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Zu schön, um Musik zu sein

Sigur Rós live in Köln

Wo jede andere Musik an ihre Grenzen stößt, setzen Sigur Rós in neue Welten über. Ihr Konzert-Zweiakter in Köln lieferte extraterrestrische Klänge auf höchstem Niveau, perfekt inszenierte Visuals und das eine oder andere überraschende Wiederhören.
Geschrieben am
13.10.17, Köln, Palladium

»An evening with Sigur Rós« – so ist die aktuelle Konzertrutsche der tourneeerprobten Isländer überschrieben. Einfach mal ein Abend mit der Lieblingsband, um der Musik, der Gewohnheit und der alten Zeiten willen? Nun, nicht ganz: Auch eine Handvoll neuer Stücke gibt es heute Abend zu hören. Man führt sie allerdings erst mal spazieren, lässt es langsam angehen, baut eine Beziehung auf. Erst dann soll im nächsten Jahr auch ein Album erscheinen. Die Prototypen klingen sanfter, schlichter, hoffnungsvoller als zuletzt auf dem eher giftigen »Kveikur« – aber das ist ja mittlerweile auch schon wieder Jahre her.

Das Trio, das schon immer lieber alles mit sich selbst ausgemacht hat, verzichtet auf einen Support und serviert seinem Publikum stattdessen gleich zwei ungefähr einstündige Konzertakte – inklusive Halbzeitpause, wodurch der Auftritt im Ganzen eher konzentriert als ausgedehnt wirkt. Besonders erfreulich: »( )«, das Album ohne Namen und Titel – und wahrscheinlich ihr prägendstes –, steht vier Jahre nach dem letzten Release hoch im Kurs. Das zeigt sowohl das Angebot am Merch-Stand als auch das Set, in dem die von Frontmann Jónsi in einer lautmalerischen Fantasiesprache gesungenen Stücke einen Schwerpunkt bilden.

Das Bühnenbild beherrschen glimmende Stangen und Streben – je nach Lichteffekt die Andeutung eines Käfigs oder eines Nadelwaldes –, die wie aus dem Boden gewachsen scheinen und zusammen mit zwei semitransparenten Leinwänden für einen breitformatigen 3D-Effekt sorgen. Farben und Formen geistern durch den so beschworenen Raum wie Glühwürmchen und Nordlichter; die Leinwände erscheinen wie Fenster zu fernen Galaxien. Zu imposant, zu raffiniert und zu maßgebend sind die Visuals, um die Augen zu schließen – dabei ist es genau das, wozu Sigur Rós’ Musik für sich genommen ebenso verleitet. Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist Sänger Jónsi, der seine traumverlorenen, aber glasklaren Falsettgesänge mit diffusen Soundschwaden untermalt, die er mit dem Cellobogen seiner Gitarre entlockt. Wer genau hinhört, kann blubbernde, knisternde und raschelnde Geräusche ausmachen, die die unendlich weiten, sich stetig neu formenden Klanglandschaften beleben – bis Schlagzeuger Orri per Tritt auf die Bassdrum die ersten tiefen Krater darin verursacht. Das brillante Soundpersonal der Isländer setzt jedes akustische Puzzleteil perfekt in Szene.

Sigur Rós tragen schlichte Kleidung – die Fantasie-Uniformen und Troddeln sind im Schrank geblieben – und sie tragen ihr Publikum auch ohne orchestrale Schützenhilfe hinüber in eine Welt jenseits der Genres und Subkulturen. Musikfans jeden Alters und unterschiedlichster Couleur finden in diesem wohlpointierten Ambient-Spektakel zwischen kindlicher Ausgelassenheit und lärmender Naturgewalt zu einem gemeinsamen Nenner – weil Sigur Rós sie bei ihren tiefsten Gefühlen packen, ohne je den Verdacht von Kitsch aufkommen zu lassen. Da stört es auch nicht weiter, dass die Künstler selbst keinerlei Wert auf Gespräche legen – im Gegenteil: Dadurch, dass Jónsi, Orri und Georg nicht aus ihrer sphärischen Blase heraustreten und sich auch untereinander maximal zärtlich anlächeln, halten sie das magische Momentum des Konzertabends am Leben. Wie aber Musik so sonderbar und zugleich so zugänglich sein kann, wird wohl ein großes, den Isländern vorbehaltenes Geheimnis bleiben.

Als großes Finale lassen Sigur Rós »Popplagið« von der Leine, ein Crescendo-Biest von verwüstender Schönheit, mit dem sie ihren Konzerten traditionell ein ohrenbetäubendes Ende setzen. Und in dem Moment, in dem Jónsi den Bogen in fließender Bewegung nach hinten schleudert und kampfeslustig die Gitarre umfasst, bricht das Rohe, Zornige aus den drei Musikern hervor. Wäre es kein liebgewonnenes Abschlussritual, es könnte als trotzige Antwort verstanden werden auf Stimmen, die zwischenzeitlich eine zu geringe Lautstärke reklamierten. Hoffentlich sind ihnen die Ohren abgefallen.

Sigur Rós

( )

Release: 10.06.2013

℗ 2013 XL Recordings

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