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Der Zuhörer

Jens Lekman im Gespräch

Jens Lekman liebt Geschichten. Darum fragt der schwedische Singer-Songwriter seine Mitmenschen aus, bis sie misstrauisch werden. Valentin Erning hat sich ein Beispiel daran genommen und im Gespräch mit Lekman einige Hintergründe zum neuen Album »Life Will See You Now« aufdecken können.
Geschrieben am
Hattest du ein gutes Gefühl, als du »Life Will See You Now« mit all seinen klanglichen und erzählerischen Feinheiten an dein Label weitergereicht hast?
Ich habe mich noch nie gut gefühlt, wenn ich etwas ans Label übergeben habe. Alles ist unfertig, immer. Es gibt zig Dinge, die mich frustrieren und über die ich nicht glücklich bin, aber zugleich ist mir auch bewusst, dass ich es vermasseln würde, sofern ich noch weiter daran arbeite. Irgendwann hast du alles ausgereizt.

Du hast mal gesagt, Songs über weibliche Charaktere lägen dir eher, da du dem Maskulinen nichts Positives abgewinnen könntest. Ist das nach wie vor so?
Ja, aber ich bin optimistisch. Dinge können sich ändern. Ich glaube, da draußen gibt es eine Menge guter Männer, ich kenne ja selbst einige. Aber am Maskulinen an sich gibt es nichts, was ich als positiv bezeichnen würde. Darüber zu schreiben, hat mich vor Schwierigkeiten gestellt. Es ging um einen Freund, der Steroide genommen hat, und natürlich um Gewalt. In der Vergangenheit habe ich meist weibliche Charaktere betrachtet. Allein schon der Liebeslieder und der weiblichen Freunde wegen. Bei Männern bemerke ich eine Unfähigkeit, sich verletzlich zu zeigen und untereinander auf eine intimere Ebene zu kommen.

Bei der Arbeit an deinem letzten Album hattest du dich in den B7-Akkord verguckt. Ist mit »Life Will See You Now« eine neue Liebe in dein Leben getreten?
Der 5/4-Takt ist mein neues Steckenpferd. Beim neuen Album ging es nämlich eher um Taktarten und Metrum als um Melodien und Akkorde. Rhythmus macht den Fluss der Musik aus. Beim Song »Wedding In Finistère« zum Beispiel wechsele ich im Refrain in den 3/4-Takt. Ich wollte der Musik einen Dreh geben, der sie zackiger und zugänglicher  klingen lässt. Während ich das Album machte, habe ich mich mit dem Magischen Realismus befasst, der ja in der lateinamerikanischen Literatur Tradition hat. Da wären etwa »Hundert Jahre Einsamkeit« von Gabriel García Márquez oder die Bücher von Junot Díaz. Ein Rhythmus gibt Geschichten etwas Fantastisches mit auf den Weg. Nimm einen beliebigen Moment aus dem Alltag – wenn du Rhythmus dazugibst, entsteht Magie. Davon leben auch meine neuen Songs, die ja ebenfalls im Alltag angesiedelt sind.

Für dein Projekt »Ghostwriting« hast du Menschen interviewt und ihre Geschichten in Songs umgemünzt. Bist du auch im Alltag kontaktfreudig und machst gern neue Bekanntschaften?
Ich bin nicht so gesellig, dass ich regelmäßig Fremde anquatschen würde. Wenn ich  allerdings jemandem in einer Situation begegne, in der man eine längere Zeit beieinander ist, stelle ich gern Fragen. Manche Leute reagieren misstrauisch. Ich spiele beispielsweise hin und wieder auf Hochzeiten und mische mich nach der Zeremonie unter die Gäste, um etwas zu essen. Dann befrage ich schon mal die Person neben mir über ihr Leben, und nach einer Weile werde ich gefragt, worauf ich überhaupt hinaus wolle und ob das jetzt ein Verhör sei.

Weil es irgendwann kein Smalltalk mehr ist?
Ich würde es immer noch Smalltalk nennen, nur neige ich vielleicht dazu, zu früh zu tief zu bohren. Ich kann auch ein sehr schlechter Zuhörer sein, aber wenn Menschen von den Entscheidungen erzählen, die sie in ihrem Leben treffen mussten, fasziniert mich das. Ihre Geheimnisse interessieren mich. Insofern bin ich froh darüber, dass man mich offenbar für vertrauenswürdig genug hält, mir als Fremdem viel Persönliches zu erzählen.
»Postcards« war ein weiteres Projekt von dir. Du hattest dir auferlegt, ein ganzes Jahr lang jede Woche einen neuen Song zu schreiben. Zwei aus diesem Zyklus haben es auch auf dein neues Album geschafft. Warum gerade diese beiden?
Als ich mit »Postcards« durch war, wusste ich ziemlich genau, worum es bei meinem neuen Album gehen sollte. Die zwei Songs passen gut hinein, weil es um Ängste und Zweifel geht und darum, seine eigene Wahl zu treffen. Der eine hat noch seinen »Postcards«-Titel, der andere heißt jetzt »How We Met, The Long Version«. Er ist mit drauf, weil er eine positive Sicht auf das Thema aufzeigt: dass man entscheiden kann, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – während die anderen Stücke eher davon erzählen, wie man sich in seiner Unentschlossenheit oder seiner Angst festgefahren hat.

Was konntest du in künstlerischer Hinsicht von diesem Songwriting-Marathon lernen?
Ich habe bemerkt, dass ich sehr viel freier schreibe, wenn ich weiß, dass ich in wenigen Stunden fertig sein muss. Anfängliche Ideen entwickeln sich schnell in gänzlich andere Richtung. Songwriting funktioniert besser innerhalb solcher Kunstprojekte. Klar schreibe ich weiterhin gerne Alben. Nur: Der Gedanke, dass meine Musik eine übergeordnete Bestimmung hat, als Teil von etwas Ganzem gebraucht wird, reizt mich sehr.

In deinem Song »What’s That Perfume That You Wear?« geht es um einen Geruch und daran geknüpfte Erinnerungen. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass Gerüche tiefere Spuren in der Erinnerung hinterlassen als andere Sinneseindrücke.
Ich habe auch mal so etwas gelesen. Der Geruch deiner Eltern zum Beispiel ist als Kind von großer Bedeutung für dich. Ich erinnere mich noch an Lederjacken-Geruch und an das Haar meiner Mutter. Übrigens habe ich nach dem besagten Parfüm tatsächlich gesucht. Ich arbeite aktuell sogar mit einem Parfümeur zusammen, um den Duft zu rekonstruieren – bislang allerdings noch ohne Erfolg. Es gibt ein Gefühl, eine Richtung, aber mehr noch nicht. Ich glaube, ursprünglich war es ein Herrenduft. Wobei ich es albern finde, dass man überhaupt noch nach Geschlecht trennt. Das ist nicht mehr zeitgemäß.


Es hieß, deinem letzten Album konntest du nicht auf Anhieb den gewünschten Spannungsbogen geben. Klappte das diesmal besser?
Es war eine Herausforderung. Das Hauptproblem bestand diesmal darin, dass ich eine ganze Zeit lang weder meine Songs mochte noch mich selbst. Ich zweifelte an mir. Beim letzten Album war da noch ein gewisses Selbstvertrauen, das ich aus dem Erfolg von »Night Falls Over Kortedala« gezogen hatte. Es hängt also sehr damit zusammen, wie es gerade mit meiner Musik läuft. Musik ist meine Arbeit. Wenn es gut läuft, dann bin ich euphorisch.

Jens Lekman

Life Will See You Now

Release: 17.02.2017

℗ 2017 Secretly Canadian

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