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Intro Die Woche

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Liebesbriefe an die Provinz

Metronomy

2011 schrieb Joseph Mount mit seiner Band Metronomy die eigene Heimat im Südwesten Englands als »English Riviera« in die Popgeschichte ein. Jetzt versendet er »Love Letters« aus London und wohnt trotz seines Hasses auf Franzosen mit der Liebe seines Lebens in Paris. Daniel Koch traf Mount in Berlin und sprach mit ihm über Paris, London, Torquay, Totnes und die »Perle des Wiehengebirges«, Bad Essen.
Geschrieben am

Es sind Momente wie diese, die einem zeigen, wie klein die Welt ist: Da sitzt man neben Joseph Mount, dem Mann hinter der Popband Metronomy, und stellt fest, dass man mal zwei missratene Wochen in der Jugend in dessen unmittelbarer Nachbarschaft verbracht hat.

Wir sprechen über Mounts Heimatstadt Totnes, und ich sage ihm, dass diese Stadt meine erste England-Erfahrung war. Und keine gute. Es war ein Schüleraustausch in der achten Klasse, ich muss 14 gewesen sein. Meine Gastfamilie war frisch getrennt, die Mutter kämpfte mit der Situation und einem schlecht bezahlten Job, die Kids wohnten in der Woche mit ihr auf 40 Quadratmetern über einer Videothek und lebten am Wochenende am äußersten Stadtrand im Haus des Vaters, das in einem Waldstück direkt neben einer verlassenen Schule stand, in der es angeblich spukte. Ich war damals neidisch auf meine Kumpels, die bei schnöseligen betuchten Familien in der Küstenstadt Torquay wohnten, litt unter dem englischen Wetter, das sich wie so oft von seiner grausten Seite zeigte, ärgerte mich, wenn jemand mal wieder einen Witz über das feminine Aussehen meines Austauschschülers Benji machte, verstand nicht, warum ich nie ein Wort rausbrachte, wenn mich seine Schwester ansprach, und schmollte, wenn ich das Wochenende im Waldhaus verbringen musste, während sich die anderen an Torquays Strandpromenade ihre ersten Alkoholerfahrungen draufschafften. Ich wollte nur zurück in mein geliebtes Heimatkaff Venne und in meine Schule in Bad Essen. Totnes, dachte ich damals, kann mir auf ewig gestohlen bleiben.

 

 

Bis zu diesem Moment, in dem ich Mount die gekürzte Fassung meines Trips schildere. Kaum sage ich die Worte »exchange program« und »Totnes«, lacht er laut und herzlich auf:

 

Ist nicht dein Ernst! Bist du etwa aus Bad Essen?
Aus der Nähe, ich bin da zur Schule gegangen.


Oh Gott. Meine Schwester war da auch mal mit diesem Austausch. Das waren die beschissensten Wochen ihres Lebens.
Mir ging es in Totnes nicht anders.


Wer war denn deine Gastfamilie?
Ich weiß den Nachnamen nicht mehr, aber mein Gastschüler hieß Benjamin, und alle haben ihn Benji genannt.


Ich glaub, ich weiß, wen du meinst: recht smarter Typ, lange Haare?
Ja, und seine Schwester war eine ziemliche Schönheit.


Ja, Livvy. Das sind die beiden. Verrückt. Die haben mit ihrer Mutter direkt neben uns gewohnt. Nette Leute. Aber ich kann dich verstehen: Wenn man es nicht kennt, kann Totnes ziemlich scheiße sein. Es passiert eben nicht viel.

 

