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»Wenn man erstmal da war ...«

So war das Lollapalooza in Berlin

Zwischen der »Schlange der Schande« (B.Z.) und dem »Abreise-Chaos« (Berliner Zeitung) gibt es ein sehr buntes, sehr schönes Mainstream-Festival, das vor allem am sonnigen Sonntag überzeugt. Dennoch überstrahlen die negativen Schlagzeilen nicht ganz zu Unrecht die bisweilen großartigen Auftritte von Mumford & Sons, London Grammar, Beatsteaks, Marteria und Foo Fighters. Unser Team war vor Ort und hat Freud und Leid erfahren.
Geschrieben am
Die Rennbahn Hoppegarten soll nun also die Location des diesjährigen Lollapalooza in Berlin sein, das auch im dritten Jahr erst im Endspurt seinen Groove findet. Im Galopp ist es 2015 von Amerika, wo es eine weitreichende Tradition hat, nach Berlin gekommen, als erster Standort Europas, doch seither bewegt es sich eher wie ein trabendes Pferd, das den Hürdenlauf nicht ganz übersteht. Man fragt sich, wann dieses Festival endlich mal stattfindet, ohne am Sonntagmorgen bereits negative Schlagzeilen zu garantieren. Verkehrschaos bei der Anfahrt, Massenpaniken bei der Abfahrt, ewig lange Schlangen an Toiletten und Essensständen: Hatten wir das nicht schon mal?

Alle Jahre wieder: Drama an Tag I

So viel vorweg: Es ist leicht und sicher auch verständlich, dass sich der Frust mit voller Wucht an und auf die Organisatoren richtet. Dennoch darf man bei all dem nicht vergessen, dass dieses Festival bisher in jedem Jahr unter Bedingungen stattfindet, die jeden erfahrenen Veranstalter ins Schwitzen bringen würden. Ein Festival in dieser Größenordnung jedes Jahr auf eine neue Location auszurichten – in den meisten Fälle einer Location, die einen Player dieser Liga bisher noch nicht empfangen hat – ist eine Herkules-Aufgabe. Anwohner sind aufs Neue verärgert, die Ansprechpartner der örtlichen Behörden wechseln, die Zuschauerströme können nur im Vorfeld ausgerechnet, aber nie genau vorhergesehen werden, Besucherinnen und Besucher müssen sich trotz Lolla-Erfahrung auf ein neues Umfeld einstellen und generell wird das Lolla eher als Fremdkörper und Invasion begriffen, obwohl es tausende Menschen aus aller Welt anzieht, auf weiten Strecken eine tolle Atmosphäre hat und die besonders fetten Headliner auf die Bühne stellt.

So diplomatisch ist man allerdings nur, wenn alles vorbei ist. Oder wenn man am Sonntagnachmittag im schönsten Spätherbst mit einem kalten Bier mit Gänsepelle vor London Grammar steht, während diese »Rooting For You« spielen. Denn am Samstag geht fast alles schief, was schief gehen kann. Ein Stromausfall legt Klos und Bars lahm, eine Nachbargemeinde hat eine »Hells Angels«-Demo genehmigt und eine Straßensperrung erwirkt, die alle mit dem Auto reisenden in den Wahnsinn treibt und die örtlichen Behörden und Sicherheitskräfte ebenso verwirrt wie überfordert. Deshalb stehen auch viele Shuttlebusse des zuständigen Dienstleisters im Stau – und überhaupt scheint auch dieser mit der Aufgabe überfordert, was zur Frage führt, wer sich da wo verrechnet hat. Abends dann besagtes Abreise-Chaos, das die Berliner Boulevardpresse mit großem Genuss zerlegt. Ein Großteil der Gäste will zur gleichen Zeit heim, die Polizei macht zwischendurch das einzig richtige, sperrt die Ausgänge bzw. Zugänge zu den Stationen, damit die Masse nicht nachdrückt – nur leider sagt das den Wartenden niemand. Zugleich sagt die BVG, es wurden keine zusätzlichen Bahnen bestellt, was die Abreise der einen möglichen Route erschwert, während die S-Bahnen nachts nicht länger und häufiger fahren können, weil das Personal fehlt und alle Fahrer schon durch diverse andere Berliner Großveranstaltungen ein überpralles Überstundenkonto vor sich her schieben. So liest man am Samstag abenteuerliche Geschichten von nächtlichen Waldmärschen, Übernachtungen am Bahnhof und wütendes Klagen über ein Gedränge, das so nicht passieren darf. Eine Panik bricht zum Glück nicht aus, was vor allem an der tollen Crowd liegt, die größtenteils Ruhe bewahrt, obwohl sie innerlich kocht. Diverse Medien fühlen sich natürlich trotzdem »an die Loveparade erinnert«, was man immer noch jedes Mal mit harten Nackenschlägen quittieren will.

