×
×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Wahret den Meltfrieden!

So war das Melt 2017

Im Jubiläumsjahr beweist das Melt Festival erneut seine Vielseitigkeit und schafft es in den schönsten Momenten gar, einen Pillenschmeißer-Raver in seinen ersten Circle Pit zu schubsen. Von diesen Momenten könnte es ruhig ein wenig mehr geben, finden Julia Brummert und Daniel Koch, ließen sich aber dennoch nur zu gerne vom »Meltfrieden« anstecken.
Geschrieben am
Friedliche Koexistenz ist eine sperrige Formulierung, aber eine wunderbare Sache. Auf dem Melt kann man das alle Jahre wieder beobachten, wenn »Ey Digger!«-Schnacker auf Indie-Boys’N’Girls treffen, wenn kahlrasierte Aufdreh-Raver neben Jesus-Wiedergängern tanzen oder wenn konfettiwerfende Hippie-Damen dem Aggro spielenden Teenager aus Dessau ihren letzten Glitzer auf der Stirn verteilen und der plötzlich dermaßen kindlich grinst, als wolle er sofort seine Mami anrufen und ihr davon erzählen. Sprachlich kommt einem ebenfalls eine Menge Verschiedenes zu Ohren: Holländisch, Englisch in all seinen Spielarten, Portugiesisch, Belgisch, Spanisch, Polnisch – alles da. Passt bei all dem doch ganz gut, dass überall Aufkleber mit dem Wort »Meltfrieden« auftauchen, die eifrig von einer Besuchergruppe auf dem Campingplatz verteilt werden. Ein schönes Wort, das wir uns deshalb mal als Überschrift borgen. Das trifft die Sache mit der friedlichen Koexistenz doch ganz gut.

Der Vibe stimmt also in diesem Jubiläumsjahr. Und auch die Macherinnen und Macher haben das Festival zum 20. bunt geschmückt. Vor allem nach Einbruch der Dunkelheit ist man doch immer wieder beeindruckt von der Ferropolis-Kulisse – obwohl dort mittlerweile drei große Musikfestivals über das Jahr verteilt stattfinden. Eine gute Idee war es auch, im letzten Jahr neue Areale zu erschließen und den Melt-Wald zu konzipieren, in dem man sich inmitten buntester Lichtkunst und aus Holz gezimmerten Bars perfekt verlaufen kann. Diesmal holte man sich dafür das Team des Berliner Clubs Sisyphos an Bord, die dann auch gleich die Bühne im Wald bespielen.

Nachdem viele regelmäßige Meltgänger vor ein paar Jahren das Gefühl hatten, dem Festival fiele nix Neues mehr ein und es sei nur noch eine gut geölte Maschine, wie es die Bagger einst gewesen sein mögen, sieht man seit dem letzten Jahr wieder deutlicher die Liebe zum Detail. Ein gutes Beispiel, das sich nicht jedem erschloss, sind die Crewshirts der Melt-Leute. Die tragen plötzlich – Weiblein wie Männlein – weiße Shirts mit dem Schriftzug »Feminist«. Eine Reaktion auf den Tumult um den DJ Konstantin vom Label Giegling, der neulich sexistischen Quatsch in einem Groove-Interview erzählt hat. Eigentlich sollte er am Wochenende hier auflegen, kurz vor dem Festival wurde sein Auftritt jedoch vom Booking-Team gecancelt. Gute Aktion – mit dem Shirt dazu noch sehr charmant kommuniziert. Das Wort »Feminist« ist darauf übrigens in der Schrift des Giegling-Logos.

Aber nun endlich hinein ins Geschehen! Egal ob auf dem Sleepless Floor, vor der Sisyphos-Stage im Wald, vor unserer Intro-Laube oder vor einer der beiden großen Bühnen: keine und keiner tanzt so schön wie Noga Erez. Am Samstagnachmittag spielt sie auf der Meltselektor Stage und beeindruckt nicht nur mit der Bandbreite ihrer Stimme. Auch das Spektrum ihrer Tanzmoves ist so groß und großartig wie ihre Laune. Wenn man nach oben schaut, sieht man Schwalbeneltern ihre Kinder in den Nestern an der Orangerie füttern, der Himmel ist blau, die Sonne scheint – es könnte uns nicht besser gehen. Wer es verpasst hat, kann Noga Erez übrigens am 12. August in Berlin live erleben.
Es gibt viele schöne »Melt Moments« wie diesen. Ob bei M.I.A., die auf der Hauptbühne dem Regen am Freitag mit einer fetten Show den Stinkefinger zeig, bei Kate Tempest, die wie immer sehr eindringlich schimpft, bei NAO, die Samstagnachmittags die Medusa Stage mit ihrer Wahnsinnsstimme zum Beben bringt, bei Warpaint, die Samstagabend mit einem Knall (»Love Is To Die« und »New Song«) von der Bühne gehen oder Bilderbuch, deren Forderung »Sneakers For Free« von der großen Menge gerne mitgebrüllt wird – es gibt viele Gründe, sehr zufrieden zu grinsen an diesem Wochenende. Ein weiteres Highlight sind Sylvan Esso. Auf der Medusa Stage am Freitagabend feiern sie eine große Party mit dem Publikum. Schön, dass wir den richtigen Riecher hatten, als wir sie 2014 zu unserem Superintim beim Reeperbahn Festival ins Wohnzimmer geladen hatten. Songs wie »Coffee« oder »Die Young« sind zu Hits geworden, Konfetti fliegt und wieder scheinen die beiden Bandmitglieder auf der Bühne ziemlich glücklich zu sein über die Resonanz, die sie beim Melt bekommen.

Für den perfekten, zwar nostalgischen, aber fetten Warm-up am Donnerstag sorgt Fatboy Slim, der wie immer seine schwersten Bässe geschultert hat und diese auf »20 Years Of Techno« loslässt. Wo dieser Gig natürlich ein Highlight mit Ansage ist, sind die Überraschungen meist spannender. Zum Beispiel, wenn man sich fragt, ob die großartige Hayiti aus Versehen das Splash- mit dem Melt-Wochenende verwechselt hat. Aber nein, sie hat einfach an beiden Wochenenden gespielt – und auch auf dem Melt funktionierte das vorzüglich. Auch der von Kennern schon erwartete Abriss der aktuellen Soulwax-Besetzung überrascht augenscheinlich so einige. Anders ist es nicht zu erklären, dass schon kurz nach der Tagesschau ein komplettes Zelt ausrastet und beim Finale gar einen Circle Pit startet. Aber wie soll man auch diesem Frontalangriff und den Drums von Iggor Cavalera, Victoria Smith und Blake Davie widerstehen? Und warum sollte man das überhaupt? Weitere Überraschungen sind Newcomerin Maggie Rogers, die am Freitag die Hauptbühne eröffnet und viele neue Freunde findet und die Campingplatz-Show von Leslie Clio auf der Musikdurstig-Stage am Samstagnachmittag. Mit Hawaii-Bluse, Schlabbershorts und Badeschlappen schafft sie es, mal eben einen an Lana Del Rey erinnernden Tearjerker wie »Darkness Is A Filler« in die Mittagssonne zu singen, um nur wenig später einen Spaziergang durch die Menge zu machen und jeden einzelnen Auge in Auge zu überzeugen. Zum Dank wird sie dann auch noch auf die zweite Hauptbühne befördert, wo sie am frühen Abend noch einmal auftritt.

Zurück zu den Highlights mit Ansage: Kamasi Washington ist so eines. Über dessen Saxophonspiel und die Epik seines Meisterwerks »The Epic« hat man in der Topcheckerpresse schon viel gelesen, hier merkt man, wie ansteckend und gar nicht mehr verkopft der freidrehende Jazz seiner Musikerinnen und Musiker live funktioniert. Auch Freitagsheadliner Bonobo setzt auf die Energie einer gut eingespielten Band und steht bisweilen mit einem Dutzend Musizierenden auf der Bühne, um ein Best-Of seines Schaffens und viele Stücke seines letzten Albums »Migration« live umzusetzen. Hier ist es voll wie nie zuvor an der Hauptbühne und viele starren wie hypnotisiert auf die passgenauen Visuals und die großartige Band. Es bringt halt eine Menge, wenn dieser positive Vibe, dem man selbst ein ganzes Wochenende nachjagt, auch von der Bühne weht und man merkt, dass da jemand Bock hat. Phoenix zum Beispiel, bei denen wir uns fragen, seit wann die – oder vielmehr Sänger Thomas Mars – denn so zur Rampensau mutiert sind. Sie liefern jedenfalls nicht nur ihre alten und neuen Hits, Mars macht auch wiederholt ein Bad in der Menge und lässt sich zum großen Finale des Sets auf Händen bis in die Mitte der Crowd tragen. Ein guter Einstand für die wilde, hämmernde Energie von Die Antwoord, die mit ohrenbetäubende Lautstärke den Zef bringen und mittlerweile endlich auf Bühnen sind, die die richtige Größe für sie haben. Und trotzdem fragen wir uns die ganze Zeit: Wie sind Ninja und Yolandi wohl privat?

Was sollen wir noch hier erwähnen? Ach, es ist doch eh immer viel zu viel, was dort passiert. Wie soll man denn alles schaffen, wenn man ebenso im Wald Rotkäppchen trinken, äh, spielen kann, oder in den Gremminer See springen will, oder mal wieder bei der Intro-DJ-Bühne hängen bleibt, oder einem gerade nach Kino ist, oder man sich im Art Space eine mit viel Nebel und Strobolicht ein astreine Nahtoderfahrung simulieren lässt? Deshalb ist an dieser Stelle (fast) Schluss. Wir möchten hier jedoch nicht ohne Glückwünsche rausgehen: Alles Gute zum 20, liebes Melt! Hast dich gut gehalten! Für das nächste Jahr wünschen wir uns von dir noch ein wenig mehr Experimentierfreude im Line-up und ein paar laute Gitarren und genresprengende Acts mehr. Von deinen Besucherinnen und Besuchern wünschen wir uns, dass nicht nur die friedliche Koexistenz angestrebt wird, sondern dein Name wieder Programm sei: Verschmelzen sollen sie – was nicht ausdrücklich körperlich gemeint ist. Aber wie schön wäre es, wenn all jene, die nur ihren 24-Stunden-Technofilm fahren häufiger mal in ein Rockkonzert wie das der Kills stolpern, und all die Indieheads, die vor dem Sleepless Floor die Nase rümpfen, sich mal für einen Morgen seinem roughen Charme ergeben. Bis dahin: Wahre und bewahre den Meltfrieden!

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr