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Es gibt nur cool und uncool … und wie man sich fühlt

Mit Abay im ZDF-Fernsehgarten

Senta Best hat sich für Team Intro Wallraff-like in den ZDF-Fernsehgarten geschlichen. Also haben Schlager und Indie doch mehr Berührungspunkte, als wir wahrhaben wollen? Wenn es nach Aydo Abay ginge: Warum nicht?! Ein Erlebnisbericht, der Tage später zu einer Debatte über die verlogene Indie-Welt, bescheuerte Codes, Beatrice Egli und Windelheulsusen führte. 
Geschrieben am
Nachdem ich die lange Schlange der Reisebusse passiert und die vor dem Backstage-Bereich wartenden Fans mit ihren Umschlägen für Autogrammkarten bestaunt habe, treffe ich Aydo Abay. In circa zwei Stunden wird er mit dem Song »1997« aus dem gerade veröffentlichten Album »Everything Is Amazing And Nobody is Happy« beim Fernsehgarten auftreten. Obwohl ihn mit Sicherheit keiner der besagten Fans jemals zuvor gesehen, geschweige denn seinen aktuellen Bandnamen Abay gehört hat, hält er schon Stunden vor der Show einige frankierte sowie adressierte Umschläge in der Hand. Dazu passend guckt er leicht irritiert. Es ist wohl üblich, dass regelmäßige Fernsehgarten-Gäste vorsorglich Umschläge mitbringen um Autogramme zu sammeln. Ob sie die Acts nun kennen oder nicht.
Irritiert war auch die Musikredakteurin des Fernsehgartens, als Abays Band für den Auftritt vor ihr stand: drei, sorry, aber in die Jahre gekommene Herren an Bass, Gitarre und Drums. Wo denn die Band vom Pressefoto sei? Aydos unbedarft-ehrliche Antwort: »Jonas ist auf einem Golf-Benefiz-Tunier und der Rest kann leider auch nicht. Da habe ich die Band vom Papa meines Ex-Bassisten gefragt. Die freuen sich!« Mir erklärt er, nachdem es Tage nach dem TV-Auftritt ein wenig Ärger mit dem ZDF gab: »Warum auch nicht? Es war weder ein Statement noch wollte ich das ZDF verarschen. Ich fand es einfach ultrawitzig, viel witziger als wenn meine richtige Band da gestanden hätte. Ich hab die alten Herren damit sehr glücklich gemacht. Alle waren happy. Außer dem ZDF. Vielleicht hatten die ein bisschen Schiss, dass – ich will jetzt nicht die Band von Oles Papa beleidigen – man die Band nicht vom ZDF-Fernsehgarten-Publikum unterscheiden kann. Wenn ich mit meiner normalen Band hingegangen wäre, hätten alle gesagt: ›Was für Spackos, treten die jetzt im Fernsehgarten auf!‹ So war es eigentlich ein Glücksfall!« 
Warum bist du als sogenannter Indie-Künstler ausgerechnet zum ZDF-Fernsehgarten gegangen?
Weil ich Bock hatte! Und weil es eben ein TV-Spot ist. Davon gibt es nun mal nicht viele in Deutschland. Aber man muss sehen, dass man das so cool wie möglich macht und niemanden veralbert. Darum ging es auch überhaupt nicht. Die Presse hat das im Nachhinein völlig falsch dargestellt. Aber so ein Auftritt ist natürlich auch ne Gratwanderung. Es hätte auch voll in die Hose gehen können. Also nicht währenddessen – ist ja alles Play-back!  

Inwiefern dann?

Naja, wir sind ja eh nicht gerade auf dem Peak unserer Karriere. Es bestand natürlich die Gefahr, dass wir danach komplett abgemeldet hätten sein können. Es gab wirklich ein paar, die entsetzt gefragt haben, warum wir das machen. Als ich das auf Facebook gepostet habe, hatten wir acht »Gefällt-mir-nicht-mehrs« – und wir haben doch eh nicht so viele.  

Was glaubst du, warum einigen der Auftritt nicht gepasst hat?