Warum ich diesen Exkurs hier so ausbreite? Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, Bad Essen ein einziges Mal in den Kontext von gutem Pop zu setzen – auch wenn die »Perle des Wiehengebirges« keinen direkten Einfluss auf die Musik von Joseph Mount und seiner Band gehabt haben dürfte. Zumal es keine schlechte Idee ist, Mount, der seit einigen Jahren in Paris lebt, auf diese spezielle Region im Südwesten Englands anzusprechen. Immerhin hat er dort nicht nur seine Kindheit verbracht, er zeigte mit ihrer Hilfe auf dem letzten Metronomy-Album auch, wie cool Pop als Eskapismus inszeniert werden kann. Er sezierte sie nicht sozialkritisch, feierte nicht ihre Wahrzeichen, vertonte nicht den Stolz der dort lebenden Menschen. Sondern machte das, was schon Pipi Langstrumpf so vergnügt tat: Er malte sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Die Küste von Torquay, Paignton und Brixham wurde konsequent zur »English Riviera«, das Leben dort zur britischen Version des Savoir-vivre in Cannes oder Monaco. Der eher augenzwinkernde Spitzname war zwar schon länger verbreitet, aber Mount malte die manchmal doch eher triste Welt drum rum in den schillerndsten Farben aus – was wiederum die ganze Region entzückte. Auf der Website der »English Riviera Tourism Company« dauert es nur einen Klick auf den »Press & PR«-Bereich, und man sieht Joseph Mount und seine Metronomy-Bandmitglieder Anna Prior, Olugbenga Adelekan, Oscar Cash und Gabriel Stebbing neben einer grinsenden Tourismusbeauftragten.

 

 

Als Außenstehender hat man fast den Eindruck, dass du nur einen Schritt von der Ehrenbürgerschaft in Torquay entfernt bist. Wie kam es dazu?
Es ist seltsam. Das Council und die Tourismusbehörde dort sind irgendwann ziemlich darauf angesprungen. Sie merkten, dass es da dieses Album gibt, aber im selben Moment verstanden sie nicht genau, was passiert. Sie sahen nur die positiven Dinge. Es ist offensichtlich, dass ich die »Riviera« als eine Fantasie inszeniert habe. Die Gegend mag zwar ein Meer ihr Eigen nennen und viele Boote, paar Yachten und Häuser mit Swimmingpools, aber im Großen und Ganzen hat das alles wenig Glamour. Die Arbeitslosigkeit ist recht hoch, Wohlstand genießen die wenigsten, die meisten müssen ziemlich buckeln – und genießen dabei höchstens die schöne Gegend.


Wurdet ihr also vom Tourismus instrumentalisiert?
Nein, so kann man das nicht sagen. Es war eher rührend, wie man sich um uns bemühte. Das Video zu »The Bay« war zum Beispiel nur mit dieser Hilfe möglich. Man stellte uns schicke Hotelzimmer für das ganze Team, besorgte Drehgenehmigungen.


Das Video ist ein gutes Stichwort. Ich glaube, jeder, der irgendwann aus der Provinz in die große weite Welt zieht, teilt die Fantasie, mit wehenden Fahnen und der schönen Prinzessin an seiner Seite wieder einzureiten. Bei dir waren es wehende Haare, schicke Sakkos und sich räkelnde Models, die in einer Szene sogar lasziv über den Beton Torquays lecken. Ist das Video aus diesem Wunsch heraus entstanden?
Das spielt natürlich mit rein. Aber so will ich es nicht verstanden wissen. Die Szenen und die ganze Ästhetik sind so over the top, dass man sie nicht als ernsthafte Fantasie einer strahlenden Rückkehr lesen kann. Es ist eher das Konzept unseres Albums, das wir noch einmal konsequent ausgefilmt haben.


Entschuldige übrigens, dass ich hier noch auf dem dritten Album herumreite. Wir wollen ja eigentlich über das neue sprechen: »Love Letters«. Aber ich kam nur darauf, weil du schon in der ersten Strophe des ersten Songs »The Upsetter« singst: »Back at on the riviera«. Warum machst du das? Ich habe es als Anknüpfungspunkt verstanden – den man ja als Metronomy-Fan ganz gut gebrauchen kann, immerhin schmeißt du zwischen den Platten ja oft deinen Stil um.
Ich mag die Idee der Selbstreferenz. So wie es die Beatles zum Beispiel auf dem »White Album« gemacht haben. Wenn Lennon singt: »Well, here’s another clue for you all / The walrus was Paul«, und damit natürlich »I Am The Walrus« und die »Magical Mystery Tour« thematisiert. Oder wie bei der »vierten Wand« im Kino, wenn jemand plötzlich das Publikum direkt anspricht. Für mich hat es etwas sehr Erdendes, wenn man etwas zitiert, das man selbst geschaffen hat. Es ist wie ein respektvolles Nicken in Richtung des Vergangenen, bevor man sich etwas Neuem widmet.

