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»Wir wollen offen für alle Genres bleiben«

Melt-Booker Stefan Lehmkuhl im Interview

Im Jahr 2004 »adoptierte« Intro das Melt Festival, nachdem es im Vorjahr hatte pausieren müssen und seine Zukunft ungewiss war. Das Booking übernahm fortan Stefan Lehmkuhl, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Interview mit Daniel Koch spricht er über den Wechsel der Genre-Gezeiten, erhebende Melt-Momente, nächtliche Panikattacken und die Philosophie des Festivals. Außerdem gibt er Ausblicke auf die Veränderungen und Neuerungen im Jubiläumsjahr.
Geschrieben am
Festivalbooker ist ja nicht wirklich ein Ausbildungsberuf. Deshalb mal ganz allgemein gefragt: Wie bist du da eigentlich reingeraten? 
Als das Melt damals pausieren musste, war ich noch Terminredakteur und außerdem bei Intro und Festivalguide für die Medienpartnerschaften zuständig. Darüber kannte ich die Melt-Gründer. Außerdem gab es private Überschneidungen in unseren Freundeskreisen. Als sie mich damals anriefen, um mir zu sagen, dass das Melt eine Pause einlegen muss und eventuell nicht weiter existieren wird, überlegten wir bei Intro gerade, ein eigenes Open Air zu machen. Es gab schon die »Intro Intim«-Konzertreihe und »Introducing«-Abende mit mehreren Bands, da erschien das der logische nächste Schritt. Als die Nachricht vom Melt kam, haben wir umgedacht und vorgeschlagen, bei ihnen mit einzusteigen. Sie hatten das tolle Gelände in Ferropolis, einen tollen Namen, eine sehr gute Reputation, die weitaus größer war als die tatsächliche Besucherzahl, und es war ein Multi-Genre-Festival, passte also gut zu uns. Intro war ja damals wie heute offen für neue Musik, egal, aus welchem Genre. Und das Melt war eine der ganz wenigen Veranstaltungen, die tatsächlich Techno mit Indierock vermischten. Also knickten wir unsere eigenen Pläne und haben das Melt 2004 gemeinsam gestemmt – mit Einschränkungen, denn die Gründer sind dann kurz vor dem Festival ausgestiegen. Man könnte also sagen, wir haben es adoptiert. Seit einigen Jahren ist das Melt zwar noch Teil derselben Unternehmensgruppe, aber nicht mehr direkt bei Intro angedockt.

Aber warum musstest du das Booking übernehmen? Das liegt ja nicht gerade im Aufgabenbereich eines Redakteurs.
Das Team war damals so klein, dass eh jeder alles machen musste. Ich hatte schon seit drei, vier Jahren Booking-Erfahrungen gesammelt, weil ich die »Intro Intim«- und »Introducing«-Shows gebucht habe. Festivalerfahrung hatte ich natürlich noch nicht so wirklich. Da haben die Gründer im ersten Jahr noch viel Wissen vermittelt. In den Jahren darauf war Learning by Doing angesagt, bis wir es nach und nach professionalisiert haben.

Kannst du dich an einen konkreten Moment in deinem ersten Jahr erinnern, an dem du dachtest: Das läuft? 
[lacht] Meine Haupterinnerung sind leider meine nächtlichen Panikattacken. Das Team hat in einem Schlafsaal gepennt, und ich bin oft nachts wach geworden, wenn sich jemand zu laut bewegte. Ich konnte dann nicht einschlafen, weil ich die nackte Angst hatte, dass alles schiefgehen und eben NICHT laufen würde.

Aber es gab doch sicher auch erfreuliche Erinnerungen? 
Klar. Ich nenne das immer »Melt-Momente«. Mein erster war bei The Streets. Die waren 2004 Headliner. Da war eine super Stimmung vor der Bühne, und irgendwie lag diese Magie in der Luft. Ich hatte Gänsehaut, als ich sah, dass alle glücklich feierten. Es waren zwar nur 5000 Besucherinnen und Besucher da, und so wirklich finanziell erfolgreich war das Melt nicht, aber bei diesem Anblick waren jegliche Fragen, ob man weitermacht, gegessen. Da merkte ich, dass die Leute zufrieden nach Hause fahren und ihren Freunden davon erzählen werden.

