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Interview: Im Niemandsland

Tricky

Fünf Jahre war Adrian Thaws abgetaucht. Umso massiver kommt nun sein Neustart: neue Platte, eigenes Label, eigener Film mit passendem Soundtrack. Lutz Happel mit einem Update zu Tricky und zu den Solopfaden seiner langjährigen Muse Martina Topley Bird.
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Fünf Jahre war Adrian Thaws abgetaucht. Umso massiver kommt nun sein Neustart: neue Platte, eigenes Label, eigener Film mit passendem Soundtrack. Lutz Happel mit einem Update zu Tricky und zu den Solopfaden seiner langjährigen Muse Martina Topley Bird.        

Eins ist auf den ersten Blick klar: Der Mann aus Bristol, den sie schon als Kind Tricky Kid nannten, ist längst raus aus dem Rabaukenalter. Der böse Voodoo, der nervenkranke Wahnsinn, die abgründige Kaputtheit seines ehemaligen Dark-Guy-Lebens sind genauso verflogen wie die ungesunde Selbstüberhöhung und der fahrige Zorn jenes God of TripHop, dessen raumgreifender Output, angefangen mit 'Maxinquaye' (1995), die zweite Hälfte der 90er überzog. Eine halbe Ewigkeit ist das her. Ein halbes Leben als Achterbahnfahrt.

Sieben Soloalben, ein Haufen Kollaborationen, ein paar Filmprojekte und eine dringend notwendige körperliche Komplettsanierung (Tai-Chi, Meditation, Kickboxen) später sitze ich einem quirligen, drahtigen 40-Jährigen gegenüber, einer Art Rüdiger Nehberg der Ghetto-Culture, der wie ein Wasserfall redet, keine Möglichkeit auslässt, Witze auf seine eigenen Kosten zu reißen, und irgendwann dann doch zu erklären beginnt, warum fünf Jahre ohne Tricky-Output vergangen sind: "Ich war es leid. Mein Leben wurde zu einem Plattenproduktionszyklus: Album aufnehmen, Pressearbeit, Tour, und dann ist auf einmal Weihnachten." Für den mittlerweile in New York lebenden Tricky war es an der Zeit, auszubrechen, um nach seinem Lebenswandel auch die Produktionsbedingungen seiner Arbeit zu überdenken.

Das Ergebnis waren: drei Jahre währendes intensives Party-Hopping und Rumhängen zwischen New York und L.A. ("Du willst nicht wirklich im Studio sein, wenn du auf dem Sunset Boulevard Saki trinken kannst"); ein Jahr lang zusammen mit Chris Blackwell (Island-Records-Gründer) ein eigenes Label (Brown Punk) aufbauen, um Nachwuchskünstlern wie Kira oder The Dirty eine Plattform zu geben ("Im Grunde nutze ich meinen Namen, um anderen Gehör zu verschaffen"); und ein geschlagenes Jahr, um ein passendes Label für 'Knowle West Boy', sein eigenes Album, zu finden, denn Tricky suchte keine Vermarktungsfirma, sondern ein musikalisches Zuhause.

Eine tragikomische Verhandlung mit Majorlabels jagte die andere ("Es ging nicht um Musik, es ging um Geld"), bis kurz vor dem Verzweiflungsrelease auf dem eigenen Label durch einen Tipp Blackwells der Deal mit Domino zustande kam. Die musikalische Selbstbestimmung ist also im Kasten. Ebenso ein Film namens "Brown Punk", der genau das zum Thema hat und entlang der Labelgründung Trickys nacherzählt. Die Bands in 'Brown Punk' spielen sich selbst, Tricky auch, was sonst. All das hört sich nach einer Berufskatharsis der besonderen Art an, nach Zurückschauen, Überdenken und Nutzbarmachen des Trashs, der sich am Wegesrand des Lebens von Adrian Thaws angesammelt hat.

Sein Ausgangspunkt ist Titel des Albums: Knowle West, ein weißes Ghetto im Südosten Bristols, das gern als Synonym für Armut und sozialen Zusammenhalt gebraucht wird. Diese Hommage an Bristols Armenhaus besteht aus 13 Stücken, die ganz schön tief in der Vergangenheit herumwühlen. Von einer Teenager-Schwangerschaft ist da die Rede, von Überlebenskampf und Gewalt, gelegentlich durchbrochen von einem nostalgischen Schmunzeln, beispielsweise, wenn er von den Knowle-West-Kids spricht, die sicher durch die Gegend cruisen können, weil dort jeder jeden kennt und obendrein Onkel und Tantchen um die Ecke wohnen. Es hat etwas von diesem klassischen Keep-it-real-Gedanken, diesem im HipHop ewig phrasierten "Nicht vergessen, wo man herkommt"-Mantra. Doch wenn man ihm das nicht abnimmt, wem dann?

So fokussiert sich die Geschichten anhören, so irre divers ist, was musikalisch überwiegend im Alleingang (und teilweise von Switch produziert) zusammengebastelt wurde. Es könnte sich bei 'Knowle West Boy' ohne Weiteres um einen Sampler handeln, denn Tricky meint es ernst, wenn er davon spricht, immer schon ein Wannabe gewesen zu sein. Da finden sich eine punkige Huldigung an die Specials, die er schon als Kind angehimmelt hat, störrischer Bar-Blues à la Tom Waits ('Puppy Toy') oder Stomper wie 'Bacative', das sich anhört, als vergnüge sich Roxy Musics "Bogus Man" in der Dancehall.

Seine reibeiserne Stimme treibt sich im Twotone, Ragga, HipHop herum, übt sich in gespenstischem Quasi-Klassizismus ('Joseph') und covert, um noch einen draufzusetzen, Kylie Minogues 'Slow'. Mit ein paar Gastmusikern, die er teilweise auf der Straße aufgelesen hat (die jeweiligen Stücke tragen ihre Namen, um sie wiederzufinden), und vor allem der Stimme Alex Mills führt das bis zur völligen Auflösung aller Musikbeschreibungen. Alles geht, und zwar in rasantem Tempo ("Normalerweise nehme ich einen Song pro Tag auf. Sonst wird es langweilig"). Man merkt: Er hat wieder Bock. Wahrscheinlich musste er abtauchen, jahrelang in Brooklyn rumhängen, wie jeder andere vor Clubs in der Schlange stehen, alles knicken und wieder neu aufbauen, um an diesen Punkt zu gelangen. Er fühle sich nun wieder wie ein kleiner Junge: Knowle West Boy.

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