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Intro Die Woche

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Stilles Comeback

Scritti Politti

29 Jahre ist es her, dass Tom Morley und Green Gartside, zwei Londoner Kunststudenten, Scritti Politti ins Leben riefen. Das Projekt, geschult und gelebt zwischen besetzten Häusern und soziologischen und philosophischen Diskursen, entwickelte sich rasant von Punk über arty, Reggae- und Funk-inspirie
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29 Jahre ist es her, dass Tom Morley und Green Gartside, zwei Londoner Kunststudenten, Scritti Politti ins Leben riefen. Das Projekt, geschult und gelebt zwischen besetzten Häusern und soziologischen und philosophischen Diskursen, entwickelte sich rasant von Punk über arty, Reggae- und Funk-inspirierten Postpunk hin zu dem, was als 1982er-Pop in die Geschichte eingehen sollte: “Songs To Remember” hieß das soulfule Intellektuellen-Pop-Manifest des Jahres. Danach trennten sich die Wege der Protagonisten, Gartside arbeitete allein – und mit immer größeren Abständen zwischen den Lebenszeichen – weiter am steten Wandel von Scritti Politti: über Synthie-Pop und HipHop hin zum aktuellen puristischen Gitarrenpopalbum “White Bread Black Beer”.



[Green Gartside schaut interessiert den iPod mit Mikrofon zum Aufnehmen an]
Man kann wahrscheinlich die Epochen deiner Musik, bedingt durch die langen Phasen zwischen den Alben, an den Aufnahmegeräten festmachen, die die Journalisten benutzen: vom Taperecorder über Minidisc zum iPod.

Könnte man meinen, aber viele benutzen lustigerweise noch immer dieselben Geräte. Gestern habe ich beispielsweise den alten Sony-Walkman gleich zweimal wiedergesehen.

Du hast deinen ersten Liveauftritt nach 26 Jahren ja still und heimlich in einem Pub in Südlondon durchgezogen, unter dem Pseudonym Double G And The Traitorous 3. Andere hätten sich bei einem solch legendären Status, wie ihn Scritti Politti genießen, eine hochdotierte Comebacktour buchen lassen. Wieso so?
Das liegt ganz simpel daran, dass mir die ganze Scritti-Politti-Sache noch immer etwas unangenehm ist. Vor allem, was das Livespielen angeht: Ich war mir nicht sicher, ob ich es mögen würde, ich war mir nicht sicher, ob es funktionieren würde – deswegen bot sich der andere Name an. Ich muss sagen, dass es zwar musikalisch noch nicht perfekt hingehauen hat, da wir noch nicht so erfahren sind, aber es hat Spaß gemacht. Von daher werden wir wohl ziemlich bald zu Scritti Politti werden.

Und die Band hast du passenderweise in den Pubs Hackneys, dem Londoner Viertel, in dem du derzeit lebst, gecastet. Unprätentiöser geht es nicht mehr. Ein Freund unseres Autors Alex Major, der deinen ersten Gig Anfang Januar für intro.de besuchte, hat dich nach dem Konzert angesprochen, erfuhr, dass du einen Keyboarder suchst und hatte schnell den Job (samt dem des Backgroundsängers). Bist du eine unkomplizierte Type?

Oh ja. Du kennst ihn? Schön ... Ja, das ist das Prinzip: Ich habe bis auf einen alle Bandmitglieder im selben Pub gefunden – den Schlagzeuger in einem vierhundert Meter weiter die Straße runter. Der Schlagzeuger ist zwanzig, die Bassistin hat nie zuvor in einer Band gespielt, sie arbeitete bisher in einem Pub hinter der Bar. Aber ich mochte sie, sie hat einen guten Musikgeschmack, und ich häng gerne mir ihr rum. Als ich mich dafür entschied, wieder live zu spielen, hätte ich auch viele großartige Musiker aus Amerika für hohe Schecks einfliegen lassen können, aber das wollte ich nicht: Ich wollte mich mit Leuten umgeben, die ich mag.

Kam es wegen dieses Gefühls, dass es sozial hundert Prozent passen muss, auch zu den langen Pausen in deinen Karrieren?

Es war schon immer etwas komisch mit mir. Die drei Alben in Amerika waren ja sehr soziale Angelegenheiten mit sehr vielen Mitmusikern, einem großen Team. In dem Moment aber, als ich das Studio verließ, wollte ich nur noch allein sein. Erst in London hat sich das wieder geändert, statt in Isolation auf dem Lande zu leben oder in Los Angeles und New York sehr zurückgezogen, war ich plötzlich in einer belebten Nachbarschaft, die mir auch noch sympathisch war. Ich habe neue Freunde gefunden. Sie mochten mich für das, was ich bin, wir haben nie über Scritti Politti gesprochen – da sie wussten, dass ich es nicht gerne tu. Und so kam es, dass ich wieder ein Album gemacht habe, ganz allein in meinem Raum.

Noch mal kurz zurück zum Moment deines Bühnenabtritts: 1980 hast du nach einem gemeinsamen Auftritt mit Gang Of Four eine heftige Panikattacke gehabt und bist als Konsequenz 26 Jahre nicht aufgetreten. Wieso dann plötzlich doch? Man dachte ja, das sei ein finaler Schritt runter von der Bühne gewesen.

Wir haben damals in Brighton gespielt. Alle dachten, es sei eine Herzattacke, als ich plötzlich auf der Bühne Schmerzen in der Brust hatte. Also wurde ich ins Krankenhaus gebracht, wo sie auch Herzrhythmusstörungen feststellten – aber ich denke, das war falsch, eigentlich war alles okay mit mir, ich hatte halt nur Panik. Ich war damals in einem ziemlich miesen Zustand: Andy Gill von Gang Of Four und ich haben uns einen Wettbewerb darüber geliefert, wer mehr Drogen nehmen und Bier trinken kann. Zudem war ich auch noch Vegetarier und habe nur Käsesandwich gegessen. Und lebte in einem besetzten Haus. It was full on. Danach wollte ich einfach nicht mehr live spielen und bin u. a. deswegen nach Amerika gegangen, um an anderer Musik zu arbeiten. Da man bei MTV und den anderen TV-Shows Playbackauftritte spielt, konnte ich trotzdem weitermachen und Platten verkaufen. Ich habe damals alles verändert: die Band gefeuert, den Manager gleich mit und meine Freundin verlassen – die nächsten Jahre lebte ich erst mal ganz allein.
Ich musste mich danach also nie der Situation stellen. Wenn ich daran dachte, wurde ich bis vor einigen Jahren auch gleich ängstlich. Tja, und dann hat es sich plötzlich geändert. Ich denke, das kam mit dem Alter. Ich stellte mir plötzlich – und zu Recht – die Frage, was mir denn passieren solle. Und siehe da, es machte Spaß. Wir haben jetzt auch einen Agenten und werden mehr touren: in Amerika, Japan und auch Deutschland.

Verglichen mit den letzten Alben, wirkt “White Bread Black Beer” erst mal fast konservativ in seiner Gitarrenpop-Ausrichtung. Versteh mich nicht falsch, es ist ein sehr schönes Album geworden, aber im Gegensatz zu zuletzt – wobei es sich angesichts der Zeitabstände zwischen den Alben seltsam anfühlt, zuletzt zu sagen –, wo du überraschende Brüche brachtest, finden diese Momente jetzt seltener und wenn: subtiler statt.

Zum ersten Mal in meiner Geschichte habe ich mich wohl gefühlt beim Singen – das hat wohl zur Ausrichtung des Albums geführt. Deswegen waren auch die 80er-Platten so sehr auf die Technik konzentriert: Wir haben damals zehn Tage lang an einer Snare rumgebastelt, Wahnsinn. Ich habe mir damals auch immer viel zu viele Gedanken gemacht, was der und der von dem Song halten würde. Diesmal habe ich daran keinen Gedanken verschwendet. Mir war auch egal, ob sie sophisticated rüberkommen. Ich wollte niemand anderem außer mir damit gefallen. Und es macht mir auch nichts mehr aus, wenn die Leute es nicht mögen.

Ich denke, es werden sich auch diesmal viele finden, die deine Musik mögen. Zumal wir ja gerade auch eine gute Zeit für diese Musik haben. Die ganzen nordeuropäischen Künstler, Bands wie Kings Of Convenience, oder auch die Neo-Folk-Bewegung haben ja dafür gesorgt, dass sich die Leute wieder für auf Gesang konzentrierte Alben mit guten Melodien und Songwriting interessieren.

Ja, das sehe ich auch so. Und das war mir auch beim Schreiben bewusst. Das war auch mit ein Grund, warum ich diesmal nicht in ein teures Studio mit einem meterlangen Pult gegangen bin, sondern bei mir zu Hause in einem kleinen Raum aufgenommen habe.

Du hast ja diesmal alles alleine produziert, oder?

Ja. Das hängt damit zusammen, dass ich mich, wie bereits gesagt, heute viel sicherer fühle. Ich fürchte mich nicht mehr vor negativem Feedback.

Und wann ging das los?

