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Auf die Knie

Jason Loewenstein

Einen ehrlichen Mann kann man bekanntlich nicht auf seine Knie zwingen. Und einen ehrlichen Indie-Rocker schon gar nicht - zumindest, wenn er Jason Loewenstein heißt und gerade im Alleingang ein Album produziert hat, das sich mit rustikaler Vehemenz und acht Tonspuren gegen die These wehrt, die Zeit
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Einen ehrlichen Mann kann man bekanntlich nicht auf seine Knie zwingen. Und einen ehrlichen Indie-Rocker schon gar nicht - zumindest, wenn er Jason Loewenstein heißt und gerade im Alleingang ein Album produziert hat, das sich mit rustikaler Vehemenz und acht Tonspuren gegen die These wehrt, die Zeiten des Oldschool-Songwritings und des hausgemachten Rock'n'Rolls seien vorbei. Es ist nur sinnig, wenn Loewenstein sein Solo-Werk mit dem Titel "At Sixes And Sevens" überschreibt. Denn der Bezug auf ein mittelalterliches Würfelspiel wirkt nur wenig nostalgischer als das Bestreben überhaupt, in Zeiten fettester Produktionen und High-Tech-Studios eine Aufnahme in den Ring zu schicken, die den Sprung von Lo-fi zu Hi-fi, wenn überhaupt, dann nur gerade eben schafft. Schaffen will, wie man hinzufügen muss. Schließlich ist Loewenstein Mitglied der mittlerweile seit Ewigkeiten im Stand-by-Modus verharrenden Sebadoh. Und als solcher weiß er natürlich genau, dass Musik keinen kristallklaren Digital-Klang braucht, ja, in gewissen Fällen nicht mal haben darf, um die volle Wirkung zu entfalten.

Hör dir zum Lesen des Artikels "Codes" von Jason Loewenstein an. [ Klick ]

Es sei ja schon unwahrscheinlich genug, eine Sechs zu würfeln, erklärt Loewenstein den Namen seiner Solo-Aufnahme. Doch jemand, der darauf wetten würde, eine Sieben zu werfen, sei schlichtweg bekloppt. "Jeder, der auf die Sechs oder gar die Sieben setzt, ist entweder verrückt oder fest überzeugt davon, dass er das Unmögliche packen kann." Es stellt sich die Frage, ob Loewenstein auf - zugegeben - ein wenig platte Weise mit der eigenen Zurechnungsfähigkeit kokettiert oder ob er den Titel tatsächlich auf einen unmöglichen Wurf bezogen wissen will, den zu wagen er im Begriff ist.

Dabei sei gleich angemerkt, dass der Wurf letztendlich so unmöglich oder besser: abwegig nicht klingt. Ein wenig verstaubt mögen die vierzehn Stücke beim ersten Hören vielleicht wirken. Da hat sich offensichtlich jemand mit einem Aufnahmegerät und Instrumenten zurückgezogen und in eigenbrötlerischer Manier ein paar Stücke eingespielt, die nach eigenem Bekunden eigentlich immer auf einem Gitarren- oder Bassriff basieren. So weit, so unspektakulär. Was die Platte zu etwas Besonderem macht, ist der unbefangene und traumwandlerisch sichere Umgang mit den altbewährten Ingredienzen. Gitarrenlinien, Trommelwirbel und Gesangsmelodien klingen bei Loewenstein eben nicht nach abgedroschenen Phrasen, die bis zur Sinn- und Gefühlsentleerung schon millionenfach nachgeäfft wurden. Die Stücke reißen mit, wollen wieder und wieder gehört werden, drängen zum Aufbruch und laden ein, weltvergessen im eigenen Zimmer vor der Anlage hängenzubleiben. Das allerdings macht die Platte dann doch zu einem zumindest beinahe unmöglichen Wurf: Trotz der so häufig verwursteten Rezepte hat sie Biss - als würde Loewenstein seine Songideen im Gegensatz zu anderen in Frischhaltefolie einwickeln.

Gewiss, "At Sixes And Sevens" ist kein angestrengter Versuch, die Populärmusik zu revolutionieren oder abgehobenen Relvanz-Debatten einen Soundtrack auf den Leib zu schneidern. Aber für so etwas scheint Jason Loewenstein ohnehin nicht der richtige Typ. Loewenstein ist jemand, der seinen innig geliebten und leider gerade liegengebliebenen VW-Bus auf seiner Internet-Seite abfeiert. Jemand, der einem ein bestimmtes "Yes" um die Ohren haut, wenn man ihn fragt, ob in der Welt noch Platz sei für Rockmusik. Jemand, der großen Gefallen fand an der letzten Melvins-Veröffentlichung. Und schließlich ist Loewenstein jemand, der auf "At Sixes And Sevens" höchst (selbst-) ironisch Carlos Santana persifliert. In der Mitte der Platte dudelt die Gitarre plötzlich los, als habe der gute alte Carlos eine Ladung Speed goutiert. "Crazy Santana" ist eine überdrehte Slapstick-Nummer, die zeigt, wie wenig Jason Loewenstein mitunter bereit ist, sich und andere ernst zu nehmen. So kann zumindest er vielleicht doch einen ehrlichen Mann auf die Knie zwingen. Mit einer richtig guten Platte alter Schule nämlich. Dann sinkt der Ehrliche nieder und zieht seinen Hut. Oder er war sowieso nur ein verlogener Typ.

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