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Mit Leid ins Glück

Julien Baker im Gespräch

Immer noch erzählt Julien Baker auf ihrem zweiten Album »Turn Out The Lights« todtraurige Geschichten. Immer noch ist sie dabei so explizit ehrlich wie kaum eine andere. Carina Hartmann verrät sie, warum genau das ihr hilft, unbekümmerter zu sein.
Geschrieben am
Wenn Songs so schwer von Leid behangen sind wie die von Julien Baker, fällt es schwer, an die Leichtfüßigkeit der Person dahinter zu glauben. Kein Wunder also, dass ich vor dem Interview mit der Musikerin auf den Typus hypernachdenklicher Trauerkloß gefasst bin. »Boah, ich habe so lange geraucht. Immer die 10-Zentimeter-Dinger in extra stark. War heftig!«, begrüßt mich die Singer/Songwriterin aus Tennessee. Und, ja, ich muss zugeben: Ich bin angenehm überrascht von der nonchalanten Art dieser jungen Frau, von der ich ein paar Stunden zuvor noch eine der traurigsten Platten dieses Jahres gehört habe. Warum wir über heftigen Zigarettenkonsum sprechen, weiß keiner genau. Irgendjemand muss nach Rauch stinken. Ich bin’s nicht, aber sei’s drum. 

Knapp zwei Jahre ist es nun her, dass die Amerikanerin ihr Debüt »Sprained Ankle« veröffentlicht hat – ein leidenschaftlich melancholisches Album über Sucht, Einsamkeit, ein gebrochenes Herz und die eigene Sterblichkeit, auf dem lediglich eine in Hall getauchte Stromgitarre als Begleitung dient. Damals war sie 19 Jahre alt. Inzwischen hat sich einiges verändert: Album Nummer zwei namens »Turn Out The Lights« verzichtet nahezu gänzlich auf minimalistische Gitarrenriffs. Stattdessen: opulent-cinematische Piano-, Orgel- und Holzbläser-Arrangements für vollere Sound-Texturen, die in den legendären Ardent Studios von Craig Silvey behutsam um Bakers Erzählungen gefrickelt wurden. »Ich wollte ein Album, das ganz anders klingt«, erklärt sie, und man kommt nicht umhin zu sagen: Das ist ihr gelungen.
Leiden kann Baker allerdings immer noch genauso wie auf dem Vorgänger. Dabei war auch hier der Ansatz ein neuer: »›Sprained Ankle war ehrlich, aber komplett auf mein Innenleben konzentriert. Für die neue Platte habe ich mir andere Gedanken gemacht. Ich überlegte: Wie kann es sein, dass wir alle mit den gleichen emotionalen Problemen zu kämpfen haben und uns trotzdem einander nicht verbunden fühlen? Warum haben wir alle Mittel der Kommunikation und fühlen uns dennoch isoliert?« Fragen, mit denen sich der Fokus hörbar von der Introspektive auf Umweltbeobachtungen verschoben hat. Herausgekommen ist ein elf Songs starkes Album, das auf seiner emotionalen Reise nicht nur die eigenen Gefühle achtsamer reflektiert, sondern auch die der Mitmenschen. »Genau deswegen vergesse ich immer, dass die Platte für andere melancholisch klingt. Für mich ist das total hoffnungsvoll«, sagt Baker. »Schwer zu glauben, was?« Julien lacht und fährt sich nervös durch die Harre. Das macht sie immer, wenn ihr etwas unangenehm ist. »Es ist so«, erklärt sie auf meine Nachfrage. »Hoffnungsvoll zu sein heißt ja nicht, niemals traurig zu sein. Wir müssen uns mit den schwierigen Erlebnissen in unserem Leben konfrontieren und diese akzeptieren, statt immer zu überlegen, wie wir all das überschreiben. Es ist leichter, wenn man akzeptiert, dass manch ein Leid das ganze Leben lang bleibt.«

»I think if I ruin this / Then I know I can live with it«, heißt es auf der ersten Single »Appointments«. Das Drama hinnehmen, um neuen Optimismus zu finden – klingt erst einmal schwer, aber durchaus vernünftig. Bei wem ist schon alles immer nur happy-happy-ding-dong?
»Eben«, stimmt Baker ein. »Nur redet kaum jemand darüber.« Dauerendorphine als Normalstatus – ist das immer noch das Ideal der Mainstream-Kultur? »Ja, ich lebe in dieser Künstlerwelt, und dort ist es weit verbreitet, dass jeder so tut, als sei alles toll. In dieser Kultur ist es gang und gäbe, sich wohl fühlen zu müssen, weil man über psychische Probleme und Ängste nicht spricht.« Baker redet sich nun fast schon in Rage: »Je mehr man versucht, Leute dafür zu brandmarken, desto mehr kreiert man eine künstliche Normalität. Niemand ist in der Lage, dieses Ideal zu erfüllen – das hab ich im Kontakt mit all den Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren gesprochen habe, gelernt.« Geduldig zuhörend, nachdenklich im Umgang mit den eigenen Problemen, aber stets mit einem offenen Ohr für andere – so hat Julien Baker am Ende die Platte geschrieben, und genau so sollte sie gehört werden. »Ich möchte zeigen, dass man erst Liebe und Glück für sich selbst erfahren kann, wenn man das anderen Menschen gibt. Dabei will ich nicht von oben herab belehren, aber mir hat es geholfen, meine Probleme zu verstehen. Vielleicht können das andere mit diesem Album auch.«

Könnte in der Tat funktionieren. Gerade, weil Baker die kleinen wie großen Alltagsängste nicht mit »Alles wird gut«-Sprüchen, an die sowieso niemand wirklich glaubt, kleinredet. Mit »Turn Out The Lights« tritt sie vielmehr als gute Freundin auf, die uns sagt: »Ja, läuft gerade ziemlich scheiße bei uns, aber ist okay.« Und mal ehrlich: Fühlen wir uns damit nicht alle ein wenig befreiter? 

Julien Baker

Turn Out the Lights

Release: 27.10.2017

℗ 2017 Matador

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