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Was noch zu sagen wäre ...

So war der Echo 2016

Frei.Wild ist die beste »Alternative« (Band) für Deutschland, Xavier Naidoo singt »Frei«, »Deutschlands namhafteste Musikkritiker« halten Joris für das spannendste des letzten Jahres, Helene Fischer covert »wunderschöne Weihnachtslieder« (Fischer) in den Abbey Road Studios und hat damit natürlich das »Beste Album« abgeliefert. Alles geil also auf »Deutschlands wichtigstem Musikpreis«, findet Daniel Koch und schreibt noch mal eben einen (viel zu langen) Rant über die Dinge, die noch zu sagen wären.  
Geschrieben am

Warum ich überhaupt da war

Ich gestehe: Ich war Teil der Kritiker-Jury des Echo 2016. Darin sind »Deutschlands namhafteste Musikkritiker« versammelt, die gemeinsam zwei Handvoll KünstlerInnen und Künstler nominieren, die sie für künstlerisch wertvoll oder irgendwie wichtig halten. 2015 gewann dort Deichkind, 2014 DJ Koze, 2013 Kraftklub, 2012 Modeselektor. Keine schlechte Ahnenreihe also, obwohl der Preis, der lange Zeit recht verschämt am Vorabend der eigentlichen Feier vergeben wurde, natürlich ein Feigenblatt ist: »Hier Kinners, da habt ihr eure Nische. Mit wem wollt ihr denn spielen?« Ich war 2015 und 2016 Teil dieser Jury, gar nicht so sehr aus Ego-Gründen, sondern weil ich viele in dieser Runde durchaus schätze. Und weil es eine gute Möglichkeit war, mal die Acts einzubringen, die für Intro das Jahr geprägt haben.

In diesem Jahr ging der Preis an den jungen Songwriter Joris und sein Album »Herz über Kopf«. Hey, nix gegen Joris. Ist sicher ein netter Bub, solides Songwriting, Stimme kann auch was – und trotzdem wurde ich rot vor Scham, als Moderatorin Barbara Schöneberger dem Saal und Fernsehdeutschland sagte, dass ja nicht nur die Fans Joris so lieb hätten, sondern eben auch die vermeintlich erste Garde der Musikkritik. Da sieben Jurymitglieder – überwiegend von der schreibenden Zunft – nebeneinander saßen und sich fragend anschauten, wie das passieren konnte, blieb die große Frage, wer denn für diesen stinklangweiligen Befindlichkeitspop gestimmt hatte. Der Verdacht fiel auf die zahlreichen Jury-Mitglieder der deutschen Radiolandschaft, wo Joris ja wirklich ganz vorzüglich reinpasst, neben all die Bouranis, Forsters und Connors. Über Geschmack kann und soll man streiten, aber wer sich heutzutage als »Kritiker« begreift und seine kostbare Stimme einem Künstler gibt, der freundlich lächelnd den Weg des geringsten musikalischen Widerstandes geht und dem in seiner Dankesrede zur Lage der Nation nur einfällt, dass er ja noch die schrecklichen Bilder aus Paris im Kopf habe (und wir alle trotzdem ein freies Leben führen sollen), der hat anscheinend eine andere Vorstellung von Musikkritik. Und deshalb war eigentlich schon da klar, dass ich aus der Nummer raus bin. Aber mit mir ist es ja manchmal so wie mit dem Joris: »und immer wenn es Zeit wird zu gehn / vergess ich was mal war und bleibe stehn ... «

Frei.Wild + Echo = <3

Gähn. Wo war ich? Ach ja: Deshalb also schrieb ich meine offizielle Abmeldung erst, als die Südtiroler (mit deutschem Drummer) von Frei.Wild selbstgefällig auf die Bühne schlenderten und Sänger Philipp Burger seine leider recht eloquente »Dankesrede« sprach, die vor allem den Fans galt, den einzigen, die – neben der Deutschen Phono-Akademie – geblickt haben, dass Frei.Wild einfach nur heimatliebende Buam sind, die frei und wild ihren Traum von starken Männern und echten Werten leben. Diese Band beschäftigt uns alle ja schon eine Weile und vor allem der Echo hat eine traurige Tradition darin, sich es hier einfach zu machen. Als 2013 schon die Nominierung für Boykotte anderer Acts sorgte, schwieg man das Thema diesmal einfach tot, was auch der Grund dafür war, warum ich meinen Nachbericht von damals »Don’t mention the war« nannte. 2015 sagte der deutsche »Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie« Dieter Gorny dann sogar, es sei richtig und wichtig gewesen, sich nicht auf dieses Thema einzulassen. Diesmal hatte man einen recht illustren Ethikrat versammelt, der vermutlich einen Abend lang bei Speisen und Bier aus Südtirol Frei.Wild gehört hatte, um dann gemeinsam den Fan-Hit »Südtirol« zu grölen: »Südtirol, wir tragen deine Fahne / Denn du bist das schönste Land der Welt / Südtirol, sind stolze Söhne von dir / Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her / Südtirol, deinen Brüdern entrissen / Schreit es hinaus, dass es alle wissen.« Am Ende war man sich sicher: Da ist nix Verfängliches im Oeuvre – das kann man bringen.

Dass Frei.Wild trotz diversen Bekundungen, dass sie nicht rechts seien, musikalisch und lyrisch viele Andockpunkte für Heimatliebende liefern und im pseudotrotzigen Umgang mit den Anschuldigungen gegen sie (der sicher auch den Albenverkauf fördert) ein ganz ähnliches Vokabular auffahren, wie es die besorgten Bürger unseres Landes tun, ist wohl keinem aufgefallen. Trotzdem war Frei.Wild im letzten Jahr nur ein Name in einem Einspieler, bei dem man mal kurz stockte. In diesem Jahr ging man im Hause Echo aber einen Schritt weiter: In der Kategorie »Rock / Alternative National« gewannen sie, weil sie in diesem schon sprachlich seltsamen Konstrukt mehr Alben verkauften als Lindemann, Wirtz, Saltatio Mortis und Avantasia, die so etwas wie die Schlager-Ausgabe von Running Wild sind.

Die Vergabe wirkte nicht nur so, sie war eine große Geste von Seiten der Phono-Akademie, fast so als wolle man sich für all die Unannehmlichkeiten der letzten Jahre entschuldigen, wo die blöde Musikpresse und ein paar renitente Bands wie Kraftklub und Jennifer Rostock rumzickten. Das ist nicht nur strunzdumm – weil eben viele Musikhörende und –kaufende das anders sehen – sondern ein offener Affront gegen den Teil der Musikbranche, der bei dieser »Habt euch doch nicht so«-Scheiße nicht mitmachen will und der inzwischen auch ein nicht zu verachtender Wirtschaftsfaktor sein dürfte. Vielleicht nicht unbedingt durch Alben- oder Single-Verkäufe, aber durch Konzerte, Festivalshows und Präsenz in Fan-Nähe. Gorny und Co. dachten sich vermutlich – um mal einen Frei.Wild-Titel zu zitieren – »Zeig große Eier und ihnen den Arsch«. Und unsereins würde den Herren am liebsten in beides reintreten nach so einer Nummer.


Drangsal über den ECHO

»Aber es geht doch nach Verkaufszahlen!«

Als wir auf der Intro-Facebook-Seite unser Entsetzen teilten, las ich diesen Satz oft. Und ja, es stimmt, der Echo wird überwiegend nach Verkaufskriterien entschieden. Wobei Transparenz auch hier so eine Sache ist, wie Stefan Niggemeier auf seiner Website Übermedien sehr schön dargelegt hat. Mit der Tatsache könnte man ja durchaus leben, wie man es bei anderen nationalen Awards auch tut. Beim Echo kommt einem nur regelmäßig das Essen hoch, weil hier in der Kommunikation ganz selbstverständlich nicht vom »Meist verkauften Album« gesprochen wird, sondern vom »Besten«. Aber auch hier hat man sich an diesen Kurzschluss schon fast gewöhnt. Wenn man einmal während der Sendung im Studio saß, sieht man sogar wie selbst viele Angestellte der großen Plattenfirmen bei manchen Auszeichnungen verschämt in ihrem Stuhl versinken. Gepaart mit dem lächerlichen Pomp und der Anmaßung der Verleihungsshow wird also hier – um nur ein Beispiel zu nennen – der Welt da draußen gezeigt, was Deutschland in den letzten zwölf Monaten an großer Musik-Kunst hervorgebracht hat: Ein mit einem englischen Orchester eingespieltes Album voller Weihnachtslieder, vorgetragen von einem wirklich erstaunlichen Entertainment-Roboter namens Fischer. Und alle so: Yeah! Ich freu mich schon jetzt drauf, wenn die Deluxe-Box-Neuauflage zu Weihnachten »Bestes Album National 2016« wird.

