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Eklektizismus und Apfelkuchen

Liars

[Eklektizismus, der; - unschöpferische, unselbstständige, mechanische Vereinigung zusammengetragener Gedanken-, Stilelelemente usw.] Angus Andrew ist einen langen Weg gegangen. Von Melbourne, Australien aus machte er sich auf nach New York, schlug sich mehr schlecht als recht als Fotograf durch (
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[Eklektizismus, der; - unschöpferische, unselbstständige, mechanische Vereinigung zusammengetragener Gedanken-, Stilelelemente usw.]

Angus Andrew ist einen langen Weg gegangen. Von Melbourne, Australien aus machte er sich auf nach New York, schlug sich mehr schlecht als recht als Fotograf durch ("I lived the classic lower East Side poor as hell sort of thing"). Über Los Angeles, wo er an der Kunstschule Gitarrist Aaron Hemphill kennenlernte, führte ihn der Weg zurück nach New York. Dort trafen die beiden auf Pat Nature und Ron Albertson, born and raised in rural Nebraska, und gründeten die Liars. Das aufsehenerregende Debütalbum auf dem Gern-Blandstein-Label weckte das Interesse bei Mute / Blast First - die lizenzierten "They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top" für den Rest der Welt. Nach einzelnen Konzerten in den Medienstädten Europas wurden sie nun im Juni geladen, die England-Tour von Sonic Youth zu supporten. Sie kommen also ganz schön rum. Und ich auch. In einer Bar abseits des Londoner Shepherds Bush Empire treffen wir uns zum Interview.

Was sofort auffällt, ist das Interesse, die Kommunikationsfreudigkeit der Liars. Schon vor dem Berlin-Gig im Mai konnte man die Jungs beobachten, wie sie sich an der nächsten Imbissbude von Fans beschimpfen und Bier schenken ließen. Sie haben diese "Hallo Welt, hier sind wir, und wie super ist es eigentlich, dass wir dieses Leben auch noch bezahlt bekommen"-Attitüde. "Touren ist echt das Beste, auf die Live-Performance kommt es an. Im Studio rumstehen ist teuer, frisst viel Zeit", gibt Angus zu, der aussieht, als sei er Harmony Korines Trashdoku "Gummo" entsprungen. Und auf der Bühne verstecken sie sich nicht. Die Liars möchten die ganze Pavement-Ära abschütteln, wo es okay war, einfach nur gute Songs zu schreiben und sich tief in die Seele blicken zu lassen, es dabei aber auf der Bühne eher unbeweglich zuging. Shoegazing ist ihre Sache nicht: "Wir möchten bei einem Konzert die Leute auch visuell ansprechen, was zum Gucken bieten. Es geht nicht in erster Linie darum, ausschließlich deine Musikalität, deine musikalischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen."

Ganz klar, Angus Andrew macht die Ansagen, er zieht die größte Aufmerksamkeit auf sich, man muss ihn während eines Konzerts immer im Auge behalten, da er sich im Publikum gerne Opfer zum Umarmen sucht. Auch Ron, der Schlagzeuger, ist während des Auftritts auf der Hut, denn es könnte sein, dass Angus sich wie ein nasser Sack auf das Schlagzeug legt und auch durch Schläge mit den Sticks nicht wieder zum Aufstehen zu bewegen ist. Angus ist ein Performer. Anders Aaron Hemphill. Ist Angus zum Trikotwechsel hinter der Bühne abgetaucht oder einfach mal ohne Mikrofon, versucht sich der grazile Gitarrist mit fragilen Ansagen, eher verschüchtert erkundigt er sich, ob es denn auch allen gut gehe: "Ja, freut ihr euch denn auch schon auf Sonic Youth?" endet seine nur in Maßen beeindruckende Ansprache. Den Rest des Gigs rutscht er um so überzeugender mit der Gitarre auf den Knien vor seinem Amp rum und gibt alles.

Sonic Youth ist nicht die verkehrteste Referenz, wenn man den Liars beim Schrubben zuschaut. Die Kunst, mit Unerwartetem aufzuwarten, herauszufordern, anzustrengen und zu verstören, ist ihnen mit den New Yorker Konzept-Noise-Helden gemein. Auch die Liars verstehen es, die Spannung im Lärm zu erhalten. Überhaupt Sonic Youth. Wenn man die Liars vor einem Jahr gefragt hätte, was für sie das Größte wäre, hätten sie sicherlich einen Auftritt zusammen mit Sonic Youth angegeben. Und nun die England-Tour im Vorprogramm der Helden: "Oh, Sonic Youth, sie sind so ... instrumental", schwärmt Aaron. Wunderbar, mit was für einer Würde Sonic Youth sich 2002 neu erfinden und all die zerbrechliche Wut in der Musik, die sie maßgeblich geprägt haben, noch einmal neu artikulieren. So dreht sich die Geschichte von Indierock im Kreis, und wer anderes außer Sonic Youth hätte noch einmal den state of the art so trefflich formulieren können.

Die ganzen Referenzen, die im Zusammenhang mit den Liars genannt werden, die Musikkritiker in ihrem Art-Punk angelegt finden, von P.I.L. bis Gang Of Four, interessieren die Band nicht so sehr. "Aber wir sind eine eklektische Band, das leugnen wir nicht." Ron, auf die möglichen Einflüsse ihrer Musik angesprochen, schreckt kurz von seinem Skizzenblock hoch, auf dem er während unseres gesamten Interviews eine psychedelische Stadtlandschaft zeichnet, beginnt sich zu räuspern und führt aus: "Weißt du, das ist wie bei einem Apfelkuchen. Der besteht ja auch nicht nur aus Äpfeln. Erst alle Zutaten zusammen, Eier, Mehl, Zucker", er macht eine bedeutungsschwangere Pause, "und Äpfel, machen den Apfelkuchen zu einem Apfelkuchen. So seh' ich das." Sagt's und verschwindet wieder hinter seinem Skizzenblock. Sie nutzen die Zitatmaschine, um Erwartungen anzustacheln, aber es ist nicht so, dass die vier Käuze sich nur Musik von 1978 bis 1983 anhören würden ...

Angus warnt davor, sie auf einen Stil festzulegen; mit seiner Anfang-90er-Technotronic-, KLF- und Snap!-Sozialisation und Aarons Hardcorepunk-Roots könnte das nächste Album schon wieder ganz anders aussehen. "Unsere Pläne für die Zukunft? Weiterhin Sachen machen, die nicht von jedem geliebt werden; versuchen, nicht cool zu sein. Songtitel verwenden, die einen ganzen Absatz lang sind." Gut, wenn man da bei einem Indiemajor eine vertragliche Garantie über fünf Platten hat.

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