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Queerpop im Gotteshaus

Perfume Genius live in Köln

Wenn queere Pop-Rebellen im Altarraum die Glamourkanonen durchladen, ist entweder der Klerus entmachtet worden … oder aber man sitzt in der Lutherkirche zu Köln-Nippes, die vielen nur noch als Kulturkirche bekannt ist, und lässt sich von Perfume Genius in einen Rausch spielen. Beides geil.
Geschrieben am
20.11.17, Köln, Kulturkirche

Kurzweil, das ist, wenn man trefflich unterhalten wird und dabei eine gute Zeit hat. Das Gegenteil von Langeweile eben, diesem großen, grauen Ding von damals aus den Schulferien, als man ja noch gar keine Ahnung hatte. Leider nur hat es gute Zeit so an sich, allzu schnell zu verstreichen, und die Kurzweil nimmt sich selbst beim Worte. Zu allem Überfluss schreibt Perfume Genius alias Mike Hadreas auch noch mit Vorliebe kurze Songs, die man im gefühlten Minutentakt an die Seite zu klatschen hat, obwohl man sie gerne für den Rest des Abends auf Repeat gestellt hätte. Das ist aber auch das einzig Bedauerliche am heutigen Konzertabend.

Klatschen ist übrigens gar kein Ausdruck: Entweder sind Kulturkirchengäste ein überdurchschnittlich dankbares Publikum oder es sind einfach die akustischen Gegebenheiten vor Ort, die den Applaus fast hysterisch erscheinen lassen. Verdient haben Perfume Genius und Band den exzessiven Lärmpegel so oder so. Und auch die Musiker selbst halten sich in Sachen Lautstärke keineswegs zurück: Das ganze Spektrum der Perfume-Genius-Theatralik wird ausgereizt, gerne auch von einem Augenblick auf den nächsten; es hallt und scheppert und pumpt und pulsiert. Ein Konzert wie ein großes Gefühlschaos, das nach großzügiger Zugabenrunde mit der aus allen Poren strahlenden Glam-Hymne »Queen« seinen krönenden Abschluss finden sollte.
Laut, schillernd und überkandidelt gibt sich bis dahin der Mann des Abends. Mit blitzenden schwarzen Lackschühchen, aber obenrum im Unterhemd – sein zur goldenen Hose passendes Sakko habe man ihm am Vortag in Berlin entwendet – turnt und tänzelt der schmächtige Sänger zu seinen schmachtenden Operetten durch den Bühne gewordenen Altarraum, verrenkt sich bis an die Knacksgrenze und liefert Hochglanz-Posen am laufenden Band, stets mit dramatisch geweiteten Augen und flehender, bebender Stimme. Bis gegen Ende die älteren, reduzierteren Lieder des jungenhaften 35-Jährigen an der Reihe sind, die er teils ganz alleine auf dem Stage-Piano spielt. Hat der rastlose Glamour der letzten beiden Alben Pause, ist hautnah zu spüren, was für eine empfindliche Überdosis Seele in dieser Musik steckt.

Natürlich sind es immer noch die leisen Künstler, die der Kulturkirche am besten zu Gesicht stehen, die andächtigen, die verträumt dreinblickenden mit ihren Holzinstrumenten. Gerade in akustischer Hinsicht. Der Auftritt eines grellen Paradiesvogels wie Mike Hadreas, in dessen Musik das Sexuelle genauso allgegenwärtig ist wie der Verfall, birgt hingegen seinen ganz eigenen, wundersamen Reiz. Bitte dringend wiederkommen, in den Dom verirren und gucken, was passiert.

Perfume Genius

No Shape

Release: 05.05.2017

℗ 2017 Matador

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