Ich würde sagen, so circa vor fünf Jahren, als ich nach London gezogen bin. Ich habe mir ein Haus gekauft, bin wieder mit der Frau zusammengekommen, die ich viele Jahre zuvor verlassen hatte, und habe viele neue Freunde gefunden. Ich war plötzlich happy, unter Leuten zu sein, wurde wieder eine soziale Person.

Aber du hast dich doch nie wirklich missverstanden gefühlt, oder? Wieso also diese Furcht vor dem Feedback? Du warst ja von Anfang an sehr erfolgreich und hast auch immer gutes Pressefeedback bekommen.

Ich hasste es, wenn ich gelobt wurde, und ich hasste es, wenn ich kritisiert wurde.

Gut, das macht die Sache nicht leicht. Du bist wohl kein einfacher Partner.

[lacht] Stimmt. Es gab wenig dazwischen, und deswegen war es jahrelang meine Strategie, alles zu vermeiden.

Bedauerst du denn vom heutigen Punkt aus, dass du nicht kontinuierlich veröffentlicht hast und nun wie andere Künstler deiner Epoche bei Album 20 oder so angekommen bist?

Nein, ich bereue absolut gar nichts in meinem Leben. Ich habe doch ein irres Glück: Ich kann es mir leisten, mich fünf Jahre lang in einer Hütte zu vergraben. Wie viele Leute würden das gerne mal machen? Ich weiß mein Glück zu schätzen.

Lass uns über HipHop reden. Meiner Meinung nach ist “Tinseltown To Boogiedown”, das gemeinsame Stück mit Mos Def
auf der “Anomie & Bonhomie”, einer der besten HipHop-Tracks überhaupt. Was hat dich an HipHop so interessiert, dass du es während deiner New Yorker Tage so sehr in den Mittelpunkt deiner Produktionen gestellt hast? Du hast damals ja u. a. mit Pete Rock und den Beatnuts produziert.
Oh, danke. Das freut mich ... Ich bin erstmals 1979 nach New York gekommen und war damals im Roxy und Mudd Club, wo HipHop als Erstes gespielt wurde, nachdem er sich nach Manhattan vorgearbeitet hatte. Das war damals noch eine Mischung aus Roller Disco und HipHop – ich liebte es sofort. In England war Punk zwischen 1977 und 79 langweilig geworden, hier fand ich das Spannende wieder. Ich hörte nur noch HipHop, produzierte aber selbst diese ausgefeilten Popalben. Damals glaubte ich noch, dass ich das nicht aufgreifen könnte – und wurde auch immer von den Leuten in dieser Haltung bestätigt. Irgendwann Ende der 90er, nachdem ich fast zwanzig Jahre HipHop gehört hatte, es so ein großer Teil von mir geworden war, änderte sich das. Ich fragte mich, warum ich es nicht versuchen sollte.
Ich habe auch in den letzten fünf Jahren fast nur an straighten HipHop-Stücken gearbeitet. Die Sachen sind nur noch nicht erschienen. Auf der B-Seite der ersten Single wird ein HipHop-Stück sein. Und dann kommt noch eins mit Mad Skills, den du vielleicht von seinen Sachen auf Rawkus kennst. Ich habe ganze Harddrives voll an Tracks.
Beim aktuellen Album war es so, dass Geoff Travis von Rough Trade mir geraten hatte, meine Gitarre zu schnappen und mich in mein Musikzimmer zu setzen. Einfach so.

Dass du dich so lange nicht an HipHop-Produktionen herangewagt hast, hatte das auch etwas damit zu tun, dass du weiß bist, das Genre aber zu Beginn ein rein schwarzes war?

Um ganz ehrlich zu sein, ich glaube: ja. Meine Peer-Group damals waren auch Weiße, und sie sagten nur: “Leave the fucking stuff alone” – die konnten meine Liebe zum Sound schon verstehen, wir alle drehten dauernd durch, wenn neue Platten von Leuten wie Run DMC erschienen, aber der Schritt schien zu gewagt. Selbst bei der Arbeit an “Anomie & Bonhomie” waren einige der Beteiligten noch sehr skeptisch, als ich Mos Def und die anderen dazuholen wollte.

Und wie siehst du die Entwicklung des Genres? Bist du nicht enttäuscht, wie wenig von dem eingelöst wurde, was in den 90ern möglich erschien? Auf Labels wie Rawkus, Def Jux oder Anticon findet man zwar immer mal wieder was Tolles, oft aber so schlampig produziert ...