Wegen dieser verlogenen Indie-Hipster-Scheiße. In unserer sogenannten Indie-Welt wird immer alles auf die Goldwaage gelegt. Da gibt es eine Einschätzung von ein, zwei bis acht Leuten, die ihre Meinung hinausposaunen, nach der du als Musiker entweder cool bist oder nicht. Und der Rest hört drauf. In der Schlagerwelt kann eine Beatrice Egli 800 Tage rumgehurt haben, nach diesen 800 Tagen wird die trotzdem freundlich begrüßt und alle klatschen mit, das ist denen scheißegal. Natürlich zeigt das auf der einen Seite die Oberflächlichkeit, bestätigt aber auf gar keinen Fall, dass der Indie-Hipster mehr denkt als andere. Der ist einfach nur ein Nerd. Beatrice war übrigens total nett zu mir. Und die hat niemals 800 Tage rumgehurt, ist klar, ne?! Das ist so ein Dorf-Prinzip-Style, wo sich die Nachbarn über irgendwas das Maul zerreißen. Finde ich aber ein bisschen geiler als alles immer nur kacke zu finden, nur weil es gerade angesagt ist. Bestes Beispiel: Tame Impala fanden in unserer schönen Indie-Hipster-Welt vor zwei Jahren noch alle super, mittlerweile findet die jeder zum kotzen und live die langweiligste Band ever. Obwohl sich nicht viel verändert hat, außer, dass die Band viel erfolgreicher geworden ist. Ich hab mal mit einem Typen über das damals neue Arcade-Fire-Album geredet und er meinte, dass ihn die Band überhaupt nicht mehr interessiert, dass er nur die B-Seite der ersten Single gut findet. Nur weil die da noch keiner kannte und es ein Geheimtipp war. In der Indie-Welt gibt es viele komische Faktoren und Codes, die man einhalten muss. Die sagen, wer wann wo cool ist.  

Und warum findest du den Fernsehgarten toll?

Die Sendung zielt eben darauf ab, dass die Leute nicht viel denken müssen und einfach berieselt werden. Ich guck das, weil ich dabei abschalten kann. Man wird zu nichts animiert. Das Gehirn ist komplett am floaten, der German Clap ist erwünscht. Die Themen sind alle so nichtssagend, du nimmst dir noch ein Smoothie-Rezept mit, fertig – dein Sonntag ist gerettet. Ich hab übrigens ganz viele Freunde, darunter auch Musiker, die das gleiche Credo verfolgen: Sonntagsmorgens mit Kater aufwachen und dann Fernsehgarten gucken. Mitklatschen. Die schöne heile Welt. Und der Tipp für den Smoothie: Danach ist alles wieder gut. Bestes Antikaterfrühstück! Backstage gibt es da übrigens kein Bier. Das finde ich ganz schlimm. Ich dachte, die wären alle hackedicht. So Dieter-Thomas Heck zu Ehren, so »Gib ma ein Bier, die Kamera ist gerade aus«. Nix. Alle nüchtern!


Wolltest du mit dem Auftritt der Indie-Welt einen Spiegel vorhalten? 
Ich maße mir nicht an, dass ich irgendwem einen Spiegel vorhalten kann, soll doch jeder machen, was er will. Ich wollte dahin, weil ich das so absurd fand. Ich dachte immer, Alter, wenn du da auftrittst mit der Musik, die du machst und deinem Background, dann brichst du alle Regeln, die du überhaupt nur brechen kannst. Das war erst mal nur ein Wunsch. Und als unser Schlagzeuger gesagt hat, dass es wahrscheinlich klappt, hab ich »ach du Scheiße!« gedacht.   

Und warum ist deiner Meinung nach der Auftritt in der Presse ein bisschen falsch dargestellt worden? 
Die waren der Meinung, ich hätte den Fernsehgarten untergraben. Viele dachten, ich hätte ne Wette verloren. So war das aber nicht. Ich dachte eher … ich hab eigentlich gar nicht gedacht. Es war alles sehr aufregend und der Typ von einer Online-Zeitung hat es so dargestellt, als wollte ich das ZDF bloßstellen. Anfangs hat der darin fast einen Skandal gesehen. Da hab ich erklärt, dass ich das FCK-NZS-Shirt einfach tragen musste, weil es Deutschland gerade sehr schlecht geht, dass das aber eine ganz andere Sache wär. Und die alte Band einfach ne lustige Idee. Wenn jetzt noch eine Klage vom ZDF kommt, dann am ehesten wegen dem Shirt: Man darf beim ZDF-Fernsehgarten keine politischen Statements äußern oder präsentieren. Das steht, glaub ich, sogar im Vertrag, den hab ich aber sofort verloren. Das Shirt ist aber kein politisches Statement, ich mag halt einfach nur keine Nazis. Ich stehe zu dem Shirt und wenn die mich verklagen wollen, sollen die das eben machen. Im Vorfeld musst du zu dieser Kostümfrau und die fragt dich, was du anziehst, und du musst die Sachen präsentieren. Dabei ist das FCK-NZS-Shirt irgendwie durchgeflutscht.  

Der gemeine Fernsehgarten-Zuschauer hört normalerweise nicht unbedingt deine Musik …
Schon klar, aber es ging ja darum, auch mal Grenzen zu durchbrechen. Also in 20 Jahren, wenn es den Fernsehgarten dann überhaupt noch gibt, müsste so was wie – was ist denn gerade in? – Messer oder Drangsal dort stattfinden, um die jetzigen Indie-Hipster, die dann alt sind, irgendwie glücklich zu machen. Und die feiern dann vielleicht auch German-Clap-mäßig die Drangsal-Single von vor 20 Jahren ab. Oder?    

Aber es gibt dann ja vielleicht auch immer noch Schlagermusik. Und die findet dann immer noch dort statt. Die Indie-Welt ist ja nicht populär in dem Sinne. 
Aber es gibt doch auch so was wie Annemariekantereit (sic!). Die berühren ja Indie-Kids und Omas gleichermaßen. Also wäre das doch so ein Fall für den ZDF-Fernsehgarten in 20 Jahren … oder meinst du, Schlager ist gerade … hm, was ist denn mit diesen ganzen Heulsusen? Diese ganze melancholische Windelheulmusik, zum Beispiel Joris und wie heißt der noch gleich – Max Giesinger? Davon gibt es doch unendlich viele gerade. Die würden doch wahrscheinlich in 20 Jahren in so Sendungen auftreten. 
  
Du wolltest mit deinem Auftritt also erreichen, dass in 20 Jahren möglicherweise nicht nur Windelheulsusen, sondern auch Indie-Acts beim Fernsehgarten auftreten?
Ich weiß gar nicht, ob ich das kann. Aber es wäre wünschenswert, wenn wir Musikschaffende auch in 20 Jahren noch ne Basis hätten, wo wir uns noch mal treffen könnten. Der Fernsehgarten ist ja ein ganz großes Treffen von alten und neuen Stars. Und vielleicht finden wir dann auch alle da statt. Da trifft man dann beispielsweise Tocotronic und fragt: Und, wat macht die Rente? Oder wen kann man sonst da treffen? Roosevelt, der ein Best-of-Medley macht? Im Moment gibt es so was ja gar nicht. Wir sind entweder gerade hip oder weg. Es gibt nichts dazwischen. Ich muss noch was zu Beatrice Egli sagen: Ich überlege gerade, ob ich die für unser nächstes Video anfragen soll. Also ernsthaft, sie wäre die ideale Besetzung. Es geht um einen Sekten-Kollektivmord, den sie anführt. Vielleicht hat sie ja Bock drauf.   

Darf ich das aufschreiben?
 
Ja klar, ich hab sie aber noch nicht gefragt. 
  
Warum willst du sie fragen? Nur weil du die so nett fandest? 
Ja, aber auch, weil ich die äußerst professionell fand. Wie viel Arbeit dahintersteckt. Wir Indie-Typen oder Rocker oder was weiß ich wie man uns nennt, sind ja immer sehr nörgelig und haben keinen Bock auf bestimmte Sachen und alles geht uns auf den Sack. Ich werde nie vergessen: Als Radiohead »OK Computer« rausgebracht hat, gab es doch diesen Film, in dem die einmal um die Welt reisen und alle sagen, was für eine geniale Platte das ist, und die Band hängt nur mit diesem schiefen Gesicht da und sagt: »Boa, mich nervt das voll, schon wieder ein Interview, alle sagen, wir sind genial, ich kann es nicht mehr hören.« Der Indie-Typ ist halt so ein Nörgler. Wenn Beatrice Egli um die Welt jetten würde, wäre die sicher ultrafit und würde sich die ganze Zeit freuen. Da gibt es aber ja auch eine andere Seite, das muss man natürlich auch sehen. Viele Schlagertypen haben sich ja auch umgebracht. Rex Gildo zum Beispiel. Oder Roy Black.   

Dein Fazit des Auftritts?
 
Mir hat’s gefallen, der Band auch, die Leute haben mitgeklatscht. Witzigerweise hat ja auch unser Lied ganz gut da reingepasst. Zwar ist das textlich eher dunkel, aber als das aus den Monitor-Boxen lief, hab ich gedacht: »Ja Mann, das ist eigentlich voll das schöne Schlagerlied.« Und nicht viel anders als der Grützenkack von dem Klavierheini, der vor uns aufgetreten ist. Ich hab dem ZDF noch ne Mail geschickt, weil die echt nett waren und nicht sauer sein sollen. Darin steht so was wie: »Ist doch schön, dass jetzt zwei Welten aufeinander zugegangen sind und Musik kennt ja keine Grenzen.« Ich denke, das ist die Sprache, die die verstehen. Noch kam aber nichts zurück.

Abay

Everything's Amazing and Nobody Is Happy

Release: 12.08.2016

℗ 2016 Unter Schafen Records

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