×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Kotze, Zehennägel, Zombies

King Krule im Interview

Archy Samuel Marshall hat viele Projekte. Laut eigener Aussage ist King Krule seine größte Leidenschaft. Unter diesem Namen kehrt er nun mit dem Album »The Ooz« zurück. Im Interview erzählt er Leonie Scholl von seinem musikalischen Werdegang, was Londoner unter einem normalen Leben verstehen und welchen Einfluss Zombies auf die Wahlen in Amerika hatten.
Geschrieben am
Kann man »The Ooz« als Metapher verstehen?
Auf jeden Fall! Es ist eine Metapher für alle Teile des Körpers, die täglich wachsen, innerlich wie äußerlich: Zehennägel, Haare, aber auch Dinge, die plötzlich unterbewusst zum Vorschein kommen, wenn wir nachts im Bett liegen und versuchen, einzuschlafen. Die Produktion des Albums war wie Kotze. Es waren feste Stücke und dann flüssige Stücke. Es gab Stücke von mir selbst und Stücke von Blut. Manche Songs habe ich nackt in meinem Bett aufgenommen und andere im Studio. Ich mag die Idee, dass es mehr um diesen Moment geht, wie der Song entstanden ist, als um die Qualität der Aufnahme.

Welche Musik hat dich als Kind beeinflusst? 

Ich habe viel De La Soul gehört. Das Album »Stakes Is High« hat mich als Teenager sehr beeinflusst, meine Mum hat es oft gehört. Ich wusste damals nicht, was Sampling ist, und dachte, da spielt die ganze Zeit eine Band. Das fand ich wahnsinnig – wie können sie das spielen und dann auf einmal das? Als ich herausgefunden habe, dass es Samples sind, hat es mir völlig neue Welten eröffnet. Ich kam in Kontakt mit World Music, Jazz, Funk und Soul. Ich war geradezu besessen davon, die Originaltracks zu hören.

Hast du dann auch selbst angefangen, zu samplen oder Songs zu schreiben? 
Mein erstes Instrument war ein Bass. Als ich acht war, hießen meine Helden Kurt Cobain, Jimi Hendrix und Frank Black von den Pixies. Irgendwann habe ich mich gefragt: »Warum spiele ich überhaupt Bass? Ich könnte Gitarre spielen!« Ich habe dann zusammen mit einem Schlagzeuger gejammt. Als ich noch jünger war, hat mich mein Onkel immer mit auf Konzerte genommen, er spielte in einer Ska-Band. Ich mochte das Saxofon, den Rhythmus, alles, was dich zum Tanzen bringt. Ich denke, wenn du klein bist, startest du mit all diesen Möglichkeiten und natürlichen Interessen, und durch die Erziehung und Institutionen wirst du immer mehr eingeengt. Erst als Teenager kommt dir dann wieder diese Erkenntnis: »Wie lange bin ich noch auf diesem Planeten? Ich mache jetzt das, was ich will, und eigne mir mein Wissen selbst an.«

Meinst du, diese Erkenntnis trifft alle Menschen? 
Nein, natürlich nicht. Die Menschen sind gefangen vom Kapitalismus. Der Katalysator dafür ist Individualismus und Narzissmus. Wir haben alle diese Frontkamera an unseren Smartphones, um uns selbst anzusehen. Viele Leute gehen so sehr in ihrem Selbstbildnis verloren, sie sind besessen von sich selbst und merken nicht einmal, wie befangen es sie macht. Außerdem sieht man es an Dingen wie der Wahl in Deutschland, in Frankreich, am Brexit und natürlich daran, was in Amerika passiert. Amerika ist meiner Ansicht nach das neue British Empire. Wenn man auf die Geschichte zurückblickt, hatte Großbritannien seinen Fuß in so vielen Ländern und Wahlen, London war der Angelpunkt des Handels. Nun sehen wir, wie Amerika das übernimmt. Und der Patriotismus kontrolliert die Menschen. Es geht immer darum, die Leute zu separieren, statt zu zeigen, dass wir alle gleich sind.
Aber nun könnte man ja meinen, die Zeiten der Kolonialisierung seien vorbei. Warum immer noch dieses Schwarz-Weiß-Denken? 
Wegen der Medien. Wegen dem, was uns erzählt wird. Wegen großer Firmen, die davon profitieren, wenn die Gesellschaft gespalten ist und es eine Hierarchie gibt. Denn dann denken viele Leute: »Oh, ich möchte eine Haushälterin haben, die mir morgens den Arsch abwischt!« Es ist diese Mentalität. Die Medien schüren Angst, und sie werden so oft von Politikern und Firmen dafür bezahlt. Und das Volk wird darauf konditioniert, das als normal anzusehen. Sie wollen einen Job haben, gehen in den Pub, sie geben ihr Gehalt aus. Das ist das normale Leben, gerade in London: arbeiten gehen, schlafen und die Schlagzeilen lesen.

