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Intro Die Woche

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Als die Kirchen brannten

Norwegischer Black Metal

Anfang der 1990er in Norwegen. Einige Musiker der sogenannten "zweiten Welle" des Black Metal beginnen zu morden. Ein Rück- und Überblick.
Geschrieben am
Anfang der 1990er in Norwegen. Einige Musiker der sogenannten "zweiten Welle" des Black Metal beginnen zu morden, zahlreiche Kirchen brennen. Beides nicht gerade selten im Namen Satans. Die Schlagzeilen über die Taten bilden zusammen mit den wegweisenden Alben jener Zeit ein bis heute unumstößliches und unheimliches Trademark für das bevölkerungskleine Land. Norwegen, wie lebst du 15 Jahre später mit dem Erbe?

Metal und Inszenierung gehen bekanntlich seit jeher Hand in Hand. Das Spiel mit Maskeraden, Fantastereien und Schockeffekten ist genrespezifisches Must - und Musiker wie Fans leben das in der Regel vollkommen reflektiert aus. "It's just art", ließ zum Beispiel Slayers Tom Araya, angesprochen auf den Widerspruch zwischen der satanistischen Symbolik, der sich seine Band seit jeher bedient, und seinem Leben als Katholik, einst wissen. Na also, möchte man meinen: Metal verlässt seine bürgerliche Wohnstube nie wirklich.

Von wegen. Norwegens Black Metal der "zweiten Welle" verabschiedete sich zu Beginn der 1990er-Jahre ohne Vorwarnung aus diesem Metal-Generationenvertrag. Plötzlich widmeten sich etliche Musiker dem Kampf gegen Staat, Christentum, Mitbürger - oder sich selbst. Am morbidesten einige Mitglieder der Osloer Band Mayhem. Eine Serie von Morden, Selbstmorden und Kirchenverbrennungen überzog in der Hochphase zwischen 1991 und 1994 das Land. Die Folge war noch mehr internationale Aufmerksamkeit für Norwegens gerade aufblühende Black-Metal-Szene, eine geschockte norwegische Öffentlichkeit und zahlreiche Mythen, die sich seither um viele der zum Teil noch aktiven Protagonisten der Szene ranken. Allen voran um den wegen Mordes inhaftierten Musiker Varg Vikernes, der als der "norwegische Charles Manson" gilt. Aber warum eigentlich ausgerechnet Norwegen? Heidnische Tradition? Lange Winter? Bierpreise? INTRO hat einen, der das wissen könnte, in Oslo getroffen: Didrik Søderlind, Ko-Autor des Buches 'Lords Of Chaos', nebenbei auch Spezialist für Satanismus.

"Warum Norwegen? Das ist schwer zu beantworten", überlegt Søderlind in einem Café auf dem Trondheimsveien ziemlich lange. "Es gibt da eine Theorie, dass all das daher rührt, dass sich im Norwegen der 1970er-Jahre eine pädagogische Strömung durchgesetzt hatte, wonach alles Groteske oder Beängstigende von Kindern fernzuhalten sei. Vor dem Hintergrund lässt sich Black Metal auch als Rebellion gegen die sozialdemokratische Politik der 70er-Jahre, vor allem aber auch gegen die von ihr massiv propagierte Gleichheit lesen. Letzteres vor allem deshalb, weil das Gleichheitsprinzip in Norwegen lange mit der Maxime des Gleich-Seins im Sinne von nicht-mehr-abweichen-sollen verwechselt wurde. Übrigens generell ein großes Problem Norwegens."

Radikalität als Schockmoment und Ausbruch aus der Normalität also. Ein Ansatz, der logisch erscheint, aber das Phänomen nicht ausreichend erklärt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es das Phänomen Black Metal in Norwegen nie gab. Denn trotz Networking und erwiesenem künstlerischen Austausch unter späteren Tätern aus der Black-Metal-Szene: Der lange vermutete "Inner Circle", der Anfang der 90er zentral Aktionen - satanistische noch dazu - gesteuert habe, ist offenbar nur ein Mythos. Die bis auf einige Kirchenverbrennungen fast ausnahmslos aufgeklärten Einzeltaten bilden so ein Mosaik aus individuell äußerst unterschiedlichen Antrieben: Misanthropie, Satanismus, Rebellion, Trittbrettfahrer-Mentalität, Psychosen und Nationalismus."Was den Nationalismus und Rassismus in Teilen der Szene anbelangt, muss man allerdings vorsichtig sein", warnt Søderlind. "Ich persönlich hatte immer den Eindruck, dass viele Musiker die Vorurteile der Bevölkerung an diesem Punkt einfach verinnerlichten und sich zu eigen machten. Black Metal scheint mir vor dem Hintergrund ähnlich wie eine weiße Version von Gangster-Rap funktioniert zu haben. Es gibt heute aber tatsächlich eine Art Neonazi-Black-Metal-Subkultur innerhalb der norwegischen Black-Metal-Szene. Aber die meisten Fans boykottieren diesen Zweig. Es existieren übrigens auch sehr gute christliche Black-Metal-Bands. All das ist sehr kompliziert."

Überhaupt: heute. Zahlreiche Legenden der Szene veröffentlichen weiterhin erfolgreiche und zum Teil hervorragende Alben. Gorgoroth, Immortal und Dimmu Borgir zum Beispiel. Von Letzteren erschien erst im April mit 'In Sorte Diaboli' (Nuclear Blast / Warner) ein neues Album. Im INTRO-Interview liefert Gründungsmitglied Erkekjetter Silenoz seine Sicht auf Gegenwart und Vergangenheit: "In Bezug auf unsere Ideologie haben wir uns nicht verändert. Sie wurde sogar noch ausgeprägter, obwohl für mich die rebellische Seite der Geschichte nicht mehr wichtig ist. Was mir wichtig ist, ist ein höheres Level der Unabhängigkeit und ein Gespür für die Dinge, die dem Individuum durch magische und esoterische Kräfte zum Vorteil dienen. Jeder, der auch nur ein wenig mit Aleister Crowley [Begründer des modernen Satanismus] vertraut ist, weiß, wovon ich spreche."

Didrik Søderlind hat seine eigene Meinung zu Dimmu Borgir: "Sie wollen offenbar gefährlich genug wirken, dass 14-Jährige noch ihre Platten kaufen möchten, aber auch nicht so gefährlich, dass die Eltern der 14-Jährigen ihren Kindern diese Platten wieder wegnehmen."

Die Strategie, sollte es wirklich eine sein, geht auf. Manche Black-Metal-Bands Norwegens sind bekannter und erfolgreicher denn je. Mittlerweile werden sie selbst zu Hause im staatlichen Radio gespielt und bekommen in der Mainstream-Tagespresse gute Reviews. Offenbar deshalb, weil es unter norwegischen Journalisten mittlerweile als "uncool" gilt, moralisch die dunkle Zeit der 90er ins Gedächtnis zu rufen. "Black Metal ist einer der größten popkulturellen Exporte unseres Landes. Er ist nicht der größte Musikexport - das wird immer wieder behauptet, ist aber Quatsch. Aber er hat Norwegen berüchtigt gemacht", meint Søderlind.

Könnte es eigentlich irgendwann eine erneute Welle der Gewalt geben? Kategorisch ausschließen will Søderlind das offenbar nicht. Die Mitglieder der Szene seien zu wenig durchschaubar in ihrem Handeln, das habe die Vergangenheit gezeigt: "Gerade in der Mythensammlung fällt auf, dass oft die Dinge, die am einfachsten zu glauben waren, nicht stimmten. Zum Beispiel, dass der erste Sänger von Mayhem immer Schwarz getragen habe. Aber wenn es heißt, dass seine Bandkollegen nach seinem Selbstmord Teile seines Schädels genommen hätten, um daraus Ketten zu fertigen und sie als Promotion-Material ihrer nächsten Platte beizulegen, denkt man zu Recht: ›Das kann jetzt aber nicht wirklich passiert sein.‹ Ist es aber tatsächlich."


Geliebt und verachtet, Meilensteine des norwegischen Black Metal:
Mayhem 'De Mysteriis Dom Sathanas' (1994)
Immortal 'At The Heart Of Winter' (1999)
Darkthrone 'Under A Funeral Moon' (1993)
Burzum 'Aske' (1995)
Emperor 'In The Nightside Eclipse' (1994)

Michael Moynihan, Didrik Søderlind
Lords Of Chaos. Satanischer Metal: Der blutige Aufstieg aus dem Untergrund
Index/Promedia, 423 S., EUR 19,95

Das große Norwegen-Special: www.intro.de/spezial/norwegen

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