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Ein Nachruf von Linus Volkmann

Martin Büsser ist tot

Martin Büsser ist gestorben. Ein Nachruf von Linus Volkmann
Geschrieben am
Der langjährige Intro-Autor Martin Büsser ist am 23.09. im Alter von 42 Jahren an Krebs gestorben. Ein Nachruf von Linus Volkmann.

Martin habe ich - wie vermutlich die meisten - erstmal nur kennengelernt über Text, Text, Text. Und nicht irgendwo, nein, Martin war Ende der 80er, Anfang der 90er Teil der HC/Punk-Platzhirschszenerie ZAP. Das zu Hochzeiten monatlich erscheinende Fanzine ZAP war damals für eine bestimmte Klientel ungefähr genauso relevant wie heute das Internet. Es gab ein Monopol auf Infos, Humor, Meinung und Haltung.


Und mitten in diesem stets mackermäßig belasteten Gebelle schrieb Martin Büsser über zum Beispiel Jazz-Core und andere Studentenmusik. Das faszinierte nicht nur mich damals. Denn das Punk-Feindbild des bebrillten Intellektuellen, für den nicht Saufen der Maßstab für jegliche subversive Lebensäußerung war, dieses Feinbild saß mitten in der Quelle von APPD, Chaostage, hedonistischem Rückverdummungs-Kult. Kein Zufall, denn Martins Schreibe und seine schneidende Intelligenz überzeugte sogar den bräsigen Mosh-Pit.

Schon damals nahm ich Martin als extrem geil unbeirrbar wahr. Er konnte und wollte Zusammenhänge erkennen und war in der Lage, Erkenntnisse in einer uneiteln, klaren Sprache wiederzugeben. Martin Büsser wurde mit dieser Fähigkeit, der rebellischen Geste der Szene eine Erklärung, ja Richtung zu geben, schnell immer wichtiger. Die Schreiberei im ZAP mündete dann bald in den ersten Reader „Von Punk zu Hardcore und zurück“ (1996, Dreieck Verlag).

Pointiert beschreibt er den Wandel der Szene, ihre Korruption, ihren Reiz, ihre Stärken und Schwächen. Ein Kultbuch, das aber selbst die Verhältnisse nie abkultet und gerade deshalb auch heute noch ungemeine Aussagekraft besitzt. In den Neunzigern gab es die Vision (zumindest in meiner Clique), dass Büsser natürlich bei der Spex landen müsste - und wie großartig es wäre, wenn der dortige aufreizende Schnöselakademismus mit seiner politschen brillanz fusionieren könnte.

Nun, zu dieser sicher romantisierten Konstellation kam es, wie man weiß, dann aber nie. Schade, aber okay. Martin beteiligte sich stattdessen am Ventil Verlag, erschuf maßgeblich das Periodikum Testcard. Das schnell zu einer wichtigen Marke wurde und wie kein zweites Magazin für Haltung, Kultur und Moral in der Linken steht. Ja, ja. Klingt komisch dieser Dreiklang, aber an dieser Stelle wäre es bescheuert, nicht genau das auch zu betonen. Denn wer stand und steht denn wirklich für emanzipatorische Bewegungen in dem ganzen reaktionären Relativismus hier? Eben.

Als ich 2000 zu der Redaktion von Intro stieß, war es eigentlich verrückt, dass man sich jemand wie Martin als Autor einfach schnappen konnte. Auf Drängen vom ebenfalls neuen Chefredakteur Thomas Venker legte er das Pseudonym ab, unter dem er bisweilen schon mal im Heft aufgetaucht war - und schrieb von da an regelmäßig. Seine Texte, seine Einschätzungen von popkulturellen Phänomenen prägten seit dem auch das Erscheinungsbild von Intro.

Jeder, der es irgendwie einschätzen kann, wird zustimmen: Das einstige Patchwork-Mag mit provinziellem Background konnte sich stets glücklich schätzen, dass Martin Büsser ihm seine Relevanz in der Popkritik zur Verfügung stellte.
Und noch dieses Jahr bewies der alte Integritäts-Papst, dass er sein System längst nicht ausdefiniert hatte. Erschien doch eine queere Graphic-Novel („Der Junge von nebenan“), die er selbst gezeichnet hatte und plötzlich einen ganz anderen Zugang zu ihm ermöglichte. Okay, gezeichnet hatte er schon immer – bekannt vor allem durch das Artwork für sein herzerfrischend sympathisches Schrottvögel-Bandprojekt Familie Pechsaftha (mit unter anderem Junge von EA 80 und Mitgliedern der Band grafzahl). Hier konnte man seinen schönen Singsang in der Stimme bestaunen und Anti-Anti-Folk mit rheinlandpfälzischem Dialekt hören.
 
Vor dem persönlichen Part in diesen Zeilen möchte ich mich aber auch nicht drücken - fällt mir bei so einer, Verzeihung, Ikone, allerdings nicht wirklich leicht.
 
Aber gut.

Zwei Erinnerungen.

Einmal übernachtete Martin Büsser (vermutlich nach einer Lesung) bei mir. Ich war sehr aufgeregt und glücklich und in Sorge. Schließlich besaß ich weder Gästezimmer, noch Geschirr, noch all diese andere Gastgeber-Insignien. Martin ertrug meinen Wohnautismus dann sehr statthaft. Er trank mitgebrachten Rotwein und rauchte. Am nächsten Tag bedauerte er, dass ich keine Kaffeemaschine besaß, aber okay, Tee täte es auch. Damals trank ich jenen nur aus Plastiktöpfen, weil ich irgendwie im Krieg mit Glas und Porzellan war. Ich reichte Martin ein randvolles und werde nie vergessen, wie er mit gespielter Empörung in meine unlockere Stille sagte: „Was? Ich soll aus a’nem Napf trinke, wie a Hund?“
 
Die letzte Erinnerung ist ungleich schrecklicher. Zusammen mit Thomas Venker besuchte ich Martin im Krankenhaus, es war alles sehr schnell gegangen mit der Krankheit und es gab eigentlich nicht mal mehr was zu hoffen und wie ungerecht das alles war. Das erste, was Martin bei unserem Eintreffen tat, war, sich zu entschuldigen, dass er diesen Monat (zum ersten Mal in zehn Jahren!) seine Plattenrezension nicht bei mir abgegeben hätte. Wie soll einem dieser Moment nicht das Herz brechen?
 
 Martin Büsser starb am 23.09. im Alter von 42 Jahren an Krebs.


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