Ich weiß, was du meinst. Ich denke, das Problem war, dass irgendwann sehr viel herauskam, auch von Leuten aus der zweiten und dritten Reihe der Bewegung, die einfach nicht den Flow haben. Ihre Beats waren nicht so auf den Punkt wie die von DJ Premier, und die Raps hatten nicht diesen Flow wie beispielsweise die von Nas. Ich höre immer weniger, da ich einfach immer weniger Neues finde, wo mich die Reime packen, die Produktionen überzeugen. Vielleicht habe ich es auch übertrieben.

Eine Tendenz, die sich ins Genre eingeschlichen hat, war ja auch das Spiel mit Rockmusik. Das hat ja beispielsweise auch den Spaß an Mos Defs zweitem Album ziemlich verdorben.

Oh ja. Da stimme ich dir zu.

Du hast 1991 mit Shabba Ranks die Single “She’s A Woman” produziert. Wie bist du eigentlich auf ihn gekommen? Er gilt ja nicht gerade als politisch korrekt. Stichwort: Schwulenfeindlichkeit.

Ich habe da ziemlich Prügel für bekommen. Lass mich etwas ausholen: Ich habe mit ihm ja vor seinen Hits zusammengearbeitet, ihn durch den damals in London omnipräsenten Dancehall-Sound entdeckt, der mich sehr begeistert hat. Ich sollte damals für die Jungs von Heaven 17 etwas einsingen. Ich hatte drei Songs vorbereitet und war eigentlich schon mit dem eigentlichen Song fertig, als Curtis Mayfield wegen seines schlimmen Unfalls nicht wie geplant kommen konnte. Also nahm ich die frei werdende Studiozeit und bat sie, u. a. Shabba Ranks einzufliegen. Es war ziemlich hart, ihn zu finden. Aber zurück zur Frage. Lass mich so anfangen: Wenn man so herangeht, dann hätte ich auch nicht mit Miles zusammenarbeiten dürfen.

Du sprichst von Miles Davis, der ja nicht nur deinen Song “Hypnotize” gecovert, sondern auch auf dem Album “Provision” mitgespielt hat.

Ja. Es war bekannt, dass er homophob und rassistisch war. Jeder, der mit ihm gearbeitet hat, konnte Geschichten erzählen, wie schlimm er sein kann. Ich wusste, dass er Frauen schlägt – aber hätte ich deswegen nicht mit ihm arbeiten sollen? Ich fühlte mich nicht unwohl dabei. Wenn du entscheidest, mit Menschen, deren Meinungen sich von deinen unterscheiden, nicht zusammenzuarbeiten, dann musst du die Linie konsequent ziehen. Rückblickend bin ich aber froh, dass ich mit ihm Musik gemacht habe.

Aha ... Wie geht es dir als sehr reflektiertem Popauteur, der nicht nur in seinen Texten immer das Soziopolitische gesucht hat, sondern sich auch in Interviews zu positionieren wusste, denn eigentlich mit dem Status quo da draußen? Die Abwesenheit größerer Diskurse muss dir doch wehtun. Ihr hattet damals, Anfang der 80er, ja schon die Vision, von Camden aus mit Pop die Welt aufzuklären.

Ich bin mir schon bewusst, dass das eine ganz spezielle Periode in der Musikgeschichte war, als Ende der 70er in England Bands wie Gang Of Four und Human League, Labelleute wie Geoff Travis aufeinander trafen und sich gegenseitig bestätigten in ihrer Ausrichtung, Popmusik als gesellschaftliches Phänomen zu sehen und nicht nur als Entertainment. Durch den Erfolg der Nachkriegsausbildung hatte England einige gute Jahre, in denen die Arbeiterklasse Zugang zur Bildung bekam, eine Liberalisierung stattfand. Man stellte Fragen, diskutierte viel – ich wohnte damals mit Ian Penman vom NME zusammen in einem besetzten Haus. Wir glaubten, bedingt durch die ganzen Umstände, daran, dass wir die Kraft haben, Utopien zu entwerfen, Identitäten zu zerstören und neue zu bilden, Sexualität zu verändern – heute redet da niemand mehr drüber, das stimmt schon. Wir haben andere Bedingungen. Aber ich bin mir sicher, das wird sich auch wieder ändern. Popmusik wird in naher Zukunft, vielleicht in 20 Jahren, nichts mehr mit der heutigen Form zu tun haben. Ehrlich gesagt bin ich sehr überrascht, dass Plattenfirmen noch immer existieren, zwar nicht mehr so finanziell kraftvoll wie in den 80ern, aber sie existieren. Es wird wieder öfter gefragt werden, wer die Macht hat und was Musik leisten kann, um sie sozial zu verteilen.

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