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Mut zur Wunde

Sampa The Great im Gespräch

Eigentlich kam Sampa The Great, die vor 24 Jahren in Sambia geboren wurde und in Botswana aufgewachsen ist, nur zum Studieren nach Australien. Vier Jahre später lebt sie immer noch dort und schaut auf eine Musikkarriere zurück, die erst 2015 so richtig begann und ihr fix weltweite Aufmerksamkeit, Support-Slots für Kendrick Lamar und einen Plattenvertrag mit dem UK-Kultlabel Big Dada einbrachte. Zu Hause fühlt sie sich in Australien trotzdem nicht, verriet sie Vincent Lindig.
Geschrieben am
Auf ihrem neuen Album »Birds And The BEE9« rappt und singt Sampa über die Zerrissenheit zwischen zwei Kontinenten, über Heimweh und Einsamkeit. In »Bye River« geht es um die Schwierigkeit, schwarz zu sein in einem Land, das seine nicht-weiße Vergangenheit nicht anerkennen will: »Shit really look snow white down under / How you supposed to be black down under?« Eine Antwort auf diese Frage hat sie nicht. Aber die junge Rapperin sieht einen Hoffnungsschimmer: Sie glaubt fest an die Kraft der Musik und singt »chants for the healing« – und verwendet diese Formulierung auch auf ihrem Twitter- und Facebook-Profil. Das klingt zwar schön blumig, ist es aber nur selten. »Wenn man das Wort Healing im Internet nachschlägt, findet man lauter wunderschöne Bilder von Steinen, Wasser, Räucherstäbchen und so weiter«, sagt Sampa. »Aber das ist nicht die Wahrheit. Wenn du dir beispielsweise ein Bein brichst, muss das heilen. Du hast Krücken, fällst hin, die Muskeln tun weh. Dieser ganze Prozess ist nicht schön und hat nichts mit Blumen, Steinen oder Räucherstäbchen zu tun.

Auf ›Birds And The BEE9‹ gibt es traurige, dunkle Stücke – an denen muss man vorbei, um zum glücklichen Ende zu kommen.« In 13 Songs geht Sampa auf diesem verzweigten und manchmal unübersichtlichen Weg voraus und zeigt, welche Zutaten ihren Charakter ausmachen: Da steht Überzeugung im Regal direkt neben den kleinen und großen Zweifeln, während sich Liebe und Vertrauen direkt über der Schublade mit Wut und Verzweiflung befinden. Komplex ist dieses Instrumentarium, manchmal auch vielleicht etwas abschreckend – aber niemals ungeordnet oder beliebig eingesetzt.
Auch musikalisch führt das Album einiges zusammen. Die Produktion stammt von einem Quartett, das wie Sampa verschiedene Stile und Kontinente verbindet. Beatbastler-Duo REMI aus Australien, Justin Smith aus den USA und Kwes Darko aus Großbritannien haben auf »Birds And The BEE9« einen Sound gebastelt, der Raum für Sampas Stimme lässt und die Vielfalt ihrer Einflüsse spiegelt. Klänge aus Jazz und Neosoul heben unter Boom-Bap-Beats entspannt das Whiskeyglas zum Toast, während in Songs wie »The Truth« oder »Healer« die Produktion fast gänzlich in den Hintergrund tritt, bis nur ein Gerüst aus Claps, Rhythmen und Stimme bleibt. Diese musikalische Bandbreite gibt Sampa genug Raum, ihre »chants for the healing« in verschiedenster Art auszuprobieren und ihr gesamtes künstlerisches Potenzial an den Start zu bringen: rappend, sprechend, hauchend oder – wie in Gospelchören und afrikanischen Traditionals – singend. Das Intro »Healing« kommt beinah ohne Lyrics aus und verlässt sich ganz auf die klare und weiche Stimme von Sampa in mehreren Lagen. Doch bei all dem Gesang darf man nicht übersehen, dass Sampa technisch einwandfreie Rap-Strophen und -Parts abliefert. Sie hat nicht nur Inhalt und Soul auf dem Kasten, sondern kann auch schnell und sicher flowen – den Rest regelt ihre wunderschöne und variable Stimme.

Inhaltlich kann Entwarnung gegeben werden: Der nach Bonos Steuerparadies und abgehalfterten Superstars schmeckende Slogan »heal the world« wird bei Sampa konkret und schrappt dadurch elegant an Hippietum und anderen Peinlichkeiten vorbei. In Songs wie »Karma The Villain« rappt sie mit verzerrter Stimme auf einem bedrückend düsteren Instrumental über Helden, die zu Bösewichtern werden. Eine grimmige Metapher, die sie direkt auf das Leben bezieht: »In dem Song geht es darum, nicht zu dem zu werden, was dich verletzt. In unserer Gesellschaft wachsen Kinder und Jugendliche, die früh verletzt werden, mit diesen Wunden auf – deshalb heilen sie auch nicht. Die tragen sie dann in aller Welt mit sich herum. Ich habe einen vielleicht fast universellen Ansatz, wenn ich sage: Lasst uns die Wunden heilen, die wir als Kinder erfahren haben, und nicht mehr mit ihnen leben. Es geht darum, einen Teufelskreis zu durchbrechen und zu verhindern, dass alte Wunden dein Leben beherrschen.«
So reflektiert und fast schon weise kommt nicht jede 24-jährige Künstlerin daher, trotzdem will Sampa eher beobachten und beschreiben, als sich zur Ikone aufzuschwingen: »Ich wollte nie für andere sprechen und dadurch zu ihrer Stimme werden. Was, wenn ich Fehler mache – folgen die Leute denen dann auch? Mit diesem Aspekt habe ich gerade viel zu kämpfen, denn ich lerne selbst noch. Daher bin ich lieber eine Beobachterin als ein Vorbild, zu dem Menschen aufschauen.« Fast schon journalistisch klingt das. Mit links distanziert sich Sampa dadurch von Befindlichkeitsfloskeln, die man in Kombination mit einem nachdenklichen Bild bei Facebook teilen könnte. Dafür tun ihre Zeilen auch zu sehr weh, wenn man genau hinhört. Sampa lässt keinen Fleck aus, der vielleicht lieber verborgen geblieben wäre. Mut zur Wunde könnte man das vielleicht nennen. Und der tut richtig gut.

Sampa the Great

Birds and the BEE9

Release: 10.11.2017

℗ 2017 Big Dada

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