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»Wir sind keine Rowdys«

Shame im Gespräch

Ungehemmte Konzerte, clevere Texte und humorvolle Bandfotos machen aus Shame eben nicht die gefühlt tausendste Londoner Indie-Punk-Truppe. Welche Ideen und wie wenig Plan eigentlich hinter ihrem Erstlingswerk »Songs Of Praise« stecken, erzählen Sänger Charlie Steen und Gitarrist Eddie Green Celia Woitas.
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Ob halbnacktes Posieren im Schnee, lausbübisches Verstecken in Büschen oder Gruppenfotos, die stark an Klassenfahrten erinnern – Shame lassen so ziemlich jedes Bandfoto nach einem spontanen Schnappschuss aussehen. Zum Interview in Berlin erscheinen zwei der fünf Bandmitglieder zwar bekleidet, ein Hang zu intuitiven Aktionen lässt sich in ihren Geschichten dennoch immer wieder heraushören. Die Bandgründung bringt Gitarrist Eddie zum Beispiel so auf den Punkt: »Wir hatten einen sehr langen Sommer und waren einfach sehr gelangweilt.« Die ersten musikalischen Versuche geschahen folglich ohne großen Plan und vor allem ohne eigene, geschweige denn intakte Instrumente. »Im Prinzip war alles kaputt, unvollständig oder gestohlen«, erzählt Eddie, der sein Instrument vor mehreren Jahren im Alleingang erlernt hatte: »Das Schlagzeug wurde mit Klebeband zusammengehalten, anstelle eines Mikrofons sang Charlie in seine Hände.«  

Sänger Charlie beschreibt diese Zeit weniger profan: »Alles hatte einen eigenen Organismus und ein eigenes Leben«, sinniert er. »Einen Tag war etwas vorhanden, den Tag darauf dann verschwunden, und anschließend tauchte es wieder auf.« Ist das jetzt der berühmte britische »Humor, halbtrocken« oder bloß ein poetischer Blick auf die ersten Knospen der Shame’schen Blütezeit? Man weiß es nicht. Klar ist aber: Was für andere Grund genug gewesen wäre, den spontanen Einfall als gescheiterten Versuch ad acta zu legen, sahen die fünf jungen Männer aus dem Süden Londons als Anreiz, sich immer wieder neu auszuprobieren: »Ich glaube, das Ganze hat uns sehr erfinderisch und kreativ gemacht«, meint Eddie.
Auf ihrem Debüt »Songs Of Praise« versammeln Shame nun alle Kreativstücke, die sie in den letzten vier Jahren fabriziert und vollendet haben. »One Rizla« ist der allererste Shame-Song überhaupt und weist schon großes Hitpotenzial auf. Eddie bezeichnet ihn daher auch als den Popsong: »Ich weiß nicht, was ich da gemacht habe, als ich 16 Jahre alt war«, schüttelt er den Kopf. Die restlichen Songs werden vor allem von kühlen Indie-Punk-Melodien getragen, die eine perfekte Vertonung des Londoner Wetters darstellen. In einem rekordverdächtigen Zeitraum von zehn Tagen spielten Shame »Songs Of Praise« im Studio ein. »Die ganze Zeit über waren die Leute, die mit uns arbeiteten, super gestresst. Wir sind herumgelaufen und haben fasziniert irgendwelche Knöpfe gedrückt«, sagt Charlie gewohnt trocken, lässt dabei aber ein sympathisch-kindliches Entdecker-Grinsen durchscheinen.

Den Titel für ihr Debüt haben sich Shame von einer gleichnamigen christlichen Fernsehsendung entliehen, so Charlie. »Wir wollten das Artwork im Vergleich zum Inhalt der Platte als einen festen Widerspruch inszenieren.« Das ist ihnen gelungen: Von göttlichen Chören und himmlischen Chorälen ist auf dem Album nämlich nichts zu hören. Auch lyrisch geht es hier nicht um Rosenkranz und Betstunde: »Die meisten Songs enthalten einen sozialen Kommentar«, erklärt Charlie. »Ich versuche, Themen auf eine bestimmte Art und Weise zu verstehen, indem ich darüber lese und schreibe. Es ist offensichtlich nicht alles Schwarz und Weiß. Man kann jedes Thema so unterschiedlich beleuchten, dass selbst die immer gleiche Thematik interessant bleibt.«

Sein Schreibstil speist sich dabei aus Texten und Büchern, die in ihrer Form aus dem Rahmen fallen. So nennt Charlie »Mrs. Dalloway« von Virginia Woolf als großen Einfluss. Aber nicht nur literarische Inspiration hält den 20-Jährigen bei der Feder: »Einige Dinge lernt man nicht aus Büchern, sondern vielmehr durch Reisen und durch Gespräche mit unterschiedlichen Menschen. Ich glaube auch nicht, dass Geld und Religion das ist, was die Geschichte der Welt ausmacht. Es sind die verschiedenen Persönlichkeiten, die sie beeinflussen.«

Charlies Texte sind mal wachrüttelnd, mal trotzig, mal geradezu brutal trocken. Provozieren nur der Provokation wegen wollen Shame dennoch nicht: »Wir versuchen, eine Konversation hervorzurufen. Wir wollen, dass die Dinge diskutiert werden, über die wir singen«, meint Charlie und gibt zu: »Ja, es stimmt schon, musikalisch klingt das ein wenig rotzig, aber das ist mehr eine Art Ausdruck unserer Meinungen.«   Als resignierte Chaoten wollen die knapp dem Teenager-Alter entwachsenen Bandmitglieder aber auf keinen Fall wahrgenommen werden: »Wir sind keine Rowdys«, lacht Charlie. »Ich meine, wir trinken zwar gerne, aber das macht doch fast jeder.« Bei Konzerten scheinen sich einige Besucher aber dennoch manchmal in Rage zu reden: »Es gab zwei Fälle, bei denen Streitigkeiten im Publikum während des Gigs eskalierten. Etwas, wo wir komplett dagegen sind. Wir wollen eine Atmosphäre frei von Beurteilungen schaffen, in der sich Leute völlig ungehemmt fühlen können.« Das erklärt vielleicht auch das zuweilen shirtlose Publikum bei ihren Konzerten. Überhaupt haben sich Shame schon seit Langem einen Namen als wahnsinnig gute und unberechenbare Live-Band gemacht. Nun haben sie endlich das Album dazu im Gepäck, das tatsächlich eine ähnliche Energie ausstrahlt – und vermutlich wirklich am besten shirtlos zu hören ist.

Shame

Songs of Praise

Release: 12.01.2018

℗ 2018 Dead Oceans

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