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Im Interview: Ich brauch ein neues Gesicht

PeterLicht

Erkenne das, was du nicht siehst. Wünscht sich zumindest Linus Volkmann und befragt mit diesem Ansatz PeterLicht.
Geschrieben am
"Ich ist geisteskrank" ist eine Zeile auf der neuen PeterLicht-Platte. Nun, das mag für viele vielleicht keine neue Information sein, doch so wie bei dem gesichtsunprominenten Kölner hat man all die großen und kleinen identitären Verwirrungen sicher noch nicht gehört. Erkenne das, was du nicht siehst. Wünscht sich zumindest Linus Volkmann.

"Ich brauch' ein neues Gesicht,
sie kommen hinter mir her
Ich brauch ein neues Gesicht,
sonst hab' ich bald keins mehr"
(Jens Friebe "Neues Gesicht
")

Gedächtnisprotokoll: 2003, zur zweiten Platten von PeterLicht, wurde Redaktionen als Promo-Gimmick eine Kartoffel zugeschickt, in die sollte man Streichhölzer o. Ä. stecken und sich vorstellen, das Ergebnis sei der Künstler, Interviews gäbe es nur per Telefon, denn der echte, nicht kartoffelige Musiker möchte die Illusion aufrechterhalten, er lebe im All (Platte hieß "Stratosphärenlieder") statt in Köln. Spätestens an diesem Punkt war die Begeisterung für den Hit "Sonnendeck" durch das nachfolgende quatschige Unbill abgegolten.

Man fand sich quitt mit PeterLicht und traute ihm, wenn überhaupt, nur noch Lästiges zu. Diese fahrige Genervtheit sah sich von der dritten Platte "Lieder vom Ende des Kapitalismus" dann aber schnell in die Schranken gewiesen. Statt Kartoffel und All gab es die konsequente Gesichtsverweigerung und ansonsten nur noch - mittlerweile völlig von Elektronik zur Band gewandelte - ergreifende Musik. POP in Kapitalen und Kapitalismus als Thema. Aber nicht wie im vertrottelten Deutschpunk, im verdunkelten Hamburg oder im affirmativen Bling-Bling des HipHop. PeterLicht sang ironiefrei darüber, dass der omnipotente, gefühlt universelle Kapitalismus auch sterblich sei. Aus dieser Hinfälligkeit erhob sich die Größe der Kleinen - ein bisschen Utopie in utopieferner Zeit. Und auch neben der Musik geschah die letzten Jahre plötzlich viel PeterLichtmäßiges.
Mit abgeschnittenem Gesicht erweiterte er bekannte TV-Formate wie "Die Harald Schmidt Show" und genauso den Literaturwettbewerb des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis', er schrieb und malte Bücher, brachte ein Theaterstück auf die Bühne, gerann 2008 beim Immergut zum heimlichen Headliner und jetzt, jetzt "Melancholie und Gesellschaft". Die nächste Platte. In einem italienischen Opa-Eisladen will er getroffen werden, beim letzten Mal war es ein Oma-Kuchencafé. Gern. So beeindruckend das neue Werk wieder ist, würde ich diesmal sogar mit der Kartoffel reden.

Auf der Heimfahrt vom Melt! habe ich in einer ostdeutschen Tageszeitung einen Bericht über das Festival gelesen, und da fand sich unter anderem auch ein Bild von dir auf der Bühne. Mit Gesicht und wie du die Sitar spielst.
In welcher Zeitung war das?

