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Legal – illegal – scheißegal

Andrea Mohr

Wolfgang Frömberg und Tobias Vollmer haben Andrea Mohr in ihrem derzeitigen Wohnort Neustadt an der Weinstraße besucht und über ihre jüngst erschienene Autobiografie gesprochen
Geschrieben am

Ein Roman kommt dem wirklichen Leben mitunter sehr nahe. Biografische Texte können andererseits mehr erfundene Szenen und Dialoge enthalten als jeder »Harry Potter«-Band. Das Verhältnis der Autoren zum Geschriebenen ist insofern eine Orientierungshilfe, mit welcher Art von Literatur man es zu tun hat. Für Andrea Mohr ist klar, dass der Erfolg ihrer Autobiografie darauf basiert, dass sie in »Pixie« die ungeschminkte Wahrheit erzählt. Es sei auch nicht so, dass sie durch eine Abrechnung etwas hinter sich lassen wolle. In Australien, wo das Buch 2009 veröffentlicht wurde, rechnete man ihr diese Haltung hoch an, was sich in vielen lobenden E-Mails und hohen Verkaufszahlen niederschlug. Der Untertitel der deutschen Ausgabe, »Vom Drogen-Jetset in den Frauenknast«, dürfte Leute neugierig machen, die Howard Marks' autobiografischen Bestseller »Mr. Nice« kennen.

Andrea Mohrs »Pixie« sollte jedoch nicht nur diese Klientel interessieren. Ihr Buch ist kein offenes Manifest für die Legalisierung von Drogen – und auch kein Abenteuerroman. Mohr konzentriert sich auf die Gefängnisrealität, die sie im australischen Hochsicherheitsknast Deer Park erlebt hat. Das High-Society-Leben der Tochter aus gutem Hause scheint während des grauen Knastalltags ihrer fünf Jahre währenden Haftzeit nur in Flashbacks auf. Aber »Pixie« wäre nicht auch ein Plädoyer für gelebte Freigeistigkeit, würde der Hinweis darauf fehlen, dass ein Mensch geläutert aus einer Gefängnisstrafe hervorgehen kann, ohne als Besiegter in die Geschichte einzugehen. Andrea Mohr ist der wandelnde Beweis, dass eine Art trauriger Triumph denkbar ist.

Kookaburra aus der Pfalz

Es ist heiß in Neustadt an der Weinstraße, einem 53.000-Seelen-Kaff in der gepflegten Langeweile des Riesendorfs Rheinland-Pfalz. Der Weg zu der Frau, die ehemals kiloweise Kokain aus Kolumbien exportierte und mit ihrem Ehemann Werner Roberts eine Villa in Melbourne besaß, führt im Mai 2011 über die Autobahn – vorbei an Feldern, auf denen Arbeiter aus Osteuropa mit Erntearbeiten beschäftigt sind. Im verschlafenen Nest zwischen Karlsruhe und Kaiserslautern ist Andrea Mohr eine echte Erscheinung. Den Leuten hier ist sie ein Begriff. »Ist ja auch kein Wunder. Wie viele Schriftsteller aus Neustadt kennst du?« fragt sie augenzwinkernd. In »Pixie« illustriert sie ihren Werdegang vom sorglosen (Adrenalin-)Junkie aus der Südpfalz zur Autorin anhand sämtlicher Spitznamen, die sie jemals verliehen bekam. Ihr Gatte nannte sie nach einem für sein hervorstechendes Lachen bekannten Eisvogel »Kookaburra«. Im Gefängnis taufte Insassin Caroline sie »Pixie« (Deutsch: Fee oder Elfe). Die Kreuzung aus beiden wäre ein fabelhaft schräger Vogel.

Tatsächlich wirkt Andrea Mohr am Treffpunkt auf dem Bahnhofsvorplatz so, als könne sie ohne mit der Wimper zu zucken auf High Heels und im ärmellosen Shirt direkt aufs nächste Motorrad springen und dem Idyll die Rücklichter zeigen, wenn es einen guten Grund dafür gäbe. Der rote Lippenstift, nach der Maxime »Wenn ihr für euren Artikel Fotos machen wollt, brauche ich morgens etwas länger im Bad« aufgetragen, unterstreicht außerdem ihre extrovertierte Ader, von der man sich in diesem Jahr schon bei Markus Lanz überzeugen konnte. Dort hockte sie zwischen reumütigen B-Promis, unter anderem Ingrid van Bergen, die heute vor allem dafür bekannt ist, dass sie ihren Mann umgebracht hat. Auf die Frage von ZDF-Saubermann Lanz, wie denn ein kolumbianischer Drogendealer aussehe, gab ihm Andrea Mohr zu verstehen: »Eigentlich genau wie Sie, Herr Lanz!«



Ein erstes Gläschen Sekt

In Deutschland kennt man Andrea Mohr trotz ihres TV-Auftritts bislang kaum. Die Suche nach einem deutschen Verlag für »Pixie« habe sich ziemlich schwierig gestaltet, erzählt sie. Die Vermarktung sei ebenfalls nicht einfach. So wollte sich etwa Johannes B. Kerner nicht mit Andrea Mohr auseinandersetzen. Ob der Muffensausen hatte? Vielleicht ganz gut, dass ihr die Audienz beim Moralapostel mit Hang zum Schauprozess erspart blieb. Schöner ist es doch, wenn man Besuch bekommt! Es gibt ein paar Ecken zwischen den Fachwerkhäuschen, die für einen kleinen Rundgang in Frage kommen. Ganz gemütlich wird der Zeitplan für die nächsten Stunden im Schatten einer Café-Lounge beim ersten Gläschen Winzersekt erörtert. Selbst wenn Andrea Mohr später am Nachmittag erzählt, dass sie nach der Knasterfahrung keine Türen mehr abschließe, also auch nicht die Tür zu ihrer Wohnung, bleibt die nahe gelegene Privatsphäre trotzdem tabu. Auf eine Homestory hat Andrea Mohr keine Lust. Es ist ja auch nicht weit bis zur Sixties-Bar Aquarius, deren junge Betreiber für die Freundin des Hauses bereits am Nachmittag die Pforte öffnen. Und bei ein paar Selbstgedrehten erzählt Andrea Mohr mit pfälzischem Idiom über ihr Leben, dessen Jugendzeit sie unter anderem im Aquarius, bereits seit 42 Jahren Kultstätte für die Nachteulen der Gegend, verbrachte.

Striptease in Berlin

Der Lebenslauf von Andrea Mohr stand früh im Zeichen einer anti-bürgerlichen Haltung. Sie wurde 1963 geboren, die Sex Pistols hatte sie als Teenager durchaus auf dem Schirm: »Logisch. God save the fucking queen. Aber ich war auch so ein bisschen dieser Spät-Hippie-Typ. Weil ich mit viel älteren Leuten zusammen war. Und ich war vor allem sehr neugierig. Meine Neugierde hat immer die Oberhand gewonnen über die Vorsicht. Ich habe manchmal gesagt: ›Angst und Brüste hat Gott bei mir vergessen.‹« Andrea Mohr nippt am zweiten Sekt und fügt hinzu, dass sie sich schon immer für Drogen interessiert habe. Das nötige Geld zum guten Leben beschaffte sie sich nach ihrem Weggang von Zuhause zunächst als Stripteasetänzerin in Berlin. Ist »Pixie« eine Art »Seelenstriptease«? Nicht unbedingt.


Viel interessanter ist der Weg, der beschrieben wird: von der jungen Tänzerin, die nur ihre Gedanken verhüllt, hin zur Schriftstellerin, die statt des Körpers ihre Gedanken für sich sprechen lässt. An jene Zeit als Tänzerin indes denkt sie ohne Reue: »Ich bin schon ein bisschen exhibitionistisch und stelle mich gern öffentlich dar. Striptease war halt damals die erste Gelegenheit, dass ich mich auf einer Bühne präsentieren konnte. In Berlin gab es diese tolle Kabarett-Szene à la Liza Minnelli. Die haben die 20er-Jahre aufleben lassen. Wir trugen noch Boa und hielten uns strikt an 15-Minuten-Striptease. Eine Choreografie gab es auch, da steckte schon ein bisschen Kunst drin.«

Leben im Frauengefängnis

Mit der Kunst ging die Lebenskunst einher. Das Streben nach persönlicher Freiheit. Ihre Gefangenschaft versteht Andrea Mohr quasi als Eintritt in eine soziale Gemeinschaft. Das hat mehr mit der Solidarität unter den eingeschlossenen Frauen in Deer Park zu tun als mit der Gesellschaft jenseits der Gefängnismauern, die gemeinhin als Zielhafen der Odyssee namens Resozialisierung firmiert. Den Beginn ihrer Reise in die Hölle beschreibt sie eindringlich: »An jenem 17. September brachte man mich in das MWCC, das Metropolitan Woman's Correctional Centre, von uns Insassinnen salopp Deer Park genannt, das die Corrections Corporation of America, eine private Organisation, 1996 auf einem Mülldepotplatz in St. Albans, etwa eine Autostunde von Melbourne entfernt, erbaut hatte.

Deer Park löste damals das alte, unter Aufsicht der Regierung stehende Frauengefängnis Fairlea Prison ab. Im Jahr 1999 waren hier etwa 125 weibliche Gefangene untergebracht, davon 75 Prozent Drogenabhängige. Ebenso viele hatten ein Kind, die meisten Frauen hatten sogar mehrere. Manche Kinder wurden auch in Deer Park geboren. In der Haftanstalt saßen nur weibliche Schwerverbrecher ein: Mörderinnen, Räuberinnen, nicht verurteilte psychisch kranke und sonst in irgendeiner Art und Weise schwer zu handhabende Frauen. Da ist es nicht verwunderlich, dass es in Deer Park pro Woche durchschnittlich sechs Zwischenfälle gab.«

Solidarität unter Frauen

»Pixie« besticht durch Drastik, mit Details über Leibesvisitationen, Knastarchitektur, hygienische Missstände und Mobbing. Alles von Empfindungen der Autorin abgefedert – die weibliche Perspektive, wie Andrea Mohr selbst sagt. Das eigentliche Kunststück besteht jedoch in der formalen Trennung der Jahre im Gefängnis und ihrer Zeit in Freiheit. Trotz Luxus und Abenteuer, die sie vorher genoss, könnte man meinen, erst im Knast habe Andrea Mohr wirklich etwas erlebt. Eine Lesart, der sie durchaus zustimmt: »Vorher konnte ich niemandem trauen, kein soziales Leben führen. Dem Freundeskreis, mit dem man sonntags grillen geht, dem erzählt man ja nicht: ›Ich habe gerade 100 Kilo von Kolumbien geschmuggelt.‹ Also bist du nie du selbst. Und in der Gefängniszeit, da habe ich mich schon befreit – das Buch hat mir letztlich sehr dabei geholfen. Zuerst war das eine Verarbeitungssache mit einem therapeutischen Effekt. Gekritzel in ein Tagebuch. Nur habe ich in Deer Park eine Therapie angefangen und mir das Recht erkämpft, creative writing zu studieren. Dann wurden langsam Kurzgeschichten draus – und so weiter.«

Tripping mit Howard Marks

Einen Widerspruch, den »Pixie« betont, äußert Andrea Mohr auch im Gespräch: »Ich bin gegen Gefängnis. Das funktioniert eigentlich nicht. In meinem Fall aber schon. Es hat mich auf den richtigen Weg gebracht. Man kann natürlich sagen: ›Das ist ein Armutszeugnis, dass du den Knast gebraucht hast.‹ Das gebe ich zu, klar. Aber wer wirft den ersten Stein?« Wer mit Schmutz nach der Autorin Andrea Mohr wirft und eigentlich ihre ungebrochene Haltung meint, verkennt zumindest ihr schriftstellerisches Talent. Das wurde ihr zwar noch nicht von Marcel Reich-Ranicki, dafür aber von einem alten Bekannten, dem Drehbuchautor und Danny-DeVito-Kumpel Michael Leeson, beschieden. Und von Howard Marks: »Jeder denkt, Howard und ich kennen uns von früher. Aber er ist fast 20 Jahre älter als ich. Als er im Knast saß, war ich gerade aktiv. Wir haben uns immer verpasst und erst 2008 getroffen. Es gab von ihm eine Ausschreibung für eine Anthologie namens ›Tripping‹. Ich dachte: Zu dem Thema habe ich etwas zu sagen! Also schickte ich ihm ein paar Kurzgeschichten. Er fand die ›saugut‹. Kurz darauf kam er nach Mannheim, weil hier ein Film mit dem Titel ›Get Smoked‹ gedreht wurde. Seitdem sind wir wirklich sehr gute Freunde.«

Gewinnsucht als Verbrechen

Andrea Mohr pflegt noch immer Kontakt zu ehemaligen Mithäftlingen. Sie setzt sich auch für Frauen ein, die Hilfe suchen, und hat Verbindungen zu Ordensschwestern, die ebenfalls für Inhaftierte eintreten, die »sisters in crime«. Ihr Ex-Mann, der lange mit falschem neuseeländischen Pass unterwegs war, steckt inzwischen als Staatenloser in Australien fest, wo sie nicht mehr einreisen darf. »Ich bin der Überzeugung, dass Gesetze für die Gesellschaft erlassen werden sollten und nicht gegen sie«, sagt sie. »Ich bin ein Outlaw!« Die Adrenalinkicks, die sie früher beim Überqueren einer Grenze verspürte, holt sie sich heute, indem sie aus »Pixie« liest, zum Beispiel in deutschen Justizvollzugsanstalten. Ihre Shows muss man sich als Stand-up-Performances vorstellen. Im Aquarius hat sie schon mit Howard Marks auf einer kleinen improvisierten Bühne gestanden. Backstage blieb an diesem Abend kein Auge trocken. Diesbezüglich sind die Andeutungen der Jungs an der Bar unmissverständlich. Draußen beim Fotoshooting posiert Andrea Mohr lässig an der Mauer eines Spielplatzes und auf dem Brunnen im Zentrum Neustadts, während das kleinbürgerliche Treiben sie umfließt. Ja, die Leute wissen, wer sie ist. Aber wissen sie auch um das Schicksal der 66-jährigen Australierin, die vor lauter Einsamkeit begann, Cannabis zu verkaufen, ohne es zu konsumieren, und die zu 16 Monaten Gefängnis wegen »Gewinnsucht« verurteilt wurde? Hätte sie sich als Konsumentin bekannt, wäre sie straffrei geblieben. Andrea Mohr erzählt in »Pixie« von der  Bestrafung der alten Dame, die sie im Knast kennenlernte. Traurig, aber wahr. Eine von vielen Geschichten ihrer Autobiografie, die man sich gut im Kino vorstellen kann.

Andrea Mohr »Pixie – Vom Drogen-Jetset in den Frauenknast. Mein Leben« (Egmont, 312 S., € 19,99)

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