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So war's an der Ostsee: Hält bei jedem Wetter

Rolling Stone Weekender 2011

Unser Autor Jan Martens berichtet vom besten Beweis dafür, dass man auch im Rock würdevoll altern kann – dem Rolling Stone Weekender am Weißenhäuser Strand.
Geschrieben am

11. und 12.11.2011, Wangels, Weißenhäuser Strand.
 
Es ist schön, wenn man Menschen die Gelegenheit geben kann, in Ruhe zu altern. Wer sich zu betagt fühlt, um die Treppen im eigenen Hause zu erklimmen, kann sich bequeme Lifte installieren lassen. Reicht der Appetit nicht mehr für den kompletten Fleischteller »Helena« beim Griechen, wird einfach die weniger üppige Seniorenvariante bestellt. Seit 2009 denkt FKP Scorpio ganz speziell an eine der Personengruppen, die sich wohl am frühesten (ca. mit 27 Jahren) »irgendwie alt« zu fühlen beginnt: Die Festivalgänger.

Der Rolling Stone Weekender bietet, was so gut wie jedes andere Festival – ob outdoor oder indoor – häufig missen lässt: Das gewisse bisschen Komfort. Anstatt auf unbequemen Luftmatratzen wird in weichen Federbetten genächtigt, und statt bei der hygienisch fragwürdigen Dönerbude kehrt man in der Pizzeria oder dem Fischrestaurant ein. Und auch das, worum es eigentlich geht – nämlich das Konzertprogramm – gehört zu den distinguierteren und feineren in diesem Land. Die ungewöhnlich langen Spielzeiten der Bands, die in diesem Zusammenhang genannt werden müssen – volle 90 Minuten auf der Hauptbühne – ließen sich problemlos ebenso mit dem Komfortgedanken begründen: Mehrmals stündlich von Stage zu Stage rennen erübrigt sich so mehr oder weniger, wer sich einmal für ein Konzert entschieden hat, kann in diesem so versinken, wie es sonst oft nur Saal-Konzerte ermöglichen.
Ein komplettes Ausblenden der Umgebung bietet sich sowieso an, wenn man die Locations des Weekenders besieht: Das Rondell, dessen Bühne größtenteils von Songwritern und ihrer Akustikgitarre bespielt wird, wirkt wie ein aufgeblasenes Gartenhäuschen, ist dadurch aber auch perfekt für ruhige Momente wie die A-Cappella-Songs eines Ed Sheeran. Der Baltic Festsaal wiederum könnte bald schon wieder Omas 80. Geburtstag und die Weihnachtsfeier des Gesangsvereins Scharbeutz beherbergen – da wirkt es beinahe absurd, wenn sich gerade dort die gewohnt weltvergessen jammenden Portugal. The Man von Psychedelic Rock zu West Coast Pop gniedeln oder der Postrock von Explosions In The Sky den Kopfkinoprojektor anwirft.
 
Das »klassische« Umfeld findet sich dann doch vor der Zeltbühne – zumindest, wenn man sich die Winterjackenpflicht und den Fakt, dass die Wurstbude vor dem Eingang Glühwein im Angebot hat, wegdenkt. Diese gewisse Eisigkeit steht dem Auftritt von Archive jedoch gerade gut, wie gewohnt kühl, düster und beinahe als Best-of-Gig zu verstehen. Dass sich so eine Band am Ende des Abends fröhlich mit dem gemeinen Publikum an der Theke betrinkt, mag verwundern. Die Fleet Foxes hingegen bleiben Sonnenkinder: Psychedelische Farben und Formen auf einer der wenigen Leinwände des Wochenendes, Jazztrompetensoli und immer wieder diese (bereits zum zweiten Mal) schönsten Harmonien des Jahres. Das gefällt am Weißenhäuser Strand nicht jedem, aber lässt mehr als manche selig zurück – ganz im Gegensatz zu Nada Surf, dessen Tralala nun gar nicht in den November (wenn überhaupt einen Monat) passen mochte.
 
In der Reihe allwettertauglicher Acts machen auch die Headliner keine Ausnahme: Wilco lullen gleich zu Beginn mit dem zwölfminütigen »One Sunday Morning« ihr gebanntes Publikum ein, nur um dieses kurz später mit »The Art Of Almost« und anderen Noise-Einlagen umso effektiver wach prügeln zu können. Dass niemand so geschmeidig zwischen Melancholie und Krach pendeln kann wie die Mannen um Jeff Tweedy, demonstrierte die Band dem Weißenhäuser Strand ja auch schon 2009. Elbow wiederum scheinen sich in ihrer Rolle als Sahnehäubchen der größeren Festivals mittlerweile fast zu sehr eingelebt zu haben. Wenn Guy Garvey nicht aufpasst, wird er mit seinen Animierspielchen- und ansagen irgendwann in Green Day-Dimensionen angekommen sein – und das kann ja nun wirklich niemand wollen. Dennoch bleibt »One Day Like This« einer der schönsten Festivalcloser, die man mit einem sechsstelligen Headliner-Budget erwerben kann, mit dem Elbow auch in Zukunft gerne wieder den Rausschmeißer spielen dürfen – auf dem Rolling Stone Weekender, der musikalisch geschmackvollsten Ü30-Party des Landes.
 
Der Rolling Stone Weekender 2012 findet vom 16. bis 17. November am Weißenhäuser Strand statt.


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