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Große Namen in Gdynia

Open’er Festival 2016

Klotzen, statt Kleckern bei einem der beliebtesten Festivals Polens. Bastian Küllenberg reiste zum Open’er nach Gdynia, um sich Pharell Williams, LCD Soundsystem und noch viele mehr anzusehen.
Geschrieben am
Während sich die jüngeren Besucher auf dem Campingplatz vergnügen, bringen sich nicht wenige Gäste dieses Festivals in den Hotels im Stadtzentrum unter. Dank eines weitverzweigten Shuttlebus-Systems, kann man hier Kurzurlaub und Festival verbinden. Gdynia hat einen kleinen Strand zu bieten und auch der lohnenswerte Ausflug in die Altstadt des benachbarten Gdansk ist mit dem Zug einfach zu bewerkstelligen, bevor die ersten Bands am späten Nachmittag die Bühnen betreten.

Bereits mehrfach wurde das Opene’er bei den European Festival Awards als »Best Major Festival« nominiert und konnte den Preis 2009 und 2010 sogar zweimal in Folge gewinnen. Auch 2016 klingt das Line-Up nach preisverdächtiger »Major League«: Mit Florence + The Machine, The Last Shadow Puppets, Red Hot Chili Peppers, Foals, LCD Soundsystem, Wiz Khalifa, The 1975 und Pharell Williams stehen hier an jedem Tag mindestens zwei Acts der absoluten Superstar-Kategorie auf der bombastischen Hauptbühne. Ein Programm, also dass sich mit den größten Namen des europäischen Festivalsommers messen kann. Wohl auch das ein Grund, warum das Opene’er vor allem unter englischen Festivalfans besonders beliebt zu sein scheint, die neben dem Löwenanteil an polnischen Jugendlichen einen spürbaren  Anteil des ausgelassenen Publikums ausmachen.  

Die größte Masse versammeln wie erwartet die Red Hot Chili Peppers am Donnerstagabend vor der Bühne. In den ersten Reihen pressen sich die Körper gegen die Wellenbrecher. Es herrscht Begeisterung pur, und das obwohl parallel zum Konzert auf einer ebenfalls mehr als gut bevölkerten Leinwand am anderen Ende des Geländes das EM-Viertelfinale mit polnischer Beteiligung übertragen wird. Erst beim Elfmeterschießen kommt leichte Unruhe auf, doch da haben sich Anthony Kiedis und seine gut gelaunten Mittfünfziger bereits weit hinein in ein mitreißendes Set gespielt, das mit »Don’t Stop« begann und von »Give It Away« als Zugabe beendet wird. Polen verliert schließlich im Elfmeterschießen, während die Rockstars erfolgreich vom Platz gehen.
Ist der Auftritt der Chili Peppers ein klarer Sieg, so gleicht die Show von Samstagsheadliner Pharell Williams eher einem 1 zu 1 mit leichtfertig verspielter Führung. Es mag an den gesteigerten Erwartungen an einen der maßgeblichen Akteure des Pop unserer Zeit liegen, dass sein Auftritt am Ende trotz riesigem Publikumsandrang, dankbarer Stimmung und einer Reihe Hits den faden Nachgeschmack der Enttäuschung zurücklässt. Die Band liefert eher unterstützende Handlangertätigkeiten zu eingespielten Beats, statt tatsächlich die würdige Kulisse für Pharells Charisma und Bühnenpräsenz sowie die famosen Tänzerinnen zu bieten. Hier hätte eine groovende Funk-Rock-Combo mit Bläsern vermutlich bessere Dienste leisten können. Hinzu kommt, dass etwas zusammenhangslos Solo-Songs und Stücke von N.E.R.D. mit von Williams produzierten HipHop-Hits als Halbplaybacks gemischt werden, bevor er als Zugabe das Publikum auffordert gemeinsam nach »Freedom« zu rufen. Keine Frage: alle machen mit! 
LCD Soundsystem, in diesem Magazin nicht gerade unbeliebt, fordern die Zuschauer am Freitagabend heraus, indem sie selbstreferenzielle Künstlerdramen mit brachialen Post-Punk-Ausbrüchen, glattem Disco-Pop und standardisierten Interpol-Momenten kombinieren. Manch einen versetzt der von greller Lichtshow begleitete Auftritt in schweißtreibende Ekstase, anderen wächst ein großes Fragezeichen auf der Stirn. Da hatte es Wiz Khalifa einige Stunden zuvor deutlich einfacher, die Menge zu bewegen. Seine unterhaltsame Mischung aus unterschiedlichen Beat- und Rapstilen zündet schon nach wenigen Augenblicken. Neben dem aktuell so beliebten US-Bro-Rap liefert der MC Referenzen an Golden Era und G-Funk. Es geht um Weed, Party und Sex. Universelle Themen aus dem Leben eines HipHop-Stars. Sowas nennt man wohl niedrigschwellige Festivalunterhaltung. ,

Den Gegenpart zu Wiz Khalifa bilden an diesem Tag Sigur Ros. So viel Platz wie zu ihrem Konzert um Mitternacht ist selten vor der Hauptbühne, so stimmungsvolles Licht und so beeindruckende Visuals sieht man hingegen bei keiner anderen Band. Und auch musikalisch sind die Isländer mit einer wuchtigen Post Rock-Darbietung einer der Höhepunkte des Festivals. Einen weiteren Glanzpunkt hatten Caribou bereits in der vorherigen Nacht gesetzt. Wie üblich ganz in weiß gekleidet bringen Dan Snaith und Band die voll besetzte Zeltbühne schnell in Bewegung, walzen ihre Stücke minutenlang aus und untermauern, warum sie schon seit Jahren zu den spannendsten elektronischen Livebands überhaupt zählen. »Sun« als gefühlt stundenlange Zugabe ist der Gipfel der Glückseligkeit. 
Einfacher gestrickt, aber nicht minder erfolgreich geht es dagegen bei Paul Kalkbrenner zu, der die Hautbühne am Freitag zum Tanzen bringt, und auch der arg nette Disco-Pop von Chvrches findet am Samstag großen Anklang. Elektronische Tanzmusik funktioniert gut beim Open’er! Ganz besonders, wenn es sich um heimische Künstler handelt. Neben der eigenwilligen Techno-Newcomerin Zamilska können vor allem Rysy einen umjubelten Auftritt feiern. Das Produzenten-Duo hat einige Gastsängerinnen und Sänger eingeladen, was zu reichlich Abwechslung führt: Von eingängigem Electropop der Sorte Mø bis zu trockenen Digitalism-Beats ist alles dabei.  

Unter all den großen Namen und euphorischen Momenten bilden die gut 70 Minuten von Kurt Vile und den Violators einen unaufgeregten Höhepunkt. Die Alter Stage füllt sich mit jedem Lied und am Ende nicken hunderte Köpfe im Takt der hypnotischen Rockmusik. Mit einer lässigen Unbeholfenheit wechselt Vile nach jedem Lied die Gitarre und gönnt sich und seiner Band in den Stücken viel Raum, um den richtigen Groove zu finden. Schön, dass das Slackertum nie tot zu kriegen ist! 
Ein weiterer polnischer Act sorgt für den am meisten herausstechenden Klang des Festivals: Zbigniew Wodecki und das Soul-Pop Orchester Mitch & Mitch. Gemeinsam führen sie ein ehedem vergessenes Album Wodeckis auf, der in Polen lange Zeit besonders als Sänger der Titelmelodie der »Biene Maja« bekannt war. »1976: A Space Odyssey« geriet so zum späten Kassenschlager und dementsprechend fröhlich ist die Stimmung, als die vielköpfige Combo am Freitagnachmittag die Hauptbühne eröffnet. Der Sonnenschein bricht durch eine schwer graue Wolkendecke, begleitet von Easy Listening Jazz, Burt Bacharach-Verehrung und Bossa Nova Noten. Ein Konzert, perfekt für einen Sommertag. Das Pendant zur harmonisch sommerlichen Nacht liefern bereits am Vorabend Beirut. Vor der Tent Stage ist es brechend voll, viele begnügen sich daher mit der Videoleinwand vor dem Zelt und genießen den wundervoll melancholischen Bläser-Folk der Band um Sänger Zach Condon im Sitzen.  
Auch abseits der Bühnen geizt das Open’er nicht an Angeboten. Neben zahlreichen Food Trucks und effekthascherischen Buden einiger Sponsoren, fallen hier besonders zahlreiche Pop Up-Stores kleiner Designer positiv auf, sowie eine Ausstellung des Museum of Modern Art in Warschau zur Geschichte der elektronischen Musik der 80er. Ein Kino, Theater-Performances und ein Barber Shop sorgen für weitere Möglichkeiten, sich die Zeit zwischen den Konzerten zu vertreiben. Oder man setzt die Kopfhörer auf und feiert in der Silent Disco. Wer das großformatige Festivalerlebnis sucht, kommt hier also ganz auf seine Kosten.  

PS: Am Sonntag zum Abschluss Feuerwerk
Artikelbild: M. Murawski

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