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Familiär und ein bisschen verlegen

Johnny Flynn & The Sussex Wit live in Köln

Es ist ein intimer Abend, und das liegt nicht nur an der geringen Quadratmeterzahl des Clubs. Im Kölner Luxor demonstriert der Folkmusiker Johnny Flynn mit der Band The Sussex Wit eine Mischung aus Witz, Tiefgang und prächtig mehrstimmigem Gesang.
Geschrieben am
01.11.2017, Köln, Luxor

Holly Holden ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich: Ihr zweisprachiger Latin-Pop hat kubanische Elemente und gehört doch eindeutig zum britischen Dunstkreis. Die Singer-Songwriterin aus London ist der erste Support für Johnny Flynn, und das Publikum noch ein bisschen verhalten. Dabei sind sie und ihre Band - »Su Banda« - eigentlich ein eigenes Konzert wert. Wenigstens steht sie später auch mit Johnny Flynn als Vocalist auf der Bühne, ebenso wie ihr Nachfolger Cosmo Sheldrake, der zweite Vorband ist. Von »Band« kann hier tatsächlich die Rede sein, denn Sheldrake und seine Loop Station legen ganz alleine ein kleines Konzert hin. Abgesehen von seinen eigenen Songs kommt dabei ein geniales Cover von »Iko Iko« (The Belle Stars) herum. Seine Stimme ähnelt Flynns sehr, fast so als wäre er noch ein Mitglied der Sippe: Johnnys großer Bruder Jerome Flynn spielt (und singt) Bronn in »Game of Thrones«, seine Schwester Lillie ist ebenfalls Schauspielerin und Musikerin bei The Sussex Wit. An Exzentrik steht Sheldrake den Flynns zumindest in nichts nach, das zeigen schon seine Songs »The Moss« und »Rich«. 

Folkmusik mag vielleicht manchmal wie eine Suppe von Herzschmerzballaden und Banjo-Gezupfe wirken. Der Brite Johnny Flynn ein Experte darin, die humoristische Seite des Folk heraufzubeschwören, ohne dabei traditionalistisch zu erscheinen. »Künstler« trifft hier in jedem Fall zu: Flynn spielt mehrere Instrumente, schreibt und komponiert seine Songs und seine Stimme erfüllt ganz unangestrengt große Räume. Dabei ist legt er trotz vielseitiger literarischer Referenzen in seinen Texten keineswegs eine elitäre Art an den Tag. Sein letztes Album »Sillion« ist eine Mischung aus behutsam vorgetragenem Folk, großen Klangwelten und dezent politischen Inhalten – ihm zufolge ist es irgendwo auch eine Reaktion auf den Brexit. Aber manchmal ist er einfach nur ein schräger Typ. Johnny Flynns sonderbare Seite zeigt sich auch in der TV-Serie »Lovesick« (ehemals »Scrotal Recall«). Die liebenswürdige Verlegenheit, die er dort beherrscht, scheint nicht ganz gespielt zu sein: Im Luxor plappert er lächelnd ein bisschen vor sich hin, und weiß offensichtlich gar nicht was er sagen soll. Das macht ihn beim Publikum aber nur umso beliebter, und statt betretenen Schweigens erklingt Gelächter und Applaus. 

Seine berührende Musik kommt am besten zur Geltung beim älteren, melancholischen »Brown Trout Blues«: Plötzlich scheint das Publikum vor lauter Gemütlichkeit enger zusammenzurücken. Flynn ist ein herzlicher und höflicher Mensch, der sich sogar für die automatische Annahme, alle würden seine Sprache verstehen, entschuldigt. Für das beliebte »The Wrote & The Wit« kommt auch Cosmo Sheldrake erneut auf die Bühne, und der Song entwickelt sich zu einer einzigen Party. »The Water«, Flynns Walzer-Duett mit Laura Marling, verwandelt sich im Luxor mit Lillie Flynn und Holly Holden zu einem Traum aus drei Stimmen. Nach »The Box« ist die Bühne verlassen, aber Flynn kommt für eine Zugabe noch einmal zurück: Alleine und roh mit Gitarre spielt er »Heart Sunk Hank« und »Detectorists«, um dann zusammen mit der Band das Konzert zu beenden. Und was für ein wärmender Abschluss das ist. Nicht direkt den Tourbus zu entern, um dieser Musikfamilie anzugehören, kostet einiges an Selbstbeherrschung.  

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