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I've Been Waiting For This A Long Time

Sitcom Warriors

"Mitte is dead - long live 'Bad Mitte', Deutschlands größtes Dorf", so beschrieb Ran Huber, Drummer der Sitcom Warriors, Keller-DJ und legendärer Konzertveranstalter der Berliner Reihe "am Start", bereits vor drei Jahren in seiner Kolumne "The Daily Rape" für das Dorfdisco-Webzine den Zustand der me
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"Mitte is dead - long live 'Bad Mitte', Deutschlands größtes Dorf", so beschrieb Ran Huber, Drummer der Sitcom Warriors, Keller-DJ und legendärer Konzertveranstalter der Berliner Reihe "am Start", bereits vor drei Jahren in seiner Kolumne "The Daily Rape" für das Dorfdisco-Webzine den Zustand der meistgehypten Nachbarschaft der Hauptstadt. Das war - wohlgemerkt - zu Hochzeiten der Dotcom-Hysterie, als haufenweise Hauptstadt-Touristen und Funktionäre der Start-up-Generation in das seit dem Mauerfall gut gehütete Boheme-Idyll aus Wochentagsbars und temporären Ladenclubs einfielen. So was provozierte natürlich eine gewisse Verteidigungshaltung derjenigen, die bereits vor zehn Jahren ihre Altbauböden abgeschliffen und seitdem trotzig die Kohleöfen rund um Torstraße und Rosenthaler Platz warm gehalten hatten. Mit trashiger Verweigerungshaltung gegen vermeintliche Trends der neuen Spaßgesellschaft - da kommt die jüngste Krise ja eigentlich wie gerufen. Mittendrin und immer dabei: die neuen alten Anti-Helden, die Sitcom Warriors, denen das alles sicher knapp am Arsch vorbeigeht.

Denn sie sind roh und direkt. Eine fünfköpfige No-bullshit-Beatband, die, natürlich auch von Punk inspiriert, die Fäden irgendwo bei den Stooges, Velvet Underground oder Suicide wieder aufnimmt und ihren ganz eigenen, furztrockenen, aber hochenergetischen Sound daraus bastelt. Sie besitzen das coole Wissen um gekonntes Gitarren-Schrammeln, machen ihre Stücke mit der gehörigen Portion Rotz und gut dosierter Schlampigkeit umso kraftvoller. Dann ist da diese gewisse Factory-Lässigkeit, die ihnen immer wieder nachgesagt wird und die sich in den genialen wie provokativen Slogans von Jonas Poppe wiederfindet. Songs wie "I Don't Give A Shit About Dying", "No One Is Allowed To Touch My Little Sister (Except Me)" oder das Polka-infizierte, bierselige "Gee, I Hate All People", das wirkt wie ein Stinkefinger gegen all die politisch korrekten Gutmenschen, denen der blasse, schlaksige Frontmann besonders bei den explosiven Live-Shows entgegenbrüllt. Die Energie, die dabei entsteht, kann man dank lautstarkem Minimalismus und Lo-Fi-Sound auch auf der neuen Platte spüren. Etwa beim Opener "I Feel You Move": Ein staubtrockenes, treibendes Schlagzeug, abgehackte Schrammelgitarren, ein funkiger, aber kontrollierter Bass steigern sich zu exaltiertem Gesang, zu einer breiten Wand aus Gitarren und elektronischem Gebritzel. Oder bei Stücken wie "Metal Man Judah" oder "She Rocks" zu kratzigen, auf seltsame Weise verzerrten Rock'n'Roll-Posen. Das ist sexy Dandytum in Audioform, verstörend und hypnotisch zugleich.

Und dann sind da noch die eher ruhigen bis komischen Songs, die betont schlicht und unspektakulär auf wohl bekannten Schemata aufbauen: "Weil Es Ist So Schön", beinah ein Lovesong, mit genial eingängigem Fake-German-Akzent, oder "The Movie", ein 60s-Orgel-Surfsound-Bastard, der eher in die Abteilung "obskurer Trash" einzuordnen ist. Genau wie der holprige Kneipen-Piano-Blues "Make You Blush" oder das betont lässige "A Boy And A Girl" - noch einer dieser Lovesongs: "Yes you're gonna like it and I'm gonna like it too."

"I've Been Waiting For This A Long Time", der Titel ihres Debüts auf dem Hamburger Buback-Label, lässt sich durchaus auf die Platte selbst beziehen. Vier Jahre, in denen die Sitcom Warriors unter anderem durch legendäre Live-Shows, diverse Sampler-Beiträge (Bungalow, Pitti Platsch, Fucky) und einen Remix der befreundeten Mina auffielen. Schneider TM produzierte eine 7-Inch, und selbst John Peel spielte einen der frühen Songs, "Weil Es Ist So Schön", in seiner Sendung. Kein Wunder, denn mit ihrem rohen Minimal-Songwriting kommen die Warriors gelegentlich dicht an Peels erklärte Lieblingsband The Fall heran.

Weitere Koordinaten des Schaffens: Jonas Poppe und Keyboarder Sebastian Dassé bilden nebenbei noch das Elektropop-Duo Kissogram aus dem Umfeld der legendären Galerie Berlin-Tokyo, das mit "If I Had Known This Before" (auf Blaou) bereits einen Mini-Hit hatte und sonst mit 8-Bit-Sounds im Clubland unterwegs ist. Poppe bildet mit Sitcom-Warriors-Gitarrist Hannes Guhl und dem Sterne-Drummer Christoph Leich noch das Punkrock-Trio Davos. Das alles sollte wohl reichen, um auch jenseits des Berlin-Hypes als Hauptvertreter der selbst propagierten "Modern City Coolness" durchzugehen. Die nötige Gelassenheit, Lautstärke und den trashigen Glam-Faktor bringen die Warriors auf jeden Fall mit. Jedes weitere Superlativ wäre so unnötig wie aufdringlich. Die Sitcom Warriors stehen mit dieser Platte noch fest im Hier und Jetzt und lassen Dinge passieren. Nicht mehr und nicht weniger. Auch hier gilt das gleiche wie immer: Wer nichts mitkriegt, ist selbst schuld.

(Buback / Efa)

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