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Zu jung fürs Alterswerk

Jarvis Cocker und Chilly Gonzales im Gespräch

Zwei Sterne am Intro-Firmament nehmen gemeinsam ein Album auf: »Room 29« von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales ist ein melancholischer Liederkreis mit Klavier, Streichern und lakonisch-bissigen Texten über das Hotel Marmont in den goldenen Tagen Hollywoods. Steffen Greiner hat sich in Berlin zu den beiden Künstlern ans Klavier gesetzt. 
Geschrieben am
Jim Morrison hat das Hotel Marmont überlebt. Knapp. Das achte seiner neun Leben müsse dabei draufgegangen sein, sagte er im Scherz, als er an der Regenrinne abrutschte, von der er sich vom Dach in sein Hotelzimmer schwingen wollte und dabei in die Tiefe stürzte. Das Leben hätte er sich besser aufgespart: Kurze Zeit später starb er in Paris an einem Missverhältnis von Kokain und Heroin. Ein ähnliches Schicksal erlitt ein Jahrzehnt später der Schauspieler John Belushi wiederum in den Räumen des Marmont. 2004 fuhr der Fotograf Helmut Newton hier gegen eine Wand. Auch er überlebte nicht. Immerhin: Er hat sich für seine neun Leben Zeit gelassen. John Bonham von Led Zeppelin dürfte ungefähr Nummer fünf hier verbraucht haben, als er 1968 mit seiner Harley durch die Flure des Hotels fuhr. Noch 2012 erklärten die HipHop-Sickos Death Grips, nachdem sie von Zimmer 77 aus mit Album-Leaks und Dick-Picks ihren Major-Vertrag zerfickt hatten, dass das Hotel zu ihnen gesprochen habe: »Im Grunde fütterten wir das Haus, und es fütterte uns.«

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Chateau Marmont schon über 80 Jahre Weirdness und Glamour angesammelt. Erbaut in den 20ern am Sunset Boulevard nach dem Vorbild eines französischen Loire-Schlosses, war es schon lange vor dem Rock’n’Roll ein Ort der Boheme, wenn nicht gar der Ort, an dem sich Hollywood zum ersten Mal selbst als Hollywood empfand. Noch immer zieht es Stars an, auch wenn es hier längst nicht mehr der nobelste Spot ist und die Zimmerpreise (in den nächsten Wochen ist unter 500 Dollar nix zu machen) wohl mehr mit der Atmosphäre, dem cheesy Art déco und den Anekdoten gerechtfertigt sind als mit dem Komfort der Badezimmer. »Wir mochten das Personal, vor allem Walter. Die Rezeption war extrem cool, vor allem Calissa. Die Barleute sind alle freundlich und gechillt, besonders Ryan. Der Innenhof ist ein toller Ort zum Relaxen, es gibt eine gute Gemeinschaft und gutes Essen – vor allem das Steak Tartar«, lobt das Internet.
Was sind Hotels überhaupt für merkwürdige Orte: Transit-Orte, Nicht-Orte, aber dennoch sehr angemessen, schließlich ist modernes Leben auch ein endloses Dazwischen. Hotelzimmer sind gleichzeitig anonym und intim, der Ort, an dem auf Reisen kurz angehalten wird, um erstmals festzustellen, wie fremd man sich unterwegs auch selbst geworden ist. Für ihre Bewohner sind sie Rückzugsort und Bühne zugleich. Und große Gleichmacher. Für mich als Journalist, der sie meist betritt, um jemanden zu interviewen, bedeuten sie vor allem mehrfache Fremdheit: Erst wartet man journalistisch underdressed in einer understated overdressed Lobby und hofft, dass bald jemand komme, der einen abholt. Dann wird man nach oben geführt, trifft dort jemanden für eine halbe Stunde in einer scheinbar privaten Situation, die aber zugleich niemandem hier so ganz gehört, nimmt Platz, wo kurz zuvor und kurz danach der nächste Fragesteller Platz nimmt, und versucht dann, dem Gegenüber irgendwie nahe zu sein. Hotelinterviews sind wie serielle Monogamie. Und ohne die Fragen scheint es noch trauriger zu sein. So klingt es zumindest auf »Room 29«: »I couldn’t help myself / I read a self help book / Now I’ve gone too far«, croont Jarvis Cocker da. Auch im Interview lässt sie das Thema nicht los. Noch bevor man die erste Frage einwerfen kann, sinnieren die beiden los.

Jarvis Cocker: Ich mag die Idee, Dinge aus meiner Welt mitzunehmen als Anker, um nicht wegzudriften in diesen Räumen. Als mein Sohn klein war, habe ich immer Zeichnungen von ihm mitgenommen und an die Wände gehängt. Aber ich habe so viele davon dort vergessen, dass ich es wieder gelassen habe.
Chilly Gonzales: Man fühlt sich desorientiert, wenn man in ein Hotelzimmer kommt. Ich habe immer mein Kissen dabei. Nicht aus medizinischen Gründen, sondern als Sicherheit. Unser erster Song war »Room 29«. Ich konnte mich identifizieren mit Jarvis’ Beschreibung dieser Entfremdung an einem Ort ohne Persönlichkeit, wo zwar alle wohnen können, aber eigentlich ja niemand. 
J: Aber genau das ist natürlich auch der Reiz des Hotels: das Fehlen von Verantwortung. Man muss nicht hinter sich aufräumen. Auch das kann Leute verrückt machen, weil die Gewohnheiten des normalen Lebens hier verschwinden. 

Die Suite 3 des Soho House, Torstraße 1, Berlin-Mitte, sieht zusammengestellt aus wie die Sitzeckenabteilung eines Möbeldiscounters. In Grüppchen stehen die Couches und Sessel, die Tischchen und Bänke beisammen und warten auf Musiker- und Journalistenhintern. An der Fensterfront steht ein Flügel. Und am Flügel sitzt: Jarvis Cocker, Typ Dandy, Typ Schlaks, Typ Turtleneck. Hinter der Jarvis-Cocker-Brille schauen Jarvis Cockers gealterten Pete-Doherty-avant-la-lettre-Augen ins Klaviermann-Nirgendwo, bevor er mich endlich wahrnimmt. Kurz darauf stößt Chilly Gonzales zu uns, Typ Musikprofessor, Typ Künstler, Typ Prügelknabe, auch gealtert und trotzdem noch mein Doppelgänger in sexy. Man kann sie sich gut vorstellen als Figuren auf »Room 29«, und vermutlich sind sie das auch, ein bisschen jedenfalls: Der eine ist ein Stammvater des Indie, war als Sänger von Pulp Gesicht und Sexsymbol der intellektuell-abseitigen Variante von Britpop, der andere Pop-Provokateur, Neo-Klassizist, Peaches-Kollaborateur.
Bild: Jonas Holthaus
Wir suchen uns eine gemütliche Couchecke. Jarvis Cocker hat Bücher mitgebracht. Er und Chilly sind in Redelaune; schon den ganzen Tag führen sie ein Gespräch miteinander, bei dem meine Rolle für die nächste halbe Stunde darin besteht, ab und an neue Stichworte hineinzuwerfen. Manchmal drehen sie sich im Kreis. Manchmal landen sie in einer Sackgasse. Oder bei Mendelssohn Bartholdy. Aber oft genug entdecken sie neues Wissen beim anderen. Jarvis präsentiert: die Geschichte des Hotel Marmont, ein Buch des Filmhistorikers David Thompson, ein Buch darüber, wie Hirn und Leinwand interagieren (hat er von Chilly), einen Bildband zu frühen Filmmagazinen.

J: Filme müssen ein Happy End haben, schreiben sie hier. Denn Film ist eine amerikanische Kunstform. Kunst aus Europa muss nicht glücklich enden – hier gibt es so etwas wie Geschichte. Aber in Amerika ist alles möglich. So gesehen war das der Beitrag Amerikas zur Weltkultur: die Idee, dass alles gut ausgehen wird. In Europa mit seinen sich ständig verschiebenden Grenzen und Konflikten glaubt das niemand. Europäische Kunst ist immer düsterer.

Euer Album handelt von einem bestimmten Raum, Zimmer 29, des Chateau Marmont. Wie hängen die Geschichte des Films und die Geschichte des Hotels zusammen?
J: Das Hotel liegt in Hollywood und wurde eröffnet, als der Sound ins Kino kam – also quasi, als das moderne Kino begann. Das Marmont galt als die Heimstatt der Sell-outs – Autoren wohnten da, um für das Kino zu schreiben. Und das galt zu dieser Zeit wirklich als schäbig. Genauso Komponisten, die für das Kino arbeiteten. Diese beiden Aspekte lassen sich nicht voneinander lösen. Darum hat es so lange gedauert, bis das Projekt zustande kam: Wir haben lange überlegt, wie wir es umsetzen können, denn wir wollten keine akademische Geschichte Hollywoods machen, aber auch kein Skandal-Drama über all die Todesfälle.

Tatsächlich macht Jarvis Cocker hier, was er immer gerne getan hat: kleine abgründige Geschichten erzählen. Pulp selbst haben eine außergewöhnliche Geschichte, driftete die Band doch seit den 70ern durch Post-Punk-Britain, ehe sie 1995 dann doch noch ihren Durchbruch feierte. Pop für alle. Pop, der sein Publikum nie unterfordern wollte, der proletarisch war, aber links und kulturbegeistert. Regelmäßig hatte Cocker kleine Spoken-Words-Affärchen. Songs, die um Anekdoten seiner Kindheit mäanderten. Der Zeitgeist setzte den ehemaligen Kunststudenten dennoch an die Seite solcher Bands wie Oasis. Den Fame von Pulp hielt die Gruppe nicht lange aus. Cocker lebte kurz ein Leben, wie es gut ins Chateau Marmont passt: Koks, kaputte Beziehungen, bis sich die Band 2002 trennte. Seitdem ist er Elder Statesman unter den Pop-Nerds, taucht hin und wieder mit locker gestreuten, aber tollen Soloprojekten auf, war Radio-Host und sprach auf der Bühne der Londoner Royal Festival Hall den Erzähler des musikalischen Märchens »Peter und der Wolf« – ein Amt, das zuvor zum Beispiel David Bowie, Sir Peter Ustinov und Ben Kingsley ausfüllten.

Zu der Zeit, als Pulp auseinanderflogen, begann hingegen der Kanadier Jason Beck, sich als Chilly Gonzales neu zu erfinden. 1999 zog er nach Berlin und formte seinen eklektischen Stil zwischen Mock-Rap, Fisherprice-Electro, den Bee Gees und Erik Satie, der ihn bald zu einer zentralen Gestalt der Neo-Boheme der Stadt und darüber hinaus machte. Trotzdem blieb er immer ein wenig das Genie im Hintergrund, der Junior-Partner bei Zusammenarbeiten von Feist bis Daft Punk. Sein letztes Album, »Chambers« von 2015, war ein kammermusikalisches Klavieralbum – »Room 29« kommt, von Gonzales allein komponiert, seiner aktuellen Ästhetik sehr nahe. Cocker steuerte Texte bei, die mit Chuzpe und trockenem Witz auf die Bandbreite menschlicher Emotionen blicken und im Star-Reigen des frühen Hollywood das Allgemeingültige finden. Ein Liederkreis ist es geworden: ein Zyklus von Stücken, die so angeordnet sind, dass ihre eigentliche Qualität erst im Kontext entsteht, eine Kunstform der Romantik des 19. Jahrhunderts.
C: Schuberts »Winterreise« ist keine Erzählung – es ist eine Reise. Es beginnt mit einer Emotion, wandert durch andere Gefühle und endet mit einer Erlösung. Wir wollten ein ähnliches Gefühl von Evolution aufbauen. Wenn man ein Album macht, gibt es immer einen Haufen Songs, und man muss genau überlegen, welche man draufpackt, alles ist voller Zweifel und Unsicherheiten. Bei uns war es viel schöner, weil wir uns Zeit für die Geschichte genommen haben. Als wir damit durch waren, war klar, welche Reihenfolge die Stücke haben – darum ist es für mich eher ein Liederkreis als ein Album. 

Trotzdem wollt ihr Geschichten erzählen. Jedes Lied stellt einen Charakter vor, in einer Anekdote oder einer Szene, und oft genug in einer eher bitteren.
C: Die Storys, die Jarvis ausgesucht hat, klangen auf einer persönlichen Ebene bei uns nach. Zum Beispiel erzählt »Bombshell« von den Flitterwochen Jean Harlows. Sie war das größte Sexsymbol ihrer Zeit. Und dann hat sie plötzlich diesen Typen geheiratet. Und von dieser Fantasie darüber, wer sie ist, zu der Realität, nun mit ihr verheiratet zu sein, wurde die Beziehung für ihn zum Desaster. Kurz darauf hat er sich umgebracht. Sicher, das hat einen gewissen Tabloid-Geruch, aber für uns war der Moment interessant, an dem sich Fantasie und Realität nicht mehr decken.
J: Ich werde immer noch gerne von Filmen verzaubert. Aber ich glaube, wenn man damit aufwächst, dass man eines Tages darin leben kann, ist es etwas völlig anderes. Ich liebe es, wenn die Grenzen aufgelöst werden, wir fantasieren uns doch alle so was zurecht. Aber es ist wichtig, zu verstehen, dass es nur diese Fantasie ist. Menschen verstehen das nicht immer. Sie entscheiden sich, Performer zu sein, oder gründen eine Gruppe, um vor sich selbst zu fliehen. Eine klassische Idee: Man glaubt, man entkommt sich selbst, wenn man den Umständen entkommt.

