×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

»Warum sollte ich mich raushalten?«

Martin L. Gore von Depeche Mode im Gespräch

Eine kurze Audienz bei Martin L. Gore, der trotz seines düsteren Songwritings ein sehr charismatischer und gut gelaunter Gesprächspartner ist. Nach einem Gemüse-Smoothie, den er angeblich vor jedem Interview trinkt, geht es um Politik, Revolution, Trump und das erste gesungene »F-Word« in der Bandgeschichte.

Geschrieben am
Die Themen auf Spirit sind eher düster geraten. Schon im Opener »Going Backwards« singt Dave, dass sich die Menschheit wieder auf die Steinzeit zu bewegt, später heißt es sehr direkt, in weiten Teilen der Welt sei gerade der »Scum«, der Abschaum, am Ruder. Das setzt natürlich auch den Tonfall für eure Interviews: Hast du es schon bereut, diese pessimistische Sichtweise in deinen Songs verarbeitet zu haben?
(lacht) Ja, der Gedanke kam mir heute schon mal. Manche Gespräche fühlen sich ein wenig an, als wäre ich Gast bei der BBC Newsnight.

Was genau hat dich oder euch als Band beschäftigt, als ihr die Arbeit begonnen habt?
Mein Schreibprozess beginnt weit vor unserem ersten Bandtreffen, wenn wir uns entscheiden, ein neues Album aufzunehmen. In diesem Fall war das in der zweiten Jahreshälfte von 2015. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als hätte die Menschheit einen völlig falschen Weg eingeschlagen. Egal, wo ich hinschaute – Politik, Klimaschutz – überall die reinste Sauerei. Auch, wenn damals wohl keiner Trumps Wahlsieg vorhersehen konnte oder wollte, musst du wissen, dass eine Wahl in Amerika viel langsamer vonstatten geht als in Europa. Erst kommt der Nominierungsprozess der Kandidaten jeder Partei und dann der Wahlkampf, der sich über Ewigkeiten hinzieht. Als ich mit dem Schreiben anfing, kam der Trump-Zug so langsam ins Rollen, aber noch viel schockierender fand ich eigentlich, was in Syrien passierte. Jeden Tag sah man diese schrecklichen Bilder aus den Kriegsgebieten und von den Refugees, die im Mittelmeer und auf der Balkanroute um ihr Überleben kämpften – was ja eine direkte Konsequenz der Syrien-Krise ist. Der komplette Nahe Osten scheint gerade zu erodieren. All das sorgte dafür, dass sich mein Blick auf die Welt zusehends verdüsterte, weil ich mich fragte: Wo soll das hinführen?
Depeche Mode sind nun allerdings eine Band, die weltweit ein sehr großes Publikum anspricht. Man könnte böserweise sagen, ihr seid schon eine Konsensband. Da sind politische Positionierungen ein Wagnis. Habt ihr die Risiken und Nebenwirkungen als Band diskutiert?
Natürlich. Es ist ein Risiko, wenn du als Band einen Kommentar zur Weltlage geben willst. Das kann fürchterlich in die Hose gehen. Oder du kriegst die volle Breitseite in der Presse ab, weil man es dir nicht abkauft. Aber wir sind Teil dieser Welt, wir haben nur diese eine, und wir leben nicht in einer Blase, wo uns das alles nicht berührt. Deshalb fühlt es sich richtig an, zu thematisieren, was uns umtreibt. Diese Dinge gehen alle was an. Trump ist gewählt – und sollte er auf die Idee kommen, einen Atomkrieg mit Nordkorea anzuzetteln, kannst du nicht sagen: Stört mich nicht. Gleiches gilt für den Klimaschutz: Trump kürzt die Förderungen für die EPA und unterstellt sie einem Typen, der nicht an den Klimawandel glaubt – auch das geht uns alle an. Warum sollte ich mich also raushalten?

In den letzten Jahren gab es meiner Meinung nach einen Boom in Sachen dystopischer Science-Fiction in der Popkultur – hatte das vielleicht auch Einfluss auf dein Songwriting?
Ich war nie Fan von Sci-Fi. Bei mir ist es eher so, dass ich mehr Dokumentationen schaue, als mir gut tut. Du brauchst kein »Hunger Games«, um auf dystopische Gedanken zu kommen – es gibt genügend sehr gute und sehr erschreckende Dokumentarfilme über die Themen, die mich nervös machen. Das wirkt bei mir besser als Endzeitliteratur.

Der schönste Fun-Fact des Albums ist, dass ihr zum ersten mal das F-Word singt. In »Fail« heißt es: » Our souls are corrupt / Our minds are messed up / Our consciences bankrupt / Oh, we’re fucked«. Ist das bewusst passiert? Habt ihr auf diesen einschneidenden Moment angestoßen?
Uns war natürlich bewusst, dass wir das noch nie gemacht haben und es deshalb eine besondere Wirkung hat. Da hätte ich noch einen weiteren Fun-Fact, auch wenn er vom Album wegführt: Meine Frau hat als Weihnachtsgeschenk die Arbeit einer jungen australischen Künstlerin bekommen. Es ist noch nicht ganz fertig, aber die Grundidee ist es, die Worte »We are fucked« in Zeichensprache abzubilden. Diese Künstlerin hat dafür hunderte Hände gecastet, die alle ihre eigene Geschichte zu erzählen haben. Sie hat sie dann Hand für Hand sehr detailliert gemalt – ich überlege sie zu fragen, ob wir das als Shirt-Motiv verwenden können.  

Was mir bei euren Konzerten immer noch imponiert ist, wie verrückt viele Fans nach all den Jahren noch immer sind, wenn ihr die Bühne betretet. Machst du dir da oben auf der Bühne noch Gedanken über so was, wenn du siehst, wie die erste Reihe ausrastet, wenn ihr das Konzert eröffnet?
Mir wird dabei immer wieder bewusst, wie aufregend es ist, dass wir so vielen Menschen so viel bedeuten. Es fühlt sich an, als wäre es für sie weit mehr als bloß die Musik. Fast wie bei einem Kult – nur auf gute Weise. Ich meine, wir animieren sie ja nicht, Opfer zu bringen oder so. Deshalb fühlt sich diese verrückte Hingabe großartig an. Ich denke, das macht diese Shows so besonders. Da ist so viel Liebe im Publikum, auch untereinander, unsere Rolle ist da nur ein Teil von.

Ich las kürzlich einen interessanten Artikel im deutschen Feuilleton von einem Autor, der zu DDR-Zeiten erwachsen wurde, und erklärt hat, warum Depeche Mode für ihn und viele Altersgenossinnen und –genossen so wichtig waren. Dabei fiel mir wieder auf, dass ihr im ehemaligen Osten und auch in vielen Teilen Osteuropas sehr viele und sehr treue Fans habt. Wie erklärt ihr euch dieses Phänomen?
Keine Ahnung. Vielleicht hat gerade unsere Musik diese Menschen auf besondere Weise berührt. Oder – um einen konkreten Grund zu nennen – vielleicht liegt es schlicht daran, dass wir eine der wenigen großen Bands waren, die in den Achtzigern in der DDR und Osteuropa gespielt haben. In Ostdeutschland waren wir glaube ich 1985 zum ersten Mal, danach ging es oft in die Richtung und wir entdeckten Warschau, Budapest, Prag. Das war ungewöhnlich zu der Zeit. Diese Shows waren auch immer Verlustgeschäfte, deshalb weiß ich gar nicht mehr, warum wir das immer wieder gemacht haben. Im Rückblick waren das natürlich genau deshalb faszinierende Entscheidungen.

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr