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One Dubstep Forward

Skrillex / Nero

Was haben Korn und die Doors gemeinsam? Beide gibt es jetzt in Dubstep, dem Genre, dessen Alles-geht-Mentalität sich derzeit wie ein Atompilz über den ganzen Globus ausbreitet. Mit Künstlern wie dem Amerikaner Skrillex und dem britischen Duo Nero erobern nun extrem modulierte Bassspuren endgültig auch den Mainstream.
Geschrieben am

Ganz ehrlich? Das Wort nervt. Der Begriff Dubstep nimmt mittlerweile so monströse Ausmaße an, dass man befürchten muss, er könnte in einer Art Eroberungskrieg jedes andere Genre schlucken, modifizieren und, mit seinen unverkennbaren Charakteristika versehen, wieder ausspucken. Doch die Menschen sind wild auf dieses Bass-Virus, längst ist es den Mauern des Undergrounds entkommen, hat Zigtausende infiziert und macht seitdem, was es will. Der Sound ist eben wirklich »wicked«, wie die Engländer sagen. Und zwar so geil, dass mit Nero ein pompös überzuckerter Dubstep-Klon das Publikum auf der Insel bereits im Sturm erobert hat. Das Produzentenduo machte sowohl mit seinem Album »Welcome To Reality« als auch mit der Singleauskopplung »Promises« bereits die Spitze der UK-Charts für sich klar.

Jetzt sitzen sie mir in einem schäbigen, engen Raum in einem dieser typischen schäbigen, engen Londoner Häuser auf einem Sofa gegenüber und streiten darüber, seit wann sie Dubstep überhaupt kennen. War es schon 2004 oder doch erst 2007? Egal, fest steht, dass es einer dieser Fruity-Loops-basierten Tracks von Skream war, der Daniel Stephens und Joseph Ray von Drum’n’Bass-Produzenten zu Dubstep-Jüngern konvertierte. Glücklicherweise. Denn laut Stephens wurde es immer schwerer, dem leicht hysterisch veranlagten Drum’n’Bass-Genre noch irgendwelche neuen Akzente zu verleihen. Außerdem hielt er dessen hohes Tempo selbst im Kopf nicht mehr aus. Und im Übrigen lassen sich in den neuen Style eimerweise Erinnerungen reinkippen! Im Fall von Nero sind das Progrock, Trance, Wendy Carlos, Yes, Moroder, Vangelis, 80er-Jahre-Actionfilm-Soundtracks, John Adams’ »Harmonielehre«-Track und ein Roland Jupiter 8 Synthesizer. Das alles auf einem Album, das wohlgemerkt in Look und Dramaturgie wie der Soundtrack zu einem Sci-Fi-Blockbuster konzipiert wurde und schon zu Beginn mit einem Track namens »Doomsday« die kommende Apokalypse einläutet.

»Promises« – Daft Punk als B-Movie

Das Nero-Album »Welcome To Reality« könnte wie die wirren Fantasien spielender Kinder wirken, wäre da nicht das unleugbare Händchen der beiden für melodiösen, Pathos-geladenen Pop. Den verkörpert Stephens’ Freundin Alana Watson, deren eingängig gesungene Refrains die meisten Songs auf dem Album prägen, ehe sie mit schöner Regelmäßigkeit durch den Filter-Reißwolf gekurbelt werden. Später in der Nacht wird sie sich zu einigen ihrer Hits auf der Bühne zeigen. Ihr blond gefärbtes Haar wird dabei stets effektvoll von irgendwelchen Ventilatoren hochgepustet. Auch das Liveset von Nero entspringt einem eher kindischen bis prolligen Traum – irgendwie sind sie auf die Idee gekommen, einen riesigen Turm aus Lautsprecherboxen hochzuziehen, der aussieht wie die Laborwand eines verrückten B-Movie-Wissenschaftlers. Obendrauf stehen im Halbdunkel Joe und Daniel und geben mit überdimensionierten Designerschutzbrillen eine leider etwas unbeholfene Kopie ihrer erklärten Vorbilder Daft Punk ab. Das Publikum im Londoner Electric Ballroom ist zahlreich und ausgelassen, man trägt wie in dieser Stadt üblich Bierdose. Jetzt sieht man auch, worauf sich so viele Hörer in puncto Dubstep mittlerweile einigen können – es ist neben den exaltierten Basskapriolen vor allem das gemäßigte Tempo, das gerade bei Nero eher an den Beat klassischer Rocksongs erinnert. Und dazu kann sich wirklich jeder bewegen, egal, wie viel er schon getankt hat.

Der Prinz ist tot, es lebe der Prinz: Skrillex

Diesen glücklichen Umstand haben in den Staaten auch schon Abertausende partyversessener Collegestudenten erkannt. Ihr neuer Held: Skrillex, ein schmaler 24-Jähriger, der mit seinen schwarz gefärbten Haaren, der dicken schwarzen Brille, schwarzer Kleidung und kalkweißer ungesunder Haut eher einem Emo-Kid als einem Electro-DJ ähnelt. Aber nicht nur mit seinem Aussehen lässt er jeden Hüter geschmackvoller Clubmusik auflaufen. So sieht man ihn und seine hyperaktiven Bassmodulationen, die meist klingen wie Todesstrahlen aus dem Weltall, wahlweise als den Prince of Dubstep oder als meistgehasste Fresse des Genres. James Blake zum Beispiel, der andere Prince of Dubstep, der vor Kurzem noch mit introvertierten Kuschel-Subbässen Trends setzen konnte, verachtet seine amerikanischen Kollegen allesamt zutiefst, da er in deren Musik jegliche Subtilität vermisst. In einem Interview mit der Tageszeitung The Phoenix warf er ihnen jüngst vor, sich mit ihrem Sound »dem Fratboy-Markt zuzuwenden und dabei emotional und klanglich eine reine Macho-Attitüde zu bedienen«, was seiner meiner Meinung nach mit dem echten Dubstep nichts mehr zu tun habe und vor allem dem weiblichen Publikum nicht gefalle.

Wegen der Kompatibilität für hedonistische Massengelage wird das, was Skrillex und seine Adepten machen, demnach schon als »Bro’step«, also als Untermalung für die asozialen Exzesse amerikanischer Fratboys, sogenannter Verbindungsstudenten, verunglimpft. Dem Phänomen Skrillex selbst kann das egal sein, solange man ihn nur weiter mit seinem Laptop spielen lässt. Wie man seine Musik einordnet, kümmert ihn wenig; wenn es nach ihm geht, könnte man ihn genauso gut als Moombahton-Artist bezeichnen. Während ich mit ihm spreche, sitzt er in einer Bar in Memphis, Tennessee, trinkt Whisky und hört begeistert einem Countrymusiker zu, der Johnny-Cash-Lieder zum Besten gibt. Es ist vier Uhr nachmittags, und Skrillex, dessen bürgerlicher Name Sonny Moore lautet, wirkt genauso aufgekratzt wie sein Sound. Er sei jetzt seit über zwei Jahren auf Tour, brüllt er mir in die Ohren, und wenn die gerade wieder erwachte Rave-Szene in den Staaten so rasant weiterwachse wie bisher, werde das auch noch eine Weile so weitergehen. Momentan beehre er im Rahmen seiner »Mothership«-Tour schließlich jedes Kaff, solange man ihm nur eine ordentliche PA aufstelle, die gute Bässe hat. Das Publikum komme dann ohnehin aus allen Ecken des Landes zur Party angereist.

Immerhin hat er jetzt endlich eine Wohnung in seiner Heimatstadt Los Angeles gefunden. Bis vor Kurzem war er quasi obdachlos, lebte in Hotels und an Flughäfen von Zigaretten und Bass. Seine feingliedrigen Hände sind mit Brandwunden übersät, weil er bei der Arbeit ständig vergisst, rechtzeitig seine Kippen auszumachen. Auch jetzt raucht er, passend zu seinem Zustand dauerhafter Euphorie, die ihren Höhepunkt regelmäßig in frenetisch umjubelten Auftritten findet. Dort trumpft er mit unnachvollziehbaren dynamischen Handgriffen auf, springt herum, geht sich durch die langen Haare, raucht und treibt mit seinen dünnen Armen wie ein Dirigent auf Ecstasy das Volk an. Dies gelang ihm diesen Sommer erfolgreich auf dem Electric Daisy Carnival, einem Mega-Festival in der Wüste Nevadas, mit Zehntausenden durchgedrehter Electrokids. Die Frage, was genau Skrillex da auf der Bühne eigentlich mache, stellte sich auch bei seinem Auftritt vor Kurzem beim Berlin Festival so gut wie niemand. Angeblich hat er alles zwar vorproduziert, doch möglicherweise kommt seine Performance gerade deswegen so unwiderstehlich rüber, da sie ihm den Freiraum zum Durchdrehen lässt. Verkleidung und Requisiten sind bei ihm jedenfalls überflüssig – die Bewegungen machen es!

»Scary Monsters And Nice Sprites« statt fünf Alben voller Scheiße

Was es genau an seiner Formel ist, das die Leute so mitreißt, will Moore auf gar keinen Fall wissen. Jede Auseinandersetzung mit der eigenen Musik scheut er wie der Teufel das Weihwasser – weil er Angst hat, seine Magie zu verlieren. Lieber bezeichnet er sich überschwänglich als Vollblutmusiker, der nie etwas anderes machen wollte: Bereits mit 14 beschäftigt er sich mit Sounddesign, mit 16 verlässt er die Schule, um als Gitarrist und Sänger bei der Screamo-Band From First To Last einzusteigen. Zu dem Zeitpunkt ist er noch großer Korn-Fan, beginnt aber gleichzeitig große Teile des Warp-Katalogs einzuatmen.

Nach zwei auf Epitaph Records erschienenen Alben kehrt Moore seiner Band den Rücken, weil er lieber in irgendwelchen Hinterhöfen seine Vorstellung von Electro und Fidget House zum Besten geben will. Seit diesem Zeitpunkt arbeitet Skrillex pausenlos an neuen Tracks: »Wenn mir nicht gerade danach ist, einen Song zu schreiben, mache ich Massive auf und suche nach neuen Sounds oder nehme Audiospuren auf, die ich durch irgendwelche Filter jage. Ich bin besessen davon, ich arbeite am Flughafen, im Hotel, überall, die ganze Zeit. Ich würde das auch machen, wenn keiner diese Musik hören würde. Ich meine, ich bin natürlich froh über den Erfolg, aber das ist es nicht, was mich antreibt!« Passend dazu versucht er anfangs auch gar nicht erst, seine Tracks zu verkaufen, sondern verschenkt sie übers Internet. Ein cleverer Schachzug, der ihm relativ schnell Remix-Aufträge von Lady Gaga, Bruno Mars und auch Korn einbringt. Außerdem nimmt ihn der kanadische House-DJ Deadmau5 bei seinem Label Mau5trap unter Vertrag. Seine EP »Scary Monsters And Nice Sprites« besetzt mit ihrer hyperaktiven Mischung aus Dubstep, Electro, House und Geschrei kurz danach sensationell die ersten acht Plätze der Charts des großen Musik-Anbieters Beatport.com, mittlerweile hat die EP in Kanada und den USA Goldstatus erreicht.

Jetzt ist Skrillex bei Atlantic Records unter Vertrag. Dort will man natürlich ein Album von ihm, wird sich aber womöglich noch wundern: »Ich habe gesagt, dass ich ein Album rausbringe, weil das Label Druck macht«, ruft mir Skrillex noch aufgeregter als im bisherigen Gesprächsverlauf zu, »aber eigentlich will ich kein Album, ich wollte nie eines. Ich will EPs rausbringen, sonst nichts. Ich will kein Album, das eigentlich nur ein Kompromiss ist, Dude! Das ist einen Scheiß wert. Ich habe so viele Songs, ich könnte fünf Alben voller Scheiße rausbringen. Aber das will ich nicht. Wenn ich ein Album mache, will ich auch das entsprechende Erlebnis haben, ich will eineinhalb Monate im Studio sitzen und etwas schaffen, das wirklich Bestand hat. So wie ›Discovery‹ von Daft Punk oder ›†‹ von Justice. Wenn du es schaffst, einen bestimmten Teil deines Selbst zum Ausdruck zu bringen, dann hast du ein echtes Album. Aber nicht, wenn du einfach ein paar Songs zusammenstellst, die es schon gibt. Ich bringe lieber erst mal eine neue EP raus. Nächstes Jahr nehme ich mir vielleicht einen Monat frei und gehe ins Studio.«

Das klingt fast weise – vielleicht hätte Sonny mal seine Kumpels von Nero beraten sollen. Deren Album gebührt zwar die Ehre, Dubstep in England zum Chartsbreaker gemacht zu haben, lässt aber auf Dauer genau die Konsistenz vermissen, die hier verlangt wird. Und auch wenn Skrillex möglicherweise die Speerspitze einer neuen US-amerikanischen Electrowelle repräsentiert, ist er vielleicht wirklich noch nicht auf Albumlevel angekommen, sondern spielt noch – mit Sounds, Publikum, Erwartungen und Gralshütern wie James Blake, die tatsächlich glauben, man könne ein lebendiges Genre in einer Zeitblase einfrieren. Sicher, der bis zum Limit hochgepushte Skrillex-Sound wirkt bisweilen wie eine freakige Karikatur von Dubstep, aber er ist auch angereichert mit Angst, Aggression, innerer Zerrissenheit und tausend anderen Emotionen. Und darum gehe es letztendlich, wie Moore immer wieder lautstark betont. Sein Sound soll aufregen. Das hat er mit Sicherheit erreicht.



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