Besoffen an der Schublade

Seit dem ich vor Jahren meinen ersten Echo im Fernsehen gesehen habe, frage ich mich sowieso, was für Menschen eigentlich die Schubladen beschriften, in die dann die Trophäen gelegt werden. Oder, was diese Menschen getrunken/genommen haben müssen. Über das »Beste Album« wunderte ich mich ja schon, aber um noch mal auf Frei.Wild zurückzukommen: Was für eine Musiksozialisation muss man eigentlich erlitten haben, wenn man die dort versammelten Bands als »Alternative« kennzeichnet? Für mich war dieses Wort zwar in den Neunzigern manchmal etwas ausgelutscht, aber immerhin noch, ähnlich wie »Independent«, ein Art Kampfbegriff für Musik, die eben tatsächlich eine Alternative zum Gängigen bietet. Gleiches gilt für die Kategorie »Crossover«, in der, äh, auch noch mal Helene Fischer gewonnen hat. Vermutlich, weil sie als Schlagerstar ein Orchester mit traditionellen Lieder gekreuzt hat. Wie wagemutig! Ebenso crazy wie das Orchester aus Bratislava, das die größten Hits der Onkelz interpretiert hat, was sich natürlich verkauft wie geschnitten Brot, weil die Onkelz ja sozusagen die Ziehväter der Frei.Wild’schen-Opfer-Vermarktungs-Kacke sind.

Auch hier habe ich seltsamerweise wieder das Bild von besoffenen oder zugekoksten, alten Knackern vor mir,  die unbeholfen an diesen IKEA-Aufbewahrungsboxen basteln, dann mit Edding schwer lesbare Worte wie »Alternative« und »Crossover« draufzukritzeln und am Ende betrunken versuchen, den jeweiligen Echo reinzuwerfen. Und wer nicht trifft, der kriegt `nen Jägi.

Captain Jack singt »Major Tom«

Ein großer Spaß meiner bisherigen Echo-Besuche war immer die besondere Dramaturgie dieser Abende. Auch hier müssen irgendwelche Drogen im Spiel gewesen sein. So wurde zum Beispiel im letzten Jahr Led Zeppelin der Preis für ihr Lebenswerk verliehen. Als die tatsächlich anwesenden Bandmitglieder den Award bekommen hatten und gerade wieder auf ihren Plätzen in den vorderen Reihen saßen, erhob sich vor ihnen ein Podest und die greisen Herren wurden Zeuge dieser Show:

Andreas Gabalier – der übrigens auch spannende Meinungen zum Thema Flüchtlinge und Grenzen hat – bescherte uns die Weltpremiere seiner Single »Mountain Man«. Mal ehrlich, so was kann man sich doch eigentlich nicht kranker ausdenken, oder? Was würde ich darum geben zu wissen, was Led Zeppelin in dem Moment gedacht haben. Vermutlich so was wie: »Scheiße, knallt das LSD« schon? Dieses traumatische Erlebnis sorgte gestern dafür, dass ich innerlich schauderte, als mir jemand sagte, es werde einen Bowie-Tribute geben, bei dem man »Major Tom« singen werde. Da gerade in dem Moment der aktuelle Captain Jack an mir vorbei zur Theke eilte, stand mir kurz die Panik in den Augen. Die werden doch nicht? Taten sie auch nicht: Stattdessen gab es einen Einspieler und ein Chor (den keiner so richtig beim Namen nennen konnte) sang den Song, während auf den Leinwänden im Karaoke-Style die Lyrics flimmerten. Liebloser, respektloser, beschissener kann man einen Menschen nicht ehren, der in dieser Stadt einige seiner wichtigsten Werke produziert hatte.

Aber die Sache mit dem Taktgefühl und dem Mal-drüber-Nachdenken ist halt nicht so das Ding der Macher. Xavier Naidoo zum Beispiel, auch ein gern gesehener Dauergast, konnte seine Single »Frei« darbieten. Wie naheliegend, wo er doch in den letzten Jahren spannende Ansichten zum Thema »Frei sein in der BRD« hatte. Anstelle hier die Single zu verlinken, hier also noch mal den Hit, für den ich Naidoo auf ewig in Erinnerung behalten werde:

Haltung, bitte!

Um wenigstens ein wenig Farbe in diesen tristen »Nachbericht« zu bringen: Es gab auch einige, leider sehr wenige Gäste, die Haltung zeigten. Die wenigen, die bei der Frei.Wild-Rede »Buh!!!« riefen. Der ältere Herr, der mich siezte und mir einen »St. Pauli gegen Rechts«-Sticker schenkte, weil ich mein »FCK NZS«-Shirt unter dem Sakko trug. Und Bosse, der nach seiner Performance von »Steine« noch zwei Stinkefinger an »alle Nazischweine« in die ARD-Kameras hielt. Damit war er leider die traurige Ausnahme. Nur Berlins Bürgermeister Michael Müller brachte das Thema noch mal auf die Bühne, als er Roland Kaiser den Echo für soziales Engagement überreichte und an Kaisers kritische Äußerungen zu Pegida und Dresden erinnerte, die dem Schlagersänger einige Fans kostete.
Ich bin in dieser Hinsicht ja durchaus naiv: Ich fände es wichtig zu wissen, was eine Künstlerin oder ein Künstler dieser Tage für einen Blick auf die Welt hat. Ich wünsche mir, sie würden etwas machen aus ihrem Einfluss, den sie auf viele Menschen haben. Stattdessen zeigte sich aber fast das gesamte anwesende Musikpersonal – inklusive Peter Maffay und Udo Lindenberg – auf Linie der Echo-Macher, die weiter an ihrer aufgeblasenen, fluffig-lila-farbenden, nach teurem Aftershave und Parfum stinkenden Scheinwelt hängen, die zumindest die älteren aus der Branche noch so richtig reich gemacht hat. Wer diese Meinung nicht teilt, der bleibt heutzutage lieber gleich ganz weg, was nicht nur eine immer größer werdende Anzahl von Acts betrifft, sondern auch zahlreiche der »guten« Leute in den großen Plattenfirmen.  

Warum ich überhaupt da war – Teil 2

Bis gestern hielt ich das Wegbleiben für den leichteren der beiden Wege: Wenn sich ein Verband anmaßt die Musikbranche zu vertreten und abzubilden – in der ich ja auch meine Rolle spiele und die unsere Arbeit bei Intro zu großen Teil speist – dann will ich mir auch nicht das Recht nehmen lassen, mir die Sache aus der Nähe anzuschauen. Bis gestern fand ich immer noch Dinge, die mich darin bestärkten. Die geschätzten Kollegen, die man dort trifft, die ein oder zwei wirklich guten Live-Auftritte in jeder Show, der überzogene Quatsch, den man einfach nicht für voll nehmen kann, das Lästern mit den richtigen Leuten auf der Aftershowparty. Die Häppchen dabei waren schon immer scheiße, die Cocktails nie der Knaller, die Promis in vielen Fällen eher aus der G- bis Z-Liga – und trotzdem dachte ich, man könne da noch mitmachen, wenn man sich beim Nachberichten nicht verbiegt, um ja wieder eingeladen zu werden. 

»Ich bin ziemlich stolz«, sagte Helene Fischer zu ihrem vierten Echo auf der Bühne. Als ich um drei in den Nachtbus stieg, schämte ich mich hingegen in Grund und Boden, namentlich auf der Website dieser Veranstaltung genannt worden zu sein.


Epilog: Reif für das Wochenende

Im Bus fiel mir dann auf, dass ich den Act, den ich eigentlich live sehen wollte, in meinem Brast gar nich bewusst wahrgenommen hatte. Also saß ich da in meinem Hartschalensitz, schaute dieses Video ...
... stieg am Hermannplatz um, traf auf fünf gut gelaunte Obdachlose, die mich wegen meines Outfits verarschten und dachte: Endlich normale Leute!

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