 

Das Neue hört nun also auf den Namen »Love Letters«. Zehn Songs, die Metronomys Reise von überwiegend instrumentalen Electro-Experimenten auf dem Debüt »Pip Paine (Pay The £5000 You Owe)« über stilvolle Nachtbeschallung auf »Nights Out« hin zu reinem Pop, der sich schon auf »The English Riviera« zeigte, weiterführen. Der Wille zur Veränderung ist diesmal weniger im Stil als in der Aufnahmesituation zu erkennen. Metronomy nahmen das Album nämlich analog in den Toe Rag Studies im Londoner Stadtteil Hackney auf, eine Adresse, die eher Soundpuristen in Wallung bringt und normalerweise ebensolche beheimatet: Die White Stripes produzierten dort »Elephant«, Madness ihr Comeback-Album »Oui Oui Si Si Ja Ja Da Da«, und Billy Childish ist fast so etwas wie ein Stammkunde. Dennoch gibt es für Metronomy-Fans keinen Grund zur Panik: Die Coolness, das smoothe Songwriting, das lässige Bassspiel und Mounts eigenwilliger Gesang sind geblieben.

 

Eine digital sozialisierte Band wie Metronomy in einem analogen Studio wie Toe Rag – wie kam das zustande?
Es war eine Art Versuchsanordnung für mich. Im Toe Rag hat man nur acht Spuren, mit denen man arbeiten kann. Alles wird analog aufgenommen. Man muss also ganz genau überlegen, was man wie einsetzt. Wenn du mit ProTools arbeitest, wie die meisten heutzutage, dann sind die Möglichkeiten fast unendlich oder hängen von der Rechenpower deines Computers ab. Man verlässt sich viel zu schnell darauf. Aber es ist Quatsch zu glauben, dass es nur noch so geht. Einige der größten Alben sind immerhin auf acht Spuren entstanden, ohne dass sie kraftlos klingen. Ich fühle mich als Songwriter inzwischen sicher genug, dass ich die Spielregeln mal verschärfen kann und trotzdem zu einem guten Ergebnis komme. Ich kenne meine Stärken, ich kann mich auf meine Fähigkeiten verlassen, und ich bringe mich gerne in Situationen, in denen ich noch dazulernen kann.


War es wirklich nur das? Oder geht man in so ein Studio nicht auch, weil man eine gewisse Aura spüren will? Man hört das oft von jungen Bands, denen das Label eine Produktion in den Abbey Road Studios spendiert. Und durch die Toe Rags weht immerhin der Geist eines der berühmtesten Gitarrenparts der Rockgeschichte.
Das ist Quatsch. Das Studio ist sehr zugig und kalt. Die Aufnahmegeräte sind launisch und streiken manchmal. Und ohne meine beiden Tontechniker hätte ich vermutlich zwei Wochen gebraucht, um überhaupt auch nur einen einzigen Ton auf Band zu kriegen. Ich glaube nicht an Magie. Ich spüre da keine Aura. Abbey Road ist ein gutes Beispiel: Wenn man mal genau schaut, ist es fast schon erschreckend, wie viel belangloser Scheiß dort gemixt oder produziert wurde. Letztendlich kommt es doch immer auf die Musik an, auf kraftvolle Songs. Die wirken auch, wenn du sie mit einem iPhone aufnimmst.Ich muss zugeben: Die erste Single »I’m Aquarius« hat mich fertiggemacht. Super Song – aber wenn ich ihn höre, brauche ich mindestens sechs Stunden, bis ich diesen »shoop shoop ahhh«-Part aus meinem Kopf habe. Wusstest du, was du tust, als du diesen fiesen Part geschrieben hast? Gibt es Songs, die du ähnlich quälend und gelungen findest?
Ja, da gibt es einige. Ich falle schnell auf so was rein. Aber bei mir sind es leider nie Songs, die ich wirklich mag. »Roar« von Katy Perry und »Wrecking Ball« von Miley Cyrus haben mich lange getriezt. Als ich studiert habe, bin ich ungelogen ein halbes Jahr lang mit diesem Keane-Song im Kopf aufgewacht: »Somewhere Only We Know«. Das passiert also durchaus, aber es macht mich nie wütend, es ist eher so, dass ich dann irgendwann denke: »Wow, das will ich auch hinkriegen.«


Songs von dir wie »The Look« und »The Bay« funktionieren schon in einem Stadion, na ja, vielleicht nicht in einem großen.
Das ist gut. Sie funktionieren nicht in einem Fußball-, aber in einem Volleyball-Stadion?


Du weißt schon, was ich meine: Zum Stadion-Act gehört ja mehr als der richtige Song. Das nötige Großmannsgehabe zum Beispiel. Aber was ich sagen wollte: Manchmal kriegst du das schon ganz gut hin. Merkst du das, wenn du solche Parts schreibst?
Nein. Aber man merkt sich natürlich, welche Zeitpunkte im Konzert besonders gut funktionieren. Ich liebe zum Beispiel den Moment in »The Look«, wenn das Keyboard-Solo einsetzt. Da gibt es Leute, die singen dann sogar das Solo mit. Das ist wundervoll. Aber ich schreibe diese Stellen natürlich nicht bewusst. Das wäre auch der Anfang vom Ende, sieht man ja bei den Kings Of Leon. Ihr »Come Around Sundown« klang, als hätten sie im Studio gesessen und gedacht: »Ah, dieser Part hier könnte gut im Wembley Stadion funktionieren.« Und dann haben sie vergessen, einen gescheiten Song drum herum zu bauen. Es ist also immer besser, wenn dir solch ein starker Moment aus Versehen passiert.


Im Vorfeld erfuhr man, du hättest dich intensiv mit Sly & The Family Stone auseinandergesetzt, und der NME erkannte in dem Stück »Love Letters« gar einen Liebesbrief an Dexys Midnight Runners. Sind das Einflüsse, die du so unterschreiben würdest?
Na ja. Der NME hat so ein track by track zum Album gemacht und das behauptet. Vielleicht haben die beiden Songs einen ähnlichen Rhythmus, aber mehr Gemeinsamkeiten gibt es da nicht. Meine Einflüsse kommen eher aus dem Motown-Soul oder vom »Wild Honey«-Album der Beach Boys. Der NME hat also das gemacht, was er immer macht: leicht daneben gegriffen. Sly & The Family Stone habe ich in der Tat sehr oft gehört – aber auch hier glaube ich, dass sich der Einfluss eher im Sound als im Songwriting findet.


Nervt es eigentlich, wenn man sich als Künstler mit Referenzen rumschlagen muss, die man selbst gar nicht sieht?
Nur manchmal. Ich liebe diesen Moment, wenn man seine Musik an die Öffentlichkeit gibt und keinen Einfluss mehr darauf hat, wie sie verstanden wird. Ich lese auch gerne Rezensionen zu meinen Alben und schaue mir an, wie Fans auf einen neuen Song reagieren. Aber ich gebe nur etwas auf die Meinung von qualifizierten Leuten. Es gibt auch viele Idioten, und das amüsiert mich höchstens mal. Als »I’m Aquarius« rauskam, schrieben einige Leute bei Facebook, ich hätte den »Fight Club«-Soundtrack gesamplet. Da bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich habe mir besagtes Stück dann sogar angehört, und die einzige Gemeinsamkeit war, dass wir denselben Drum-Computer benutzen. Das war’s dann aber auch schon. Also echt, als würde ich den »Fight Club«-Soundtrack samplen!


Letzte Frage: Hatte dein neuer Wohnort Paris Einfluss auf die Wahl des Albumtitels? Stadt der Liebe und so?
Fuck, nein! Außerdem hasse ich Franzosen.


Gute Grundlage, um nach Paris zu ziehen.
Was will man machen: Meine Freundin lebt dort. Wir sind gerade Eltern geworden. Außerdem ist es doch eh egal, wo man wohnt, wenn man Musiker ist und viel tourt. Ob jetzt in Paris oder London.


Berlin oder Tokio.
Hongkong oder New York.


Bad Essen oder Totnes.
Genau.

 

 

Metronomy »Love Letters« (Because / Warner / VÖ 14.03.14)

 

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