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Das Wunder der Auferstehung

Isis / Red Sparowes

Unbemerkt von weiten Teilen der Öffentlichkeit ist Metal wieder zum Leben erwacht. Bands, die einen deutlichen Verweis auf die alte Kutten-Stilart auffahren und die man auch ohne ironisches Augenrollen hören kann und mag, treten wieder vermehrt auf den Plan. Sie entspringen nicht einmal der stets al
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Unbemerkt von weiten Teilen der Öffentlichkeit ist Metal wieder zum Leben erwacht. Bands, die einen deutlichen Verweis auf die alte Kutten-Stilart auffahren und die man auch ohne ironisches Augenrollen hören kann und mag, treten wieder vermehrt auf den Plan. Sie entspringen nicht einmal der stets als letzte Bastion gehandelten Undergroundszene um Voivod und Konsorten, die vor einigen Monaten unter dem Deckmantel von Dave Grohls Probot eine späte Renaissance feierte. Nein, Vater dieser neuen Szene sind Neurosis, die neben den Melvins unbestritten beste und innovativste Metalband der Neunzigerjahre. Aber: Ist das wirklich Metal?

Clifford Meyer, der sowohl bei Isis als auch bei Red Sparowes, also beiden Bands, um die es hier gehen soll, spielt und der sich direkt von der Isis-US-Supporttour für Tool meldet, schert das erwartungsgemäß herzlich wenig. “Du kannst unserer Musik von mir aus Namen geben, wie du willst, es ist mir egal. Wir sind von unterschiedlichsten Musiken beeinflusst, sodass wir sie nicht auf eine einzige Stilart allein zurückführen können.” Es wird deutlich, dass hier ein gebranntes Kind spricht. Denn es ist noch nicht lange her, dass Isis überall wahlweise als Neurosis-Ziehkinder oder -Plagiate kategorisiert wurden. Verstärkt wurde der Eindruck auch dadurch, dass Isis frühere Platten beim Neurosis-Label Neurot veröffentlicht hatten und so immer enge persönliche Kontakte bestanden. Isis-Sänger Aaron Turner äußerte sich diesem Magazin gegenüber noch anlässlich der letzten Platte reichlich entnervt zu dem Thema: “Ich bin es ziemlich leid, mich dazu zu äußern. Wir sind mit Neurosis verglichen worden, seit es uns gibt. Und es gab am Anfang eine Menge Gemeinsamkeiten. Natürlich sind Neurosis eine großartige Band, die ihre ganz eigenen Wege beschritten hat, aber ich will darüber einfach nicht mehr nachdenken. Natürlich gibt es viele gemeinsame Einflüsse, aber spätestens mit unserem vorletzten Album haben wir versucht, uns musikalisch davon zu distanzieren.”

Isis wehrten sich aktiv gegen diese Vorwürfe durch Kollaborationen mit Künstlern aus fremden Genres. Man arbeitete mit Dälek, Christian Fennesz und Tim Hecker, brachte regelmäßig Remix-EPs heraus, die auch gekoppelt als CD veröffentlicht wurden. Man hörte auf, im standardisierten “vier Metalbands-Package” zu touren, und versuchte sich auch live an gewagten Grenzverletzungen. Spätestens nach ihrem letzten Album “Panopticon” waren sie so erfolgreich, dass die Neurosis-Vergleiche ihr Gewicht verloren. Grund dafür war auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Denkern der Geisteswissenschaften und die Verquickung dieser Ideen mit Musik. Während auf “Panopticon” noch der gleichnamige Idealtypus einer in ihrer Gänze kontrollierten Disziplinargesellschaft nach Jeremy Bentham und Michel Foucault im Mittelpunkt stand, geht es auf der neuen Platte “Absence Of Truth” etwas weniger spezifisch zu. Meyer erklärt: “Die Aussage bezieht sich weniger auf die Auseinandersetzung mit einem bestimmten wissenschaftlichen Teilbereich als vielmehr auf die allgemeine politische Lage in den USA.” Es scheint, dass sich die Entscheidung, die Aussage angesichts dieses vieldiskutierten Themas eher allgemein zu halten, als ergiebiger erweisen könnte.

Musikalisch haben sich Isis ganz typisch wieder keinerlei Grenzen gesetzt und sind doch nah an ihrem originären Sound geblieben. Meyer spricht von szeneanhängigen Bands wie Pelican und Mastodon als seinen gegenwärtigen Lieblingsbands, aber auch von älterer Touch-And-Go- und AmRep-Musik. Hörbar ist, dass sie den Noise-Anteil ihrer Musik etwas zurückgefahren haben, zugunsten von teilweise komplexeren Rhythmen, die mehr an Tortoise als an Neurosis erinnern.

Während Isis wenigstens von ihrer Plattenfirma noch als Post-Metal annonciert werden, herrscht diesbezüglich bei den Red Sparowes vollkommene Konfusion. Und das, obwohl hier der Neurosis-Vergleich noch viel angebrachter wäre, immerhin ist der bei Neurosis für Visuals zuständige Josh Graham auch bei der Band aus L.A. aktiv. Außerdem veröffentlichen die Sparowes auf Neurot Recordings, dessen Teilhaber Graham Mitglied von Neurosis ist. Ähnlich der Band ist das Label in den letzten Jahren mit eher geringerer Schlagzahl, aber durchaus kontinuierlich in Erscheinung getreten. Alle paar Monate finden ein bis zwei Releases den Weg durch die harte Qualitätskontrolle, und bei den Red Sparowes wird das kaum an der Nähe zum Neurosis-Doom gelegen haben. Ihre Musik ist weniger krachig, sie zeichnet sich aus durch fein auskomponierte, nichtsdestotrotz aber gewaltige Gitarrenwände und eine ausladende, psychedelische bis ambientlastige Songstruktur. Dementsprechend kommt Graham auch ins Stottern, als es um die musikalischen Einflüsse der einzelnen Mitglieder geht. Dann zählt er eine Fülle von Bands auf, die verschiedensten Genres und Epochen entsprangen, und bei einem seiner Bandkollegen weiß er gar nicht, was der privat so hört.

Selbst wenn Graham es wie jeder andere irgendwie an dieser Szene Beteiligte marginalisiert, ziehen sich doch zarte Verästelungen durch Labels wie Hydra Head, Southern Lord, Ipecac und Neurot und Bands wie Sunn O))) (siehe hierzu den Artikel in dieser Ausgabe), Mastodon, Pelican und Jesu. Allen ist gemein, aus klassischen Undergroundstrukturen heraus ein relativ großes und internationales Publikum erreicht zu haben, das optisch ziemlich einförmig “schwarz” erscheint, sich in Alter oder musikalischen Vorlieben aber deutlich unterscheidet. Auf Kölner Konzerten von Sunn O))) und Earth bzw. Isis und Jesu konnte man beispielsweise Publikum aus Frankreich, den Niederlanden und Polen entdecken, Publikum, das wahlweise durch experimentelle Musik à la Smegma, durch Psych-Folk wie von Six Organs Of Admittance oder durch Corrosion Of Conformity und The Obsessed, also Metal der Art, der nie auf eine glamouröse Bühnenshow schielte, geprägt wurde.

Gemein ist ihnen auch, dass sie einen relativ großen Wert auf eine visuelle Anreicherung ihrer Musik legen. Ihre Shows werden immer mit aufwendigen Filmskizzen unterlegt, die sich bei ihren Fans großer Beliebtheit erfreuen. So kamen Isis jetzt dem Drängen ihrer Anhängerschaft nach und veröffentlichen ziemlich zeitgleich zum Album eine DVD namens “Clearing The Eye”, die sich technisch an höchsten Standards orientiert und viele Liveaufnahmen, Fotos und das Video zu “In Fiction” enthält. Dabei sind die visuellen Unterlegungen alles andere als einförmig, wie Graham am Beispiel von Neurosis und Red Sparowes erklärt. “Bei Neurosis geht es vor allem darum, die Musik auf einer emotional-naiven Ebene zu ergänzen. Die Motive sind eher naturalistisch. Bei den Red Sparowes ist der Ansatz kontextueller, mehr an den Inhalten der Alben ausgerichtet. Ich arbeite für die neue Platte gerade an ganz neuen Bildern. Und da die Geschichte des Albums exemplarisch von Maos ‘großem Sprung nach vorn’, einem krassen ökonomischen Fehlverhalten in den 1950er-Jahren, handelt, sind Elemente der Zivilisation, des ökonomischen Systems in den Bildern vorherrschend.”

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