Keine Ahnung, irgendwas recht Merkbefreites vom Bahnhofskiosk. Ist das für dich noch im grünen Bereich oder mittlerweile total ärgerlich, weil du die Unkenntlichkeit ja sonst so konsequent durchziehst?
Wenn ich mich auf eine Festival-Bühne stelle, wo Tausende von Leuten davor stehen, ist da vieles nicht mehr in meiner Macht. Ich will keinen Krampf entstehen lassen und jedem Einzelnen hinterherjagen - auf meinen eigenen Konzerten hänge ich aber Schilder hin, die bitten, keine Aufnahmen zu machen. Ich finde es aber auch spannend, wo sich da plötzlich Paparazzi-Attitüden freisetzen. Das Literatur-Feuilleton der FAZ hat ein großes Frontalbild von mir gebracht, obwohl Redakteur und Fotograf noch gesteckt bekommen hatten, dass das absolut nicht erwünscht sei. Und im heiligen Kulturtempel der FAZ konnte man dann aber stolz vermelden, dass man PeterLicht abgeschossen habe. Das fand ich wiederum super, wer sich auf einmal zum Paparazzi degeneriert.

Das ist aber doch ein gutes Beispiel dafür, dass dieses Verstecken, das Maskieren eine Lust an der Demaskierung weckt. Bei Kiss schaukelte es sich hoch bis zur Platte mit den blanken Gesichtern "Unmasked" - und danach waren sie eigentlich nicht mehr interessant.
Na, ich habe ja gar keine Maske, live stehe ich ganz normal vor den Leuten. Mein Antrieb bei der Sache ist ja der, dass ich introvertiert Musik machen möchte, aber natürlich dennoch veröffentliche, und daraus ergeben sich ganz viele Brüche, seltsame Erwartungshaltungen, komische Zuschreibungen - und auf dieses absurde System reagiere ich folgerichtig auch absurd. Also, dass ich in Klagenfurt sitze und im TV nicht zu sehen bin, also der Kopf abgeschnitten ist. Wenn ich das dann selbst sehe, ist das schon unerträglich, und es hat auch einen Scheiße-Faktor, aber ich finde es dennoch genau richtig, auf so eine Veranstaltung in der Form zu reagieren. Ich empfinde das aber an keiner Stelle als Maskierung. Okay, es ist von vorneherein für alle schon klar, dass da was nicht stimmt. Aber das ist ja das Wesen medialer Inszenierung, da stimmt auch immer was nicht. Und wenn ich zu sehen bin, wird das halt direkter deutlich. Das hat für mich eine größere Form der Wahrhaftigkeit, als wenn man dem zu produzierenden Bild einfach entspricht.

Kann man wirklich innerhalb der großen Medien einen Beweis gegen sie führen?
Nein, sicher nicht. Und was schon alles in meine Art reingelesen wurde: Marketingstrategie, Alleinstellungsmerkmal etc., ... was ich auch nicht widerlegen kann und möchte.

So was wie der Bachmann-Preis oder auch dein Auftritt bei Harald Schmidt, das waren ja große Nummern. Wie konsequent hättest du die Verweigerung denn da durchgezogen, die hätten dir doch auch durch die Lappen gehen können?
Das nehme ich in Kauf. Ich hätte auch ohne das Leben können. Das sind paar Minuten in einem Medium, das den totalen Versendungsfaktor in sich trägt. Aber wenn da was zu meinen Konditionen geht, ist das natürlich trotzdem toll.

Gab es keine Diskrepanz zwischen der Zusage, deine Bildwünsche zu respektieren, und der Durchführung vor Ort?
Nee, eine Stunde, bevor es losging, wehte dann schon noch mal ein anderer Wind. Die Frage war, ab welcher Entfernung man auch von vorne nichts mehr erkennt - denn man brauchte ein frontales Bild für den Gegenschnitt, das sollte aber von weit weg sein. Aber rund um die Interpretation von "ganz weit" ging es plötzlich hoch her - da hat es kurz gekracht. Im Endeffekt ist das alles der Prototyp von "Deutschland sucht den Superstar". Ein Kritiker aus der Runde sprach im Zusammenhang mit mir ja auch vom "PeterLicht'schen Affentheater", was ich völlig korrekt finde - passte auch vor allem so gut, weil die ganze Veranstaltung diesen Affentheater-Charakter besitzt. Der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung war für mich übrigens die Fahrt auf einem "Bay Watch"-Motorboot des Justiziars der Veranstaltung über den glitzernden Wörthersee.

Hat sich denn die Veranstaltung auch ökonomisch niedergeschlagen? Bei Kathrin Passig wurde ja deutlich: Nach dem Gewinn hätte sie im Grunde schreiben können, was sie wollte. Auch ihre Einkaufsliste hätte den Literaturbetrieb begeistert. Die war angekommen. Und du?
Ökonomisch merkt man das sicher, Kathrin Passig ganz konkret, weil der Gewinn ja mit 20.000 Euro dotiert ist. Was ich mitbekam, dass man lauter Einladungen zu Literaturveranstaltungen bekommt - aber da ich mit der Band ohnehin dauernd unterwegs bin, schlug sich das nicht so nieder. Für die Theaterleute, bei denen mein Stück aufgeführt wurde, war das natürlich ein Bonbon ans Klientel, denen sagen zu können: "Hier, der hat in Klagenfurt was gemacht", da sich jetzt sogar mal das Abo-Publikum angesprochen fühlt.

Verweigerung hat ja immer ihren Reiz. Die Musiker von Polarkreis 18 sieht man mit der neuen Platte ja auch nicht mehr von vorn. Wirkt bisschen wie ein Trend auf Motor, denn die sind ja auch Labelmates von dir.
Am Polarkreis muss man sich vielleicht so einpacken, dass man nicht mal mehr das Gesicht sieht. Die verdammte Kälte! Na ja, aber ich bin nun wirklich auch nicht der Erste, der mit seinem eigenen Bild arbeitet, es gibt ganz viele Schriftsteller, Musiker und sonst wen, die das tun. Ich bin da nur in einer Reihe und kann sicher kein Patent auf das versteckte Gesicht beanspruchen.

Du arbeitest ja immer mit demselben Produzenten zusammen, ich finde, auf der neuen Platte fällt schon auch wieder dessen Einfluss auf. Insofern, als dass es gelungen ist, den Weg von der Voll-Elektronik zum totalen Bandsound im Sound so organisch zu gestalten. Ich habe den letztens nachts mal kennengelernt und ihm begeistert erzählt, wie geil und sinnstiftend sein Sound sei. Am nächsten Tag habe ich mich in der Post-Rausch-Depression gegrämt, ob das nicht nur ein Hochstapler statt der echte Produzenten gewesen ist.
Ach, es kann doch nie falsch sein, einem Menschen nachts zu sagen, wie geil man seinen Sound findet. Wir wollten das diesmal noch mehr skelettieren, reduzieren. Inhaltlich wollte ich, dass auf der Platte kein doppelter Boden mehr ist, dass es eine ironiefreie Zone bleibt. Um das Klavier finden sich Bass, Gitarre, Gesang, das ist alles. Mit den Elektromomenten, die früher meine Sachen sehr geprägt hatten, war ich jetzt durch.

Eigentlich sind aber elektronische Musiker, wie du mal einer warst, sehr filigrane Blender. Sie erzeugen Sounds und imitieren Instrumente, die sie nie spielen könnten. Musstest du dir für den Übergang vom Synthie- zum Bandsound richtig neue Musiker-Kompentenzen draufschaffen?
Schon zu "Sonnendeck"-Zeiten entstanden meine Lieder auf Gitarre und Klavier, deren Beherrschung habe ich also mitgebracht. 2001 ist für mich die elektronische Welt kompett explodiert, und ich habe all die Möglichkeiten entdeckt. Vom konkreten Handling des Musikmachens empfinde ich das Hin-und-her-Modulieren von Sounds als irrwitzigen Stress. Denn es besitzt etwas komplett Uferloses, jeder neue Klang hat wieder einen anderen Bezugspunkt, einen anderen Diskurs, beinhaltet ein ästhetisches Statement - dagegen ist ein Klavier ein Klavier, Punkt. Und das war für diese Platte genau das Richtige.

