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»Ringleader Of The Tormentors«

Morrissey

»Ringleader Of The Tormentors« ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als das erhoffte Sequel zu »You Are The Quarry«. 
Geschrieben am
Morrissey haben viele in den Neunzigern – ich kann mich da nicht ausnehmen – immer konstant als Nachklapp zu der eigentlichen Sensation, den Smiths, wahrgenommen. Klar, »Mozzer« war immer »The Boss«. Meinetwegen auch mit schwächeren Soloalben und dieser unsäglichen Rockabilly-Band. Dann hörte man lange Zeit nichts mehr von ihm, und als sich vor zwei Jahren mit »You Are The Quarry« doch mal wieder ein Album annonciert zeigte, machte man sich nicht gerade mehr aufs Beste gefasst. Plan damals viel eher: es mir irgendwie wieder schönlügen und mich von der nostalgischen Verklärung des ehrenwerten Truthahns nicht abbringen lassen. Dann kam, wie man weiß, ja alles anders: »You Are The Quarry« musste nicht mit kleinlauter fanmäßiger Geste in die Rumpelkammer der öden Spätwerke durchgewunken werden, sondern es stellt das wohl beste Morrissey-Solowerk dar. Einfach so. Wie war er nur auf diese Idee gekommen, plötzlich wieder derart zwingend zu klingen? Vermutlich war einfach nur genug Zeit verstrichen, dass es ihm nicht mehr so wichtig erschien, sich als Einzelkünstler von seinem Smiths-Erbe abzuheben.  

Auf »You Are The Quarry« ließ er allen heiß geliebten Songwriter-, Kauz- und Neurosenqualitäten freien Lauf. Das Album begründete ein furioses Comeback - das weit über die Masse der Unverbesserlichen hinausragte. 2005 folgte in den Läden noch eine Live-DVD - Morrisseys Weggang aus L.A. hin nach Rom schien ungeahnte Produktivität freizusetzen, denn jetzt erscheint schon »Ringleader«. Die ungewöhnlich knappen Intervalle zwischen den VÖs sind ja schon halb unheimlich. Und zu aller Götterdämmerung sind sogar Festivalshows im sonst so gern ausgesparten Deutschland angesagt. Mit all dieser Aktivität geht natürlich auch die bange Frage einher: Hält die Euphorie an? Kann man noch mal so bisschen was haben wie auf der Platte davor? So'n bisschen. Bevor sich das Fenster wieder schließt? Nasse Hände kurz am Rock abwischen, und dann geht's bei einer Listening-Session auch los mit dem Opener »I Will See You In Far Off Places«. Die Grundanlage gibt sich orchestral, es wird ziemlich fix klar, dass es sich hier um keine Brechung mit der jüngsten Vergangenheit handeln wird. Sehr schön. Der Song, der diesen Ausblick gewährt, ist prätentiös und gut. Bleibt aber nicht wirklich hängen. Liegt es an mir? Sorgen und Unsicherheit. Die sich noch verstärken sollen bei den nächsten beiden Stücken: »Dear God, Please Help Me« und die erste Single »You Have Killed Me«. Typische Titel übrigens, einerseits die Anrufung göttlicher Instanz in Zorn und Aufbegehren. Morrissey als Pop-Prometheus (wie auch schon besonders blasphemisch auf »I Have Forgiven Jesus« beim letzten Album). Andererseits: die absolute Selbst-Diminution. Das leidende lyrische Ich, der jämmerlich verzweifelte lyrische Morrissey. Der hier traurige Zeilen für sein neues Exil übrig hat. So was wie »ich wandele müde durch die Straßen von Rom«, auf Englisch halt.  

Aber selbst die Single sticht bei der ersten Hörsession nicht heraus. Noch mal hören ist ja auch nicht drin: Es gibt immer nur einen Schuss bei einer Listening-Session. Doch dann ... bei Track vier stimmt endlich die Chemie. »Bin drin!« denke ich, und der Song mit einem weiteren Wurmsatz-Titel »The Youngest Was The Most Loved« bringt dazu einen weiblichen Chor auf. Dominant daneben nur ein Klavier und der Refrain, der nicht nur silbentechnisch an »The First Of The Gang To Die« erinnert. Von jetzt an läuft alles wie von selbst: »In The Future All Was Well« besitzt einen sehr dramatischen Aufbau. Auf meinem Notizzettel lese ich später dazu noch die Keywords, die eher auf aufkeimende Entrückung meinerseits denn auf den Song verweisen. Und zwar: »16tel auf der HiHat und Motorradgitarre«. Dann: »The Father Who Must Be Killed«. Textlich kontrovers angelegte Story vom »Stepchild« - das hat es ja auch seit der Märchen-Literatur schwer. Der Song beginnt stürmisch, nach vielleicht 20 Sekunden ist er schon auf dem Refrain. Der Frauen-Chor, der dem Housemartins'esken Song den letzten Kick Richtung Kitsch geben könnte, findet sich aus diesem Grund wohl extrem in den Hintergrund gemischt. Edle Geste.  

Jetzt: »Life Is A Pigsty« – mit über sieben Minuten das längste Stück. Es eröffnet mit Orgel, Regen und ähnlichem Atmosphäre-Kram. Bar-Band-Stimmung dann durch Kontrabass und Morrissey als Crooner. Bis zum Schluss wandeln sich Themen und Harmonien, eigentlich bekommt man mit dem Song drei ineinander gebastelte. Bei »I’ll Never Be Anybody's Hero« und »On The Streets I Ran« vernebelt das fast stetige Midtempo des Albums ein wenig die Nuancen. »I Just Wanna See The Boy Happy« hebt sich darauf allein schon durch die angezogene Geschwindigkeit und die verzerrte Gitarrendynamik ab, die immer wieder Powerchords kurz stehen lässt. Bisschen Smiths-Style meine ich in der Stockholm-Syndrom-Begegnung mit der Platte auszumachen. Das letzte Viertel des Tracks bestreiten Lärm und ein immer schräger auftrumpfendes Saxophon. Tut, tut, tut! Und zum Abschluss: »At Last I'm Born«, Twang-Gitarre und ein positives Gefühl, ja, fast ein Hochgefühl hat er sich - sicher nicht ganz unprogrammatisch - für dieses Ende aufgespart. Das gesungene Echo diverser Zeilen verstärkt den Effekt nur noch: »long, long time!« und »born, born, born!«  

»Ringleader Of The Tormentors« ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als das erhoffte Sequel zu »You Are The Quarry«. Übrigens ist es auch ein Zitat aus einem holländischen Trash-Film. Ach ja, und der beschriebene Frauenchor könnte auch ein Kinderchor und das Saxophon auch eine Trompete sein. Nicht dass es lange Gesichter gibt, wenn nachher wieder nichts stimmt. Bin ja auch nur normaler Fan und bisschen halbtaub.

Morrissey

Ringleader of the Tormentors

Release: 01.01.2006

℗ 2006 Sanctuary Records Group Ltd.

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