Aber ist es nicht gerade wegen der Digitalisierung möglich, diese Zustände zu verändern und mehr zu partizipieren als vorher?

Ja, wenn man sie richtig verwenden würde. Natürlich verbindet die Digitalisierung die Welt. Die Möglichkeiten der Kommunikation sind wahnsinnig. Aber die Leute bleiben dennoch isoliert, weil sie das Internet aus den falschen Gründen verwenden. Es sind narzisstische Gründe, und sie sehen nur das, was sie sehen wollen. Wir können es bei jeder Wahl feststellen: Alle predigen: »Wählt nicht die Rechten!« Und wir sehen von unseren Freunden in Social Media auch nur Beiträge, die diese Einstellung unterstützen. Aber das ist doch genau die Gefahr: Man fordert niemanden heraus. Denn die Leute, die nur rechte Freunde haben, tun genau das Gleiche. Niemand möchte die andere Seite sehen, jeder will nur lesen, was ihm gefällt. Es findet kein Austausch statt.

Führt diese Art der Nutzung auch zu Einsamkeit? Das ist ja auch ein wichtiges Thema in deinen Lyrics.
Ja, es geht oft darum, in einer großen Stadt zu leben und trotzdem isoliert zu sein. Die Leute auf der Straße reden nicht mehr miteinander, gerade in London. Das ist jetzt sehr generalisierend, aber wenn ich in den Zug steige, sitzt da jeder nur für sich selbst und starrt auf sein Handy oder in die Zeitung. Jeder ist in einer eigenen Welt. Ich mag das, was Charlie Brooker macht, mit »Black Mirror« und auch seinen satirischen Sachen. Leute wie er sind wichtig, weil sie Fragen aufwerfen. Sitzen wir wirklich mal in einem weißen Raum und haben unsere Brillen auf und sagen: »Schau mal, das ist mein TV, das ist mein Bett!«, aber in Wahrheit ist da gar nichts? Es wäre furchtbar, denn ich liebe Objekte, ich liebe es, Sachen anzufassen.

Warum hat dein aktuelles Video »Dum Surfer« diesen Bezug zu Zombies?
Ich habe das Drehbuch nicht selbst geschrieben, aber ich war immer ein großer Fan von Zombies. Zum Beispiel vom Film »28 Days Later«, ich mag dieses Konzept vom zerstörten London. Leere Busse, die umgedreht am Piccadilly Circus liegen. Oder auch die Filme von George A. Romero wie »Night Of The Living Dead«. Es war einer der ersten Zombiefilme, und der Protagonist ist ein schwarzer Mann in Amerika. Und da sind all diese Horden geistloser Kreaturen, dieser Mob stumpfsinniger Menschen, so wie die Rechten heute. Und es gibt ein Statement am Ende des Films, ich werde es jetzt nicht sagen, aber es ist so mächtig. Zombies hatten immer Einfluss auf mich, auch Fela Kuti mit seinem Track »Zombie«. Darin geht es um die Army und wie die Soldaten kontrolliert werden, als seien sie Zombies. Das ist ein Motiv, das sich immer wieder durch mein Leben zieht.

King Krule

The OOZ

Release: 13.10.2017

℗ 2017 XL Recordings

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr