×
×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

So war's in Wien: Die vergessenen Grenzen des Menschlichen

Lady Gaga live

Braucht es eine gigantische Burg, 50 Backgroundtänzer und Outfitwechsel nach jedem Song, um ein gutes Konzert abzuliefern? Die Frage ist falsch formuliert, denn ein Konzert wäre Lady Gaga zu limitiert, um ihre Botschaft zu transportieren.
Geschrieben am
18.08.2012, Wiener Stadthalle

Lady Gaga nennt ihre Konzerttour nicht umsonst »Born This Way Ball« – es handelt sich um einen Ball mit bestimmten Regeln, ein durchkonzipiertes Spektakel zur Sichtbarmachung unserer Grenzen und die Auflösung am Ende: es gibt keinen Unterschied zwischen ihr und uns. Sie sagt »I am not human. I am you.«. Mir kommen die Tränen.

Lady Gaga hat ihre menschliche Hülle aufgegeben zugunsten eines höheren Gutes. Sie will kein Popstar mehr sein, keine Sängerin oder Tänzerin, keine Modepuppe. Sie ist nicht mehr menschlich. Sie ist wahrhaftig Mother Monster, die Heilsbringerin einer neuen Generation von emanzipierten Individuen. Das Medium der Musik operiert als Einstieg in das Universum, jedoch merkt man bald, welche Ebenen eigentlich bedient werden. Nämlich alle. Lady Gaga will nicht, dass wir ihre Musik hören. Ihre Songs sind nur ein kleines Instrument auf dem Weg in unsere Herzen. Da will sie hin – oder besser: da ist sie bereits. Sie ist wir. Wir haben sie erschaffen. Unser Wunsch nach einer anderen Zukunft, nach einer besseren Welt hat sie zum Leben erweckt.

Die meiste Zeit trägt Lady Gaga riesige Masken, die ihr Gesicht nicht erkennen lassen. Niemand kann sich sicher sein, dass tatsächlich sie dahintersteckt. Es ist auch gar nicht wichtig. Wenn sie auf einem Pony reitend die Bühne zum ersten Mal betritt und dabei aussieht wie das Alien von Giger mit Strass, dementsprechend absolut unkenntlich ist, ist ihre Aura ausreichend für Gekreische und Schwindelanfälle. Sie ist das Kunstprodukt, das vergöttert wird. Kunst steht hier zur Abwechslung wirklich im Gegensatz zur Realität. Alles an ihr ist künstlich, denn sie hat sich selbst geboren. Die Metapher wird gleich beim zweiten Stück materialisiert. Gaga präsentiert eine metergroße, aufgeblasene Vagina, die nicht nur ihre ist, sondern durch die sie von oben nach unten durchschlüpft und sich somit selbst das Leben schenkt. Das Prinzip »Born This Way« kann somit mit allen Widersprüchen gesehen werden: Gott hat mich so gemacht, ich entscheide wer ich bin, ich bin meinen Eltern dankbar und lehne sie ab, ich bin meine Eltern, ich bin geboren, ich habe mich geboren, ich werde mich immer wieder gebären können. Vor allem aber: Mensch zu sein ist zu limitiert. Mensch zu sein, heißt: schwul, lesbisch, bi, hetero, Mann oder Frau zu sein. Lady Gaga vertritt nicht nur postfeministische und emanzipatorische Standpunkte, sondern lebt ihre posthumanistische Phantasie aus. Kein Wunder, dass sie von allen dafür verehrt wird, weil das eben viel Mut erfordert. Sogar heute noch, sogar im Popbiz.

Zwischendurch vergibt Gaga Einladungen an besonders fanatische Begeisterte aus dem Publikum. Man weiß nicht genau, wer sich darüber mehr freut, die Eingeladenen oder Gaga selbst. Sie lebt von ihren Fans und ihrer Inspiration. Der Fehler bei vielen Superstars scheint zu sein, dass sie sich selbst durch ihre Arbeit verlieren. Gaga jedoch ist die pure Projektionsfläche. Es gibt kein »dahinter«, kein »echt«, es gibt keine Privatperson. Die Songs des ersten Albums wie z.B. »Just Dance« stechen thematisch sehr hervor, weil es da noch um Alkohol, Disko und Spaß ging. Mittlerweile wirkt dieser Stil unpassend, denn es geht ja nicht darum, dass uns die Lieder etwas von Lady Gaga erzählen wollen. In den Songs geht es doch um uns! I’m your biggest fan, I’ll follow you until you love me. Soll heißen: bis ich mich selbst liebe. Die ultimative Aufgabe für Künstler könnte sein, Fans zu erschaffen, die sich so akzeptieren und lieben, dass sie keine großen Vorbilder mehr brauchen. Die Versuche von Christina Aguilera mit »Beautiful« oder TLC mit »Unpretty« gehen einfach nicht weit genug und sind viel zu beschränkt. Es braucht eine Lady Gaga, die ein Empowerment auf ganzer Linie predigt. Es mag einigen helfen, sie dabei auch wahrhaftig live zu sehen. Dass man ab der 10. Reihe sowieso die ganze Zeit auf den Monitor schaut statt zur Bühne, ist eine typische Faust-Erkenntnis: das Abbild ist schöner als die Wirklichkeit.

Insgesamt dauert die Show über 2 Stunden. Sie lässt keinen Hit aus. Mal ist sie ein Motorrad, mal hängt sie an einem Fleischerhaken, dann wird sie durch den Wolf gedreht. Wenn ein Fan ihr ein Kleidungsstück hinwirft, zieht sie es an. Man fühlt sich, als wäre man zuhause angekommen. Alles hat auf einmal einen Sinn. Zuhause im Haus of Gaga.



Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr