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Alles irgendwie nur so?

Mutter

Ein Hit oder doch zumindest die Hälfte davon. In "Der Himmel" habe ich mich gleich verliebt: großartige Melodieführung mit viel Selbstbewusstsein. Im Text geht es um einen Kindermörder, den göttlichen Blick auf sein Treiben und die Zeugenschaft - was fürs formatierte Radio nicht taugt. "Ich finde es
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Ein Hit oder doch zumindest die Hälfte davon. In "Der Himmel" habe ich mich gleich verliebt: großartige Melodieführung mit viel Selbstbewusstsein. Im Text geht es um einen Kindermörder, den göttlichen Blick auf sein Treiben und die Zeugenschaft - was fürs formatierte Radio nicht taugt. "Ich finde es blöd, Lieder zu erklären. Mir gefällt es, wenn Leute erzählen, was sie sich bei einem Lied denken. Man sollte ein Lied nicht entzaubern. Ich war früher immer enttäuscht, wenn ich mitbekam, worum es in den Liedern, die ich liebte, wirklich ging."

Nach diesem Statement erzählt Max Müller, Sänger und Texter von Mutter, dass der Song von einem Pfarrer handele, der seine Frau erschlagen haben soll und nur aufgrund von Indizien verurteilt wurde. Beim "göttlichen Blick" handelt es sich um den Einsatz von Satellitenüberwachung bei der Verbrechensaufklärung. Nun ja, Mutter forderten stets den Hörer als Produzenten, das führte häufig zu unbehaglichen Resultaten, was aber mehr an der Fantasie der Hörer lag. Mutter fungierten eher als Transmissionsriemen.

Vier Jahre sind, zumal im immer kurzatmigeren Musikgeschäft, eine lange Zeit. Vier Jahre vergingen ohne ein Lebenszeichen der Band, in der Jochen Distelmeyer einst Trompeter war. Gut, zwischenzeitlich erschien von Max Müller ein Soloalbum ("Endlich Tot") und ein Band mit Kurzgeschichten ("Cafe Wolfsburg"), Florian Körner und Frank Behnke sind in der Filmbranche erfolgreich. Aber allmählich verschwand selbst Mutters Backprogramm aus den Läden? "Wir haben uns von unserer Managerin getrennt, die wollte im Gegenzug nicht mehr mit uns reden und die Bänder rausrücken. Das hat uns ziemlich gelähmt. Wir haben aber weiter geprobt. Alles war eigentlich wie immer, nur dass wir keine Auftritte mehr gemacht haben. Wir haben darauf hingearbeitet, diese Platte herauszubringen."

"Diese Platte" trägt den Titel "Europa Gegen Amerika" und enthält genau die Song-Melange, die Mutter zur unberechenbarsten aller Diskurspop-Bands ("Du hasst dieses Wort bestimmt." - Max Müller: "Hassen kann man doch nicht 'n Wort!") werden ließ. Mutter beherrschen die feine Kunst der unendlich reflektierten Doppelbödigkeit. Ihre Statements sind zugleich von naiver Authentizität und kalkulierte Provokationen mit dem Mittel der Rollenprosa. Max Müller, das sind viele! Ansonsten gilt: bloß keine Langeweile!

Zunächst versteckte die Band ihr Songpotential hinter krachigem Doom-Rock, ließ dann überraschend zuckersüß den Schlagring sichtbar in der Tasche und verließ sich auf textliche Kontrapunkte ("Hauptsache Musik"). Themen des aktuellen Albums sind Dekadenz, das "neue", fiese Berlin, Identitätskrisen, düstere Prophezeiungen, Mord und Totschlag, Melancholie, Schmerz. Alles angerichtet unter der schön altmodischen Headline. Verlockendes Material, schwierige Ausgangsposition: Was, wenn eine berechenbar unberechenbare Band mit gewohntem Programm zurückkehrt? Ist etwa Bitterkeit im Spiel? Mutter, eine Band, die immer nur gegeben und nichts zurückbekommen hat? Zweimal taucht dieses Motiv auf dem neuen Album auf. Max Müller klagt nicht. "Um Erwartungen haben wir uns nie geschert. Ich habe immer das gemacht, was ich selbst gerne hören würde. Nicht jahrelang dasselbe machen, sondern einen gewissen Unterhaltungswert erfüllen." Und jetzt die neue Platte? "Keine Ahnung. Es gibt Leute, die sagen: 'Gitarrenmusik, das kannste nicht mehr machen.' Andere sagen: 'Nu Metal ist angesagt.' Irgendwas wird immer jemand sagen."

Coming Home. Liest man die ersten Kritiken zum Album, denkt man an Trümmerliteratur. Der Krieg ist vorbei, Vater, in Erinnerungen verklärt als harter Kerl, kehrt heim, und alle wenden sich leicht indigniert ab, weil Vater so muffig riecht. Beispielsweise nach Verbindlichkeit und Schmerz, was die Spaßgesellschaft stört. "Diese deprimierende gute Laune, die multimedial zelebriert wird. Dieses Comedy-TV, bei dem man nicht lachen kann und das nur dazu dient, die Leute stillzuhalten. Da gibt es nichts Subversives, zumal keine Idee dahinter steht." Die Kritiker wollen uns erzählen: Was, du hörst noch Mutter? Ist dir das nicht zu kompliziert, zu schwierig, zu wenig spaßig? "Das würde mir irgendwie gefallen. Dann würde ich denken: Na, so ein Idiot! Jetzt erst recht! Ich habe Mutter immer so verstanden, dass man sich nicht dafür schämen braucht, wenn man sagt: Ich höre Mutter gerne. Insgesamt finde ich die Sachen sehr geschmackvoll, zu keiner Minute peinlich, billig oder doof. Mutter soll eine geschmackssichere Sache sein."

Das letzte Album trug den Titel einer italienischen Zigarettensorte, nämlich "Nazionali" (1996), das italienisch korrekte "z" sorgte für Missstimmung. "Nazi"-Verdacht wird hierzulande gern gestreut, wenn jemand Diskursgrenzen überschreitet und sich nicht rechtschaffen "kommentiert" und damit positioniert (vgl. "Beruf Neonazi", demnächst: "Hundstage"). "Europa Gegen Amerika" erinnert an eine schmissige Parole, die sich spätestens durch die Ereignisse "Genua" und "11.09.2001" als historisch obsolet erwiesen hat.

Ganz schön merkwürdig, am Abend der Anschlagserie "auf Amerika, auf die Zivilisation" an der Transkription des Gesprächs mit Mutters Max Müller zu sitzen und zu bemerken, wie schnell und umstandslos man sich auf einen prinzipiellen Anti-Amerikanismus verständigt, der natürlich Ausdruck einer hingebungsvollen Liebe zur amerikanischen Kultur ist ... "Ich' hab schon gelesen, wir wollten uns mit dem Titel bei den Linken einschmeicheln. Was hat er zu bedeuten? - Gar nichts. Alles. Innerhalb der Platte spielt das auch keine große Rolle. Der Titel entstand in einem bestimmten Moment, als ich dachte: Scheiße, wir werden mit diesem ganzen Schrott zugeschüttet, da ging mir Amerika total auf den Keks. Vielleicht ist es ja auch eine Parodie auf diese bedeutsamen Plattentitel. Luftbrücke war ja schön, und dass es Elvis gegeben hat auch, und John Waters sowieso ... Aber es gibt auch vieles, was ich nicht mag: Musikvideos, dieser Lebensstil, der hier nachgeäfft wird. Ich wollte was Eigenes schaffen, was nicht für Deutschland oder deutsch steht, sondern für eigen. Unabhängig von allem. Was natürlich nicht geht, weiß ich selbst."

"Spoorlos" greift den Titel eines Films von George Sluizer auf, den dieser selbst in den USA remakte. "Ja, schrecklich, nicht? Mit Happy-End. Musste er wohl machen. Es ist üblich geworden, dass die Amerikaner nicht nur Ideen einkaufen, sondern auch gleich noch die Kreativen. Es ist schrecklich, wie alles ein-amerikanisiert werden muss, damit die das überhaupt kapieren. Deshalb finde ich es ziemlich genial, was gerade mit Frankreich passiert. Dass Madonna sich einen französischen Produzenten nimmt. Dass 'Amélie' ein Gegengewicht setzt. Vor ein paar Jahren gab es keine französische Popmusik, und jetzt überschwemmt sie alles. Finde ich gut, weil ich irgendwie Europäer bin. Mit der amerikanischen Kultur bin ich ohnehin aufgewachsen, da kommt man ja gar nicht vorbei. Aber es muss ein Gegengewicht geben. Ich will das ja nicht verbieten, weil viele segensreiche Dinge darunter sind, aber kulturelle Monokultur ist langweilig."

"Die Amerikaner haben unser Unterbewusstsein kolonisiert", hieß es 1976 in Wenders "Im Lauf der Zeit". Würdest du den Satz unterschreiben? "Ja, öh, wenn das nicht anklagend, sondern als Beschreibung einer Tatsache gemeint ist. Trotzdem macht mir ein Land mit Todesstrafe Angst. Da kann alles andere noch so toll sein." Welches war denn die letzte gute Platte, die du gehört hast? Muss nichts Aktuelles sein! "Hm, ich hör' zur Zeit viel Rockabilly. Vielleicht Buddy Holly? Touché!" Und Film? "Ich geh' ja nicht so gern ins Kino. Gelten auch Dokumentationen? Dann eine Doku über McDonalds in Malaysia, in Frankreich und noch irgendwo. Lief auf ARTE."

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