Der Samstag

Konzerte und tolle Festivalstimmung gibt es aber übrigens trotzdem. Sogar und vor allem am Samstag: Wenn man wegen des Chaos an S-Bahnhöfen und im Verkehr nicht die ersten Shows verpasst hat, dann wurde man mit Eau Rouge dennoch recht alternativ begrüßt und von Roosevelt mit tanzbaren Rhythmen fröhlich gestimmt in einen regnerisch-bewölkten Tag gebracht. Außer man bevorzugt von Lgoony & Crack Ignaz und ihrem Cloud Rap umnebelt zu werden. Die exotische Aufwärmung bieten in diesem Jahr Bomba Estéreo, die traditionelle kolumbianische Musik mit elektronischen Elementen und HipHop paaren und den ein oder anderen Besucher aufwärmen. So tut auch die gewaltige Bärenumarmung von Bear's Den aus Großbritannien unglaublich gut, die mit ihrem Indie-Folk an eine Mischung aus Kings Of Leon, War On Drugs und den Mainact des Abends, Mumford And Sons, erinnern.

Was das Lollapalooza jedes Jahr erneut unter Beweis stellt, ist das Geschick für fulminante Headliner-Shows. Vor allem auf den Mainstages ist der Sound trotz der Lautstärke intensiv und klar, mit einem Bass, der den ganzen Körper durchdringt und das Festival mit unvergesslichen Live-Erlebnissen bereichert. So reißt Marteria nicht nur treue Fans vom Hocker, sondern versetzt sein gesamtes Publikum ins Staunen. George Ezras charakteristisch tiefe Stimme ist klar und deutlich bis zur Tribüne zu hören und Mumford And Sons entzücken am Abend mit emotionalen Balladen und überzeugen musikalisch mit ihrer instrumentalen Vielfalt. Gewinner der Herzen dann für viele: Michael Kiwanuka, der auch live noch mal unter Beweis stellt, dass sein letztes Album »Love And Hate« das Zeug zum Klassiker hat. Den letzten Kick holt man sich bei dem Marshmello-Ersatz Boys Noize, der mit hartem Techno eine gewaltige Portion »XTC« austeilt und ausnahmslos jeden in seinen Bann zieht – oder eben leicht überfordert. Wem das zu viel ist, kann sich von Two Door Cinema Club mit ihren schönen Indie-Hits besänftigen und in die Nacht verabschieden lassen.

Kumpelhaft wird es bei Wanda mit viel Amore und Kippenverteilen im Publikum. Hits wie »Bologna« erfreuen Fans sowie Neu-Entdecker und neue Songs wie »0043« zeigen wie charmant und authentisch Austro-Rock ist. Die Beatsteaks kosten ihr Heimspiel und ihren bereits zweiten Auftritt beim Lollapalooza in vollen Zügen aus, schwatzen mit dem Publikum auf Kumpelniveau und hauen Klassiker raus, mit denen sie die Menge im Griff haben. Eine sympathischere Band gibt es kaum und auch musikalisch bringen sie Gitarrensoli und -riffs auf den Punkt. Die Beatsteaks spielen viele Songs des neuen Albums, covern Queens »I Want To Break Free« und »Hey Du!«, ihren Lieblings-Berlin-Song und haben wie immer das Publikum im Griff. Arnim sagt: »Springt!«, alle springen. Arnim sagt: »Setzt euch hin!«, alle setzen sich hin. Ein bisschen lauter hätte ihre Show sein dürfen, zwischendurch hallen »LAUTER«-Rufe durchs Publikum, aber ansonsten zeigen die Musiker aus Berlin wie immer, dass sie einfach eine knaller Live-Band sind.

Der Sonntag

Die Belohnung für die Unannehmlichkeiten gibt es schließlich am Sonntag. Wer zum Mittag anreist, kann das sogar nur leicht kuschelig mit der S-Bahn tun. Die Glitzer-Boys und -girls wirken in der frühherbstlichen Sonne ohne Regenponcho gleich viel glücklicher und während man hier und da mal wartet, hört man viele Geschichten aus der Samstagnacht. Wer wie wir Lolla-News-lesend in der S-Bahn stand und ein grimmiges, chaotisches Hate-Fest mit angepisster Crowd erwartet, ist überrascht, wie schnell das zumindest für den Moment vergessen zu sein scheint. Manch einer berichtet bereits mit stolzgeschwellter Brust, wie er oder sie im »Chaos« Ruhe bewahrt hat.

Musikalisch ist Sigrid ein frühes Highlight: Die junge Sängerin hat sogar die richtige Hymne für die Situation parat: »Don’t Kill My Vibe«, das ihr abwechslungsreiches Set beschließt und gleich auf die kraftvolle, recht neue Ballade »Raw« folgt. Das Debütalbum von ihr dürfte gut werden. Bonaparte versuchen es erst eher zurückgenommen, was gut zum aktuellen Output des Wahlberliners passt, so richtig in Fahrt kommt das Publikum jedoch erst, als er die alten Hits und den trashigen Stripper loslässt. Während sich auf der Kidzapalooza-Stage Deutschlands Indie-Prominenz zur »Unter meinem Bett«-Kinderlieder-Revue versammelt, entern mit Alma und Ann-Marie zwei sehr spannende Pop-Damen die Bühnen. Westbam wiederum sorgt dafür, dass auf der EDM-, pardon, Perry-Stage mal Leute stehen, die ihr Handwerk verstehen. Sein Set zieht eine durchaus beeindruckende Menschenmenge und hält diese durchgehend in Bewegung. Auf den großen Bühnen gibt’s AnnenMayKantereit und Cro, beide auf ihre Weise inzwischen Profis. Immer wieder erstaunlich, dass Acts wie diese – die jedes Jahr Deutschland betouren – immer noch so eine große Euphorie auslösen können. Bevor dann Dreiviertel aller Anwesenden zu Großmeister Grohl pilgert, sorgen London Grammar mit ihrem erstaunlich schwermütigen Set für frühabendliche Gänsehaut. Wundervoll anzuschauen und anzuhören, wie Hannah Reid und ihre Jungs mit minimalen Mitteln die ganz große Pathoskeule in Schwingung versetzen können, die einem dann spätestens über die Birne brät, wenn Reid alles aus ihrer Stimme rausholt. Manchmal brauch es auch nur die: Zum Beispiel in der ersten Strophe von »Rooting For You«, die sie völlig unbegleitet singt.

Trotzdem: Der Sonntag gehört den Foo Fighters. Auf die können sich alle einigen, selbst die zahlreichen VIP-Gestalten, denen man nicht zutrauen würde, auf Rock’n’Roll zu stehen. Grohl packt gleich die Hits aus, hat mal wieder Hummeln im Arsch, treibt seine breit grinsende Band von einem Klassiker zum nächsten. Die Menge dankt es textsicher – und fast scheint es, als hätte die Band noch zwei Stunden weiterspielen wollen. Da haben es The xx anfangs schwer, aber trotzdem lassen sich alle jene, die noch bis zum Ende bleiben, schnell von ihrer stoischen Melancholie und ihren schlicht schönen Liedern einlullen.

So findet das Festival also dennoch einen friedvollen Ausgang – den man am Morgen nicht erwartet hätte. Und weckt die Hoffnung, dass man es im nächsten Jahr endlich mal von Anfang bis Ende gut hinbekommt. Dass sich Stadt und Veranstalter früh auf eine Location einigen – unseretwegen sogar auf diese, wenn man die Logistik besser in den Griff kriegt. Dass endlich mal schon am Samstag alles so gut läuft und so schön aussieht, wie es das in weiten Strecken am Sonntag tut. Denn, das muss man an dieser Stelle mal sagen: Es wäre schade, wenn es das Lolla nicht mehr gäbe. Das internationale Flair, der Mainstream-Mix vieler Genres (der für uns wählerische Intro-Nasen allerdings manchmal etwas überraschungsfrei ist), das einzigartige Zirkus-trifft-Hippie-Flair-Ambiente, die Nähe zur Stadt – das ist eine Kombination, die es anderswo so in Deutschland nicht gibt. Wäre schade, wenn man das Sausen lässt.

Das treffendste Fazit servierte übrigens ein Gast, den wir auf dem sonntäglichen Rückweg trafen: »Wenn man erst mal da war, und wusste, dass es links von der Alternative Stage ganz viele Toiletten gab, war es ein saugeiles Festival.« Damit dürfte klar sein, wie die Hausaufgaben zum nächsten Jahr aussehen müssen.
September 2018 08 Berlin

Lollapalooza Berlin

08.09.2018 bis 09.09.2018

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