Thematisch besitzt dein neues Album ja zwei Ebenen. Auf dem philosophischen Plateau wird ähnlich wie bei dem Vorgänger das Spannungsfeld zwischen Kapitalismus und Freiheit, zwischen dem Individuum und seiner Auslöschung verhandelt. Aber es gibt auch noch eine viel konkretere Ebene, die sich vor jeglicher Interpretations-Verblödung verschließt, weil sie tatsächlich konkrete Forderungen aufbringt. Ich meine zum Beispiel den Song "Bedeckte Körper sind in Ordnung", das ist ja astreiner Anliegen-Pop.
Der Song ist mir in der Tat sehr wichtig, ich sehe ihn als klassisches Protestlied, und an der Stelle möchte ich die Welt retten. Die Platte beschreibt sonst tatsächlich so eine Innenwelt, was dieses naive Stück, das sich einfach herausnimmt zu sagen: "Das finde ich doof", für das Gesamte noch wichtiger macht. Denn das ist ein Zustand, der mir auf den Sack geht, um mal in der Begriffswelt zu bleiben. Diesen Unmut bringe ich zum Ausdruck.

Man weiß ja Platten, die überhaupt Unmut in sich tragen, zu schätzen. Nichts finde ich schäbiger, als wenn Künstler ihre Aussagen über die Welt im Vorhinein schon so abfedern, dass alles derart verschleiert daherkommt, dass zum Schluss gar keine Aussage mehr übrig bleibt. Uns ist im Intro immer wichtig, gerade auch bei HipHop, nicht den Konsens der Selbstverständlichkeit mitzutragen, wenn es um Sexismus geht. Da weisen wir halt immer wieder drauf hin. Und da darf man sich nichts vormachen, das kommt bei vielen Lesern eher total beschissen an. Eigentlich soll man nur endlich die Klappe halten zu manchen Themen.
Ich habe da natürlich Verständnis, ich finde, es ist eben nicht egal, was für Inhalte und was für Mordfantasien in die Welt abgesondert werden. Auch schon die letzte Platte ist für mich von dem Wunsch beseelt, sie möge auf solche Diskussionen Einfluss nehmen. Auf der einen Seite möchte ich schon, dass meine Musik erbaulich ist - aber eben nicht nur. Sonst könnte ich mir den ganzen Kram auch sparen. Mein ganzes Projekt ist ja auch nah an dieser Thematik des "Blankziehens" dran. Also nicht nur Körper, sondern auch Gesicht. Ich finde auch den Zusammenhang zwischen Hose runterlassen und Kapitalismus sehr erstaunlich. Man schlägt die Stellenanzeigen auf, und wie obszön das ist, wenn da Passion verlangt wird, und wie überall unwidersprochen die Leistungsgesellschaft fordert, man habe alles zu geben. Also alles. Der Job darf dir unter die Haut gehen. Und im Rückschluss wird es für die Leute schon ein eigenes Bedürfnis, sich auszuziehen.

Deine Kritik an der Warenwelt und ihren Auswirkungen kommt ja nicht von ungefähr. Es stimmt doch, dass du lange Zeit in der Werbung gearbeitet hast?
Ich schätze ja jede Legende, die man lesen kann, aber dazu sage ich nix. Das ist mir auch ernst, es gibt keine Biografie, die irgendwas rechtfertigt. Was in die Öffentlichkeit geht, ist das Lied, und das soll auch das Einzige bleiben. Und ob ich jetzt mal in der Fremdenlegion war, bei den Olympischen Spielen oder eine Krankenstation in Kalkutta aufgebaut habe, das ..., das ..., das habe ich ja alles - aber es spielt keine Rolle.

Das macht dich ja auch so bescheiden.
[lacht] Obwohl ich so ein Supertyp bin.

In der Öffentlichkeit kann ohnehin auch Uneitelkeit sehr schnell unglaublich eitel wirken.
Stimmt schon, wenn Eitelkeit mit Kontrolle zu tun hat, dann ist so ein Kontrollkonzept wie meins die maximale Eitelkeit - nur, was willste machen?

Ein anderes sehr zentrales Lied des Albums ist "Marketing", das ähnelt vom Aufbau übrigens sehr deinem Bachmann-Text, also diese Dramaturgie, dass zuerst alles so schön erzählt wird und man sich durch ständige Einschränkungen immer mehr dem Boden nähert und sogar noch tiefer gedrückt wird. Zum Schluss fällt bei dem Song betont beiläufig "noch ein bisschen Holocaust". Ist so was nicht eine Nummer zu groß für einen Popsong?
Das ist schon eine Nummer zu groß, das stimmt. Empfinde ich auch so. Aber diese Nummer zu groß ist ja ganz banale Realität. Denn wenn du dich abends vor deinen Fernseher setzt, wird irgendwann der Holocaust auftauchen. Man erlebt das als völlig rituelles tägliches Ding wie Brötchenholen, abends zappt man durch die Glotze und sieht dann Leichenberge in deutschen KZs. Versteh mich nicht falsch, das muss natürlich sein, das ist die deutsche Identität. Aber es ist dennoch ein ganz monströser Zustand, dass man sich immer vorm Schlafengehen die Öffnung von Bergen-Belsen reinpfeift - und damit morpht so was Entsetzliches zu einem Wiegenlied. Und in die Schwarz-Weiß-Bilder vom Krieg schleicht sich in dieser Ritualisierung so das Gefühl von "gute alte Zeit" ein.

Handelt sich ja auch eher um Quotenbringer als um wirklich ambitionierte Geschichtsaufarbeitung. Bei manchen der Hitler-Originalfilm-Collagen fehlen nur noch die Promis, die auftauchen wie bei anderen Retro-Shows und dazu was kommentieren, also Axel Schulz, Verona Feldbusch ...
Ja, und selbst wenn die Sofa-Gemütlichkeit bei KZ-Bildern einfach nie funktionieren wird, gibt's drum rum genug Sachen mit Wehrmachtsästhetik oder mal so'n Feldzug - das kann doch nicht so schlimm sein, dazu soll man sich schön ins Kissen kuscheln.

Auch ein interessanter Aspekt, den die Platte anspricht, ist auf dem "Trennungslied". Da geht's um all die Verlassenen, die im Altersheim zwangsläufig ihre ganzen Ex-Beziehungen von einst treffen. Das ist aber auch sehr sinister, weil es diese ganze Bestimmtheit von Liebe auflöst - und das mit so einer witzigen Grundannahme tut.
Hmm, klar besitzt die Nummer was Lustiges, aber andererseits ist es der traurigste Song der Welt. Das ist von mir auch immer die Ansage an die Band, wenn wir das spielen. Das Trennungsphänomen besitzt eben auch was zutiefst Lächerliches und ist für so viele der größtmögliche Schmerz, den sie erleben können.

Video: PeterLicht  - "Trennungslied" (Teaser)



Gut, dass du das sagst, ich dachte, das solle die Bedeutsamkeit eher lapidarisieren, die alle immer in Beziehungen und Beziehungsenden stecken - denn, bumms, am Ende findet man sich neben allen Verflossenen spätestens im Altersheim wieder. Eigentlich eine sehr beruhigende Vorstellung.

Ja, aber lapidarisieren wollte ich da wirklich nichts. Ich wollte auf dem Punkt rumreiten, dass es erstaunlich ist, was da abgeht an Schmerz.

Kennst du von Gustav auf ihrer aktuellen Platte den Song "Happy Birthday"? Da werden sehr getragen wie bei deinem Trennungssong auch unzählige Namen aufgebracht. Und auch in Reime gepackt. Das hat ja bei dir auch schon was sehr Albernes dann, also du reimst Thorsten und Borsten und Gitte auf Titte.
Das ist schon absichtlich doof, selbst wenn es mir überhaupt Freude macht, so Kalauer abzufeuern. Und in dem Zusammenhang stehen aber Namen wie Bibsi, Babsi, Bubsi für das auf den ersten Blick total Banale, wo aber dahinter der maximale Schmerz und das größtmögliche Unglück wüten.

Wenn du das live spielst, kannst du dir jeden Namen merken? Oder machste dann auch bisschen Impro?
Nee, ich habe richtig geackert, und mittlerweile habe ich da so meine eigene Party von Leuten im Kopf, an denen ich da so entlanggehe. Impro ist nichts für mich. Obwohl ... gut, manchmal mache ich es, wenn es mich da aus der Kurve trägt.

Das Lied verzeiht es ja auch.
Genau.

Deine Kunst geht ja weit über das Musikersein hinaus, du schreibst, du entwirfst Theaterstücke, führst dabei demnächst auch Regie, du malst. Außer, dass einem Generalisten ja ohnehin immer bisschen unheimlich sind, wie funktioniert das alles bei dir? Hast du nicht Angst, dich völlig zu verzetteln?
Und wie ich Angst habe, und ich frage mich dauernd, ob ich da überall noch hinterherkomme, aber es hat auch was Erleichterndes, dass es verschiedene Felder gibt. Und die ganzen Szenen, in denen ich da so unterwegs bin, die relativieren sich ja auch. Theater hat ein ganz anderes Temperament als die Musikszene, und der Literaturbetrieb auch. Damit verhindert man diesen Monoblick, der die eigene Perspektive so ungeheuer wichtig nimmt und nehmen muss. Im Theater treffe ich oft auf Leute, die noch nie meine Musik gehört haben. Das finde ich befreiend. In Klagenfurt kannte auch keiner was von mir. Ist doch toll. Wenn man sich aber nur in einem Milieu aufhält, muss man immer drauf gucken, dass man ja in aller Munde ist und immer präsent.

Gerade erschien von Diedrich Diederichsen die Textsammlung "Eigenblutdoping", darin geht es auch darum, wie sich das Prekariat erst entdeckte und sich nun über dieses Stigma vermarktet, in immer neuen Selbstprotokollen. Findest du das auch in deiner Arbeit wieder?
Das Buch habe ich nicht gelesen, aber so, wie du es kurz beschreibst, ... natürlich. Gerade in Zeiten der Popindustrie, also ihrer letzten [lacht], da macht es natürlich Sinn, auch über Kapitalismus zu singen - und damit seinen eigenen Kapitalismus am Laufen zu halten. In dem Begriff vom "Eigenblutdoping" finde ich mich auf jeden Fall wieder. Ich blicke sicher nicht von einer schmiedeeisernen Veranda auf das Prekariat herab, das steht mir alles sehr nah.

Wo du aber nicht so aktiv bist, ist ja das besoffene Nachtleben. Wo wir gerade von Diederichsen sprachen: Die sogenannte "alte Spex" traf man ja in den Neunzigern immer an der Flasche im SixPack in Köln. Dich sieht man nie abends draußen, also wir treffen uns ja stets nur in Oma-Cafés. [Das erste Interview fand im Rentner-Kuchenparadies Café Wahlen statt, dieses hier in einem eher trashig pittoresken italienischen Eisladen.]
Nee, ist mir alles zu laut meistens. Für mich gilt immer noch: "Meide die Popkultur."



Zu PeterLicht im Forum:

"Inhaltlich ist das traurig, was der Herr da von sich gibt. Der geistige Offenbarungseid eines Künstlers, den man fast ernst genommen hätte." [mehr...]

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