibt es auf »Rennen« noch immer, wie auch schon auf »Tremors«, viel Musik, die dem Hörer nicht genug Freiheit lässt, sie im Kopf selbst aktiv fertigzubauen, sondern ihn platt in eine Richtung triggert. Und es gibt genug Tracks, die nach nachgebauter Gefühligkeit klingen – nicht, dass ich gerne so einen Authentizitätsdiskurs reiten würde, aber der von realen Ereignissen in Taylors Umfeld inspirierte Versuch, ein Lied zu schreiben, das beschreibt, wie ein Sohn seinen Eltern erklärt, dass er gedenkt, sich umzubringen, klingt in seiner Fadheit doch ein wenig unangemessen - und dann ist es auch noch der Titelsong! Aber was soll’s, denkt sich SOHN, und man stimmt ihm zu: »Wenn man ein Debüt macht, denkt man sich immer: Das muss mich jetzt ganz exakt widerspiegeln, jeder muss genau hören, was ich erreichen möchte. Diesmal war es eher so: Das ist jetzt eben das zweite Album von vielleicht zehn, die ich machen werde. Das ist nur mein kreativer Output zum jetzigen Zeitpunkt und definiert nicht, wer ich als Mensch bin. Dadurch konnte ich wirklich genießen, es aufzunehmen.«
Entstanden ist eine bunte Sammlung, ein Panorama des Könnens Christopher Taylors mit einigen Höhepunkten und einigen flachen Momenten. Brillant produziert ist »Rennen« übrigens außerdem auch, sehr fein und vielschichtig arrangiert und, immer noch erstaunlich: Wie perfekt seine wohlklingende Soul-Stimme sich in diese Arrangements einbettet. Dass der Mann insgeheim längst weiß, wie der perfekte Song geht, er ihn aber noch nicht schreiben wollte, verwundert kaum: »Es ist alles nicht so kompliziert, wie einem der Intellekt das immer einreden will.« Er hebt ihn ja bloß auf für Album acht, der nette Junge.

SOHN

Rennen

Release: 13.01.2017

℗ 2017 4AD

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