Es geht im Album im Grunde um einen dreifachen Ausbruch: aus dem Alltag hinein ins Kino, aus der Heimat ins Hotel und schließlich ja auch: raus aus der Gegenwart in eine nostalgische Vergangenheit.
C: Wir sprechen nicht über das Heute. Aber Hollywood ist der Beginn der Kultur, in der wir heute leben. Wir leben in der Überdosis, in der spätrömisch-dekadenten Version, aber in den 30ern liegt der Anfang: Man zeigte uns etwas, das verführerisch war, aber zugleich unerreichbar. Da stehen wir noch immer.
J: Als man die Kinokamera erfand, war man fasziniert davon, die Realität einfangen zu können. Aber dann kam jemand auf die Idee, das Licht anders zu setzen, den Blickwinkel zu verändern, und dann sah es viel besser aus als das echte Leben. Das ist die mentale Landschaft, in der wir uns heute bewegen. 
C: Darum geht es in »A Trick Of The Light«: »This is what I have been dreaming about / Life with the boring bits edited out.« Und genau das wollen Leute, wenn sie ins Kino gehen. Man will doch gar nicht sehen, wie sich einer ein Kondom überzieht. Weil man hofft, dass es diese Momente in dieser Welt nicht gibt.

Die unangenehmen Seiten des Lebens einfach rauszuschneiden kommt als Strategie schnell an Grenzen. Ein paar Straßen weiter stellt gerade die Fotokünstlerin Cindy Sherman aus: einen Zyklus von Selbstporträts, wie sie es so oft schon getan hat, aber diesmal präsentiert sie sich als viele würdevoll gealterte Filmdiven aus den 30ern. Ein Schicksal, das Jean Harlow ohnehin nicht vergönnt war, aber auch nicht denen, die ihre Karriere überlebten. Die Vorstellung, dass eine Stummfilmschönheit altern könnte, war noch nicht etabliert. Sicher wurde es leichter. Scott Walker oder Vashti Bunyan zeigten, dass man im Alter wesentlich höher over the top sein kann denn als Newcomer. Auch der künstlerische Höhenflug von Bowie und Cohen kurz vor ihrem Tod dürfte neue Vorbilder geliefert haben – man muss längst nicht mehr unangenehm wie Mick Jagger werden, will man mit 70 noch Musik machen. Kurz im Marmont einzuchecken, ohne dort gleich, wie Morrison oder Belushi, ein paar Leben zu verpulvern, ist längst okay.

Aber was ist mit Jarvis Cocker und Chilly Gonzales, die mit ihren Fans gealtert sind, keine geile Szenescheiße mehr machen, aber noch viel zu jung sind für ihr Alterswerk? Was für ein merkwürdiges, aber schönes Ding ist dann »Room 29«, wenn es nicht doch die Frage aufwirft, wie würdevolles Altern im Pop geht? Denn letztendlich, bei aller Sympathie, ist das hier, was es ist: zwei neoromantisch verspleente, mittelalte, weiße Typen am Klavier. Und zwar nicht in der heißen Variante, die die ähnlich zusammengewürfelten Boys von Phantom Ghost fahren – mit Camp, queer und Theater –, sondern mit Cleverness, Deutsche Grammophon und Suite 3. Es ist, was es ist. »Jarvis hatte immer eine literarische Seite an sich, ich bekam Aufmerksamkeit durch meine Provokationen, aber immer im Zusammenhang mit ernster Musik. Und für mich als langjährigen Fan von Jarvis hört sich das, was wir hier gemacht haben, genauso spannend an wie seine ersten Pop-Alben«, sagt Chilly. »Und außerdem: Warum fragst du uns, wie es ist, als Musiker zu altern? Mach das bei einem 55-jährigen DJ, der um fünf Uhr morgens auf Ibiza auflegt.«

Chilly Gonzales & Jarvis Cocker

Room 29

Release: 17.03.2017

℗ 2017 Gentle Threat Ltd/Sunday Service LLC, under exclusive license to Deutsche Grammophon GmbH, Berlin

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