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»Keine Lust auf die gängigen Männerbilder«

Emocore aus Deutschland

Dass es deutsche Emos gibt, davon muss niemand überzeugt werden. Aber gibt es deutschen Emo als Musikstil? Andreas Wildner vom Kölner Label Unterm Durchschnitt klärt auf und grenzt ab.
Geschrieben am

Autor: Intro

Dass es deutsche Emos gibt, davon muss niemand überzeugt werden. Aber gibt es deutschen Emo als Musikstil? Schließlich leistet man sich hierzulande doch sonst von allem eine Übersetzung. Natürlich gibt es ihn. Auch wenn Acts wie Yage, Escapado, Adolar, Captain Planet, Katzenstreik, Mikrokosmos23, Forced To Decay und viele andere einen am liebsten steinigen würden für die Zuschreibung. Andreas Wildner vom Kölner Label Unterm Durchschnitt klärt auf und grenzt ab.

Andreas, du betreibst dein Label schon viele Jahre, der Begriff Emo verfolgt dich im Guten wie im Schlechten. Wie hat das alles angefangen?
Als es Ende der 90er losging mit dem Label, wirkten Punk und Hardcore auf mich völlig stumpf und ausdefiniert. Selbst der politische Anspruch, der in einer Szene wie in Göttingen, wo ich damals noch wohnte, extrem hoch war, hat mir nichts gegeben. Also, wenn er sich nur darin äußert, immer wieder mit einer behelmten Fraktion gegen eine Bullenwand anzurennen.

Das hatte seinen Sinn verloren und erschien mir wie eine hohle Pose. Das Spannende an dem, was heute Emo genannt wird, war da für mich, dass es so offen war. Man konnte sich aus allen Schubladen bedienen, das empfand ich persönlich sehr befreiend – und damit auch emotional. Was aber natürlich gerade in der politischen Szene vom Begriff her ein rotes Tuch war. Aber ich habe darin einfach die Chance gesehen, die Grenzen zu erweitern. Es ging nicht darum, mir von der Antifa in Göttingen ein Fleißkärtchen abzuholen.



Dein Label besitzt heute wie sonst vielleicht nur noch Zeitstrafe aus Hamburg sehr markant die Zuschreibung, aufregenden deutschsprachigen Emopunk zu veröffentlichen. Das widerspricht aber doch sicher deiner Ursprungsidee einer Mehrbödigkeit?
Es ist grundsätzlich immer so, dass Bands und Labels rauswollen aus solchen Begriffen und die Medien sie aber brauchen und schaffen. Ansonsten habe ich meinen Frieden damit gemacht, wenn zum Beispiel der Vertrieb ihn benutzt, meine Bands zu bewerben, dann lasse ich ihm das.

Also hattest du das nie so angelegt? Die ersten Veröffentlichungen waren ja nicht mal deutschsprachig.
Natürlich nicht, da gab es wirklich keinen Plan. In den Neunzigern haben wir uns auf Konzerten immer nur über alles lustig gemacht. Diese ganzen Bands auf Hardcore-Shows hießen für uns nur »Männerchor«, weil das ganze Gegrunze und das Godzilla-Gehabe einfach nur lächerlich war.Wir haben das hinterfragt, wir hatten keine Lust auf die Männerbilder, die einem von der Familie, aber auch von der eigenen Szene angeboten wurden. Das waren wir nicht, das wollten wir nicht, wir wollten alles neu zusammenstecken.

Welche deutsche Band ja vom Soundverständnis eigentlich auch in die Schublade passen würde, sind ... But Alive, der Vorläufer von Kettcar. Die allerdings wollen überhaupt nichts mit dem Genre am Hut haben. Allein für diese Frage kriegen wir demnächst in Hamburg sicher schon auf die Fresse. Aber Kettcar werden ja auch in dem einen Stück von Adolar benannt. Und zwar mit einer eher negativen Konnotation. [»Damals haben wir immer >Mariokart< gespielt / Und du hörst heute Kettcar und siehst so komisch aus.«]
Das darf man aber auch nicht überbewerten. Ich würde mir zum Beispiel auch nie anmaßen zu sagen, Marcus Wiebusch ist scheiße, nur weil ich eben mit ... But Alive nie viel anfangen konnte. Da geht’s ja letztlich doch nur um persönlichen Geschmack. Und in der Zeile, soweit ich da für die Band sprechen kann, geht es eher um die Hörer der Band – also dass ganz viele Leute Kettcar hören, mit denen man nichts zu tun haben will.



Apropos Abgrenzung: Wie ist das Verhältnis von jemandem mit einem so tief involvierten Label wie deinem zu den Emo-Kids am Bahnhof? Gibt es überhaupt Berührungspunkte?
Da bin ich wirklich offen, ich hab denen sogar schon CDs geschenkt, damit die mal was Geiles und nicht nur die Standards hören müssen.

So was wie My Chemical Romance?
Genau. Adolar haben ja übrigens auch mal Vorgruppe gemacht für My Chemical Romance. Die hatten sich bewusst Bands für ihre Tour empfehlen lassen, damit sie selbst eben auch mitkriegen, was so abseits von Stadion-Rock geht. Das Ganze hat Adolar sicher nicht geschadet. Auch wenn man es vom Szenepolizei-mäßigen natürlich nicht hätte machen dürfen. Aber wie gesagt, mir geht es bei allem ja auch immer um das Experiment, nicht um eingeschränktes Denken. Sich aufmachen, losgehen, hinterfragen, euphorisch sein. Wir haben die »Emo-Kids vom Bahnhof« ja auch mal mit einer vierstelligen Promo-Auflage der Band Captain Planet wirklich angegangen. Vier Stücke, die hat Kevin dann bei Konzerten von Die Ärzte, Green Day und so gratis verteilt. Das ist übrigens der Typ, der bei euch im Dezember auf dem Cover war. Kenne ich schon seit fast zehn Jahren, früher hat er immer auch mal in den AJZs vor Bands wie Jet Black Lesungen gehalten und manchmal bei seinen eigenen Texten zu heulen angefangen. Aber was ein super Typ.

Alles Wissenswerte zu unserem Emo-Spezial gibt es unter
www.intro.de/spezial/emo



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