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Putins heimliche Helferinnen?

Pussy Riot

Uli Hufen ordnet die Ereignisse um die Band Pussy Riot in das größere Bild der jüngeren russischen Protestgeschichte ein und erklärt, warum der Skandal um die Band Putin eher in die Karten spielt, als ihn unter Druck zu setzen.
Geschrieben am
Bunte Kriegsverbrecher

Die drei Frauen in einem Plexiglastank. Bilder, wie man sie sonst aus Kriegsverbrechertribunalen kennt, Saddam Hussein, Adolf Eichmann. Doch die drei Frauen vor dem Chamowniki-Gericht sind bloß Mitglieder des bunten Polit-Kunst-Performance-Kollektivs Pussy Riot. Ende Februar hatten sie bei einem »Punk-Gebet« in Moskaus Erlöser-Kathedrale die Mutter Gottes angerufen, sie möge Putin verjagen. Einige Tage später wurden Nadeschda Tolokonnikowa (22 Jahre), Maria Aljochina (24 Jahre) und Jekaterina Samuzewitsch (29 Jahre) verhaftet. Die Anklage lautet auf Hooliganismus, worauf nach russischem Recht bis zu sieben Jahre Gefängnis stehen – die Staatsanwaltschaft forderte drei Jahre für »Anstachelung zu religiösem Hass«.

Solidarität durch den Westen und ... Putin


Dieses drohende Strafmaß finden nicht nur in Russland viele unangemessen, sondern natürlich auch im Westen: Die Bild-Zeitung, Jarvis Cocker, Madonna, Amnesty International, deine ganzen Facebook-Freunde, alle fordern das Offensichtliche: Pussy Riot müssen frei gelassen werden. Patti Smith rief den Anklägern bei einem Konzert in Stockholm zu: »Ask Jesus Christ. He would fucking forgive them.« Welche Sünden Pussy Riot vergeben werden sollen, wusste Patti Smith nicht. Aber es klang gut. Hauptsache, man ist auf der richtigen Seite. Kurz darauf schloss sich der bunten Koalition der Gutwilligen und Progressiven überraschend jener Mann an, dem die drei jungen Frauen nach Meinung vieler in Ost und West bereits fünf Monate Untersuchungshaft verdanken. Wladimir Putin erklärte in London, überlegen Putin’esk lächelnd, Milde sei angezeigt, und sprach davon, dass die Strafe »nicht zu hart« ausfallen solle.

Was ist passiert? Drei Monate lang, von Anfang Dezember bis Anfang März, hielten Massenproteste gegen Wahlfälschungen und die russische Regierung Moskau und die Welt in Atem. Für einen Moment schien es, als sei sogar ein Sturz des Systems Putin möglich. In ebendieser Situation betraten am frühen Nachmittag des 20. Januar acht junge Frauen mit Gitarrenkoffern auf dem Rücken den Roten Platz. Ein eisiger Wind fegte Schnee gegen die Kremlmauern. Moskaus Protestszene war zu diesem Zeitpunkt noch voller Energie, aber der Kreml befreite sich langsam aus jener Schockstarre, die ihn im Dezember befallen hatte. Pussy Riot kannte damals kaum jemand. Die Frauen bestiegen ein »Lobnoje Mesto« genanntes steinernes Postament, warfen ihre Winter-Kutten ab und schmetterten verdutzten Touristen und einigen bestellten Journalisten einen wilden Punkkracher mit dem Titel »Putin macht sich in die Hosen« entgegen. Der Text war ein wüster Aufruf zum Aufstand gegen Putin, die orthodoxe Kirche und das Patriarchat. Die Performance war vor allem visuell ein Spektakel: Alle acht trugen trotz eisiger Temperaturen nichts als neonfarbene Kleider, Strumpfhosen und ihre Trademark-Sturmhauben. Eine blaue Rauchbombe komplettierte den Farbenrausch im Schnee. Das Video und Fotos gingen sofort um die Welt.

Vier Wochen später folgte die Performance in der Erlöserkathedrale. Schnell war klar, dass Pussy Riot diesmal nicht mit ein paar Rubel Ordnungsstrafe davonkommen würden. Priester und konservative Politiker verurteilten die Aktion und forderten Bestrafung. Erzpriester Wsewolod Tschaplin formulierte im Staatsfernsehen die Anklage: »Viele Gläubige und ich selbst sind überzeugt, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben. Gesetze wurden verletzt, heilige Symbole wurden beschmutzt, im Text des Liedes steht der Name Gottes neben Schimpfworten.« Die Position der Gegenseite formuliert der junge Politaktivist und Künstler Matwej Krylow so: »Wenn Gläubige sagen: ›Das beleidigt uns!‹, dann sage ich: ›Das ist Kunst! Wenn euch das beleidigt, warum beleidigt es euch nicht, wenn die Priester mit Bentleys durch die Gegend fahren und in Luxus-Villen wohnen? Warum beleidigt es euch nicht, dass die Hälfte der Priester Fremdenfeinde sind?‹ Aber das beleidigt sie nicht!«

Religiöse Gefühle und Verletzungen

Folgte man Aussagen wie denen von Tschaplin und Krylow, dann schiene alles ganz einfach zu sein: Gut kämpft gegen Böse, progressive, liberale Künstler gegen die staatstreue Kirche und Putin. Nichts Neues: Seit den 90er-Jahren hatte es immer wieder Prozesse gegen Künstler und Kuratoren gegeben, die sich mit der Kirche anlegten. Awdej Ter-Oganjan, Oleg Mawromati, Andrej Jerofejew – die Liste ließe sich fortsetzen. Alle Prozesse endeten bislang mit Freisprüchen und geringen Geldstrafen. U-Haft wie gegen Pussy Riot wurde noch nie verhängt.

Der Unterschied: Pussy Riot segeln im Wind der Anti-Putin-Proteste und werden mit diesen identifiziert. Dass die Mehrzahl der Demonstranten ihre Performance mit Sicherheit für ästhetisch fragwürdig und politisch dämlich hält, ändert daran gar nichts. Der Anti-Korruptionsblogger Alexej Nawalnyj, einer der Köpfe der Protestbewegung, sah die Gefahr sofort und schrieb kurz nach der Verhaftung der drei Frauen: »Die Aktion ist idiotisch, ohne Zweifel. Das sind dumme Mädchen, die eine kleine Rüpelei veranstaltet haben, um bekannt zu werden. Aber: Ist ihre Rechtsverletzung für die Gesellschaft so gefährlich, dass man sie hinter Gitter bringen muss? Offensichtlich nicht.«

Nawalnyj weiß, dass man Veränderungen in Russland nicht in derart rabiater Konfrontation mit Kirche und Gläubigen erreichen kann. Russland ist ein konservatives Land, auch wenn der radikale Teil der Moskauer Kunstszene, zu dem die Foucault- und Bikini-Kill-Fans Pussy Riot gehören, das nicht wissen oder wahrhaben will. Pussy Riot haben sich mittlerweile bei all jenen Gläubigen entschuldigt, die ihre Performance als Beleidigung des orthodoxen Glaubens verstanden hatten. Trotzdem illustriert der Fall aufs Deutlichste den Abgrund, der zwischen dem aufgeklärten hippen Moskauer Publikum, aus dem sich weite Teile der Protestbewegung gegen Putin rekrutieren, und der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung in Russlands Provinzen klafft. Punk-Gebete und neonfarbene Sturmhauben in orthodoxen Kathedralen werden diesen Abgrund nicht schließen, sondern vertiefen. Profitieren tut davon nur einer: Wladimir Putin.

Das dicke Ende

Pussy Riot sind zwar wie gewünscht weltberühmt geworden, bezahlen dafür aber einen hohen Preis mit der Haft und Trennung von ihren Familien. Die offizielle Kirche hat sich selbst in den Augen vieler Gläubiger durch ihren Mangel an Barmherzigkeit diskreditiert. Nur Putin kann lächeln, für ihn sind Pussy Riot ein Geschenk: Statt über sein korruptes Regime und die gefälschten Wahlen diskutiert das halbe Land seit Monaten über die Freiheit der Kunst und die ungeklärte Rolle der Kirche im russischen Staat. Und anstatt Putins Rücktritt zu verlangen, verlangen Hunderttausende in Petitionen die Freilassung dreier wilder, schöner Mädchen. So wichtig das ist: Im Dezember war die russische Opposition weiter.

Das Urteil im Prozess wird am 17. August erwartet. Man darf nach der Schlusserklärung von Nadeschda Tolokonnikowa, in der sie das Verfahren eine »politische Unterdrückungsanordnung« nannte und dem Gericht stalinistische Methoden vorwarf und Vergleiche mit der Stalin-Ära aufmachte, sehr gespannt auf den Ausgang sein.

Auf der nächsten Seite: Thomas Venker spricht Ian Henderson (Sony Music Russland) mit über Rolle der Kirche in Russland, die Freiheit der Kunst und die Möglichkeiten des Individums.

Wie stellvertretend sind Pussy Riot für die russische Musikszene? Der gebürtige Kalifornier Ian Henderson, derzeit General Director of Sony Music Russland, vergleicht Russlands Hauptstadt Moskau mit dem alten Rom, sucht dort gerade nach den nächsten t.A.T.u. und sieht generell nur wenig politische Ambitionen unter den Künstlern.

Im Winter gab es massive Proteste gegen die letzten russischen Wahlen; die Vorgänge um Pussy Riot sind damit insofern verbunden, als dass ihre erste kritische Performance am 20.01.2012 am Lobnoje-Mesto-Denkmal am Roten Platz stattfand. Sie spielten dort in der Öffentlichkeit einen Putin-kritischen Song. Jetzt kennt jeder die Band – aber wie war es zuvor?
Ich habe durch den Auftritt auf dem Roten Platz zum ersten Mal von ihnen gehört. Sie haben dadurch sehr viel Presse bekommen.

Denkst du, dass die internationalen Proteste von Künstlern wie Madonna, Sting oder Patti Smith eine Rolle dabei gespielt haben, dass Putin sich zuletzt gemäßigt zur Band geäußert hat?
Putin will wohl als gnädiger Führer rüberkommen. Indem er für sie eine nicht zu heftige Strafe fordert, gelingt ihm das – und er kann sich breiter Presseberichterstattung sicher sein.

Für einen Nicht-Russen, der in einem Land mit einer viel stärker säkularisierten Kirche lebt, ist die Rolle der Kirche in Russland nur schwer zu verstehen. Wie groß ist ihr Einfluss auf das politische und kulturelle Leben wirklich?
Auch ich bin ja kein Russe. Insofern geht es mir ähnlich, und ich verstehe die Rolle der orthodoxen Kirche in Russland nicht wirklich. Die meisten Russen, die ich treffe, erscheinen mir auch weltlich orientiert – aber ich verbringe auch die meiste Zeit in Moskau und St. Petersburg.  

Es gibt eine Geschichte von Prozessen gegen Künstler wie Pussy Riot in Russland. Haben denn auch Künstler, die von dir repräsentiert werden, Probleme mit dem Staat? Sind gar welche derzeit im Gefängnis?
Nein, wir haben keine Künstler, die im Konflikt mit dem Rechtsstaat stehen, und auch keine mit politischen Unannehmlichkeiten. Ganz im Gegenteil, der von uns veröffentlichte Star der Klassik-Musikszene Denis Matsuev wurde neulich zum Vorsitzenden einer neuen Regierungseinheit ernannt, die die Stimmen der Künstler und Kreativen in der Regierung repräsentieren soll.

Haben denn Diskussionen wie die aktuelle um Pussy Riot Auswirkungen auf die A&R-Arbeit bei Sony Music in Russland? Geht man vorsichtiger mit politischen Künstlern um als in anderen Territorien?
Nein, der Pussy-Riot-Fall wirkt sich nicht auf unsere A&R-Tätigkeiten aus.

Lass uns noch kurz über die russische Musikszene sprechen: Siehst du denn viele Bands mit kritischen Haltungen bezüglich des Systems?
Es gibt ein paar erfolgreiche Künstler, die politisch Stellung bezogen haben. Etwa Andrei Makarevich, der Frontmann der berühmten Band Mashina Vremeni (Zeitmaschine). Aber der Großteil der Musikszene hier ist überraschend unpolitisch, wenn du mich fragst. Die russischen Musiker sind, wie die Mehrheit der Öffentlichkeit überhaupt, zynisch eingestellt, wenn es um die Möglichkeiten für den Einzelnen geht, etwas zu bewirken. Politische Veränderungen traut sich kaum jemand zu.

Habt ihr denn viele russische Künstler unter Vertrag?
Aktuell sind es gerade mal sieben. Das kommt aber daher, dass wir uns vor 2009 darauf konzentriert haben, unser internationales Roster in Russland zu verkaufen. Mit dem bereits erwähnten Denis Matsuev, Russlands bekanntesten Pianisten, und Sergey Lazarev, dem größten männlichen Popmusiker, haben wir allerdings zwei echte Stars im Programm.


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