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Alles in Bewegung

Rhye im Gespräch

Fünf Jahre nach ihrem geheimnisvollen Debüt »Woman« erscheint das zweite Album von Rhye. Es heißt »Blood« und klingt qualitativ ähnlich hochwertig wie das erste, kommt aber ohne die Geheimniskrämerei von damals daher. Sänger Mike Milosh zeigt sich mittlerweile sogar in der Öffentlichkeit und in den eigenen Musikvideos. Auch sonst hat sich vieles verändert, wie er Silvia Silko erzählt.
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Wer ist eigentlich Rhye? Vor fünf Jahren durfte noch lustiges Rätselraten betrieben werden: Durch die Debütplatte »Woman« mit dem ästhetisch gereckten Damenhals auf dem Cover schwebte eine dieser eleganten R’n’B-Stimmen, die zwar an Sade erinnert, aber einen Hauch androgyner wirkt. Dazu gab es wohltemperierte Kompositionen aus Funk, Soul, Electro und Pop und Musikvideos voller unkitschiger Zweisamkeiten. Indizien, die bei der Frage nach den Köpfen hinter der Musik nicht unbedingt weiterhalfen. Zumal Fans und Presse im wahrsten Sinne des Wortes ganz mysteriös im Dunkeln gehalten wurden: Auf den ersten Konzerten war es so duster, dass man kaum erkennen konnte, wer auf der Bühne stand, Bilder gab es keine, und Interviews wurden lieber am Telefon als persönlich erledigt. Auch die vollständigen Namen der beteiligten Musiker blieben ein Geheimnis.

Jetzt, zum Erscheinen des zweiten Albums »Blood«, sitzt Mike Milosh leibhaftig im Interview – bei Tageslicht. Er hält einen wenig geheimnisvollen Smoothie in der Hand und lächelt milde. Bei der Frage nach der Aufstellung seiner Band wird er allerdings wieder vage: »Sagen wir es mal so: Rhye gäbe es nicht ohne mich. Ich singe, schreibe, arrangiere und produziere. Alles andere und alle anderen sind in Bewegung, aber genauso wichtig.« Stillstand scheint für Milosh ein zu vermeidender Zustand. Dementsprechend ging es auch rund, seit Rhye 2013 ins Halbdunkel der Musiklandschaft getreten waren: Sie spielten beinahe 500 Konzerte – die Milosh aus Kostengründen selbst organisierte, und bei denen er sich nebenbei als Tourbusfahrer und Soundmann betätigte. Mit Rhye und ihrem Major-Label lief es aufgrund falscher Absprachen eher suboptimal, der Bruch war unausweichlich. Produzent und damaliges Bandmitglied Robin Hannibal war schon kurz nach Veröffentlichung der Platte nicht mehr dabei. Und zu allem Überfluss musste Milosh die Scheidung von seiner Ehefrau verarbeiten, deren schicker Hals besagtes Debüt-Cover dekoriert. Das alles klingt eher nach Achterbahnfahrt mit defekten Sicherheitsbügeln als nach Stillstand oder wenigstens wohlbedachter Bewegung.

Milosh gibt sich allerdings wenig beeindruckt. Er wirkt, als befände er sich in einer immerwährenden Achtsamkeitsübung, und fasst mit sanfter Stimme zusammen: »Ich würde schon sagen, dass ich in Balance bin.« Wut, so findet er, sei sowieso eine der überflüssigsten Empfindungen des Menschen: »Klar, du bekommst durch Wut Energie: Wenn du dich von jemandem falsch behandelt fühlst, hast du den Antrieb, denjenigen darauf anzusprechen. Aber wenn das erledigt ist, brauchst du nicht mehr wütend zu sein. Es bringt dir nichts.«

Miloshs grundlegendstes Talent ist, Spannungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Nicht nur seine Emotionen unterwirft er einer reflektierten Kontrolle, auch die von ihm ausgehenden Arrangements bestechen durch Struktur – Emotionen und die für Rhye typische Sinnlichkeit der Musik dürfen sich in ebendieser Ordnung ausbreiten. Zwar ist »Blood« das Ergebnis von Trennungen und Enttäuschung, es dokumentiert aber Hoffnung und Läuterung, dies stets in geschmackvollem Ambiente.
Dieses hinreißende Spannungsfeld ist für Rhye nicht neu. Und auch der Sound überrascht seit »Woman« nicht, überzeugt aber bei jedem Takt. Dabei wurde bei den Aufnahmen von »Blood« anders gearbeitet als beim Debüt: »Wir hatten bei der letzten Tour ein Studio-Album, das wir auf die Bühne übersetzen mussten. Dieses Mal haben wir andersherum gedacht: Wir wollten ein Album machen, von dem wir davon ausgehen können, dass es live funktioniert.« Milosh betont, dass gewisse Geräusche die erwähnte Aufgeräumtheit brechen. Unbeabsichtigtes Knacken der Instrumente etwa wurde nicht beseitigt. »Ich wollte einen erdigeren Sound, es sollte alles unordentlicher sein.« »Mal so richtig ausrasten« lautete scheinbar die Devise. Aus Miloshs Mund klingt dieses Durcheinander jedoch nach der Flippigkeit von jemandem, der sich zu seinem Mineralwasser heute mal die XXL-Packung Vollkorn-Salzstangen gönnt. Aber gut, soll uns recht sein, wenn dabei derartiger Luxus-Pop herauskommt.

Ob es nun an dem anfänglichen Versteckspiel oder der Besonderheit seiner sanften Stimme liegt: Miloshs Männlichkeit wird auch in Rezensionen zum zweiten Album immer wieder diskutiert. Gender-Etiketten haben scheinbar immer noch stärkeren Einfluss auf uns, als wir bei aller Genderfluidität und Diskussionen um Wahrnehmungen und Emanzipation gerne zugeben möchten.

»Männlichkeit und Weiblichkeit sind doch eigentlich nur noch wichtig, wenn es um Reproduktion geht, oder?« lautet Miloshs steile These. Er führt weiter aus: »Biologisch betrachtet bin ich ein heterosexueller Mann. Schaut man sich unser westliches Verständnis von Geschlechterrollen an, war es das aber auch schon mit der Männlichkeit.« Milosh sang bereits im Kinderchor höher als jedes Mädchen. Bis er 20 war, musste er sich nicht rasieren, zudem hat er eine androgyne Statur. »Wir sollten alle damit aufhören, in diesen langweiligen Kategorien zu denken. Warum ist es wichtig, in männlich und weiblich einzuteilen?« Ja – warum eigentlich? Weil dann alles so schön geordnet ist? Weil sich ein hübsches Ballett voller Strukturen ergibt? Oder weil es bei allen Dualismen und Freiheiten, denen wir uns als westliche Menschen derzeit konfrontiert sehen, zumindest etwas gibt, woran wir uns festhalten können? »Wir sind alle besonders, keiner ist gleich, alles ist in Bewegung, und jeder ist wichtig«, schließt Milosh. Ob das nun die Frage nach Geschlechtlichkeiten beantworten soll oder die Frage danach, wer Rhye ist, sei mal dahingestellt.

Rhye

Blood

Release: 02.02.2018

℗ 2018 Loma Vista Recordings., Distributed by Concord Music Group, Inc.

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