×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Reiben, bis es glänzt

Peaches im Gespräch

Um den Mühlen des Musikerinnendaseins zu entkommen, hat sich Peaches die vergangenen Jahre auf Theaterarbeit und Performancekunst konzentriert. Nun muckt sie wieder auf: Ihr fünftes Album »Rub« knallt irgendwo zwischen rougher Softness und wütender Abrechnung.
Geschrieben am
Dein neues Album heißt »Rub« – ist »Reiben« hier als Ode an die Klitoris zu verstehen? 
Nein, »Rub« ist viel grundsätzlicher gemeint. Du reibst aus vielen Gründen: zum Beispiel Gold, damit es glänzt. Du reibst dich an einer Person, um mit ihr zu flirten, oder du reibst deine Klitoris, um dich anzuturnen. Aber du reibst dich auch mit Seife ab, um sauber zu sein. Ich mag den müden, leicht lasziven Sound, den das Wort im Englischen hat: »Ruuubbbb«.  

Du hast dir für die neue Platte sechs Jahre Zeit gelassen. In der Zwischenzeit hast du das Musicalprojekt »Peaches Christ Superstar« realisiert und viel Theater und Performance-Kunst gemacht. Stimmt es, dass du schon vor Jahren in Toronto Theaterwissenschaften studiert hast, bevor die Entscheidung für die Musik fiel? 
Ja, nach der Highschool wollte ich Theater-Regisseurin werden. Ich wollte coole Musicals inszenieren, nicht so seichten Mist. Aber irgendwann wurde mir klar, dass es einfach zu viel Arbeit macht, solche Produktionen zu stemmen, und mit 30 der Herzinfarkt auf einen wartet. 

Das ist als Musikerin anders? 
Ja. Dadurch, wie sich die Möglichkeiten im Bereich Musik damals veränderten, erkannte ich, dass ich dort alles sein konnte, was ich beim Theater in andere Hände hätte legen müssen: Autorin, Regisseurin, Performerin – und das alles viel direkter als beim Theater. Und doch habe ich meinen Traum von damals nicht vergessen. Also habe ich die Möglichkeit ergriffen, als die Anfrage vom Theater kam. Auch, um nach vier Alben der Routine zu entgehen: ein weiteres Album aufnehmen, zwei Jahre auf Tour gehen, dann wieder an der nächsten Platte arbeiten. Jetzt aber ist wieder Zeit für Peaches-Musik. Überhaupt ist gerade eine verdammt gute Zeit für Musik. Es gibt fantastische Minimal-Beats und -Electro-Sounds.
Du giltst als Electroclash-Pionierin. 
Lass mich ein, zwei Dinge zu Electroclash sagen. Viele Leute unterschätzen nämlich den Einfluss, den dieser Stil hatte. Electroclash war die erste Welle, die elektronische Musik zurück in den Mainstream brachte. Und diese Musik war ausgesprochen queer und sexuell explizit. Das war für viele Leute zu dick aufgetragen, weshalb – so zumindest meine Theorie – Electroclash nur kurz andauerte und überging in New Wave. Dort war alles etwas züchtiger, straighter und mehr auf modische Aspekte konzentriert. Und von dort aus splitterte es sich in alle möglichen Genres auf. Aber Electroclash war zuerst da, und es gab eine Menge Frauen in der ersten Reihe, wie Le Tigre, Chicks On Speed und Tracy + The Plastics. Es war eine von Frauen mitgestaltete Bewegung, und leider ging sie wirklich schnell wieder unter. Nicht dass New Wave nicht auch seine Berechtigung hätte, aber wie kann es sein, dass Leute Electroclash als weniger wichtig erachten? Stattdessen machen sie sich darüber lustig. Aber die Musik hatte extremen Einfluss auf jegliche Art von Electro – auch für jemanden wie Lady Gaga. 

Du selbst scheinst auf »Rub« weniger Wert auf den »Clash« zu legen. Stattdessen sind die Beats sehr scharf, sehr klar und trotzdem auch soft.  
Du findest sie soft? Na ja, die Platte ist behind the beat statt on the beat, aber mein Ziel war eigentlich, sie rough und trotzdem hochwertig klingen zu lassen. Softness wollte ich nicht. Haha, dann bin ich wohl gescheitert, wenn du die Platte so empfindest!  

Einigen wir uns darauf, dass soft nicht kraftlos meint?  
Absolut! Viele Leute glauben, ich würde mehr schreien als früher, aber »Rub« hat auch ruhige Momente. Ruhige Momente, gekoppelt mit kraftvollen Schreien. Und das Kraftvolle mag ich an Feist, die auch auf der Platte zu hören ist. Sie kann so leise sein und gleichzeitig so kraftvoll.
Du hast deine alte Freundin und Wegbegleiterin Feist für den letzten Song »I Mean Something« engagiert. Dagegen featurt der Opener »Close Up« Kim Gordon. Die musste in der letzten Zeit einiges an Kritik einstecken für ihre Autobiografie, in der sie ihre Scheidung von Thurston Moore aufarbeitet.  
Ja, musste sie? Tja, Kim ist, wie sie ist: ziemlich unnachsichtig; so empfindet sie halt. Wenn sie so viel Kritik für ihre Auseinandersetzung mit der Scheidung kassiert hat, liegt es vermutlich daran, dass die Leute weniger enttäuscht von ihr als vielmehr erschrocken von Thurston sind. Sie sehen Sonic Youth als Einheit und sind entsetzt, was mit ihrer Lieblingsband passiert ist.  

Auf »Rub« verarbeitest du in zwei Songs auch eigene Trennungen: »Dumb Fuck« klingt souverän, »Free Drink Ticket« dagegen ziemlich verärgert. 
Es ist der wütendste Song, den ich je geschrieben habe! Wenn du verliebt bist und verletzt wirst, tut es verdammt weh, das kann wohl jeder nachempfinden. Dann hasst du die Person, aber irgendwann legt sich diese Empfindung auch wieder. Schließlich kannst du den Hass nicht bis ans Ende deiner Tage mit dir rumtragen. Aber der Moment, in dem die Liebe in Hass kippt, das ist so ein starkes Gefühl. Du würdest die Person in dem Moment am liebsten umbringen. Ich war mit Jam, Planningtorock, im Studio, als der Song aus mir herausbrach. Jam und ich haben uns aneinandergeklammert, weil es so beängstigend war. 

Du zeigst deine Wut, ohne in der Opferrolle zu verharren, weil das Scheißgefühl auch wieder vorbeigeht?  
Genau das sollen die Leute aus dem Song mitnehmen. Der Song heißt aus dem Grund »Free Drink Ticket«, weil die Nacht weitergeht – obwohl es ein Break-up-Song ist. Du machst weiter, um zu vergessen. Und irgendwann kommt der Morgen. Solange du einen Drink umsonst bekommst, kannst du die Nacht fortsetzen. Und viele lassen sich aufsaugen vom Nachtleben. Der Schmerz mag unendlich sein, aber hey, da wartet schon der nächste Free Drink auf dich.

Peaches »Rub« (I U She / Indigo / VÖ 25.09.15)

Peaches

Rub

Release: 25.09.2015

℗ 2015 I U She Music GmbH

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr