×
×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Der letzte Kryptonier

Marteria im Interview

Er ist vielleicht der Letzte seiner Art: ein Rapper, der in der Zwischenwelt des Underground und Mainstream überleben kann, ohne etwas von seiner Heldenkraft einzubüßen. Er kennt das Gute und das Böse gleichermaßen und hat ein ebenso starkes Alter Ego wie einen Hang zum Wahnsinn. Sermin Usta sprach mit Marteria a.k.a. Marsimoto über seinen Dienst am deutschen HipHop, das Gefühl von drei Gramm Koks und sein neues Album »Roswell«.
Geschrieben am
Die Superkraft von Marten Laciny und seinen kongenialen Studiopartnern The Krauts: Sie haben sich Referenzplatten von Dr. Octagon, The Prodigy oder David Bowie vorgenommen und daraus ein poppiges HipHop-Album produziert. »Roswell« gefällt Heads ebenso wie Indie-Kids, ohne dabei zu viele Zugeständnisse an ein Massenpublikum zu machen. Die Tracks haben sie auf der gerade abgewickelten Tour mit einem besonderen Konzept vorgestellt: Die Konzerte fanden in denselben kleinen Clubs wie vor zehn Jahren statt, um den Vibe von heute mit der »Früher war alles besser, ganz besonders HipHop«-Nostalgie zu kreuzen. Es scheint, als wisse der heute 34-Jährige immer wieder, was zu tun ist. Das Schöne – oder sagen wir: das Beruhigende – daran ist, dass sich hinter der Fassade des erfolgreichen Major-Rappers ein absoluter HipHop-Nerd und Bauchmensch verbirgt, der keine Scheu davor hat, in der Öffentlichkeit Fußballprolet, Raubfisch-Angler und Suchtmensch in einem zu sein.
Es ist noch gar nicht lange her, da hast du dich über ein paar Hundert Fans vor der Bühne gefreut. Heute stehst du in deiner Heimat Rostock vor 20.000 Menschen. Was, glaubst du, waren die entscheidenden Bausteine deines bisherigen Erfolgs? 
Dass ich ein Ziel vor Augen hatte und mich dafür nicht verstellt habe. Die Leute merken, wie ernst man es meint. Ich war immer Rapper, obwohl HipHop lange Zeit dieses »Yo, yo, yo«-Ding war und viele sich darüber lustig gemacht haben. Im Gegensatz zu denen ist HipHop für mich kein Witz. Alles, was ich heute bin, habe ich dieser Musik zu verdanken. Wenn ich das nicht gehabt hätte, wäre es für mich schwierig geworden.  

In unserem letzten Gespräch sagtest du, man müsse sich als Künstler immer wieder selbst toppen. Denkst du, das ist dir mit »Roswell« gelungen?
 
Jede Platte steht für eine bestimmte Zeit, das kann man nicht überbieten. Ich achte mehr darauf, mich nicht zu wiederholen. Von, sagen wir, 100 Songs, die es jemals von mir geben wird, soll es beispielsweise nur einen über meine Heimatstadt geben und auch nur ein Album wie »Zum Glück in die Zukunft 2«, das gefühlsmäßig sehr deep war. Auf der Platte ging es um schöne Melodien, verfrickeltes Zeug, Harmoniewechsel – so, wie sich die Zeit auch angefühlt hat: drei Tage feiern, drei Tage ausnüchtern, das war der Vibe. Dieses Mal ist mir die Symbiose aus Songs mit Message und Tracks, die nach vorne gehen, wesentlich besser gelungen.   

Gab es Vorgaben, wie die Platte klingen sollte?
 
Nicht wirklich. Ich bin zu den Krauts gegangen und habe gesagt: »Ey Jungs, ich sehe vor mir das Ortsschild von Rostock im Regen. Ich stell mir vor, wie die letzten Buchstaben abblättern und aus Rostock Roswell wird.« Das war die einzige Vorgabe. Das Gute ist, dass wir zu viert arbeiten. Falls einer von uns mal einen Track scheiße findet, fliegt der sofort raus.   

Die erste Single »Aliens« ist eine Hymne an den unangepassten Außenseiter. Wie kamst du auf das Thema?
 
»Aliens« sind Menschen, die sich fühlen, als würden sie nicht dazugehören. Uns ging das früher in unserer kleinen HipHop-Szene in Rostock auch so. Wir waren nicht die Coolen, sondern diejenigen, die auf die Fresse bekommen haben, wenn sie in die falsche Straße abgebogen sind. Wenn jemand Fremdes in die Klasse kam, habe wir ihn aufgenommen, ihn beschützt und nicht ausgelacht, weil er vielleicht nur einen einzigen Pulli hatte. Schade war nur, dass auch coole Bands einen Bogen um die No-go-Area Mecklenburg-Vorpommern gemacht haben.

Rostock, August 1992 

Im Rostocker Viertel Lichtenhagen kommt es zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Aufgeputschte Rechtsradikale und gewaltbereite Jugendliche werfen Molotow-Cocktails an das Flüchtlingsheim »Sonnenblumenhaus«, das sich direkt neben der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern befindet. Weder Wasserwerfer noch Tränengas können den Mob unter Kontrolle bringen. Hunderte Schaulustige klatschen Beifall, rufen Parolen wie »Ausländer raus!« und »Deutschland den Deutschen«. Es sind bürgerkriegsähnliche Zustände, die vier Tage andauern und glücklicherweise – anders als bei den Brandanschlägen in Solingen, Lübeck und Mölln – nur Verletzte fordern. Unweit der Geschehnisse im benachbarten Stadtteil Groß Klein wohnt Familie Laciny mit drei Kindern. Marten ist mit zehn Jahren der Jüngste. Kurze Zeit später zieht die Familie ins idyllische Warnemünde, weit weg von den tristen Hochhaussiedlungen. Für den Block-Romantiker und damaligen Teenager eine traurige und eher ernüchternde Veränderung. So wie die Bilder jener Nacht, die sich völlig zu Recht ins kollektive Bewusstsein eingebrannt haben, auch wenn sie mit dem heutigen Rostock glücklicherweise gar nichts mehr zu tun haben. Marten bringt es in seiner 2014er-Ode an seine Heimat zum Ausdruck: »Deine Feinde kennen dich genau / Doch sehen in dir nur dein brennendes Haus / Lachen dich aus und sagen du bist schlecht / Jeden Tag musst du dich beweisen / Ich verbreite deinen Namen auf allen meinen Reisen.«

Würdest du dich als politischen Menschen bezeichnen?
Um ehrlich zu sein, finde ich Politik ziemlich öde. Ich habe bestimmte Ideale. Ich will zum Beispiel nicht, dass Menschen aus irgendeinem Grund ausgegrenzt werden, weil das einfach scheiße ist, aber was manche Politiker von sich geben, ist mir persönlich zu weit weg von der Realität. Da wären manche Rapper schon bessere Politiker – die wissen wenigstens, was die Jugendlichen interessiert.

Denkst du, Fremdenhass ist primär ein ostdeutsches Problem?

Auf jeden Fall ist es kein ausschließlich ostdeutsches Problem. Ich habe ja mitbekommen, was damals abging. Mit der Wende sind einige abgewandert oder haben ihre Jobs verloren und fingen an zu saufen. Trotzdem vergessen viele, dass im Osten nicht nur Nazis leben. Es gibt genügend Menschen, die gerade wegen der ganzen Probleme umso engagierter sind. Man muss sich nur die vielen freiwilligen Helfer anschauen, die mit ihren Privatbooten auf dem Mittelmeer versuchen, Flüchtlinge zu retten. Mehr als die Hälfte von denen stammt aus Mecklenburg-Vorpommern. 

Würdest du sagen, dass gute Songs eine Message beinhalten müssen?

Auf keinen Fall. Jeder von uns hat das Recht, auch mal etwas Dummes zu machen oder zu sagen. Ich meine, wer hat nicht schon mal einen Joint geraucht, sich einen Porno angesehen oder »ficken« gesagt? Selbst die Vorzimmer-Dame vom Bürgermeister hat bestimmt schon mal »ficken« gesagt, da bin ich mir ziemlich sicher. Neulich habe ich mich mit zwei 18-Jährigen unterhalten, die beide ein Einser-Abi gemacht haben und trotzdem Gangster-Rap hören. Ich denke, das ist für viele Jugendliche eine von wenigen Chancen, in ihrem gradlinigen Leben auch mal Anarchie zu zeigen. Deshalb nervt es mich, wenn man als Künstler ständig mit dem Zeigefinger durch die Gegend läuft und meint, es besser zu machen. Was das angeht, ist mir die Welt oft zu unehrlich.  

In »Links« plädierst du dennoch ziemlich entschlossen für mehr Empathie und Toleranz in der Welt. Wie würdest du »links sein« definieren?
Es bedeutet, offen gegenüber Neuem und Fremdem zu sein. In dem Song geht es darum, ein guter Mensch zu sein und sein Brot auch mal zu teilen. Du kannst machen und sagen, was du willst, die Hauptsache ist, du gehst den Weg links und setzt immer die Neugier über die Angst.  

Im Refrain stellst du extrem gegensätzliche Fronten einander gegenüber. Wieso der Kontrast?

Weil es die Idee dahinter veranschaulicht. Nehmen wir die PETA, die regelmäßig gegen Angler wie mich schießt. Ich bin mir sicher, es gibt einige PETA-Anhänger, die mich dafür hassen, dass ich angle. Ich aber hasse sie nicht, wieso auch? Für mich machen ihre Forderungen teilweise Sinn. Es macht für mich aber genauso viel Sinn, bewusst mit meiner Umwelt und der Natur umzugehen und meiner Familie ab und zu einen frischen Fisch zuzubereiten, statt den Tiefkühllachs im Supermarkt zu kaufen.

Suff und Sucht, mein Kryptonit  

Es ist ein Mythos, älter als die Popkultur: die Mär des Genies, das die besten Arbeiten im Rausch abliefert. Künstler, die erst der Ekstase und dann dem Exzess verfallen. Doch der Suchtfaktor von Erfolg und Spaß kann ebenso hoch wie seine Nebenwirkungen sein. Es ist ein bekanntes und nicht ungewöhnliches Problem der Unterhaltungsbranche. Spannend wird es erst dann, wenn man auf einen extrovertierten, impulsiven Genussmenschen stößt, der von einem Tag auf den anderen seinen Hang zum Wahnsinn und Exzess kontrolliert. Ganz egal, ob seine Kreativität darunter leidet. Der Tag des Benefizspiels für Hansa Rostock in der ausverkauften DKB-Arena am 29. März 2015 war ein solcher Tag. Das Spiel zwischen Team Marteria und der Mannschaft von Paule Beinlich endet 6:6. Kurz vor Abpfiff schießt der Rapper und Ex-Hansa-Jugendspieler das ausgleichende Tor. Genau so hat die Öffentlichkeit ihn in den vergangenen Jahren kennen und lieben gelernt: als den ewig gut Gelaunten, der weiß, wie man eine perfekte Show abliefert. Auf der Bühne wie im Fußballstadion. Auf das legendäre Spiel mit anschließender Interview-Runde und Aftershow-Party folgt akutes Nierenversagen. Nieren- und Leberwerte, die selbst die Ärzte der Berliner Charité bei einem 32-Jährigen so noch nicht gesehen haben. Das einzig Gute daran: Ein Kryptonier kennt seine Schwachstelle und weiß, wann selbst die beste Party mal ein Ende hat.  

In »Tauchstation« geht es um deinen exzessiven und folgenreichen Lebenswandel. Bedeutet der Song für dich persönlich das Ende eines Lebensabschnitts?

