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»Joanne«

Lady Gaga

Das fünfte Album des größten lebenden Popstars sollte nur eines zulassen: Euphorisches Nicken und Kritikerhatz.
Geschrieben am
Es ist ein ewiges Gezeter um das Problem der Authentizität in der Popmusik. Gibt es angeblich kaum und kann es sehr schwer geben - ist aber unerlässlich und das Streben danach muss Motor der musikalischen Sozialisation sein. Warum Kunst authentisch sein soll, warum überhaupt irgendwas authentisch sein soll, das mag ein wohlbehütetes Rätsel von Kulturinsassen und ihren Wärtern bleiben. Authentisch ist das gepfändete Konto, Tatort gucken am Sonntagabend, die verschimmelte Milch im Kühlschrank, Vorstellungsgespräche, Diagnosen googeln und Menschen mit richtigen Problemen. Wer will das? Nein, »echte Gefühle« haben wir genug. Bitte, Kunst, gib uns bloß ein paar andere.  

Um das Thema Authentizität dreht sich nun auch Lady Gagas neuestes Werk »Joanne« und die Gedanken von Kritikern in den letzten Wochen. Ihrer Kunst hätte nichts Besseres passieren können, als sich auf die Suche nach der eigenen Echtheit zu begeben, denn ob nun gefunden oder nicht – die New Yorkerin hat das beste Album ihrer Karriere geschaffen. Lady Gaga, die Ikone, die Künstlerin, die Schauspielerin, das Modell, die Entertainerin, die Aktivistin, die Satirikerin, die Schriftstellerin, die Ungreifbare und doch Nahbare. Lady Gaga ist Lady Gaga ist Lady Gaga. Jetzt ist sie plötzlich auch noch sie selbst, Stefani Joanne Angelina Germanotta, außerdem ist sie ihre Tante Joanne, die mit 19 Jahren starb. Das, was Joanne, die Tante, nicht leben konnte, lebt nun Stefani Joanne Angelina und zwar mit allen schönen und traurigen Extremen, denen junge Frauen begegnen: Feste feiern, Freundschaften pflegen, das Verhältnis zur Familie aushandeln, sich verlieben, von der Liebe enttäuscht werden, von der Gesellschaft ungerechte Behandlung erfahren und, ja, auch das: Missbrauch erleben. Von diesen Dingen handelt Lady Gagas fünftes Album.
Um den autobiografischen Dreh und den neuen Ernst zu unterstreichen, hat Lady Gaga auf ganz andere Dinge gesetzt als bisher. Weg mit Bumms-Beat und Abstraktem, her mit der Entfaltung der Stimme, echten Instrumenten und zugänglicheren Lyrics. Nähert man sich »Joanne«, kommt man am Besten auf der Harley, mit eingestecktem Amerikafähnchen und hat Dosenbier im Gepäck. In ihrem Saloon trägt man Jeans, Pferdeschwanz und Stiefel, es riecht nach authentischem Schweiß, es werden Geschichten erzählt und gemeinsam Musik gemacht. Neben Lady Gaga sitzen bei der Jam-Session, garantiert mit Kippe im Mund: Tame Impalas Kevin Parker, der Folkmusiker Father John Misty, Beck, Josh Homme, Florence Welch und Mark Ronson. Zu viele Köche verderben an dieser Stelle glücklicherweise überhaupt nichts, sondern kreieren einen perfekten Mix aus den versammelten Stilarten, denen Gaga in gewohnter Gaga-Manier ein ausgefallenes Krönchen aufsetzt.  

Dass sie die Königin ist, ist spätestens mit »Joanne« gesetzt. Bei den neuen elf Songs gibt es keinen einzigen Fehler. Vielleicht geht man ihr aber auch nur auf den Leim durch die Dringlichkeit, mit der »Perfect Illusion« den Hörer ins Grübeln kommen lässt. Die Wahl dieser ersten Single ist entweder genial oder bescheuert, schließlich hätte kein Song des Albums mehr polarisieren können. Aber auch der fieseste Kritiker wird einräumen müssen, dass es sich bei diesem aufgekratzten Songdrama um eine konsequente, starke Pop-Geschichte handelt. Eine richtige Gaga-Nummer ist im Grunde nur die aktuelle Single »A-YO«, doch auch dort ist der neue, rockige Einschlag und die runtergedrehte Produktion schon zu vernehmen.
Ähnlich, aber noch eine Spur schmutziger, ist der Titel »John Wayne« samt der verführerischen Zeile »Baby, let’s get high!«. Keine Widerrede. An die Vorgängeralben erinnernd auch die mit Beck erarbeitete Nummer »Dancin’ In Circles«, eine tanzbare Liebeserklärung an das Alleinsein. Darin ist auch wieder Lady Gagas berüchtigter Sprechgesang zu hören. Die großen, glamourösen Auftritte gibt sie auf »Joanne« mit dem Titelsong, der, wie noch nie zuvor, ihre unglaubliche Stimme in den Vordergrund stellt und »Come To Mama«, das mit viel Tamtam, Chor und Bläsern daherkommt. Doch sind es letztlich die unauffälligen, glatten Nummern »Sinner’s Prayer« und »Hey Girl« (mit Florence Welch), die die besten Songs auf dem Album stellen. Platz ist trotzdem auch für Balladen: Zum einen »Million Reasons« mit einem fast zu kitschigem Text. Aber was ist schon Kitsch, wenn man Lady Gaga ist? Eher Stil als Verblendung, also abgesegnet. Und dann wäre da noch »Angel Down« und die Erklärung, was das alles soll: »I confess I am lost/ In the age of the social«. Die Moderne - sie verwirrt und treibt die Sängerin ein paar Schritte zurück, zu dem Verlässlichen und Vertrauten: »I’m a believer, it’s a trial/ Foolish and weaker/ I’d rather save an angel down«. »I’m loving angels instead« - Das hatten wir doch schon mal? Der Rückzug aus dem Informationsgesellschaftswahnsinn ist bereits seit 20 Jahren ein wiederkehrendes Motiv in der Popkultur. Erinnerungen an Madonnas (damals auch mit Cowboy-Hut) 2000er-Album »Music« werden wach. Der Wunsch danach, endlich wieder nach links und rechts zu sehen, ein bisschen politisch zu sein, das eigene Umfeld zu begutachten, nachdem man ganz oben und ganz weit weg von der Welt war, in die man geboren wurde. Nach Lady Gaga kommen nur noch die Millennials und »Joanne« ist vielleicht das letzte Lebenszeichen der Normalität.
Letztendlich werden die Reaktionen von Gagas Kritikern das beste Zeugnis darüber liefern, wie der Begriff »Authentizität« vor allem eine gesellschaftliche Norm reproduziert. Ganz überrascht zeigt man sich jetzt wieder, dass die Frau eine echte Musikerin ist, die singen und Instrumente spielen kann, obwohl sie das selbstverständlich schon immer war und konnte. Lady Gaga, die seit jeher kommuniziert, dass sie eine Künstlerin ist, eine Rolle spielt, Illusionen schafft und ihr Werk als Aufführung begreift, wird dennoch seit dem Beginn ihrer Karriere an Maßstäben gemessen, denen sie gar nicht angehören will. Viele Menschen wollen Künstler, die ihnen Illusion als echt verkaufen. Sie wollen sich verlassen können. Auf Lady Gaga war nie Verlass. Hatte man sich erst mal an eine Erscheinung gewöhnt, war sie schon längst bei der Übernächsten und scheute sich auch nicht, auf die Normen, die insbesondere männliche Begutachter an sie anlegten, zu pfeifen und die Grenzen dessen, was als feminin wahrgenommen werden will, zu sprengen. Natürlich werden ihr auch diese Platte genügend Leute nicht abnehmen. Wenn die Dylans oder Springsteens sich mit Cowboy-Hut und Lederstiefeln ablichten lassen und über das Amerika ihrer Zeit schwadronieren, oder wie die Liebe sie gezeichnet hat, dann ist das bodenständig und wahr. Bei Frauen ist es immer Strategie, Kalkül, Image. Ob der Körper jetzt geschmückt wird oder nicht – keine Frau im Pop scheint einfach sie selbst sein zu können. Authentizität ist männlich und überholt. Man sollte dringend darauf scheißen.

Lady Gaga

Joanne (Deluxe)

Release: 21.10.2016

℗ 2016 Interscope Records

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