Genug Nostalgie. Mir gefällt am Melt immer noch besonders, dass ich in jedem Jahr ein paar Newcomer für mich entdecke. Es kommt mir vor, als wolltet ihr mit einem Teil des Line-ups die Acts einfangen, die im nächsten Jahr im Idealfall jeder andere Booker im Visier hat. Ist dieser Blick auf das Aktuelle oder Kommende Teil eures Booking-Konzepts? 
Auf jeden Fall. Wir wünschen uns ein musikinteressiertes Publikum, dem man nicht nur bekannte oder große Namen vorsetzen muss. Deshalb gehen wir auch oft Kooperationen mit Blogs oder Musikmagazinen ein, die einen ähnlichen nach vorne gerichteten Blick haben. Unsere Bedingungen waren dabei von Anfang an sehr gut, weil wir ein sehr gutes Netzwerk aus Medienpartnern, Agenten und Labels hatten, aus dem man schon ein wenig herausspüren konnte, was gerade auf dem Sprung ist. Hinzu kam unser Mut zum Pop. Hurts haben ihre erste Live-Show in Deutschland bei uns gespielt, Lana Del Rey ihren ersten Festivalgig, Jahre vorher Mando Diao mit ihrer ersten Platte. Da wusste man noch nicht, in welche Richtung das gehen würde, und einige von denen könnte man heute auf dem Melt sicher nicht mehr bringen.
Bild: Florian Schüppel
Ich habe auf dem Melt zum Beispiel Genres wie Baile Funk kennengelernt und auch meine ersten Dubstep-Berührungen erlebt. Oft habt ihr diese in diversen Specials oder auf eigenen Bühnen zusammengefasst. Welche Genres hast du schon kommen und gehen sehen? 
Das Schöne am Melt ist, dass wir nicht versuchen, uns an einen Zug dranzuhängen, sondern es als Teil des Konzepts sehen, offen für alle Genres zu sein. Dabei schälen sich immer diverse Trends raus. Früher war das Drum’n’Bass, dann kam diese Dubstep-Welle, gerade ist Grime wieder da, der schon vor zehn Jahren mal einen Lauf hatte. Dann gibt es immer mal wieder diese Global-Beats-Phasen, wo man sich vermehrt mit brasilianischen oder afrikanischen Beats befasst. EDM hatten wir quasi zwei Jahre, bevor es so hieß – da spielten Calvin Harris, der da noch House auflegte, oder Knife Party und Deadmau5. Da würde sich heute jeder drüber aufregen, aber damals lieferten die noch nicht einen Nummer-eins-Hit nach dem anderen – und klangen im Übrigen ganz anders. Gerade habe ich leider das Gefühl, dass der Indie-Rock ein wenig in der Krise steckt, aber da erlaubt uns unser Konzept immerhin, dass wir darauf reagieren können.

Und welcher Trend zeichnet sich in diesem Jahr ab? 
R’n’B beispielsweise würde ich am liebsten noch viel stärker abbilden. Leider gibt es da noch nicht so viele Acts, und die, die es gibt, sind sehr begehrt. Ich meine natürlich nicht den klassischen R’n’B im Stile von Ginuwine oder so, sondern diesen Future R’n’B, der von Solange und Frank Ocean mitgeprägt wurde. Ich finde Typen wie Kaytranada wahnsinnig spannend, die aus dem HipHop kommen und plötzlich tanzbare Clubmusik machen, die nicht Techno ist, oder Liveshows mit begnadeten Sängern. Das wird auch im nächsten Jahr noch eine große Rolle spielen.