Ja, aber kein trauriges Ende. Ich bereue nichts von dem, was ich erlebt habe. Das war schon eine geile Zeit. Wie gesagt, ich hasse diese Zeigefinger-Mentalität. Ich habe die Scheiße erlebt und gemerkt, dass ich in eine gewisse Abhängigkeit geraten bin. Leider musste ich anhand einer lebensbedrohlichen Situation spüren, dass ich nicht Superman bin, sondern ziemlich verwundbar.  

Ich muss gestehen, ich hätte nicht gedacht, dass du so gut im Feiern warst.

Ach, das war schon immer so. Alles, was ich mache, mache ich halt doll und intensiv. Es gab auch Zeiten, wo ich gar nichts getrunken oder genommen und nur Sport getrieben habe. Nur wenn ich feiern war, dann war ich immer der Letzte, der noch stand, und bin drei Tage später aus dem Berghain gestolpert. 

Hatte die Feierei rückblickend betrachtet auch charakterliche Auswirkungen auf dich?

Es macht dich einfach zu einem schlechteren Menschen, das merkt man vor allem bei Koks ganz krass. Beim Koksen geht es ja auch mehr um den Akt an sich. Dieses kleine, jungsmäßige heimlich auf der Toilette im Club eine Line ziehen. So wie man es halt aus Drogenfilmen wie »Kids« kennt. Der Flash an sich ist eigentlich wack. Das komplette Gegenteil von dem Love-Movement, das du hast, wenn du Ecstasy nimmst.

Ist es ein Problem der Unterhaltungsbranche, dass man sich am Glas und auf der Toilette verbrüdern muss?

Ich denke, Maurergesellen haben dieselben Probleme. Egal, welche Branche, peinlich wird es nur, wenn auch 40-Jährige es machen, weil sie anders nicht mehr können und müde werden. So geht es mir heute ja auch. Logischerweise rufen mich deswegen auch weniger Freunde an. Die wissen genau, da geht nicht mehr viel – außer meine letzte Rebellion: das Kiffen.  

Gab es in Rostock eine Drogenszene?

Auf jeden Fall. Die meisten meines Alters haben eine Drogenvergangenheit. Das hat die Stadt irgendwie an sich.  

Häufig führen solch drastische Maßnahmen zur Suchtverlagerung. War das bei dir der Fall?

Das Angeln hat mir auf jeden Fall den Arsch gerettet. Raubtierfischen ist wie drei Gramm Koks ballern. Es gibt Studien, die beweisen, dass du, wenn du einen Lachsdrill hast, genauso viel Endorphine ausschüttest wie bei einem schweren Verkehrsunfall. Beides ist eine extreme körperliche Anspannung. Wenn du irgendwo zwischen Jamaika und Kuba einen 250 Kilo schweren Blue Marlin an der Angel hast, musst du damit erst einmal zurechtkommen.  

Trifft man in der Angler-Szene auf ähnliche Schicksale wie deins?
Die Angler, die ich auf meinen Reisen getroffen habe, waren oft irgendwelche zugehackten Typen mit krasser Drogenvergangenheit, die, wenn sie das Angeln nicht gehabt hätten, heute relativ sicher tot wären. Und der Grund ist: Du kannst beim Angeln die Wahnsinnigkeit in dir weiter ausleben. Weiter auf Mission sein, wie man es auch kennt, wenn man feiern geht. Der einzige Nachteil ist, dass ich heute nicht mehr ruhig am Strand liegen und aufs Meer blicken kann.

Also wird es diesen Sommer wieder Abenteuer- statt Strand-Urlaub geben?

Wenn ich verreise, muss ich irgendwohin, wo es wehtun kann und ich etwas dazulerne, von dem andere vielleicht die Finger lassen würden. Deswegen habe ich auch das Problem, dass mich niemand versichern will. Ich habe keinen Bock, mir irgendwann vorzuwerfen, dass ich Dinge nicht gemacht habe in einer Zeit, in der sie möglich gewesen wären. Das ist es, was mich antreibt.

Marteria

Roswell

Release: 26.05.2017

℗ 2017 Green Berlin under exclusive license to Four Music Productions GmbH

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr