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Dazwischen liegt ein Reiz

Lea Porcelain im Gespräch

Julien Bracht und Markus Nikolaus sind Lea Porcelain – eine jener seltenen heimischen Bands, die schon jetzt nach internationaler Karriere klingen. Ihr Album »Hymns To The Night« entstand an historischer Stelle: im Funkhaus Berlin, wo einst der Rundfunk der DDR residiert hatte. Annett Bonkowski ließ sich dort von den beiden herumführen, atmete räucherstäbchengeschwängerte Studioluft und lauschte dem zarten Klang alter Novalis-Verse.
Geschrieben am
Am späten Nachmittag ist die Milchbar durchflutet von Sonnenlicht, das weich auf die Holzverkleidung an den Wänden fällt. Entspannter Jazz dringt aus den Boxen. Draußen vor der Tür fließt die Spree ähnlich gemütlich dahin wie hier drinnen die Zeit. Wir befinden uns am Rande des imposanten Gebäudekomplexes des Berliner Funkhauses in der Nalepastraße, um einen Blick hinter die Kulissen von Lea Porcelain zu werfen – es ist der Ort, an dem Julien Bracht und Markus Nikolaus in den letzten zwei Jahren viel Zeit verbracht haben.

Etwas ist passiert in diesen Monaten, in denen die beiden an den Songs ihres Debütalbums mit dem poetisch anmutenden Titel »Hymns To The Night« gearbeitet haben. Sie haben diesen geschichtsträchtigen Ort Stück für Stück entdeckt und ihn dabei mit eigenen Visionen und Erinnerungen gefüllt. Das Glücksgefühl, hier zu arbeiten, aber auch die Ehrfurcht vor den beeindruckenden Räumlichkeiten stehen dem Duo noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben. Und man hört es in Antworten wie dieser von Julien: »Der Ort ist einfach wie für uns gemacht. Wir haben eine Weile in London gelebt, dort gibt es nichts Vergleichbares. In einem Studio ist das Raumgefühl sehr wichtig. Im Funkhaus steckt eine wahre Musikseele. Wenn wir kleinere Tiefs haben und eine Leere spüren, gehen wir in die Milchbar, und das Gefühl ist in einer halben Stunde weg. Dann siehst du Nils Frahm, wie er da sitzt und an seinem Album arbeitet, und drei andere, die das auch tun. Man redet darüber, und plötzlich hat man wieder eine Vision vor Augen.«

Wir verlassen die Milchbar und schauen auf dem Weg zum Studio von Lea Porcelain noch schnell beim oben erwähnten Nils herein. Zwar ist er gerade nicht da, schätzt aber ebenfalls die vielen Möglichkeiten des ehemaligen Rundfunkgebäudes der DDR. Nicht nur die hohen Decken bieten genügend Raum zur Entfaltung. Ein Graffiti mit den Worten »We wanted too much« springt sofort ins Auge. Die Ambitionen von Lea Porcelain bleiben hingegen durchaus hoch, aber realistisch: »Tiefschläge sind immer ein gewisser Test, wie sehr man eine Sache wirklich durchziehen möchte«, sagt Markus aus vollster Überzeugung. »Eine Menge Bands schreckt dieser harte Weg ab, weil sie nicht bereit sind, so viel zu investieren. Wir wollen jedem, der unsere Musik hört, die Kraft geben, sich selbst und das eigene Element zu finden. Wir wollen beweisen, dass Dinge möglich sind. Irgendwann sieht man das Licht.«
Im Studio angekommen, wehen Räucherstäbchen den Duft von Salbei durch den Raum, in dem die Songs auf »Hymns To The Night« entstanden sind. Der Albumtitel ist durchaus wörtlich gemeint, erzählt Julien: »Das ganze Album wurde nachts aufgenommen. Ab Einbruch der Dunkelheit ging es los. Zu dieser Zeit spürt man, dass auf einmal extrem viel Platz für Kreativität da ist, weil der Alltag und all der Stress samt der ganzen Ellbogengesellschaft schlafen.« Mit jedem aufziehenden Morgengrauen kippte die Umsetzung der frühen Ideen: Sie fielen entweder ins Bodenlose oder schafften es in die nächste Produktionsphase, berichtet Markus über den Arbeitsprozess: »Die Grundidee eines Songs steht nach einer Nacht. Wenn sie das nicht tut und den nächsten Morgen nicht überlebt, dann brauchen wir sie eigentlich gar nicht weiterzuverfolgen.«

Die im Post-Punk angesiedelten Stücke des Debüts sind von Furchtlosigkeit und Angriffslust umgeben und spielen großflächig mit Synthesizer-Texturen und der Idee von Erhabenheit. Und bieten auch Reibungspotenzial, gibt Julien zu: »Ein Album aufzunehmen heißt auch, zu kämpfen. Wir gehen beide durch Höhen und Tiefen, auch in unserer Beziehung zueinander. Alles braucht eine gute Streitkultur. Auch mit jedem Song muss man streiten, damit er es auf das Album schafft.«

Der gegensätzliche musikalische Hintergrund kommt der Band dabei zugute. Markus bewegte sich im Künstlerkollektiv Wolf & Lamb, Julien mit seinem elektronischen Output in Sven-Väth-Kreisen: »Wir sind nicht lauwarm, sondern heißkalt. Es ist immer ein Spiel von Gegensätzen, das am Ende etwas Schönes erzeugt«, kommentiert Markus die bandeigene Arbeitsdynamik. Die musikalische Entwicklung wird dabei von zwei kreativen Köpfen gezogen, die sich sowohl der dunklen als auch der lichtdurchfluteten Seite hingeben und den dazwischenliegenden Reiz aufspüren wollen. Ähnlich wie im Gedichtzyklus »Hymnen an die Nacht« von Novalis, der für die Band eine besondere Bedeutung besitzt und passend zum schwindenden Tageslicht unseres Gespräches auch direkt in Auszügen von Markus vorgetragen wird. »Man liest es, und es überkommt einen dieses Gefühl von Wärme und etwas Erfüllendem«, sagt er. »Nicht nur dieses Düstere, sondern auch diese Sehnsucht. Das ist nicht nur eine Erscheinung, sondern eine Gesinnung. Die Menschen suchen schon seit Tausenden von Jahren nach dieser Ruhe. Nicht nach diesem ganzen Überreizten. Die Ideale von damals sind heute noch die gleichen. Deswegen war Zeitlosigkeit bei uns immer ein großes Ding. Das war schon zu unserer Zeit in Frankfurt musikalisch unser höchstes Gut.«


Frankfurt und London haben Lea Porcelain mittlerweile für Berlin hinter sich gelassen, um in der Hauptstadt diesen Idealen nachzuspüren und ihre Hymnen an die Nacht vorzutragen – pulsierend, fordernd und etwas wehmütig zugleich. Aber Berlin wird höchstens eine Homebase bleiben, denn ihr Sound, ihr Ehrgeiz und auch ihr internationales Management, das zum Beispiel auch alt-J betreut, werden sicher nicht vor den Grenzen Brandenburgs haltmachen.

Lea Porcelain

HYMNS TO THE NIGHT

Release: 16.06.2017

℗ 2017 Lea Porcelain Recordings

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