Auf dem Melt habe ich auch zum ersten Mal bewusst gesehen, dass ein Festival eine ganze Bühne von einem Partner kuratieren lässt, sei es ein Club oder ein Label. Wie ist das entstanden? 
Das folgt natürlich der Idee, sich auch von außen musikalischen Input zu holen. Dass Modeselektor eine Bühne bespielen, resultierte aus der Erkenntnis, dass die beiden sich mit einem gewissen Teil nerdiger Musik auskennen, den ich gar nicht auf dem Schirm habe, aber trotzdem für eine Bereicherung des Festivals halte. Bei Partnern wie Intro und Groove, die Teile des Programms mitgestalteten, war es ähnlich. Manchmal nutzen wir diese Kooperationen aber auch, um dezente Statements zu setzen. Es gab zum Beispiel mal einen Labrador Bar Floor. Das war in der Pfefferbank, dem Club der Melt-Gründer, eine Gay-Party, wo auch viele der heutigen Kater-Blau- oder Berghain-Residence-DJs gespielt haben. Das wollten wir bewusst von Berlin nach Sachsen-Anhalt tragen, um auch hier zu zeigen, dass wir ein tolerantes Publikum haben wollen. 

Techno aus Berlin ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Line-ups. Ist das Melt so was wie der verlängerte Arm der Berliner Sub- und Clubkultur? 
Auf jeden Fall. Das Festival entstand ja letztlich auch aus der Berliner Clubszene heraus. Die Gründer hatten einerseits den Melting Point Record Store und eben die Pfefferbank. Das war damals der House Club in Berlin. Da sah man damals Ellen Allien und Phonique oder auch Dixon und Ben Klock. Alles Leute, die heute noch eine große Rolle spielen. 

Der Sleepless Floor ist meiner Meinung nach ein wichtiger Anziehungspunkt auf dem Melt, wenn es um modernen Techno geht, nicht nur aus Berlin. Ich finde es fast schade, dass ihn einige nur als Ballerfloor sehen. Eigentlich ist er ja für den Druffie ebenso gut wie für den Connaisseur. Wie stehst du dazu? 
Für mich ist der Sleepless Floor inzwischen der Herzschlag des Festivals, und zwar nicht nur, weil der Beat dort am ganzen Wochenende nicht aussetzt. Einerseits ist das natürlich die totale Feierhölle, aber auch immer schon die Plattform für die weniger bekannten DJs. Anfangs gingen wird dort eher sehr regionale Kooperationen ein, mit Residence DJs aus Clubs von Thüringen bis Berlin und von Köln bis Frankfurt. Irgendwann haben sich dann auch internationale DJs dafür interessiert, und inzwischen ist es ein musikalisch sehr wichtiger Floor. Die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, dass vielleicht fünf von 30 DJs, die da spielen, im nächsten Jahr auf größeren Techno-Stages stehen. Wir gehen da bewusst in die Tiefe und haben deshalb unseren Kollegen Gideon an Bord geholt, der hauptsächlich die elektronischen DJs auf den Clubfloors bucht. Er hat zum Beispiel sechs Jahre hauptberuflich als Booker für das Berghain gearbeitet und ist immer noch viel in Clubs unterwegs. Außerdem repräsentiert er viele große wie kleine DJs. Er kann das gut einschätzen – und dass wir ihn an Bord geholt haben, ist auch ein Zeichen dafür, wie wichtig uns guter Techno ist.

Gibt es für dieses Jahr ein paar Veränderungen im Line-up oder auf dem Gelände, die du schon ankündigen magst? 
Wir werden den Wald, diesen neuen Bereich, den wir im letzten Jahr eröffnet haben, weiter ausbauen. Es wird eine neue Bühne auf der Waldlichtung geben, eine Kooperation mit einem sehr bekannten Club, dessen Namen wir bald verraten werden. Und wir werden – zunächst in der Orangerie – den Melt Art Space launchen. Dort wird es abgefahrene Video- und Soundinstallationen von renommierten Künstlern geben, die sich in den kommenden Jahren auch auf das gesamte Gelände ausbreiten sollen.

Und eine letzte Frage noch: Wenn du das Booking-Budget deiner Träume hättest, wen würdest du dann unbedingt noch mal auf dem Melt haben wollen? 
Eigentlich habe ich mir schon fast alle Wünsche erfüllt. Aber Radiohead, die Gorillaz und Daft Punk würde ich schon gerne noch einmal bei uns sehen.

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